Stuttgarter Nachhaltigkeits­stammtisch

Von der Herausforderung, Nachhaltigkeit im Planungsalltag möglich zu machen

Brauchen wir mehr Ideen und Konzepte für nachhaltige Tragwerke? Unser reger Austausch im Stammtisch zeigt: Es gibt zahlreiche technische Lösungsansätze, und doch schließt sich in der Diskussion immer die Frage an: Wie setzen wir das in unserem Planungsalltag um und welche Ziele haben wir als Tragwerksplaner:innen im Planungsteam? Lassen wir den Status quo einmal hinter uns und überlegen: Wie können wir den Planungsalltag so gestalten, dass wir effizient nachhaltige Tragwerke planen?

Eine erste Forderung ist, dass jede:r Ingenieur:in mit dem notwendigen Wissen zum Entwurf nachhaltiger Tragwerke ausgestattet ist und einschätzen kann, welche Stellschrauben den Entwurf wie beeinflussen. Dazu wollen wir uns Zeit nehmen, im Austausch mit anderen Kolleg:innen Neues zu lernen oder Wissen weiterzugeben und übliche Vorgehensweisen kritisch zu hinterfragen. Auch in der Ausbildung und im Studium müssen materialeffizientes und kreislaufgerechtes Planen und Bauen einen größeren Stellenwert erhalten.

Die zweite Forderung ist, dass wir kreative und integrale Planungsprozesse ermöglichen. Ein gemeinsamer runder Tisch mit allen Planer:innen und Bauherr:innen, an dem man schon in einer frühen Planungsphase verschiedene Varianten ergebnisoffen diskutiert, ist eine Voraussetzung für ein nachhaltiges Tragwerk. Lasst uns als Planer:innen gemeinsam den Gesamterfolg des Projekts betrachten und nicht auf die einfachste Lösung für die einzelne Fachdisziplin zurückgreifen. Jede Fachdisziplin hat eigene Stellschrauben, um zu einem nachhaltigeren Gesamtprojekt beizutragen. Diese Maßnahmen beeinflussen sich meist gegenseitig, weshalb hier einmal mehr eine funktionierende interdisziplinäre Zusammenarbeit zu einem gelungenen Ergebnis führt.

Gehen wir einmal aus unserer Perspektive heraus und betrachten das Projekt aus Sicht der Nachhaltigkeit (die ja leider nicht in persona im Planungsteam vertreten ist). Können wir sagen: „Gut gemacht, ein rundum gelungenes Tragwerk“? Ganz sicher ist es hier wichtig, die Grundsätze der Nachhaltigkeit im Team stets vor Augen zu haben. Unser Ziel ist es, alle Aspekte der Nachhaltigkeit zu betrachten und ein bestmögliches Tragwerk für das Bauvorhaben zu realisieren – in ökologischer, wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht. Das Schöne ist: Diese drei gehen meist miteinander einher. Eine neu verkörperte Rolle im Planungsteam, die die Gesamtvision des Projekts im Auge behält, wäre ein spannendes Experiment für einen üblichen Projektablauf.

Zu Recht mag man nun einwenden: Wie können wir im Planungsalltag Zeit für kreatives Arbeiten finden und neues Wissen erarbeiten? Unsere dritte Forderung ist, dass wir die Möglichkeiten der Digitalisierung voll ausschöpfen und durch Automatisierung mehr Zeiträume für kreative Kopfarbeit schaffen. Lasst uns Programme nutzen und weiterentwickeln, die Tragwerke optimieren und uns repetitive Aufgaben abnehmen können. Wir können uns hier den Bauingenieur Konrad Zuse zum Vorbild nehmen, der aus genau diesem Grund einst den ersten funktionsfähigen Computer erfand. Mit diesen Möglichkeiten können wir effizient und zielgerichtet verschiedene Tragwerksentwürfe untersuchen und im Anschluss datenbasierte Entscheidungen treffen. Hier liegt es an uns und unseren Unternehmen, Zeit und Kapazitäten für Forschungs- und Entwicklungsarbeit zu ermöglichen, um diesem Ziel einen Schritt näher zu kommen.

Das sind unsere Ideen – lasst sie uns mitnehmen und uns im Alltag innehalten und fragen: Planen wir effizient und im Sinne der Nachhaltigkeit? Wir sind uns sicher: Am besten schaffen wir hier Veränderung, wenn wir diese Frage aktiv in den Austausch mit Kolleg:innen einbringen und so gemeinsam Planungsprozesse neu gestalten.


Stuttgarter Nachhaltigkeitsstammtisch

Termin: jeder letzte Dienstag im Monat, 18.00 Uhr
Ort: online, Präsenzveranstaltungen in Stuttgart (in Planung)
Kontakt: j.erichsen@sbp.de; j.nowak@knippershelbig.com

Quelle: iStock.com/leremy

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