Ein Ansatz zur realistischen Bewertung von Hochofenschlacke und Recyclingstahl
Die gängige Praxis, große Mengen von gemahlener Hochofenschlacke oder Recyclingstahl in Bauprojekten einzusetzen, gilt oft als „leichter CO₂-Gewinn“. Doch diese Annahme ist trügerisch: Beide Materialien sind ressourcenbeschränkt, das heißt ihre globale Verfügbarkeit ist begrenzt und kann nicht einfach durch steigende Nachfrage erhöht werden. Wenn ein Projekt mehr von diesen Materialien nutzt, stehen sie anderen Projekten nicht mehr zur Verfügung – es entsteht kein globaler Emissionsvorteil, sondern lediglich eine Verschiebung.
Hochofenschlacke ist ein Nebenprodukt der Roheisenproduktion und wird zur Zementersatzstoffverwendung eingesetzt. Da die Schlackenmenge von der Eisenproduktion abhängt, ist die Versorgung fixiert. Ähnlich verhält es sich bei Stahlschrott: Die Rückgewinnungsrate liegt bereits bei 80–85 %, eine weitere Steigerung ist kaum möglich. Zwar kann die direkte Wiederverwendung von Stahlprofilen echte Vorteile bringen, doch das Schmelzen und Recyceln ist energieintensiv.
Um diese Zusammenhänge in die CO₂-Berechnung einzubeziehen, wurde eine Methode entwickelt, die den global availability fraction berücksichtigt – den Anteil, den ein Projekt realistisch beanspruchen kann, ohne globale Emissionen zu erhöhen. Für GGBS liegt dieser bei etwa 7 % der weltweiten Zementproduktion, für Recyclingstahl bei rund 35 % der Stahlproduktion. Überschreitet ein Projekt diese Anteile, müssen andere Projekte auf Ersatzmaterialien zurückgreifen, wie Portlandzement oder Primärstahl, die deutlich höhere Emissionen verursachen. Diese sogenannten Rebound-Emissionen werden in die Berechnung integriert, um eine realistische Gesamtbilanz zu erhalten.
Die Methode eignet sich besonders für Variantenvergleiche und stellt sicher, dass Entscheidungen auf globalen Auswirkungen basieren. Sie ist derzeit noch nicht in offiziellen Standards verankert, wird aber als essenzieller Schritt gesehen, um die CO₂-Bilanzierung an die Realität anzupassen. Langfristig sollten Projekte nicht nur auf ressourcenbeschränkte Materialien setzen, sondern den Materialeinsatz insgesamt reduzieren, bestehende Strukturen wiederverwenden und auf skalierbare, weniger CO₂-intensive Alternativen wie Kalksteinfeinanteile, kalzinierte Tone oder neue Bindemitteltechnologien umsteigen.
Fazit:
Die Berücksichtigung von Ressourcenkonflikten bei Hochofenschlacke und Recyclingstahl ist entscheidend, um echte Emissionsreduktionen zu erzielen. Die vorgestellte Methodik bietet einen praxisnahen Weg, die globale Perspektive in die Projektbewertung zu integrieren und so den Übergang zu nachhaltigen Lösungen zu fördern.
Dominic Munro, Miriam Graham, Grace Di Benedetto, Malcolm Turpin, Fragkoulis Kanavaris (2025) Reality-based carbon assessment for resource-constrained materials. The Structural Engineer, Volume 103, Issue 9. https://doi.org/10.56330/LLHV7244


