Wie die Klimakrise Europas öffentliche Haushalte gefährdet

Eine aktuelle Analyse der New Economics Foundation zeigt, dass die europäische Fiskalpolitik die wachsenden Risiken der Klimakrise bislang massiv unterschätzt. Bis 2050 könnten die öffentlichen Schulden der EU‑Mitgliedstaaten im Durchschnitt um 58 Prozentpunkte höher liegen als heute offiziell prognostiziert – und bis 2070 sogar um 197 Prozentpunkte –, wenn Klimaeinflüsse nicht konsequent berücksichtigt werden. Ausschlaggebend dafür sind sinkendes Wirtschaftswachstum, steigende Kosten durch Extremwetter und höhere Zinsaufschläge, die Investoren für klimabezogene Risiken verlangen.
Die Studie macht deutlich, dass Klimastabilität und fiskalische Stabilität untrennbar verbunden sind. Klimaschäden wie Überschwemmungen, Dürren oder Hitzewellen verursachen nicht nur Zerstörungen, sondern drücken langfristig die Wirtschaftsleistung und erhöhen staatliche Ausgaben, etwa für Infrastruktur, Katastrophenschutz oder Gesundheitssysteme. Gleichzeitig zeigen die Modelle der New Economics Foundation, dass frühzeitige Investitionen in Klimaschutz und Anpassung einen gegenteiligen Effekt haben: Sie reduzieren Schäden, erhöhen Produktivität und können das Wachstum stärken. Dadurch sinken langfristig die Schuldenpfade deutlich im Vergleich zu einer Politik des Abwartens.
Untersucht werden mehrere Szenarien. Bei fortgesetzter Untätigkeit (»Business as usual«) steigen die Schulden am stärksten, da Schäden zunehmen und der Kapitalmarkt höhere Risikoprämien verlangt. Wird dagegen frühzeitig investiert – in erneuerbare Energien, Energieeffizienz, resilientere Infrastruktur oder Anpassungsmaßnahmen –, halbiert sich der Anstieg der Schulden in vielen Ländern. Erfolgt zusätzlich globale Kooperation, die die Erderwärmung stärker begrenzt, kehren sich die Schuldenpfade langfristig sogar ins Positive: In diesem Fall liegen die durchschnittlichen EU‑Schulden 2070 unter den heutigen offiziellen Projektionen.
Die Studie betont zudem, dass Europas aktuelles wirtschaftspolitisches Regelwerk nicht mehr zeitgemäß ist. Die europäischen Fiskalregeln und die zugrunde liegende Debt Sustainability Analysis berücksichtigen Klimarisiken bislang nicht ausreichend. Dadurch werden notwendige öffentliche Investitionen in die Transformation strukturell erschwert. New Economics Foundation plädiert für ein präventives makroökonomisches System, das Klimarisiken systematisch in der Schuldentragfähigkeit abbildet, grüne Investitionen erleichtert und faire Finanzierungsinstrumente – etwa progressive Steuern oder die Abschaffung fossiler Subventionen – einsetzt. Zusätzlich fordert die Studie eine engere Koordination zwischen Geld- und Finanzpolitik, damit der notwendige Investitionsschub nicht durch hohe Zinsen erstickt wird.
Die zentrale Aussage lautet: Ohne entschlossene Klimapolitik explodieren langfristig die öffentlichen Schulden. Frühzeitige, koordinierte und fair finanzierte Investitionen hingegen stabilisieren sowohl Klima als auch Staatsfinanzen. Europa steht damit vor einer grundlegenden Richtungsentscheidung, in der Klimapolitik und Budgetpolitik gemeinsam gedacht werden müssen.
The Climate-Fiscal Timebomb
How climate change will impact public budgets
Jaya Sood, Sebastian Mang, Dominic Caddick, Maike Schmidt
New Economics Foundation 2026
www.neweconomics.org






