Materialgeschichten

1 Atrium – Fassaden­gewebe

Es hat lange Zeit das größte Einkaufs- und Erlebniscenter der Klassikstadt geschmückt – das Gewebe am Einkaufszentrum Atrium in Weimar (Bild 1). Bislang wurden Textilreiniger eingesetzt, um die 6500m2 große PVC-Struktur vom Alltagsschmutz zu befreien. Jetzt ist es abgenommen, entsorgt und ausgetauscht worden. Für kurze Zeit ließ es die Betonstruktur entblößt, bevor es wieder mit genau dem gleichen Textil und genau dem gleichen Motiv verhüllt wurde.

Es klingelt nicht lange in der Leitung, bis sich jemand vom Center-Management zu Wort meldet. Kurz angebunden werden wir mehrfach vertröstet, rufen erneut an, werden abermals vertröstet. „Die Jungs sind schon weg“, „Ich weiß jetzt auch nicht, wer da die passende Ansprechperson ist“, „Ruft am besten morgen nochmal an“, sind Antworten, mit denen wir schon gerechnet hatten. Eines Morgens meldet sich eine freundliche Dame zurück. Sie möchte viel wissen über das Projekt, findet die Idee ganz großartig und ist gewillt, uns zu helfen. Dann geht plötzlich alles ganz schnell. Wir wissen weder wer oder was uns vor Ort erwartet, noch wie lange wir dafür Zeit haben. Also nichts wie hin! Mit genoppten Handschuhen, Cutter, Zollstock und sehr großen Tüten machen wir uns auf den Weg zum Atrium. Am Treffpunkt ist tatsächlich niemand. Durch einen erneuten Anruf ermutigt, werden wir angewiesen, uns einfach selbst im Baucontainer zu bedienen. Reinklettern ist keine Option, da rausklettern mit dem schweren Gewebe unmöglich erscheint. Also suchen wir den Öffnungsmechanismus. Laut Google-Suche könnten wir wie folgt vorgehen: „Verwenden Sie Bolzen, die das plötzliche Aufschlagen der Türen verhindern. Öffnen Sie die Container immer zu zweit von einem seitlichen Standplatz aus. Bringen Sie Sicherungsmittel an, um herausfallendes Ladegut zu sichern.“

So oder so ähnlich machen wir es dann auch (Bild 2). Entblößt werden mehrere Textilknäuel, sorgsam aufgerollt. Wir entscheiden uns für zwei der größeren und schließen den Container sachgemäß wieder zu, bevor wir die Fundstücke sicher im Bus verstauen.

Tags darauf laufen wir zufällig am Ort des Geschehens vorbei, die Container sind weg. Und mit ihnen ein Stück Geschichte.

Wir danken dem Center-Management des Atriums sowie dem Wertstoffhof Thüringen Recycling, welche uns vertrauensvoll das Material überlassen haben.

2 Hetzerhallen – Terrazzoplatten

Er ist der Vater des modernen Ingenieur-Holzbaus. An Otto Hetzer erinnerte bis Ende November letzten Jahres nur noch eine kleine Gedenktafel an der vor sich hin rottenden Hetzerhalle (Bild 1). Nun ist das Gelände geräumt und damit eines der letzten Denkmäler der Thüringer Industriegeschichte vernichtet. Anstatt die zwei unter Denkmalschutz stehenden Hallen zu sanieren, überließ man sie ihrem traurigen Schicksal. Durch die geschwächte Tragstruktur stürzten sie nacheinander ein. Immerhin, die bekannte Dachkon­struktion aus gebogenen Holzleimbindern mit 37 m Spannweite wurde zu Teilen geborgen, um ins Labor zur Untersuchung und zu guter Letzt ins Museum zu wandern. 1906 erhielt der Zimmer­meister Karl Friedrich Otto Hetzer das Deutsche Reichspatent Nr. 197773 für seine gebogenen und verleimten Brettschichtträger aus zwei oder mehr Lamellen.

Wir sind mit verschiedenen Expert:innengruppen von und für die Hetzerhallen vor Ort. Gebäudewirtschafter:innen der Stadt, Statiker:innen, Abrissunternehmen, Interessierte (Bild 2). Durch Recherche und Hörensagen sind wir auf die Hallen und zu den Besichtigungen gekommen. Man merkt schnell, dass alle Anwesenden vollends über die Geschichte und Bedeutung des Orts im Bilde sind. Trotzdem wird aus Zeitgründen abgerissen statt rückgebaut, nachdem die wenigen noch intakten Träger gesichert wurden. Zeit ist Geld, und daher mangelt es leider oft an Feingefühl für einen sensiblen Rückbau. Abreißen geht zwar schneller, doch eine sorgfältige Demontage würde als nachhaltiges Verfahren zu einer Verringerung der Abfallströme führen und wertvolle Rohstoffe einsparen! Große Bagger schaufeln und brechen, zerkleinern und sortieren. Wir nehmen, was noch übrig bleibt. Stahlträger mit Rostspuren, große unversehrte Lüftungsrohre und eine dazu passende Lüftungshaube. Eine wie Terrazzo anmutende Betonwerksteinplatte löst sich verwunderlich einfach, als wir über die freigelegte einstige Verkaufsfläche laufen. Wir kommen tags darauf mit Schlagbohrer und Meißel zurück, um noch mehr davon zu retten. Wir rütteln, stemmen, schneiden. Leider ohne Erfolg. Nach mehreren Versuchen geben wir auf. Der womöglich in den Sechzigerjahren verlegte Boden ist für immer und ewig mit dem Zementmörtelbett verbunden. Zu empfehlen wäre bei jeglicher Verbindung ein einfacher Kalkmörtel. Dieser trocknet zwar länger, ist aber umso widerstandsfähiger und elastischer, wasserlöslich und somit eher reversibel bzw. austauschbar (Bild 3).


Autorinnen

Marie Heyer
Nora Iannone
info@materialgeschichten.org

Bauhaus Universität Weimar
Fakultät Architektur und Urbanistik

Materialgeschichten auf Instagram: www.instagram.com/materialgeschichten

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