Wohnflächensuffizienz als Schlüssel für soziale Gerechtigkeit und Klimaschutz

Die Wohnraumkrise verschärft sich weiter, während Neubau nach wie vor als zentrale politische Antwort gilt. Diese Strategie trägt jedoch erheblich zum Ressourcen- und Flächenverbrauch bei und verstärkt soziale Ungleichheiten, ohne ausreichend bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. Das Diskussionspapier „Bauen und Wohnen mit Maß: Ansätze für mehr Wohnflächensuffizienz“ zeigt, dass eine gerechtere und effizientere Nutzung des bestehenden Wohnraums ein bislang unterschätztes Potenzial bietet, um Wohnungsnot, Klimabelastungen und soziale Probleme zugleich anzugehen.
Seit den 1960er Jahren hat sich die Wohnfläche pro Kopf in Deutschland mehr als verdoppelt, sie ist aber sehr ungleich verteilt. Während einkommensstarke Haushalte häufig auf übergroßen Wohnflächen leben, wohnen viele Menschen mit geringem Einkommen in überbelegten und oft schlecht ausgestatteten Wohnungen. Gleichzeitig steht ein erheblicher Teil des Wohnraums leer oder ist nur teilweise genutzt, etwa durch große Wohnungen mit kleinen Haushalten, Leerstand oder Zweitnutzungen. Studien zeigen, dass durch eine bessere Nutzung dieser Bestände theoretisch Wohnraum für Millionen Menschen entstehen könnte – ganz ohne Neubau. Selbst realistisch erschließbar sind jährlich hunderttausende zusätzliche Wohneinheiten durch Wohnungsteilung, Umbau, Umnutzung oder gezielte Vermittlung.
Wohnflächensuffizienz setzt an dieser Schieflage an. Sie zielt darauf ab, den durchschnittlichen Wohnflächenverbrauch bewusst zu reduzieren und Wohnraum stärker an tatsächlichen Bedarfen auszurichten. Anders als rein technische Effizienzmaßnahmen verbindet sie ökologische Ziele mit sozialer Gerechtigkeit. Weniger Neubau bedeutet weniger Energie- und Rohstoffverbrauch, geringere CO₂‑Emissionen und weniger Flächenversiegelung. Gleichzeitig kann eine bedarfsgerechtere Wohnraumnutzung Mieten stabilisieren, soziale Durchmischung fördern und Einsamkeit im Alter mindern.
Das Diskussionspapier formuliert konkrete politische Empfehlungen, um Wohnflächensuffizienz systematisch zu stärken. Dazu gehören der Vorrang von Bestandserhalt, Umbau und Umnutzung in Bauordnungen, bundesweit verbindliche Vorgaben zur Begrenzung des Flächenverbrauchs, die gesetzliche Verankerung eines Rechts auf Wohnungstausch sowie gezielte Förderprogramme für die Teilung und Umgestaltung von Wohnraum. Kommunen kommt dabei eine Schlüsselrolle zu, etwa durch aktive Bodenpolitik, Konzeptvergaben und den Ausbau kommunaler Beratungs- und Begleitangebote. Auch gemeinwohlorientierte Wohnungsunternehmen und Genossenschaften können durch aktives Wohnraummanagement zu einer gerechteren Verteilung beitragen.
Bauen und Wohnen mit Maß bedeutet einen notwendigen Perspektivwechsel: weg von der einseitigen Fixierung auf Neubau, hin zu einer sozial gerechten und ressourcenschonenden Nutzung des Bestands. Wohnflächensuffizienz bietet die Chance, Wohnungsfrage, Klimaschutz und soziale Gerechtigkeit gemeinsam zu denken und sollte daher ein zentraler Bestandteil einer zukunftsfähigen Bau- und Wohnungspolitik werden.
Bauen und Wohnen mit Maß: Ansätze für mehr Wohnflächensuffizienz
Diskussionspapier
ressourcenwende (2025)

