Carbon-Based Urbanism

Warum nachhaltige Städte über nachhaltige Gebäude hinausdenken müssen



Das Forschungsprojekt Carbon-Based Urbanism zeigt, eine nachhaltige Stadt entsteht nicht allein durch nachhaltige Gebäude. Entscheidend ist das Zusammenspiel von Gebäude, Quartier und Lebensstil der Bewohnerinnen und Bewohner. Die Studie untersucht zwölf Rotterdamer Stadtteile und vergleicht vier urbane Typologien – hochurban, Blockstruktur, Gartenstadt und Suburbia –, um herauszufinden, wie städtische Form, Infrastruktur und Alltagshandeln gemeinsam den CO₂-Fußabdruck prägen.

Im Mittelpunkt steht die Frage, welchen Beitrag Städtebau zur Reduktion von Treibhausgasemissionen leisten kann. Dazu werden nicht nur Material- und Energieverbräuche von Gebäuden berücksichtigt, sondern auch öffentliche Räume, Mobilität, Konsum, Ernährung und Urlaubsverhalten. Die Ergebnisse sind eindeutig: Etwa 15 Prozent der jährlichen Emissionen gehen auf das gebaute Umfeld zurück, während rund 85 Prozent durch Lebensstilfaktoren entstehen. Gleichzeitig sind die einmaligen, vorgezogenen Emissionen des Bauens fünf- bis achtmal höher als die jährlichen Emissionen der Nutzung – nach wenigen Jahren überholen die kumulierten Lifestyle-Emissionen jedoch die Bauemissionen. Das zeigt, wie wichtig es ist, Bau- und Nutzungsperspektiven gemeinsam zu betrachten.

Die Studie offenbart signifikante Unterschiede zwischen den untersuchten Stadtteilen: Der CO₂-Fußabdruck variiert um bis zu 43 Prozent, je nach Dichte, Mobilitätsangebot, Funktionsmischung, Wohnform und Einkommensstruktur. Suburbane Gebiete schneiden am schlechtesten ab – sie sind flächenintensiv, autoabhängig und weisen hohe Pro-Kopf-Emissionen auf. Gartenstädte sowie kompakte Blockstrukturen sind hingegen tendenziell klimafreundlicher. Hochurbane Lagen zeigen zwar höhere Bauemissionen, ermöglichen aber langfristig emissionsärmere Lebensstile, sofern Materialeinsatz und Energiekonzepte konsequent optimiert werden.

Zu den größten Emissionstreibern zählen Konsumgüter, Ernährung und Urlaubsreisen. Mobilität spielt ebenfalls eine bedeutende Rolle, insbesondere in autoorientierten Lagen. Die Analyse macht deutlich, dass urbane Form und Angebotsstruktur Lebensstile prägen: Dichte, Nutzungsmischung, kurze Wege und guter öffentlicher Verkehr fördern klimafreundliche Entscheidungen, während weite Wege und hohe Flächenansprüche emissionsintensive Verhaltensweisen begünstigen.

Aus den Erkenntnissen leitet die Studie konkrete Strategien für unterschiedliche Stadttypen ab. Dazu gehören unter anderem der Einsatz biobasierter und zirkulärer Materialien, die Verdichtung und funktionale Ergänzung bestehender Quartiere, die Stärkung aktiver Mobilität, die Reduktion versiegelter Flächen sowie neue Konzepte für Konsum und Gemeinschaft. Entscheidend sei eine frühzeitige, integrierte Planung, die Klimawirkungen konsequent berücksichtigt – von der Wahl des Standorts über Baustrukturen bis hin zu Mobilität, Versorgung und sozialen Angeboten.

Das Fazit ist eindeutig: Wo wir bauen und welche Stadtstrukturen wir schaffen, ist mindestens so wichtig wie die Frage, wie wir bauen. Um die Pariser Klimaziele zu erreichen, müssen Städtebau und Architektur gemeinsam die Rahmenbedingungen für emissionsarme Lebensweisen gestalten. Carbon-Based Urbanism liefert dafür eine fundierte Grundlage und zeigt, dass die größten Hebel oft im urbanen Maßstab liegen – dort, wo das alltägliche Leben stattfindet.

Carbon based urbanism

Cityförster architecture+urbanism, PosadMaxwan, Municipality of Rotterdam 2025

https://zenodo.org/records/18387212/files/260123_Carbon-Based%20Urbanism_WEB.pdf?download=1

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