Mikroklimaanalysen als Planungsgrundlage für resiliente Gebäude und Freiräume

Die spezialisierte Arbeitsgruppe Nachhaltigkeit der Aachen Building Experts (ABE) hat sich in einer digitalen Sitzung im Format „Frühe Leistungsphasen“ mit der Frage beschäftigt, wie Klimarisiken bereits zu Beginn von Planungsprozessen systematisch berücksichtigt werden können. Im Fokus stand der Nutzen mikroklimatischer Analysen als belastbare Entscheidungsgrundlage für klimaangepasstes Bauen und Gestalten.
Einen inhaltlichen Auftakt lieferte Fernandina Valdebenito von der Carpus+Partner AG. Anhand einer umfassenden Studie zur Klimaresilienz eines Universitätscampus zeigte sie auf, welchen Einfluss grün-blaue Infrastrukturen auf thermischen Komfort, Aufenthaltsqualität und die langfristige Anpassungsfähigkeit an den Klimawandel haben. Die Untersuchung verdeutlichte, dass klimaresiliente Maßnahmen nur dann ihr volles Potenzial entfalten, wenn sie frühzeitig in den Planungsprozess integriert werden.
Ausgangspunkt der Analyse bildeten vier zentrale Klimarisiken: Starkregen und Überflutungen, Stürme, Hitzeereignisse sowie Hagel. Für diese Szenarien wurden unterschiedliche Anpassungsmaßnahmen mithilfe detaillierter Simulationen untersucht. Als Bewertungsgrundlagen dienten etablierte Kenngrößen wie der Universal Thermal Climate Index (UTCI) und die Physiologisch Äquivalente Temperatur (PET), die eine differenzierte Einschätzung der thermischen Belastung von Menschen im Außenraum ermöglichen.
Die Ergebnisse machten eine klare Priorisierung wirksamer Maßnahmen sichtbar. Als effektivste Strategie zur Verbesserung des Mikroklimas erwies sich das Pflanzen von Bäumen. Sie reduzieren nicht nur die gefühlte Temperatur durch Verschattung und Verdunstung, sondern steigern zugleich die Aufenthaltsqualität. An zweiter Stelle folgten Fassadenbegrünungen, die sowohl mikroklimatische Effekte als auch bauphysikalische Vorteile bieten. Ebenfalls als wirksam bewertet wurden begrünte Innenhöfe als grüne Kerne innerhalb dichter Bebauungsstrukturen, die Entsiegelung von Flächen sowie der gezielte Einsatz sogenannter blauer Infrastruktur, etwa durch Wasserelemente oder Retentionsflächen.
Gründächer schnitten im direkten Vergleich weniger effektiv ab, wurden jedoch nicht grundsätzlich infrage gestellt. Ihre Bedeutung liegt vor allem im Zusammenspiel mit anderen Maßnahmen und im Gesamtkontext nachhaltiger Stadt- und Gebäudeplanung. Ergänzend spielen materialgerechte Oberflächen, die Aufheizung reduzieren, sowie verschattende Elemente wie Pavillons, Überdachungen oder gezielt platzierte Möblierungen eine wichtige Rolle für den thermischen Komfort.
Neben den ökologischen Effekten wurde in der Diskussion auch die soziale Dimension klimaangepasster Planung hervorgehoben. Hochwertige, naturnahe Außenräume tragen nachweislich zur Stressreduktion bei, fördern Konzentrations- und Leistungsfähigkeit und steigern das allgemeine Wohlbefinden von Nutzerinnen und Nutzern. Vor dem Hintergrund, dass der Gebäudesektor einen erheblichen Anteil an den globalen CO₂-Emissionen verursacht, wurde die klimaresiliente Gestaltung von Gebäuden und Freiräumen als zentrale Zukunftsaufgabe für Planung und Bauwesen eingeordnet.
In der anschließenden Diskussion zeigte sich, dass klimaresiliente Planungsansätze trotz wachsender Sensibilität und vorhandener Förderinstrumente bislang noch nicht flächendeckend umgesetzt werden. Die Umsetzung hängt stark vom jeweiligen Projektkontext, von der verfügbaren Fläche sowie von den Erwartungen der Auftraggeber ab. Insbesondere in frühen Projektphasen werden potenzielle Klimaschäden häufig noch unterschätzt, was die Bereitschaft zur Beauftragung vertiefender Analysen mindert.
Einigkeit bestand darin, dass eine frühzeitige, zielgerichtete Kommunikation mit Bauherren entscheidend ist, um klimaresiliente Maßnahmen bereits in den frühen Leistungsphasen zu verankern. Ebenso wurde die hohe Interdisziplinarität mikroklimatischer Bewertungen betont, die eine enge Zusammenarbeit zwischen Architektur, Landschaftsplanung, Ingenieurwesen und weiteren Fachdisziplinen erfordert. Mikroklimaanalysen wurden damit nicht nur als technisches Instrument, sondern als strategischer Bestandteil zukunftsfähiger Planung verstanden.


