Architects for Future
Ein Plädoyer für den Erhalt des Bremer Kaufhof-Gebäudes. Architects for Future setzt sich für den Erhalt und die Umnutzung des Gebäudes sowie für die Einbindung der Bevölkerung in seine Zukunft ein.
„Das Kaufhaus geht. Die Zukunft kommt.“ Selten wurde ein stadtpolitisches Narrativ so prägnant formuliert – und so fragwürdig zugleich. Denn was hier als Fortschritt verkauft wird, ist bei genauerem Hinsehen vor allem eines: Gewohnheit. Gewohnheit, Bestehendes abzuräumen, um Platz für vermeintlich Besseres zu schaffen. Doch wer heute noch glaubt, Zukunft beginne erst mit dem Neubau, verschließt die Augen vor den Herausforderungen der Gegenwart.
Die Debatte um das Bremer Kaufhof-Gebäude legt diesen blinden Fleck schonungslos offen. Während der Senat faktisch den Abriss vorantreibt, fordern Stimmen aus Architektur, Wissenschaft und Zivilgesellschaft genau das Gegenteil: innehalten, prüfen, umdenken. Es ist kein nostalgischer Impuls, der hier spricht, sondern ein zutiefst gegenwärtiger. Einer, der sich aus Klimakrise, Ressourcenknappheit und der Frage speist, wie wir in unseren Städten künftig leben wollen.
Ein 54 Jahre altes Gebäude mag in der Logik renditegetriebener Stadtentwicklung als „überholt“ gelten. In der Logik nachhaltigen Bauens ist es hingegen ein Rohstofflager, ein kultureller Anker, ein Möglichkeitsraum. Wer es abreißt, vernichtet nicht nur graue Energie in gigantischem Ausmaß, sondern produziert zugleich neue Emissionen – tausendfach, Lkw für Lkw, Tonne für Tonne. Dass ein Umbau in vielen Fällen ökologisch wie ökonomisch sinnvoller ist, ist längst keine radikale These mehr, sondern fachlicher Konsens.
Und doch wird in Bremen genau diese Option strukturell an den Rand gedrängt. Die Abrissplanung wird aktuell für Jahresbeginn 2027 vorbereitet, obwohl noch nicht einmal die Nutzungen für den Standort feststehen. Im Rahmen eines Qualifizierungsverfahrens sollen unter Beteiligung der Bürger:innen Nutzungskonzepte erarbeitet werden. Diese sind nicht verbindlich festgelegt, potenzielle Nutzer:innen wurden bislang nicht einbezogen. All das wirkt eher wie eine formale Beteiligung als wie echte Teilhabe.
Dabei gibt es längst Alternativen. In zahlreichen Städten wurden ehemalige Warenhäuser erfolgreich umgenutzt: zu Schulen, Wohnräumen, Kulturorten. Sie wurden nicht nur erhalten, sondern neu belebt – oft günstiger, oft klimafreundlicher, fast immer identitätsstiftender als ihre Neubaupendants. Warum also dieser Eifer, in Bremen genau den Weg zu gehen, der andernorts bereits überholt ist?
Vielleicht, weil Abriss eine einfache Entscheidung ist. Er schafft klare Verhältnisse, vermeintliche Planbarkeit, schnelle Bilder von Fortschritt. Umbau hingegen ist komplizierter. Er verlangt Kreativität, Geduld, Aushandlung. Er zwingt dazu, mit dem Vorhandenen zu arbeiten – und damit auch mit den Widersprüchen einer gewachsenen Stadt.
Doch genau darin liegt seine Stärke. Wer umbaut, übernimmt Verantwortung: für das Klima, für die Geschichte eines Ortes, für die Menschen, die ihn nutzen. Umbau ist keine Notlösung, sondern eine Haltung. Eine, die Zukunft nicht als Tabula rasa begreift, sondern als Weiterentwicklung des Bestehenden.
Das Kaufhof-Gebäude ist nicht nur die Fassade. Einige Bremer:innen finden die Fassade nostalgisch, andere können anderer Meinung sein. Aber die Fassade ist nur „vorgehängt“ und damit abnehmbar. Die dahinterliegende Wand ist nicht lasttragend, sie kann also vollständig entfernt und das Gebäude geöffnet werden. Damit ist der Weg frei für eine Transformation, die dem Gebäude ein neues Gesicht gibt. Das Kaufhof-Gebäude kann somit eine Projektionsfläche sein – für Wohnraum, für Kultur, für soziale Infrastruktur. Vor allem aber ist es eine Blaupause. Nicht nur für Bremen, sondern für die Frage, wie ernst wir es meinen mit nachhaltiger Stadtentwicklung.
Die Zukunft kommt nicht automatisch. Schon gar nicht mit der Abrissbirne.
Weitere Informationen: www.bremenszukunftimbestand.de
Autor:innen
Architects for Future e. V.
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