Nachhaltiges Bauen

Die mit dem Begriff der Nachhaltigkeit beschriebene Vereinigung ökologischer, ökonomischer und soziokultureller Ziele hat sich im vergangenen Jahrzehnt zum Leitbild für eine zukunftsfähige Gesellschaft etabliert. Unter der neuen Perspektive werden Strukturen, Prozesse, Dienstleistungen sowie Produkte analysiert und optimiert. Dies gilt insbesondere für das Bauwesen, dem infolge des großen Ressourcenaufwands eine entscheidende Bedeutung bei der Transformation zu einer nachhaltigen Lebensweise zukommt.

Das nachhaltige Bauen umfasst dabei verschiedene Ebenen, beginnend bei der Produktion und Verwendung einzelner Bauprodukte über die Konzeptionierung von Gebäuden bis zur Quartiers- und Verkehrswegeplanung. In allen Bereichen werden unterschiedliche Aspekte betrachtet, die in ihrer Gesamtheit zum Ziel, die Zukunft verantwortungsbewusst zu gestalten, beitragen sollen.

Drei-Säulen-Modell

Allen Ebenen ist gemein, dass bei der Bewertung alle drei Dimensionen der Nachhaltigkeit abgedeckt werden:

  1. Auf ökologischer Ebene sind dies bspw. Klimaschutz und Ressourceneffizienz sowie die Sicherung von naturnahen Lebensräumen zur Sicherstellung der Biodiversität. Das Bauwesen trägt hier sowohl direkt, z. B. durch Ressourceneinsatz und Abfallaufkommen, als auch indirekt durch Landnutzung, Ab- bzw. Anbauflächen und Zersiedelung bei.
  2. Die ökonomische Dimension konzentriert sich derzeit auf die potenziellen bzw. vermiedenen Folgekosten, die mit einer Entscheidung, etwa einer Baustoffwahl, einhergehen. In weiter gefassten Berechnungen fließen Nutzflächengewinn, kurze Bauzeiten und weitere monetär beschreibbare Faktoren ein. Schwieriger wird es bei indirekt verursachten Kosten, für die es bislang keine allgemeingültigen Bewertungsmethoden gibt. Dazu zählen u. a. externe Kosten infolge von Treibhausgasemissionen oder durch Gebäude verursachte Krankheitskosten.
  3. Die soziokulturelle Dimension umfasst, neben direkt durch das Gebäude beeinflussten Anforderungen wie den Gesundheitsschutz und die Nutzerfreundlichkeit sowie sicherheitsrelevanten Aspekten, auch die Vereinigung von Wohnen, Arbeit und Freizeit sowie Identität im Rahmen von Gemeinschaften.

Bewertungsmethoden

Verschiedene Initiativen haben sich mit der Entwicklung von Methoden und Kriterienkatalogen beschäftigt, um Nachhaltigkeit bzw. Teilaspekte davon messbar zu machen. Hierzu gehören neben Normungsgremien und Bundeseinrichtungen auch private Organisationen, die das nachhaltige Bauen fördern.

Auf Produktebene können in der Regel nur einzelne Themen des nachhaltigen Bauens bewertet werden. Im Rahmen einer Ökobilanzierung nach EN ISO 14040 ff. etwa werden umweltrelevante Aspekte wie das Treibhauspotenzial, der Energiebedarf oder auch im Lebenszyklus der Produkte entstehende Abfälle ermittelt. Die Ergebnisse werden Planern, Bauherren und anderen Interessierten in Umwelt-Produktdeklarationen (EPDs) und Datenbanken (z. B. in der Ökobaudat) zur Verfügung gestellt. Auszeichnungen wie der Blaue Engel, das Cradle-to-Cradle-Zertifikat oder das FSC-Zertifikat der Holzindustrie konzentrieren sich aktuell noch überwiegend auf gesundheitliche Aspekte und die Einhaltung von Nachhaltigkeitsstandards in der Lieferkette.

Die abschließende Bewertung der Nachhaltigkeit kann ausschließlich im finalen Kontext, z. B. anhand eines Gebäudes oder Quartiers, erfolgen. Die europäische Norm EN 15643 liefert einen Rahmen für die Bewertung der umweltbezogenen, sozialen und ökonomischen Qualität von Bauwerken aller Art (Gebäude und Ingenieurbauwerke), auf deren Basis Gebäudezertifikate entwickelt werden. In Deutschland führend sind die Bewertungssysteme DGNB, BNB und das aus Amerika stammende LEED. Diese stützen sich bei der Materialbewertung teilweise auf die genannten Label, umfassen aber auch weitere Indikatoren wie eine rückbau- und recyclingfähige Konstruktion. Bei Gebäudezertifikaten steht der ganzheitliche Ansatz im Fokus: Neben einer Gebäude-Ökobilanz und allgemeinen nutzungs- und gesundheitsrelevanten Aspekten gehören dazu bspw. eine umfassende Lebenszykluskostenrechnung sowie die Sicherstellung einer recyclinggerechten Konstruktion. Dadurch wird sichergestellt, dass bei der Bewertung einer Baumaßnahme alle drei Dimensionen der Nachhaltigkeit adressiert werden.

Fazit

Die Berücksichtigung der Prinzipien des nachhaltigen Bauens leistet einen wesentlichen Beitrag zur Erfüllung der Bedürfnisse sowohl der heutigen als auch zukünftiger Generationen im Hinblick auf ökologische, ökonomische und soziokulturelle Aspekte. Dank anerkannter Methoden wie der Ökobilanzierung, der Lebenszykluskostenrechnung und definierter Kriterienkataloge kann die Nachhaltigkeit einer Baumaßnahme oder Quartiersplanung gemessen und bewertet werden.


Glossar

Die nbau spricht eine breite Leserschaft an und möchte zur interdisziplinären Zusammenarbeit anregen. Hierbei ist ein gemeinsames Verständnis wichtiger Begriffe überaus wichtig. Allein für Recycling, das eines der Schlüsselworte des nachhaltigen Bauens ist, gibt es ganz unterschiedliche Verwendungen unter Fachleuten, aber auch umgangssprachlich. So etwas steht einer schnellen Verständigung entgegen. An dieser Stelle wird zukünftig mit dem Glossar mindestens ein Begriff erläutert und damit auch definiert. Das gesamte Glossar ist zu finden unter www.nbau.org/glossar. Dort ist bereits eine große Anzahl von Begriffen des nachhaltigen Bauens aufgelistet und kurz angerissen. Die Erläuterungen werden sukzessive ergänzt.

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