Forschungshaus 5 variiert Einfach-Bauen-Prinzip

Welche alternativen Materialien können Stahlbeton günstig und nachhaltig ersetzen?

Das Forschungshaus 5 im B&O Bau ForschungsQuartier Bad Aibling knüpft an das Prinzip „Einfach Bauen“ an und untersucht, wie sich Stahlbeton durch nachhaltige, kosteneffiziente Alternativen ersetzen lässt. Im Mittelpunkt stehen vorgefertigte Holzstielwände, tragende Innenwände aus recycelten Kaltziegeln sowie verschiedene innovative Deckensysteme, darunter eine Holz-Lehm-Massivdecke. Ziel ist eine deutliche Verbesserung der Ökobilanz über den gesamten Lebenszyklus bei gleichzeitiger Reduktion von Gebäudetechnik und Baukosten. Haus 5 dient als Prototyp für mehrgeschossigen Wohnungsbau, der bei hoher Wohnqualität, Robustheit und geringer Umweltbelastung langfristig bezahlbaren Wohnraum ermöglichen soll.

1 Das ForschungsQuartier Bad Aibling

Mit der Reihe der Forschungshäuser, die 2019 startete und demnächst mit Haus 6 enden wird, brachte B&O Gruppe Gründer Dr. Ernst Böhm auf den Punkt, wofür das ForschungsQuartier seit 20 Jahren steht: ein Reallabor unter freiem Himmel.

Das rund 70 ha große ehemalige Militärareal in Bad Aibling ist zugleich ein innovatives Quartier mit Alpenblick, in dem gelebt, gearbeitet und gelernt wird. In enger Zusammenarbeit mit Hochschulen und Universitäten werden hier der Einsatz neuer und traditioneller Baumaterialien sowie innovative Denk- und Herangehensweisen, Methoden und Konstruktionstechniken auf ihre Praxistauglichkeit in der Bauwirtschaft geprüft. Dabei gilt stets die Prämisse: Die Nachhaltigkeit unter Umweltschutzaspekten muss ebenso gewährleistet sein wie die Förderfähigkeit späterer Bau- und Sanierungsprojekte, deren Prototypen auf dem Forschungsgelände erprobt werden. Ziel ist es, der Wohnungsnot entgegenzuwirken und den sozialen Wohnungsbau zu stärken.

Bereits mit dem Erwerb der einstigen Militärbrache im Jahr 2005 verband B&O Bau die Vision, das Areal in eine moderne Modellstadt mit Mixed-Use-Nutzung zu transformieren. Wie erfolgreich dies gelingen würde, war zu Beginn jedoch nicht absehbar. Heute, nur zwei Jahrzehnte später, ist das Konzept der Mischnutzung erfolgreich umgesetzt, die Transformation des Geländes in vollem Gange: Rund 800 Menschen arbeiten derzeit im ForschungsQuartier in unterschiedlichsten Branchen – vom Handwerk über Architektur bis hin zu Bildung und Service.

Etwa 250 Wohnungen bieten vor allem Familien ein Zuhause, sowohl in sanierten Kasernengebäuden als auch zunehmend in neuen Holz- und Holzhybrid-Bauten. Ein Bildungscampus mit Schulen und Kindertagesstätten wird von rund 800 Kindern und Jugendlichen besucht. Ein Hotel- und Tageszentrum ergänzt den Nutzungsmix des parkähnlichen Areals.

Während B&O Bau bei der Quartiersentwicklung von Beginn an großen Wert auf Nachhaltigkeit im Bauen – insbesondere durch den Einsatz des CO2-speichernden Rohstoffs Holz – sowie auf eine regenerative Energieversorgung legte, entwickelte sich durch die Zusammenarbeit mit dem Verbund „Einfach Bauen“ der Technischen Universität München unter der Leitung von Florian Nagler ein weiterer Forschungsschwerpunkt: Künftig sollte das Prinzip des einfachen Bauens systematisch erprobt werden.

Die Forschungshäuser 1 bis 3 in den Varianten Dämmziegel, Massivholz und Infraleichtbeton (Bild 1) waren konsequent nach den Prinzipien des einfachen Bauens errichtet worden. Nun hat sich der Fokus bei der zweiten Generation der Forschungshäuser, die Architekt Florian Nagler auf dem B&O-Bau-ForschungsQuartier in Bad Aibling realisiert, leicht verschoben.

Die aktuelle Fragestellung lautet: Welche alternativen Materialien eignen sich, um den Einsatz von Stahlbeton zu reduzieren und gleichzeitig ein so kosteneffizientes Bauen zu ermöglichen, dass bezahlbarer Wohnraum geschaffen werden kann?

Zu dem nachwachsenden Rohstoff Holz gesellt sich ab Forschungshaus 4 der traditionelle Baustoff Lehm. Ende April 2026 wurde Haus 5 fertiggestellt, an dem erstmals die Kombination aus vorgefertigten Holzfassadenelementen, Innenwänden aus Kaltziegeln sowie Holz-Lehm-Massivdecken erprobt wird.

2 Das Prinzip „Einfach Bauen“

Hinter der Idee von „Einfach Bauen“ steht die Erkenntnis, dass das konventionelle Bauen immer komplexer wird und sowohl Planer und Baufirmen als auch Nutzer zunehmend überfordert. Der Versuch, den stetig wachsenden Anforderungen an Standsicherheit, Wärme-, Feuchte-, Brand- und Schallschutz von Gebäuden sowie an den allgemeinen Nutzerkomfort durch den Einsatz immer komplizierterer Gebäudetechnik gerecht zu werden, ist nach Ansicht der Autoren gescheitert – und zwar gleich mehrfach.

Inzwischen sehen sich Architekten und Ingenieure mit einer kaum noch überschaubaren Anzahl an Normen und Baugesetzen konfrontiert, die das angestrebte Ziel der Qualitätssicherung eher gefährden als sichern. Denn die wachsende Komplexität von Baukonstruktion und Gebäudetechnik geht zwangsläufig mit einer hohen Fehleranfälligkeit einher.

Hinzu kommt, dass der Kostenanteil für technische Anlagen an den Baukosten in den vergangenen Jahren erheblich gestiegen ist und diese weiter in die Höhe treibt. Nicht zuletzt zeigt sich, dass sich Bewohner in der Praxis häufig anders verhalten als in theoretischen Annahmen vorgesehen und durch diese „Nutzer-Unberechenbarkeit“ bautechnische Planungen ad absurdum führen.

Um eine notwendige gegenläufige Entwicklung anzustoßen und – vor dem Hintergrund einer sich zuspitzenden Weltklimakrise sowie wachsender Ressourcenknappheit – entscheidende Impulse für die deutsche Bauwirtschaft zu setzen, beschäftigt sich an der Technischen Universität München seit 2012 ein Verbund aus Architekten und Ingenieuren mit der Idee des einfachen Bauens. In diesem Rahmen werden zukunftsfähige Konzepte entwickelt, die Methoden und Materialien integrieren, welche sich bereits in jahrhundertelanger Baupraxis bewährt haben. Manchmal weist der Blick zurück auch in die Zukunft.

Ziel ist es, mit möglichst wenigen Materialien, Gebäudeschichten und Technikkomponenten moderne Gebäude zu realisieren, die weniger zur Überhitzung neigen, einen geringeren Energieverbrauch aufweisen, niedrigere graue Emissionen verursachen und deren Bauteile am Ende ihres Lebenszyklus besser recycelt werden können als bei herkömmlichen Gebäuden. Die zentrale These lautet, dass einfache, robuste und sortenrein trennbare Baumaterialien im realen Betrieb ähnlich gute Ergebnisse erzielen wie Hightechkomponenten.

Zusammengefasst basiert „Einfach Bauen“ auf einschichtigen Wand- und Deckenkonstruktionen, verzichtet weitgehend auf Hilfsstoffe und materialfremde Sonderbauteile, trennt konsequent Gebäude- und Techniksysteme, nutzt durch Baustoffe mit hoher thermischer Speichermasse die klimatische Trägheit und legt den Fokus auf angemessen dimensionierte Fensterflächen, um zusätzlichen Sonnenschutz weitgehend entbehrlich zu machen.

3 Erkenntnisse aus den ersten drei Forschungshäusern

Um die vorangegangenen Simulationen sowie die Forschungsthesen einem Praxistest zu unterziehen, ließ Florian Nagler im Auftrag von B&O Bau zwischen 2019 und 2020 auf dem Gelände des ForschungsQuartiers drei Prototypen in monolithischer Bauweise mit insgesamt 23 Wohnungen errichten. Die dreigeschossigen Gebäude verfügen jeweils über 30 cm dicke Stahlbetondecken, ein Satteldach – das sich in Mitteleuropa seit Langem als optimaler Feuchtigkeitsschutz und als Pufferraum gegen sommerliche Überhitzung bewährt hat – sowie durch tiefe Laibungen geschützte Fenster. Zudem sind alle Häuser nicht unterkellert.

Maßgeblich unterscheiden sich die Forschungshäuser 1 bis 3 in ihren Außenwandkonstruktionen: Je nach Variante bestehen die einschaligen Außenwände aus Infraleichtbeton, Luftkammerziegeln oder Massivholz (Bild 2).

Ein zweijähriges Monitoring zeigte, dass die einfach gebauten Prototypen den Bewohnern nicht nur einen hohen Wohnkomfort bieten, sondern auch eine bessere Ökobilanz aufweisen als vergleichbare konventionell errichtete Gebäude – bei gleichzeitig geringerem Energieverbrauch in der Nutzung. Zudem sind alle drei Häuser langlebiger und lassen sich am Ende ihres Lebenszyklus besser recyceln. Nach Ausschöpfung aller architektonischen Möglichkeiten konnte die Gebäudetechnik derart reduziert werden, dass sie nur noch rund 10 % der Baukosten ausmachte.

Konkret liegt die Ökobilanz der Lowtech-Forschungshäuser 1 bis 3 zwischen 8 und 12 kg CO2-Äquivalent pro Quadratmeter Nutzfläche und Jahr. Damit schneiden sie deutlich besser ab als vergleichbare konventionell gebaute Mehrfamilienhäuser, deren graue Emissionen üblicherweise bei 16 bis 18 kg CO2-Äq./m2a liegen.

Trotz der durchweg positiven Ergebnisse der ersten Forschungshäuserreihe wurde weiteres Optimierungspotenzial erkannt, um – angelehnt an die Bautradition des Notwendigen und Wesentlichen – künftig noch klimafreundlicher, nachhaltiger und ressourcenschonender bauen zu können. Auf Grundlage der aus der ersten Testreihe gewonnenen Erkenntnisse wurden die Grundrisse der neuen Forschungshäuser weiter optimiert sowie der Technikeinsatz und damit verbunden auch die Baukosten nochmals deutlich reduziert (Bild 3).

Das erste Gebäude der zweiten Serie, Forschungshaus 4, wurde im Jahr 2023 errichtet. Anders als in den Vorgängermodellen befinden sich die Bäder hier an den Außenwänden und verfügen über Fenster, sodass auf eine Badablufttechnik verzichtet werden kann. Anstelle einer wohnungsweisen Warmwasserbereitung kommen nur noch zwei Wärmetauscher zum Einsatz, jeweils einer pro Sanitärstrang. Zudem wurde die Anzahl der Steckdosen reduziert, und auf eine elektrische Klingel an der Wohnungstür wurde verzichtet.

4 Die zweite Serie und die Forschungsschwerpunkte

Während die vorgenannten Beispiele für eine Reduktion verzichtbarer Haustechnik stehen, liegt der Hauptfokus bei Planung, Bau und Betrieb der Häuser 4, 5 und 6 auf einer weiteren, signifikanten Verbesserung der Ökobilanz. Diese sollte so weit optimiert werden, dass die zweite Serie der Forschungshäuser sogar den klimapositiven Bereich erreicht, sodass die Gebäude der Atmosphäre über ihre Lebensdauer hinweg mehr Emissionen entziehen, als sie verursachen. Voraussetzung hierfür ist eine Betrachtung des gesamten Lebenszyklus eines Hauses sowie die Verrechnung des späteren Recyclingpotenzials der verwendeten Baustoffe mit den sogenannten grauen Emissionen.

Im Rahmen der Grundlagenforschung wurde herausgearbeitet, dass es nicht ausreicht, lediglich Bau und Nutzung eines Gebäudes zu optimieren. Vielmehr muss die Umweltbewertung den gesamten Lebenszyklus von der Materialgewinnung über die Errichtung und Nutzung bis hin zur Entsorgung oder Weiterverwendung berücksichtigen.

An dieser Stelle kommt einer der ältesten Baustoffe der Welt zum Tragen: Lehm. In Mitteleuropa ist vielen kaum bewusst, dass weltweit rund 60 % aller Gebäude aus Lehm errichtet sind. Als weit verbreiteter, kostengünstig gewinnbarer und einfach zu verarbeitender Naturbaustoff bietet Lehm zahlreiche Vorteile – insbesondere im Vergleich zu Stahlbeton, der in Deutschland nach wie vor zu den meistverwendeten Baustoffen zählt. Während für die Herstellung von Zement 5 bis 8 % des weltweiten Primärenergieverbrauchs benötigt werden und die Zementindustrie etwa 8 % der globalen CO2-Emissionen verursacht, entfallen vereinfacht gerechnet weitere 7 bis 8 % des weltweiten Energieverbrauchs auf die Stahlherstellung. Der auf nahezu allen Baustellen eingesetzte Stahlbeton ist damit letztlich die Kombination zweier besonders klimaschädlicher Materialien. In den ersten drei Forschungshäusern mit ihren 30 cm starken Stahlbetondecken wurde in diesem Sinne deutlich mehr Stahlbeton eingesetzt, als konstruktiv notwendig gewesen wäre.

Die zentrale Idee der Forschungshäuser 4 bis 6 besteht daher darin, in drei unterschiedlichen Holzbauvarianten die von der Natur bereitgestellte Speichermasse Lehm als Alternative zum Stahlbeton zu etablieren – ebenfalls in drei unterschiedlichen Ausprägungen. Beim bereits fertiggestellten Forschungshaus 4 kam eine Kombination aus Holz (Außenwände, Decken) mit Lehmstein und Strohbauplatten (tragende bzw. nicht tragende Innenwände) zum Einsatz (Bild 4).

Zur DNA dieser neuen alten Bauweise gehört außerdem die konsequente Weiternutzung vorhandener Baumaterialien. So wurde beim Forschungshaus 5 das Fundament aus Betonplatten zusammengesetzt, die noch aus der militärischen Nutzung des Quartiers stammen. Aus den Bruchstücken entstand ein unbewehrtes Streifenfundament, auf dem die tragenden Wände errichtet wurden (Bild 5).

5 Die Außenwände – Holzstielwände

Während Forschungshaus 4, intern auch Halbholz genannt, über Außenwände aus vertikalen Vollholzstielen mit Hanf-Jute-Dämmung und einer Schalung aus Fichte verfügt und für Haus 6 einschalige Außenwände aus Massivholz (wie bereits bei Haus 2) vorgesehen sind, kommen beim Forschungshaus 5, das hier vertieft betrachtet wird, im B&O Bau Fertigungswerk Frankfurt (Oder) vorproduzierte Holzfassadenelemente zum Einsatz.

Diese hochtragfähigen Stielwände bestehen aus dicht aneinanderliegenden Pfosten, die nicht verklebt sind. Die Aussteifung erfolgt außenseitig durch unter 45° aufgenagelte Baudielen. Mit der zweischichtigen Fertigwand – bestehend aus einer tragenden Innenwand und einer dämmenden Schalung – wird vom Einfach-Bauen-Prinzip sortenreiner, einschichtiger Außenwände abgewichen.

Gleichzeitig ermöglicht die statisch sehr leistungsfähige Stielwand einen späteren Ausbau des dreigeschossigen Prototyps bis zur Gebäudeklasse 4 oder 5 und damit bis an die Hochhausgrenze (Bild 6).

5.1 Verschattete und luftdurchlässige Fenster

Üblicherweise erreichen vorgefertigte Fassadenelemente die Baustelle bereits mit in die Dämmebene integrierten Fenstern. Nicht so auf der Forschungsbaustelle in Bad Aibling: Hier wurden die Fenster erst vor Ort innenseitig auf die Wandelemente aufgeschraubt, um die 40 cm starken Stielwände zur natürlichen Verschattung der Fenster nutzen zu können.

Was im Bemühen um nachhaltiges Bauen häufig vergessen wird, ist die Tatsache, dass ein Kunststoffrollladen die Ökobilanz eines Hauses oftmals deutlich verschlechtert. Ein weiterer Vorteil der mit Moosgummi abgedichteten Fenstervariante besteht darin, dass sie bewusst nicht absolut luftdicht ausgeführt ist. Dies führt zwar zu einem Wärmeverlust, der sich im Forschungshaus 5 mit knapp 600 m2 Wohnfläche auf rund 200 Euro Mehrkosten pro Jahr beläuft, insgesamt jedoch zu vernachlässigen ist.

Dies gilt insbesondere, wenn man bedenkt, dass Sanierungsarbeiten allzu häufig auf Schimmelschäden zurückzuführen sind. In einer quasi luftdichten „Plastiktüte“ zu leben, kann kaum gesund sein. In drei Meter hohen Räumen zu wohnen, wie es in den Forschungshäusern der Fall ist, hingegen schon: Hier sorgt eine Luftwalze dafür, dass warme Luft kontinuierlich nach unten rotiert und durch alle Räume zirkuliert.

6 Innenwände aus Kaltziegeln

Für die tragenden Innenwände von Haus 4 wurden ungebrannte Lehmsteine verwendet, während im Forschungshaus 6 Stampflehm eine tragende Rolle spielen wird. Für die Innenwände sowie die Treppenhauswände von Haus 5 kamen hingegen Kaltziegel zum Einsatz (Bild 7). Dabei handelt es sich um ein Recyclingprodukt des niederbayerischen Projektpartners Leipfinger-Bader: Regional verfügbarer Ziegelbruch wird zunächst gemahlen, anschließend mit Wasser sowie geringen Mengen mineralischer Bindemittel und alternativen Rezepturen mit reduziertem Zementklinkeranteil gemischt und schließlich bei Raumtemperatur gepresst. Der für die klassische Ziegelherstellung typische energieintensive Brennvorgang entfällt vollständig.

Auf diese Weise entsteht ein Produkt, das ökologische Innovation und bauliche Qualität vereint. Der Energieverbrauch im Herstellungsprozess ist minimal. Neben der Einsparung grauer Energie bietet der Vollziegel weitere Vorteile: Er ist langlebig, kann sehr hohe Lasten aufnehmen, wirkt als ausgezeichneter Wärmespeicher und reguliert Feuchtigkeit. Zudem verfügt der Kaltziegel über sehr gute Brand- und Schallschutzeigenschaften. Angesichts der geplanten mehrgeschossigen Wohnbauten, für die Forschungshaus 5 als Prototyp dient, sind diese Qualitäten von zentraler Bedeutung.

Ein Vorteil des Kaltziegels gegenüber dem Lehmstein besteht darin, dass er bedenkenlos nass werden kann. Lehmsteinwände hingegen müssen sowohl während der Errichtung als auch im möglichen späteren Havariefall unbedingt vor zu viel Wasser geschützt werden, da sie andernfalls an Stabilität verlieren. Auf der anderen Seite ist gerade die Eigenschaft des Lehms, nach Wasserkontakt problemlos in den Naturkreislauf zurückgeführt werden zu können, ein enormes Plus: Nach dem Rückbau eines Lehmhauses kann das Material einfach im Garten verteilt werden.

7 Deckensysteme

Während Lehm in den Wänden des Forschungshauses 5 kaum noch vorkommt – lediglich die nichttragenden Wände aus zwei übereinandergelegten, gepressten Strohbauplatten sind mit Lehm verputzt –, spielt er bei den erprobten, unterschiedlichen Deckensystemen eine entscheidende Rolle. Insgesamt wurden vier verschiedene Decken eingebaut, was möglicherweise die größte bauliche Herausforderung bei Haus 5 darstellte.

Jede Decke muss die Mindestanforderungen an Brand- und Schallschutz erfüllen. Welche Variante dies am kostengünstigsten, mit dem geringsten Aufwand und zugleich am umweltfreundlichsten erreicht, muss noch berechnet werden.

Als Referenzdecke dient eine herkömmliche, 20 cm starke Stahlbetondecke, die mit Halbfertigteilen hergestellt wurde und insbesondere im Schallschutz sehr gute Werte aufweist. Bei den drei weiteren Systemen handelt es sich um eine Stahlbeton-Holz-Rippendecke, eine Holz-Beton-Hybriddecke sowie eine Holz-Lehm-Massivdecke.

7.1 Holz-Lehm-Massivdecke

Bei diesem ebenfalls von Leipfinger-Bader entwickelten System handelt es sich um ein Holzraster, in das eine speziell entwickelte Lehmfüllung gegossen wird. In Anlehnung an die historische Stakendecke übernimmt das Holz als Balkendecke vollständig die tragende Funktion, während der Lehm statisch als Auflast wirkt und zugleich die bauphysikalischen Anforderungen erfüllt.

Die sechs Holz-Lehm-Stakendeckenelemente fungieren als Geschossdecke zwischen zwei Wohneinheiten und erfüllen die Feuerwiderstandsklasse REI 30. Bei einer Spannweite von 4,80 m wurden Holzbalken mit einer Höhe von 28 cm eingesetzt. Die Lehmschicht schließt bündig mit der Balkenoberkante ab, wodurch eine dreidimensional strukturierte Deckenunterseite entsteht. Die werkseitig geglättete Lehmunterseite bleibt in den Innenräumen sichtbar (Bild 8).

Die Kombination aus Lehm und Holz nutzt die jeweiligen Materialeigenschaften gezielt: Die Holzstruktur übernimmt die Tragfunktion, während der Lehm aufgrund seiner hohen thermischen Masse zur Feuchtigkeitsregulierung beiträgt und das Innenraumklima verbessert. Mit einer Rohdichte von rund 2100 kg/m3 sorgt der Lehm zudem für eine hohe Wärmespeicherfähigkeit sowie einen wirksamen Schallschutz.

Darüber hinaus wird von einer relevanten Kostenersparnis ausgegangen, die eine industriell gefertigte Holz-Lehm-Decke gegenüber klassischen Stahlbetondecken mit Halbfertigteilen erzielen kann. Sollte sich diese Einschätzung im Zuge einer serienmäßigen Fertigung bestätigen, wäre dies ein zusätzlicher Impuls für den Baustoff Lehm.

Die Baubranche gilt zwar als vergleichsweise konservativ, doch lässt sich ein zunehmend wachsendes Interesse an natürlichen und gesundheitlich unbedenklichen Materialien beobachten. Vor dem Hintergrund stark steigender Kosten bei der Herstellung energieintensiver Baustoffe wie Zement und Stahl gewinnt Lehm zunehmend an Bedeutung und positioniert sich immer stärker als ernstzunehmende konstruktive Alternative.

7.2 Stahlbeton-Holz-Rippendecke

Ebenfalls zu Forschungszwecken dient die Stahlbeton-Holz-Rippendecke, bei der es sich um eine liegende Variante der vorproduzierten Wandelemente handelt. Im Grunde wird die Stielkonstruktion der Wandelemente mit 175 mm starken Holzprofilen in die Waagerechte gebracht und anschließend mit 10 cm Aufbeton versehen. Geplant ist, künftig auch die Stiele aus heimischen Hölzern selbst herzustellen, anstatt diese zuzukaufen. Auf diese Weise sollen Wand- und Deckenelemente im Fertigungswerk mit maximaler Wertschöpfung produziert werden können.

7.3 Holz-Beton-Hybriddecke

Bei der vierten Testdecke handelt es sich schließlich um eine Holz-Beton-Hybriddecke, die aus 12,5 cm starken, nebeneinander angeordneten Holzbalken besteht und mit einem lediglich 8 cm starken Betonaufbeton versehen ist. Im Vergleich zu den zuvor untersuchten Varianten wurde der Betonanteil damit weiter reduziert. Diese konstruktive Anpassung führt nicht nur zu einer Verringerung des mineralischen Materialeinsatzes und des Eigengewichts der Decke, sondern wirkt sich insbesondere auch positiv auf die Gesamtökobilanz des Forschungshauses 5 aus. Durch den geringeren Anteil des CO2-intensiven Baustoffs Beton kann eine spürbare Reduktion der grauen Emissionen erreicht werden, ohne die funktionalen und statischen Anforderungen an die Decke grundsätzlich zu beeinträchtigen.

8 Haustechnik

Eine wichtige technische Weiterentwicklung gegenüber den vier früheren Prototypen besteht darin, dass im Forschungshaus 5 die Badzellen zu regelrechten Technikzentralen erweitert wurden. Anstelle einer Flächenheizung übernimmt nun diese zentral positionierte Zelle die Erwärmung aller Räume einer Wohnung. Dies geschieht mithilfe der an den Außenwänden der Badzelle installierten Röhrenradiatoren. Die benötigte Wärme wird durch sogenannte Erdwärmekörbe gewonnen, deren groß dimensionierte Spiralen sowohl die Wärme des Grundwassers als auch die des Erdreichs nutzbar machen. Eine Wärmepumpe sorgt für die Verteilung, während eine Photovoltaikanlage das moderne Heizkonzept des Forschungshauses ergänzt (Bild 9).

9 Vorläufiges Fazit

Dass mit allen drei Häusern der zweiten Serie das angestrebte Ziel der Klimapositivität erreicht wird, ist absehbar. Besonders gut schneidet dabei Haus 4 mit seinen Holzdecken ab. Die grauen Emissionen liegen hier bei nur noch 7 kg CO₂-Äq/m2. Dies wird Forschungshaus 5 zwar nicht erreichen, aber die guten Ergebnisse der ersten Serie wird es ohne Frage ebenfalls übertreffen (Bild 10).

Bei Haus 5 lagen die Forschungsschwerpunkte auf der Verbesserung der Ökobilanz, dem weitgehenden Ersatz von Stahlbeton durch Lehm sowie auf dem möglichen Ausbau bis an die Hochhausgrenze. Für das Erreichen dieser Ziele wurden einige Prinzipien von „Einfach Bauen“ etwas aufgeweicht. So sind etwa die Sortenreinheit der Decken und die Einschaligkeit der Wände nicht mehr gegeben. Dennoch handelt es sich nach wie vor um ein robustes Haus, dessen Gebäudegeometrie, angepasste Fensterflächen und reduzierte Gebäudetechnik wesentliche Kriterien von „Einfach Bauen“ erfüllen.

Demnächst werden die ersten Mieter in Bad Aibling im Forschungshaus 5 einziehen. Im Wohnungsbau liegt – anders als im Fußball – die Wahrheit nicht auf dem Platz in 90 Minuten, sondern in der langfristigen Zufriedenheit von Mietern und Vermietern.


Literatur

  1. Jarmer, T.; Niemann, A.; Franke, L. und Sack, J. (2022) Einfach Bauen – Bewusste Konstruktion und robuste Technik.nbau.Nachhaltig Bauen1, H. 1, S. 33–41.
    www.nbau.org/2022/04/27/einfach-bauen

Autor:innen

Achim Mantel, a.mantel@bo-bau.de

B&O Bau Forschung und Entwicklung

Prof. Florian Nagler, info@nagler-architekten.de

Lehrstuhl für Entwerfen und Konstruieren, TU München

www.arc.ed.tum.de/lek; www.nagler-architekten.de

Susanne Böllert, info@mensch-media.de
mensch media

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