Biodiversität am Kipppunkt

Was die APuZ 1–5/2026 über Ursachen, Konflikte und Auswege zeigt



Die Ausgabe der Zeitschrift Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 1–5/2026) widmet sich umfassend der Biodiversität – ihrer Bedeutung, ihrer gefährlichen Erosion und den ethischen, politischen und gesellschaftlichen Herausforderungen. Biodiversität umfasst die Vielfalt der Arten, die genetische Vielfalt innerhalb von Arten sowie die Vielfalt und Funktionsfähigkeit von Ökosystemen. Weltweit gelten heute rund ein Viertel der bewerteten Tier- und Pflanzengruppen als gefährdet. Der Weltbiodiversitätsrat IPBES warnt, dass etwa eine Million Arten vom Aussterben bedroht sind und dass der Verlust biologischer Vielfalt inzwischen ein Ausmaß erreicht, das auch als neues Massenaussterben bezeichnet wird.

Die Beiträge verdeutlichen, dass Biodiversität nicht nur eine ökologische, sondern ebenso eine ethische Frage ist: Wer trägt Verantwortung für den Verlust? Und wofür genau trägt diese Verantwortung? Während politische Strategien oft von einem kollektiven „Wir“ sprechen, betonen Ethikerinnen und Ethiker die Notwendigkeit einer differenzierten Betrachtung von Verursachenden und Betroffenen. Zugleich spielt Biodiversität eine entscheidende Rolle für ein gutes Leben: Naturverbundenheit, ästhetische Erfahrungen oder kulturelle Bedeutung von Landschaften sind wichtige Aspekte, die im dominierenden Fokus auf ökonomische Nutzenargumente häufig untergehen.

Der Statusbericht zeigt, dass die Natur weltweit massiv unter Druck steht: Die globalen Aussterberaten liegen weit über dem natürlichen Niveau, Lebensräume sind vielerorts fragmentiert oder zerstört, und zusätzliche Belastungen wie Klimawandel, Umweltverschmutzung und invasive Arten verschärfen die Situation. Besonders relevant ist die Landnutzung – Landwirtschaft, Forstwirtschaft, Siedlungs- und Verkehrsflächen –, die in Europa und auch in Deutschland als stärkster Treiber wirkt. Beispiele wie der Rückgang der Insektenbiomasse oder der Verlust von Bestäubungsleistungen illustrieren, wie stark das Funktionieren unserer Ernährungssysteme von der Vielfalt der Natur abhängt.

Auf internationaler Ebene geben Abkommen wie das Übereinkommen über die biologische Vielfalt (CBD) den Handlungsrahmen vor. Das Kunming-Montreal Global Biodiversity Framework von 2022 setzt ambitionierte Ziele, darunter die Ausweisung von 30 Prozent geschützter Land- und Meeresflächen bis 2030. Deutschland hat seine Nationale Strategie zur biologischen Vielfalt entsprechend aktualisiert. Doch die politische Praxis zeigt deutliche Lücken: Zielkonflikte zwischen Landwirtschaft, Klimaschutz, Energie oder Wohnungsbau erschweren Fortschritte, und es fehlt häufig an finanziellen und personellen Ressourcen sowie an kohärenter Integration der Biodiversitätsziele in andere Politikfelder.

Bedeutsam für die Forschung und das gesellschaftliche Bewusstsein ist die wachsende Rolle der Citizen Science. Digitale Plattformen und Mitmachprojekte ermöglichen Millionen von Beobachtungen, die zu wichtigen Erkenntnissen über Artenrückgänge oder regionale Entwicklungen beitragen. Außerdem fördern sie eine intensivere Auseinandersetzung der Öffentlichkeit mit Natur und Wissenschaft und wirken damit als Lern- und Beteiligungsräume demokratischer Umweltgestaltung.

Konflikte um Biodiversität werden zunehmend als sozial-ökologische Konflikte verstanden. Besonders deutlich zeigen sie sich bei Renaturierungsmaßnahmen, in Waldnutzungsfragen oder bei der Wiederherstellung wasserreicher Ökosysteme. Lokale Akteure wie Landwirtinnen oder Forstbetriebe sind von Maßnahmen direkt betroffen und erleben oft unzureichende Beteiligung oder Kompensation. Studien zeigen jedoch, dass partizipative Verfahren wie moderierte Runde Tische Vertrauen aufbauen, Konflikte entschärfen und tragfähige, gemeinsam erarbeitete Lösungen fördern können – wenn politische Rückendeckung und institutionelle Verankerung vorhanden sind.

Schließlich widmet sich die Ausgabe der Ökonomisierung der Natur. Das Konzept der Ökosystemleistungen macht den Wert der Natur für den Menschen sichtbar – von Bereitstellungsleistungen wie Nahrung und Wasser über Regulierungseffekte wie Klimastabilität oder Bestäubung bis zu kulturellen Leistungen wie Erholung und Inspiration. Neue Bewertungs- und Bilanzierungsansätze in Staat und Wirtschaft sollen sicherstellen, dass Naturkapital in politischen und ökonomischen Entscheidungen systematisch berücksichtigt wird.

Ein historischer Blick auf die Landwirtschaft zeigt, dass Vielfalt über Jahrhunderte ein bewährtes Geschäftsmodell war – bis Spezialisierung und Monokulturen im 20. Jahrhundert dominierten. Heute kehrt das Bewusstsein zurück, dass Vielfalt nicht nur ökologisch wertvoll ist, sondern auch krisenfester und langfristig ökonomisch stabiler.

Insgesamt zeigen alle Beiträge: Der Verlust der Biodiversität ist eine zentrale gesellschaftliche Herausforderung unserer Zeit. Es braucht ein Umdenken in Politik, Wirtschaft und Alltag, eine integrative und gerechte Governance sowie eine aktive Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger. Der Schutz der biologischen Vielfalt ist kein Luxus – er ist Voraussetzung für unsere Zukunft.

Biodiversität

Aus Politik und Zeitgeschichte 01–05/2026
Bundeszentrale für politische Bildung 2026
https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/biodiversitaet-2026/

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