Lowtech wird häufig als Verzicht missverstanden: weniger Technik, weniger Komfort, mehr Nutzerverantwortung. Tatsächlich entscheidet jedoch nicht die Menge der Technik über Behaglichkeit, sondern wie präzise Entwurf, Gebäudehülle, Nutzung, Betrieb und technische Systeme aufeinander abgestimmt sind. Lowtech ist daher kein Rückschritt, sondern ein Korrektiv zu einer Planungskultur, die Komfort allzu oft erst im Betrieb technisch absichert.
1 Komfort und Angemessenheit in der Planung
Die weitverbreitete Meinung „mehr Technik = mehr Komfort“ greift ebenso zu kurz wie die Vorstellung, Technikreduktion sei bereits an sich ein Qualitätsmerkmal einer nachhaltigen Planung. Weder maximale Ausstattung noch radikale Minimierung führen automatisch zu gut funktionierenden Gebäuden. Ob ein Gebäude als angenehm und alltagstauglich erlebt wird, hängt vielmehr vom Zusammenspiel von Entwurf, Gebäudehülle, Verschattung, Lüftung, Tageslicht, Materialität, Bedienbarkeit und Betrieb ab. Ein Grundproblem heutiger Planung besteht darin, Komfort oft als technisch bereitzustellenden Sollzustand zu behandeln, während räumliche, konstruktive und betriebliche Qualitäten nachgeordnet bleiben. Wo Behaglichkeit primär über Nachregelung erzeugt werden soll, verlagert sich die planerische Aufmerksamkeit vom robusten Entwurf auf die spätere Kompensation von Defiziten. [1–3]
Lowtech ist deshalb nicht als pauschaler Technikverzicht zu verstehen, sondern als Haltung der Angemessenheit. Technik wird weder grundsätzlich vermieden noch selbstverständlich maximiert, sondern auf das Maß begrenzt, das für Funktion, Robustheit und Nutzungsqualität tatsächlich erforderlich ist. Projekte wie Florian Naglers„Einfach Bauen“ oder das 2226-Konzept vonBaumschlager Eberle zeigen, dass einfache Konstruktionen mit reduzierter Gebäudetechnik leistungsfähige und alltagstaugliche Lösungen hervorbringen können. Zugleich machen sie deutlich, dass solche Ansätze keine universelle Formel sind, sondern von Nutzung, Gebäudetyp und klimatischen Bedingungen abhängen. [2]
Damit steht Lowtech nicht für Verzicht, sondern für ein Planungsverständnis, das klimatische, räumliche und nutzungsbezogene Anforderungen wieder stärker aus Entwurf, Konstruktion und Funktion selbst entwickelt, statt sie vorrangig an technische Systeme zu delegieren. Darin liegt auch die Nähe zu einem ganzheitlichen Nachhaltigkeitsverständnis: Qualität entsteht nicht durch Einzelmaßnahmen, sondern aus der schlüssigen Verknüpfung räumlicher, technischer und betrieblicher Anforderungen. Zugleich ist dies eine ökonomische Frage. Mit wachsender haustechnischer Komplexität steigen häufig nicht nur Investitionskosten, sondern auch Aufwände für Betrieb, Instandhaltung, Monitoring und Anpassung. Technikreduktion kann somit zu wirtschaftlich robusteren und langfristig beherrschbaren Lösungen beitragen. [3]
Komfort ist mehr als Temperaturempfinden. Ein Gebäude kann rechnerisch unauffällig sein und dennoch als unkomfortabel gelten, wenn Blendung, schlechte Luft, mangelhafte Akustik oder unverständliche Bedienlogiken den Alltag prägen. Umgekehrt können größere thermische Bandbreiten akzeptabel sein, wenn Räume als angenehm, gesund und beeinflussbar erlebt werden. Behaglichkeit entsteht also nicht allein durch Konstanz, sondern ebenso durch räumliche Qualität, Einflussmöglichkeit und Akzeptanz. [4, 5]
2 Sommerlicher Wärmeschutz als Prüfstein
Der sommerliche Wärmeschutz zeigt dies besonders deutlich. Mit steigenden Temperaturen und häufigeren Hitzeperioden wird der Sommerfall vom ergänzenden Nachweis zum zentralen Zukunftsmaßstab. Entscheidend sind resiliente Maßnahmen wie wirksame Verschattung, Nachtauskühlung mittels Lüftung, ausreichende Speichermassen und ein bewusster Umgang mit internen Lasten. Hier zeigen sich zugleich Potenziale und Grenzen technikreduzierter Konzepte: Günstig sind überschaubare Nutzungen, moderate interne Lasten und plausible natürliche oder hybride Lüftungsstrategien. Kritisch wird es bei hoher Belegungsdichte, Außenlärm, Luftbelastung oder sensiblen Nutzergruppen. Technikreduktion stößt dann nicht an prinzipielle, sondern an kontextbedingte Grenzen. [1, 6]
3 Gebäudeautomation als Bestandteil des Lowtech-Ansatzes
Besonders deutlich verdichten sich diese Fragen in der Gebäudeautomation (Bild 1). Einfache Automationsfunktionen wie gesteuerte Fensterflügel zur Nachtauskühlung, Temperatur- und CO2-Sensorik oder automatisierte Verschattung können einen Lowtech-Ansatz sinnvoll stützen. [7] Problematisch wird Automation dort, wo sie nicht ein tragfähiges Konzept unterstützt, sondern dessen Schwächen dauerhaft kompensieren muss. Wo ein Gebäude nur durch dichte Sensorik, komplexe Regelketten und fortlaufende Nachjustierung beherrschbar bleibt, ist bereits das planerische Grundmodell gescheitert. Hinzu kommt, dass intelligente Regelung im Betrieb oft an unklarer Parametrierung, fehlendem Monitoring, begrenzter Anpassbarkeit und schwer nachvollziehbaren Schnittstellen scheitert. Soll ein Gebäude alltagstauglich bleiben, muss Automation daher nicht nur funktionieren, sondern auch verständlich und beeinflussbar sein. [3, 7]
4 Fazit
Lowtech fordert folglich keinen geringeren Komfortanspruch, sondern eine Neubestimmung seiner Voraussetzungen. Behaglichkeit wird dann nicht primär technisch erzeugt, sondern räumlich, konstruktiv und betrieblich vorbereitet. Darin liegt die eigentliche Relevanz des Ansatzes: als Gegenentwurf zu einer Planungspraxis, die Defizite im Entwurf noch immer zu häufig durch technischen Mehraufwand im Betrieb auszugleichen versucht. Ziel ist nicht weniger Komfort, sondern ein belastbareres Verständnis davon, wie er entsteht.
Literatur
- IBO, FHTW, wohnbund:consult (2024) Nutzerkomfort durch low-tech Konzepte in Gebäuden. Forschungsprogramm Zukunft Bau / 10.08.17.7-19.44. Bonn: Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (Hrsg.).
- Auer, T.; Bell, D. et al. (2024) Lowtech Forschungsprojekte. Zukunft Bauen: Forschung für die Praxis, Band 34. Bonn: Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (Hrsg.). https://www.bbsr.bund.de/BBSR/DE/veroeffentlichungen/zukunft-bauen-fp/2024/band-34-dl.pdf
- TU München (2023) Robuste, nutzerfreundliche und kostengünstige TGA in Gebäuden. Forschungsprogramm Zukunft Bau / 10.08.17.7-19.42. Bonn: Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (Hrsg.).
- ANSI/ASHRAE (2023) Standard 55-2023 – Thermal Environmental Conditions for Human Occupancy. Peachtree Corners, GA, USA: ASHRAE.
- DIN EN 16798-1:2022-03 (2022) Energetische Bewertung von Gebäuden – Lüftung von Gebäuden – Teil 1: Eingangsparameter für das Innenraumklima zur Auslegung und Bewertung der Energieeffizienz von Gebäuden bezüglich Raumluftqualität, Temperatur, Licht und Akustik – Modul M1-6; Deutsche Fassung EN 16798-1:2019. Berlin: DIN Media.
- Hutter, C.; Eberle, A.; Wöhrle, H. et al. (2023) Kühle Gebäude im Sommer. Anforderungen und Methoden des sommerlichen Wärmeschutzes. Dessau-Roßlau: Umweltbundesamt (UBA). https://www.umweltbundesamt.de/publikationen/kuehle-gebaeude-im-sommer-0
- DIN EN ISO 52120-1:2025-02 (2025) Energieeffizienz von Gebäuden – Beitrag von Gebäudeautomation und Gebäudemanagement – Teil 1: Allgemeiner Rahmen und Verfahren (ISO 52120-1:2021, korrigierte Fassung 2022-09); Deutsche Fassung EN ISO 52120-1:2022. Berlin: DIN Media.
Autor:innen
Pamela Rommelfangen, pamela.rommelfangen@e3consult.lu
Markus Hombach, markus.hombach@e3consult.lu
E3Consult, 6680 Mertert, Luxemburg



