Tiefgründiges Bau­projekt: Die Schatzkarte der gebauten Umwelt

Wie das anthropogene Lager zur größten Rohstoffquelle der Zukunft wird

Angenommen, Sie würden über eine detaillierte Schatzkarte verfügen. Nicht für vergrabenes Gold, sondern für Millionen Tonnen Stahl, Beton, Kupfer und seltene Erden, die bereits da sind. Verbaut in Brücken, Gebäuden, teils auch in Tunneln. Dieses anthropogene Lager, wie es in der Fachwelt genannt wird, ist der größte Rohstoffspeicher, den wir haben. Und doch behandeln wir ihn, als wäre er wertlos.

Madaster ist eine digitale Plattform, die nichts Geringeres tut, als eine Schatzkarte für die gebaute Umwelt zu erstellen. Nicht nur mit der Markierung „hier liegt etwas“, sondern mit präzisen Angaben: welches Material, in welcher Menge, in welcher Qualität, mit welchem Restwert. „Die Kernidee ist, Bauteile und Materialien digital zu dokumentieren für lange Zeiträume, um damit flächendeckend Kreislaufwirtschaft zu ermöglichen“, erklärt Dr. Patrick Bergmann, Geschäftsführer von Madaster Deutschland, in meinem Podcast Tiefgründig.

Der Schatz, den wir übersehen – und der, der bleibt

Während wir über Rohstoffknappheit diskutieren, vertun wir gleichzeitig enorme Potenziale, indem wir ignorieren, was bereits verbaut wurde. Wir behandeln Brücken und Gebäude wie Endlager statt als temporäre Speicher für Ressourcen, die in 30, 50 oder 100 Jahren wieder genutzt werden können.

Madaster dokumentiert drei entscheidende Dimensionen: den CO₂-Fußabdruck, insbesondere die graue Energie, die Zirkularität, also die Herkunft und Recyclingfähigkeit der Materialien, sowie den finanziellen Restwert. Gerade bei Infrastrukturprojekten, bei denen die graue Energie bis zu 50 % der Gesamtemissionen ausmacht, ist das fundamental. Jede Tonne Stahl und jeder Kubikmeter Beton, der bereits verbaut ist, muss nicht neu produziert werden, wenn bekannt ist, wo er sich befindet und wie er möglichst hochwertig verwertet werden kann.

Von der Theorie zur Praxis

Die Herausforderung liegt in der Umsetzung. Während im Hochbau Building Information Modeling (BIM) zunehmend Standard wird, steht die Infrastruktur noch am Anfang. Doch gerade hier liegt enormes Potenzial. „Allein schon die Masse macht so viel Sinn, darüber nachzudenken“, betont Bergmann.

Besonders bei Brücken zeigt sich der Wert der Dokumentation: Sie können nach Jahrzehnten zurückgebaut werden, ihre Materialien sind grundsätzlich trennbar und wiederverwertbar. Ganz anders bei Tunneln, deren komplexe Materialverbunde aus Spritzbeton, Abdichtungen und Brandschutzschichten kaum sortenrein zu trennen sind. Doch selbst hier gilt, dass die beim Bau anfallenden Ausbruchmassen, Millionen Tonnen, die heute oft in alte Steinbrüche verfüllt werden, dokumentiert sein sollten. Was heute Verfüllmaterial ist, könnte morgen die Grundlage neuer Infrastruktur sein.

Besonders bemerkenswert: Madaster ist keine kurzfristige unternehmerische Initiative, sondern wird von einer gemeinnützigen Stiftung getragen. Die Daten bleiben in einem langfristig geschützten Datenraum. „Das geht über diesen kurzfristigen, profitorientierten Status hinaus“, erklärt Bergmann weiter. Es geht um Daseinsvorsorge und nicht um Datenkapitalismus.

Die wirtschaftliche Dimension

Doch Nachhaltigkeit ohne Wirtschaftlichkeit bleibt Utopie. Und hier wird es besonders interessant, denn in Nordrhein-Westfalen darf die öffentliche Hand bereits Rohstoffrestwerte in den Haushalt aufnehmen. Material wird zum Vermögenswert in der Bilanz und Banken beginnen zu verstehen, dass ein zirkuläres Gebäude risikoärmer ist. Weniger Abfall und mehr Restwert könnten die Eigenkapitalquote stärken und Finanzierungen fundamental verändern.

„Umso knapper, umso teurer ein Rohstoff wird, umso eher lohnen sich Techniken, die aktuell noch nicht rentabel erscheinen“, ergänzt Bergmann. Die Erde ist ein geschlossenes System. Ressourcen sind endlich. Was heute Bestand ist, wird morgen Rohstoffmine sein, wenn wir dokumentiert haben, wo welches Material liegt. Alles, was wir heute ohne Materialpass bauen, wird zum blinden Fleck auf der Schatzkarte.

Die Frage nach dem Tempo

Die regulatorischen Weichen sind gestellt. Der Gebäuderessourcenpass kommt, die EU-Taxonomie fordert Kreislaufwirtschaft. „Wir müssen jetzt nur abwarten, bis sie alle greifen“, sagt Bergmann. Doch können wir uns dieses Abwarten leisten? Jedes Jahr, das vergeht, sind Tausende Bauwerke ohne Dokumentation. Millionen Tonnen Material bleiben unsichtbar für künftige Generationen.

Die Infrastrukturbaubranche muss differenzieren. Nicht alles ist gleichermaßen rückbaubar. Tunnel bleiben, Brücken werden ersetzt. Doch für alles, was dokumentiert werden kann, gilt: Madaster ist keine zusätzliche Bürde, sondern eine Investition in Planungssicherheit. Wenn Rohstoffe knapper und teurer werden, wird jedes dokumentierte Bauwerk zum strategischen Vorteil. Urban Mining ist dann keine Vision mehr, sondern Notwendigkeit.

Der Schatz ist da. Die Karte wird gerade gezeichnet. Die Frage ist nur: Wie lange schauen wir noch zu, statt systematisch zu kartieren, was uns gehört und was wir tatsächlich zurückgewinnen können?

Das vollständige Gespräch mit Dr. Patrick Bergmann über Madaster und die Zukunft der Kreislaufwirtschaft im Infrastrukturbau hören Sie in Folge 13 von Tiefgründig.

Autor:in

Isabelle Armani, Podcasterin aus Brandenburg an der Havel.
podcast@tiefgruendig.com
www.tiefgruendig.com

Jobs

ähnliche Beiträge

Vergleichende Ökobilanzstudie für Terrassen­aufbauten mit unterschiedlichen Deckschichten

Untersucht wurden typische Terrassenaufbauten mit unterschiedlichen Deckschichten.

Vom Kunstobjekt zu Wohnraum

Vom Kunstobjekt zum Wohnraum: Belle Harbour verbindet nachhaltiges Bauen mit einzigartigem Design und einem innovativen Ansatz für Aluminium-Recycling.

Energieberatung professionell und effizient mit EVEBI 14.2

Die neue EVEBI 14.2 bietet innovative Funktionen zur effizienten Energieberatung und integriert KI für optimale Texte. Revolutionieren Sie Ihre Planung.