Biodiversität messbar machen

Der Biodiversitätsflächenfaktor

Biodiversität ist eine zentrale Grundlage menschlicher Gesellschaften und Wirtschaft, da zahlreiche Ökosystemleistungen direkt oder indirekt von ihr abhängen. Bauprojekte beeinflussen die biologische Vielfalt insbesondere durch Flächenversiegelung und Ressourcenverbrauch. Zur objektiven Bewertung und gezielten Förderung von Biodiversität im Bauwesen wurde der Biodiversitätsflächenfaktor (BFF) entwickelt. Mit diesem Instrument wird die ökologische Qualität von Flächen messbar und vergleichbar. Ergänzt wird der BFF durch einen Modulkatalog biodiversitätsfördernder Maßnahmen, der direkt in Planungs- und Ausführungsprozesse integriert wird. Beispielprojekte zeigen, dass gezielte Maßnahmen deutliche Verbesserungen der lokalen Biodiversität bewirken können. Der vorgestellte Ansatz bietet damit ein praxisnahes Instrument für den Biodiversitätsschutz im Bauwesen und trägt zur nachhaltigen Entwicklung bei.

1 Natur als Grundlage

Die Natur ist der bedeutendste Wirtschaftssektor und zugleich die wichtigste Dienstleisterin der Menschheit: Rund 60 % des globalen Bruttosozialprodukts sind direkt oder indirekt abhängig von Leistungen der Natur. Und während es beim Klimawandel und der notwendigen Dekarbonisierung um die Frage geht, wie wir in Zukunft auf der Welt leben werden, entscheidet die Biodiversität darüber, ob wir überhaupt eine Zukunft haben. Der Schutz biologischer Vielfalt ist somit gleichermaßen aus ökologischer, gesellschaftlicher und ökonomischer Perspektive relevant.

Mit Gebäuden für Menschen, Mobilität und Güter schaffen Bau- und Immobilienunternehmen Voraussetzungen für modernes Leben und Wirtschaften. Doch die Realisierung dieser Gebäude verbraucht Ressourcen, darunter Material und biodiverse Flächen, und verursacht Emissionen wie CO₂, Lärm oder Feinstaub. Das Unternehmen GOLDBECK stellt sich den damit verbundenen Herausforderungen – im Ökonomischen, Ökologischen und Sozialen. Aktuell untersucht es in Kooperation mit Frauke Fischereingehend die ökologischen Folgen der eigenen Bau- und Lieferkettenprozesse auf die Biodiversität. Aus dieser systematischen Analyse werden konkrete, evidenzbasierte Maßnahmen zum Schutz der biologischen Vielfalt abgeleitet. Dazu zählt auch die Entwicklung eines Biodiversitätsflächenfaktors, der Biodiversität messbar machen soll.

Die Notwendigkeit des Instruments basiert auf wissenschaftlichen Grundlagen, die nachfolgend erläutert werden. Weiter werden der regulatorische Rahmen, die Zielsetzung, der Aufbau des Instruments sowie seine Integration in die Praxis dargestellt.

2 Wissenschaftlicher Hintergrund: Biodiversität und ihre Bedeutung

2.1 Ökosystemleistungen als Grundlage menschlichen Lebens

Biodiversität ist die Grundlage für Ökosystemleistungen, also Leistungen, die die Natur für Menschen erbringt. Sie lassen sich in vier Kategorien unterteilen: Versorgungsleistungen umfassen alles, was direkt aus der Natur entnommen wird. Das kann Bau- oder Brennholz sein, Trinkwasser oder der Steinpilz am Wegesrand. In die zweite Kategorie, die Regulierungsleistungen, fallen unter anderem die Regulation des Weltklimas, die Aufrechterhaltung globaler Wasserkreisläufe, die Bestäubung von Pflanzen und die Verhinderung von Erosion. Die dritte Kategorie sind Basisleistungen. Zu ihnen gehört die Fähigkeit bestimmter Organismen, aus anorganischen Molekülen – meist über Photosynthese – organische Moleküle zu bilden, fruchtbaren Boden zu schaffen und globale Nährstoffkreisläufe aufrechtzuerhalten. Die vierte Kategorie umfasst kulturelle Leistungen, darunter Erholung in der ­Natur, die Inspiration, die sie vermittelt, oder ihre ästhetischen Werte.

Der monetäre Wert von Biodiversität und Ökosystemleistungen ist jedes Jahr etwa doppelt so hoch wie das weltweite Bruttosozialprodukt. Gleichzeitig hängen etwa 60 % dieser menschengemachten Wirtschaftsleistungen direkt oder indirekt von Leistungen der Natur ab. Ökosystemleistungen lassen sich technisch entweder gar nicht ersetzen (z. B. die Herstellung fruchtbarer Böden) oder nur unzureichend (z. B. die Bestäubung von Nutzpflanzen von Hand). Hinzu kommt: Alle Ersatzleistungen kosten Geld und erfordern für den Bau von technischem Equipment weitere Eingriffe in die Natur.

2.2 Biodiversitätsverlust: Die fünf Treiber

Biodiversität bezeichnet die Vielfalt des Lebens auf der Erde – dem einzigen bekannten Planeten mit einer Biosphäre – auf Basis von Genen, Arten und Ökosystemen.

Genetische Vielfalt, also die Variation innerhalb von Arten, ist die wichtigste Versicherung gegen das Aussterben. Sind Arten erst einmal selten geworden, ihre genetische Vielfalt durch eine Reduktion ihres Bestands eingeschränkt, genügt ein Extremwetterereignis, eine Krankheit oder der pure Zufall – beispielsweise, wenn es nur noch Männchen gibt, oder alle Weibchen aufgrund der Altersstruktur unfruchtbar sind –, um die Art endgültig von der Erde verschwinden zu lassen. Auch für den Menschen ist genetische Vielfalt wichtig, weil mit ihr unterschiedliche Interessen und Fähigkeiten einhergehen, wie sie in modernen Gesellschaften unentbehrlich sind, um etwa gesellschaftliche und technische Innovationen voranzutreiben. Diese genetische Vielfalt des Lebens, abseits des Homo sapiens und einiger weniger Arten, die vom Menschen besonders profitieren oder gefördert werden, ist massiv bedroht. In den letzten 50 Jahren hat der Mensch 73 % der untersuchten Bestände an Wirbeltieren wie Fische, Amphibien, Reptilien, Vögel oder Säugetiere vernichtet. Ein Beispiel: Allein in Europa sind in nur 40 Jahren 800 Millionen Singvögel verschwunden. Die in diese Analysen einbezogenen Arten sind noch da. Wir sprechen also nicht von einer Aussterbewelle. Da der Mensch aber fast alle Arten stark dezimiert hat, hat diese faktisch schon begonnen. Zwar ist das Aussterben von Arten ein natürlicher Prozess, aber nicht mit der im Moment beobachteten Geschwindigkeit. So hat der Mensch die normale Aussterberate etwa um den Faktor 1000 beschleunigt. Das bedeutet, dass das Aussterben der großen Dinosaurier wie des Tyrannosaurus rex, das vor 66 Millionen Jahren mindestens 33.000 Jahre in Anspruch nahm, heute im Zeitraffer von nur 33 Jahren ablaufen würde. Heute reicht also die Lebensspanne eines Menschen aus, um ein dramatisches Artensterben zu dokumentieren.

Bis heute sind etwa zwei Millionen Arten beschrieben. Das bedeutet, sie haben einen wissenschaftlichen Namen, es liegt eine Beschreibung ihrer äußeren Erscheinung vor und ihr Vorkommen ist bekannt. Die wahre Anzahl von Arten liegt nach den niedrigsten Schätzungen bei knapp unter neun Millionen, nach den höchsten Schätzungen im Bereich von Milliarden. Aktuell verschwinden pro Tag schätzungsweise 150 Tier- und Pflanzenarten von der Erde. Dass das kaum Beachtung findet, liegt unter anderem daran, dass die meisten Arten gar nicht bekannt sind. Viele sind mit bloßem Auge kaum wahrnehmbar, leben im Boden oder in entlegenen Regenwaldgebieten im Kongo- oder Amazonasbecken.

Auch um die Vielfalt von Ökosystemen ist es nicht allzu gut bestellt. So befinden sich 80 % der geschützten Lebensräume in der EU in einem schlechten oder unzureichenden Zustand. Weltweit hat die Entwaldung zwischen 2023 und 2024 um 80 % zugenommen.

Grundsätzlich sind es fünf Treiber, die zum Verlust von Biodiversität führen. Der wichtigste Treiber sind Landnutzungsänderungen, wie sie für die Landwirtschaft, die Gewinnung von Rohstoffen oder für den Bau von Infrastrukturmaßnahmen umgesetzt werden. Ein weiterer Treiber ist der Klimawandel, der Organismen direkt trifft oder durch den Lebensräume vernichtet werden. Aber auch der Eintrag von Umweltgiften und die direkte Verfolgung in Form von Überjagung, nicht nachhaltigem Holzeinschlag oder Überfischung, vernichten Arten und Lebensräume weltweit. Ein Treiber, der hauptsächlich auf Inseln oder inselartig vorkommende Arten wirkt, sind invasive Arten, die solche kleinen Populationen rasch vernichten können, weil diese schneller verschwinden, als sie sich an einen neuen Fressfeind oder Konkurrenten anpassen können.

3 Einfluss der Bau- und Immobilienwirtschaft auf die Biodiversität

3.1 Biodiversitätsaspekte in den Bewertungssystemen von DGNB, LEED und BREEAM

Bewertungssysteme zur Ermittlung und Sicherung von Nachhaltigkeit im Bauwesen sind in den letzten Jahren stark in den Fokus gerückt. Sie sollen Bauvorhaben ebenso wie Bestandsgebäude unter ökologischen, ökonomischen und soziokulturellen Gesichtspunkten transparent und nachvollziehbar machen, Leistungsprozesse optimierbar gestalten und damit zum Klimaschutz sowie zur Erhaltung von Ökosystemdienstleistungen beitragen.

Das DGNB-System (Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen), Leadership in Energy and Environmental Design (LEED) und Building Research Establishment Environmental Assessment Method (BREEAM) sind die international am weitesten verbreiteten Zertifizierungssysteme für die Nachhaltigkeitsbewertung von Bauwerken. Allen drei Systemen ist gemein, dass jeweils der aktuelle Zustand in Bezug auf Biodiversität bewertet wird und Maßnahmen zum Erhalt oder zur Erhöhung von Biodiversität am jeweiligen Standort positiv angerechnet werden. Bei den Vorgaben zur Herleitung und Gewichtung der Maßnahmen unterscheiden sich DGNB, LEED und BREEAM.

3.2 Gesetzlicher Rahmen

Im Bundesnaturschutzgesetz ist der Schutz von Natur und Landschaft unter anderem mit dem Ziel geregelt, die biologische ­Vielfalt auf Dauer zu sichern. Demnach sind vermeidbare Beeinträchtigungen von Natur und Landschaft zu unterlassen, unvermeidbare Beeinträchtigungen sind durch geeignete Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen zu kompensieren. Auch im Baugesetzbuch, im Gesetz über die Umweltverträglichkeitsprüfung und im Raumordnungsgesetz ist die Berücksichtigung der biologischen Vielfalt ein Prüfkriterium.

Das Gesetz über die Umweltverträglichkeitsprüfung und das Raumordnungsgesetz greifen nur bei bestimmten Bauvorhaben. Das Bundesnaturschutzgesetz und das Baugesetzbuch sind hingegen regelmäßig bei Bauvorhaben beziehungsweise bei der Aufstellung von Bebauungsplänen zu berücksichtigen, zum Beispiel im Hinblick auf die Eingriffsregelung, den Artenschutz und die Vorgaben zu Schutzgebieten.

Im Siedlungsbereich erfolgt die Berücksichtigung naturschutzrechtlicher Belange in der Regel bereits auf Ebene der Bauleitplanung. Das bedeutet, dass bei der Aufstellung von Bebauungsplänen durch die Gemeinde die relevanten naturschutzrechtlichen Anforderungen geprüft und rechtsverbindlich festgesetzt werden. Diese Festsetzungen, etwa zur Gestaltung von Grünflächen, zum Erhalt von Vegetation oder zum Schutz von streng geschützten Tierarten, sind bei der konkreten Planung und Umsetzung von Bauvorhaben zwingend zu berücksichtigen.

3.3 Sachstandsanalyse als Basis für ein Unternehmensleitbild Biodiversität

Als Bau- und Dienstleistungsunternehmen nimmt auch GOLDBECK direkten Einfluss auf die Biodiversität. Vor diesem Hintergrund wurde die Freiraumgestaltung in die Projektplanung integriert. Aktuell erfolgt eine vertiefte Auseinandersetzung mit den ökologischen Auswirkungen entlang der gesamten Wertschöpfungs- und Lieferkette: In Kooperation mit der Wissenschaftlerin Frauke Fischer werden die Abhängigkeiten zwischen Bauprozessen und Biodiversität systematisch analysiert und evidenzbasierte Maßnahmen abgeleitet.

Erste Analyseergebnisse liefern wichtige Erkenntnisse: Während die Flächenversiegelung weiterhin eine zentrale Herausforderung darstellt, wurde etwa der Baustoff Beton im Hinblick auf seine ökologischen Auswirkungen unter spezifischen regionalen Bedingungen positiv bewertet, insbesondere aufgrund der guten Verfügbarkeit in Deutschland sowie der Möglichkeit zur Biotopentwicklung in ehemaligen Sand- und Kiesgruben.

Diese Erkenntnisse fließen sowohl in die Weiterentwicklung ­unternehmensinterner Nachhaltigkeitsleitlinien als auch in die ­strategische Lieferantenbewertung ein. Zudem wird derzeit ein Unternehmensleitbild Biodiversität entwickelt, das zukünftig als Grundlage für strategische und operative Entscheidungen dienen soll.

Auch für externe Kundenprojekte werden Biodiversitätskonzepte erarbeitet, die weit über die Anlage von Wildblumenwiesen hinausreichen. Im Rahmen kommunaler Bebauungsplanverfahren wird der Schutz der Natur häufig durch kompensatorische Maßnahmen sichergestellt. Die ambitionierten Nachhaltigkeitsziele des Unternehmens gehen aber über die Erfüllung der rechtlichen Vorgaben hinaus. So strebt es in seinen Kundenprojekten eine explizit biodiversitätspositive Wirkung an. Ziel ist es, die jeweiligen Standortbedingungen nach Abschluss eines Bauprojekts ökologisch aufgewertet zu hinterlassen. Die Grundlage bildet eine detaillierte Analyse schützenswerter Strukturen im jeweiligen Planungsraum. Darauf aufbauend wird mithilfe des sogenannten Modulkatalogs Biodiversität ein strukturierter Planungs- und Bauablauf initiiert. Dieser Katalog dient als Werkzeug zur Integration biodiversitätsfördernder Elemente in die Projektplanung.

Mit der Förderung der biologischen Vielfalt an den eigenen Firmenstandorten, wie in Bild 1 zu sehen, der sorgfältigen Auswahl von Lieferanten und der Integration von Biodiversitätsaspekten in den gesamten Lebenszyklus der realisierten Kundenprojekte will das Unternehmen einem eigens gesteckten Ziel Schritt für Schritt näherkommen: Ab den 2030er-Jahren will GOLDBECK naturpositiv bauen und Gebäude als CO₂-Senken, als Energiekraftwerke, als Materialbanken und als Orte mit deutlichem Biodiversitätsgewinn realisieren. Welche Rolle dabei der Biodiversitätsflächenfaktor spielt, wird nachfolgend erörtert.

4 Entwicklung des Biodiversitätsflächenfaktors: Biodiversität messbar machen

4.1 Zielsetzung und methodische Grundlagen

Das primäre Ziel war die Entwicklung eines Messinstruments, um die Auswirkungen von Bauprozessen – insbesondere von Gebäudeneubauten – auf die Biodiversität am Mikrostandort messbar zu machen. Eine zentrale Anforderung an das Instrument bestand in seiner Praxistauglichkeit und Nutzerfreundlichkeit. Zudem sollten die Bewertungskriterien nachvollziehbar und methodisch fundiert sein, um eine breite Akzeptanz in Planungs- und Bewertungsprozessen zu ermöglichen.

Im Rahmen der Entwicklung wurde eine umfassende Recherche bestehender Methoden zur Bewertung von Biodiversität und ökologischer Qualität durchgeführt. Zwar existieren zahlreiche Ansätze, die Teilaspekte adressieren, doch konnte keine Methode identifiziert werden, die den spezifischen Anforderungen an ein praxisnahes Werkzeug zur Quantifizierung von Biodiversität auf Freiflächen im Kontext des Bauens gerecht wird. Vor diesem Hintergrund wurden geeignete Elemente aus vorhandenen Bewertungsmodellen zusammengeführt. Hierzu zählt unter anderem der Biotopflächenfaktor aus der Bauleitplanung, der als ökologische Planungskennzahl dient. Ebenso wurden Indikatoren aus der Systematik der DGNB zur Bewertung biodiversitätsfördernder Flächen berücksichtigt.

Das Ergebnis dieser methodischen Integration ist der sogenannte Biodiversitätsflächenfaktor (BFF). Dieser vereint qualitative, quantitative und diversitätsbezogene Aspekte von Freianlagen in einem Excel-basierten Tool. Die Bewertung erfolgt über eine prozentuale Ergebnisausgabe, die sowohl den Umfang als auch die ökologische Qualität der Flächen abbildet.

Zur Validierung der Methodik wurde der BFF durch externe Expertise geprüft. In enger Zusammenarbeit mit der Agentur auf! und Frauke Fischer erfolgte eine fachliche Evaluation und Weiterentwicklung, bei der unter anderem eine zusätzliche Kenngröße zur Sicherung des langfristigen Erhalts der ökologischen Freianlagen ergänzt wurde. So konnte ein Instrument geschaffen werden, das Planenden eine fundierte, transparente und praxisorientierte Bewertung der Biodiversität im urbanen Raum ermöglicht.

4.2 Struktur und Aufbau des Faktors

Der BFF basiert auf drei Kernbereichen, um die ökologisch relevanten Parameter des Untersuchungsraums umfassend abzubilden. Innerhalb dieser Bereiche werden verschiedene Cluster abgefragt, die mit standortspezifischen Daten zu befüllen sind.

Der erste Bereich umfasst die Erfassung von Basisdaten. Hier werden zentrale Grundgrößen der baulichen Nutzung des Grundstücks eingegeben, insbesondere die Gesamtfläche sowie Teilflächen für Gebäude und Verkehrsanlagen, die nach ihrem Versiegelungs- und Begrünungsgrad differenziert werden.

Im zweiten Bereich erfolgt eine Erfassung der Vegetations- und Lebensraumstrukturen auf Grundlage einer Vor-Ort-Erhebung. Dabei werden sowohl die Struktur- als auch die Artenvielfalt der bestehenden Vegetation und Lebensräume dokumentiert. Besonderes Augenmerk liegt auf der Unterscheidung zwischen heimischer, biodiversitätsfördernder Vegetation und naturfernen Elementen wie nichtheimischen oder invasiven Pflanzenarten und Monokulturen. Zusätzlich werden vorhandene Lebensraumstrukturen (z. B. Totholz oder Nistmöglichkeiten) sowie offene Wasserflächen oder naturnahe Wasserführungen mit ökologischem Potenzial berücksichtigt. Diese Kriterien ermöglichen eine fundierte Bewertung der ökologischen Qualität der Freiflächen.

Der dritte Bereich widmet sich dem Planungs- und Entwicklungsmanagement. Hier werden qualitative Aspekte bewertet, indem unter anderem Anforderungen zur dauerhaften Unterhaltung der ökologisch wirksamen Strukturen, die Einbindung fachkundiger Personen zur Datenerhebung sowie das Vorhandensein übergeordneter Biodiversitätsstrategien oder -ziele in der Planung abgefragt werden.

Die eingegebenen Daten aus allen drei Bereichen werden abschließend aggregiert, normiert und mit Gewichtungsfaktoren versehen. Diese Gewichtung erfolgt auf Grundlage der ökologischen Relevanz der einzelnen Cluster. Die Vielzahl und Vielfalt an biodiversitätsfördernden Elementen führt zudem zu einer besseren Gesamtbewertung. Das Ergebnis wird als prozentualer Wert ausgewiesen, der eine vergleichende Einordnung der Biodiversitätsleistung einzelner Projekte ermöglicht. Die Formel für den Biodiversitätsflächenfaktor setzt sich wie folgt zusammen:

mit

Ai Teilfläche der jeweiligen Vegetationsform (z. B. Rasen), der Lebensraumstruktur (z. B. Totholzhaufen) oder der baulichen Nutzung (z. B. Verkehrs- und Wegefläche) in m² (Bilder 2, 3, Zeilen 2–25)

BFi Biodiversitätsfaktor zur Gewichtung der jeweiligen Fläche, liegt zwischen 0 für geringwertige Flächen, z. B. durch Gebäude versiegelte Flächen, und 1 für hochwertige Flächen, z. B. wechselfeuchte Biotope (Bilder 2, 3, Spalte Faktor)

MBF Anzahl der biodiversitätsfördernden Maßnahmen, z. B. Dachbegrünung, Nistkasten, naturnahes Gewässer (Bilder 2, 3, fett)

  • Bild 2 Biodiversitätsflächenfaktor vor Baubeginn (Quelle: Goldbeck)
  • Bild 3 Biodiversitätsflächenfaktor Planung (Quelle: Goldbeck)

Bild 2 zeigt den BFF eines Grundstücks vor Baubeginn und Bild 3 den BFF des geplanten Zustands nach Abschluss der Bauarbeiten. Vor Baubeginn war das Grundstück ein Acker (Fläche mit landwirtschaftlicher Nutzung) mit Feldweg (Verkehrs- und Wegeflächen) und wegbegleitender ruderaler Staudenflur (Ruderalfläche, schwach bewachsene Fläche, Brachfläche). Der Acker hat zwar mit 0,2 einen geringen Biodiversitätsfaktor, jedoch gibt es kaum versiegelte Flächen. Daher ergibt sich in Zeile 34 ein Wert von ca. 21 %. Da allerdings nur eine biodiversitätsfördernde Maßnahme vorhanden ist (Ruderalfläche, schwach bewachsene Fläche, Brachfläche), was in o. g. Formel dem Wert MBF entspricht, ergibt sich ein geringer BFF von 2,1 %.

Die Planung des Grundstücks (Bild 3) weist dagegen mit 36,46 % einen höheren BFF auf als der Ausgangszustand. Um die in der Planung vorgesehene versiegelte Fläche für Gebäude und Verkehr auszugleichen, wurden vermehrt hochwertigere Vegetationstypen (z. B. wechselfeuchte Biotope mit Biodiversitätsfaktor 1), Lebensraumstrukturen wie Nisthilfen sowie ein Planungs- und Entwicklungsmanagement in Form einer Biodiversitätsstrategie eingesetzt. Dadurch erhöht sich einerseits die Anzahl der biodiversitätsfördernden Maßnahmen (Zeile 33) auf 12 und andererseits der Wert der Flächen insgesamt (Zeile 34).

Dementsprechend wird für den Zustand vor Baubeginn (Bild 2) der in Zeile 34 ausgewiesene Anteil biodiversitätsfördernder Fläche mit der in Zeile 33 angegebenen Anzahl der Maßnahmen (1) multipliziert und anschließend mit 0,1 gewichtet (). Für die Planung (Bild 3) erfolgt derselbe Rechenschritt, diesmal hingegen mit 12 zu berücksichtigenden biodiversitätsfördernden Maßnahmen.

Der BFF ist nicht nur ein wirkungsvolles Instrument für den Vergleich unterschiedlicher Projekte hinsichtlich ihrer biodiversitätsfördernden Qualität. Durch die getrennte Erfassung des ökologischen Ausgangszustands sowie eines geplanten oder realisierten Zielzustands lassen sich sowohl angestrebte Verbesserungen als auch potenzielle Verschlechterungen der biologischen Vielfalt am Standort systematisch und transparent nachweisen. Diese Gegenüberstellung unterstützt Planungsbeteiligte und Entscheidungsträger dabei, die Wirksamkeit geplanter Maßnahmen zu überprüfen, Zielvorgaben zu operationalisieren und gegebenenfalls steuernd einzugreifen. Der BFF kann somit nicht nur als reines Bewertungsinstrument, sondern auch als strategisches Werkzeug im Rahmen eines biodiversitätssensiblen Planungs- und Bauprozesses verstanden werden.

4.3 Integration in Planungsprozesse

Innerhalb der GOLDBECK-Planungsprozesse etabliert sich die biodiversitätsfördernde Planung zunehmend als integraler Bestandteil der Projektbearbeitung. Diese Entwicklung spiegelt das wachsende Bewusstsein der Belegschaft für die ökologischen Auswirkungen des Bauens sowie die Verantwortung gegenüber dem Erhalt der biologischen Vielfalt wider. Durch die frühzeitige und enge Zusammenarbeit unterschiedlicher Fachdisziplinen wird sichergestellt, dass ökologische Aspekte von Beginn an mitgedacht und systematisch in die Projektkonzeption integriert werden. Ein entscheidender Vorteil liegt in der unternehmensinternen Verankerung entsprechender Fachkompetenzen. So sind qualifizierte Fachkräfte mit landschaftsarchitektonischer und landschaftsplanerischer Expertise innerhalb aller deutschlandweit agierenden GOLDBECK-Regionalgesellschaften vertreten. Diese Expertinnen und Experten ermöglichen eine ortsbezogene, kontextuelle Planung unter Berücksichtigung regionaler Standortbedingungen und naturschutzfachlicher Anforderungen.

Der vorgestellte Biodiversitätsflächenfaktor stellt in diesem Rahmen ein zentrales Instrument zur Zustandsfeststellung dar und dient gleichzeitig der Überprüfung der Planung auf ihre ökologische Wirksamkeit. Ergänzend zum BFF steht den Planenden der Modulkatalog Biodiversität zur Verfügung. Dieser wurde als praxisnahes Nachschlagewerk konzipiert, das eine Vielzahl konkreter Maßnahmen in Form von Modulen zur Förderung der Biodiversität beschreibt. Er fungiert nicht nur als Planungsleitfaden, sondern zugleich als operative Handlungshilfe für die ökologische Freiraumgestaltung.

Der Katalog beinhaltet strukturierte Steckbriefe zu Biodiversitätsmodulen, die sowohl zur Kommunikation gegenüber Auftraggebern als auch zur internen Planung dienen. Neben einer inhaltlichen Beschreibung finden sich darin konkrete Hinweise zu Planungsanforderungen und Pflegeerfordernissen. Diese Fachinformationen unterstützen die Teams in der Konzeption, Beratung, nachhaltigen Umsetzung und Erhaltung biodiversitätsfördernder Maßnahmen.

Ein weiterer zentraler Bestandteil des Modulkatalogs ist die Bereitstellung standardisierter Icons und einer zugehörigen Legendenvorlage, die eine eindeutige und visuell konsistente Verortung der Maßnahmen in Lageplänen ermöglichen. Dies erleichtert nicht nur die planerische Integration, sondern fördert auch die Kommunikation innerhalb der Projektteams sowie gegenüber Behörden und Auftraggebern.

Abgerundet wird das Werkzeug durch ein integriertes Kalkulationstool, das eine monetäre Bewertung der eingesetzten Biodiversitätsmodule erlaubt. Auf Basis von Mengen- und Massenermittlungen liefert es eine belastbare Grundlage. Damit wird die Umsetzung biodiversitätsfördernder Maßnahmen sowohl fachlich als auch wirtschaftlich nachvollziehbar gestaltet.

4.4 Anwendungsfälle

Der BFF findet derzeit Anwendung in der Analyse und Bewertung unternehmenseigener Büro- und Produktionsstandorte im deutschen wie auch europäischen Raum. Sowohl bestehende Flächen als auch Standorte mit geplanter Weiterentwicklung werden systematisch untersucht, um den Ist-Zustand zu dokumentieren, ökologische Potenziale zu identifizieren, Maßnahmen gezielt abzuleiten und die Auswirkungen baulicher Veränderungen auf die Biodiversität zu dokumentieren. Dieses Vorgehen ermöglicht es, Biodiversitätsaspekte in strategische Standortentscheidungen einzubinden und im Sinne einer vorausschauenden Nachhaltigkeitsstrategie zu steuern.

Ein exemplarischer Anwendungsfall ist der Neubau eines Bürogebäudes am GOLDBECK-Standort Bielefeld. Hier war die Ausgangslage durch eine abgängige Lagerhalle und großflächig versiegelte Außenlagerflächen geprägt. Die Flächen waren rein funktional und teilweise von stattlichen Bestandsbäumen umgeben. Im Zuge der Revitalisierung wurde ein viergeschossiger Büroneubau verwirklicht, wobei gezielt Maßnahmen zur Förderung der Biodiversität in die Planung integriert wurden. Die Bestandsbäume wurden erhalten und in die Freiraumgestaltung eingebunden. Darüber hinaus entstanden weitläufige, artenreiche Wiesenflächen, ergänzt durch strukturreiche Strauchsäume, repräsentative und artenreiche Staudenpflanzungen und die gezielte Schaffung von Lebensräumen in Form von Nist- und Unterschlupfangeboten (Bild 4).

Auch sozial-ökologische Qualitäten fanden Berücksichtigung: Aufenthaltsflächen für Mitarbeitende wurden naturnah gestaltet, wodurch Aufenthaltsqualität und ökologische Funktionalität synergetisch miteinander verbunden wurden (Bild 5). Im Rahmen des Regenwassermanagements wurden Versickerungs- und Verdunstungsflächen geschaffen, um den natürlichen Wasserkreislauf am Standort wiederherzustellen.

Schlussfolgernd können in der Vorher-Nachher-Betrachtung zentrale Verbesserungen dokumentiert und hervorgehoben werden:

  • signifikante Flächenentsiegelung zugunsten naturnaher Gestaltungselemente,
  • Wiederherstellung ökologischer Wasserkreisläufe,
  • bewusste Einbindung und Erhalt ökologisch wertvoller Bestandsstrukturen sowie
  • eine deutliche Zunahme biodiversitätsgewidmeter Flächen.

Der BFF spiegelt diese Entwicklungen deutlich wider: Während der Ausgangszustand mit einem Wert von 47 % bewertet wurde, konnte nach Umsetzung der Maßnahmen ein Endwert von 83,8 % erreicht werden. Dieses Beispiel zeigt, dass durch gezielte Planung und integrative Gestaltung substanzielle Biodiversitätsgewinne im Rahmen von Neubauvorhaben realisiert werden können.

Ergänzend wurde der Büroneubau nach dem System der DGNB zertifiziert. Die Außenanlagen erhielten die Auszeichnung „Biodiversitätsfördernde Außenanlagen – Platin“ und dokumentieren damit die hohe Qualität der naturnahen Freiraumgestaltung und die planerische Integration ökologischer Kriterien.

4.5 Chancen und Grenzen

Die biodiversitätsfördernde Freiraumplanung bietet erhebliche Potenziale für eine nachhaltige Entwicklung von Bauprojekten, stößt jedoch auch auf bestimmte planerische und standortbezogene Grenzen. Ihr zentrales Ziel besteht darin, durch gezielte gestalterische Maßnahmen eine nachweisliche Verbesserung der örtlichen Biodiversität zu erreichen. Diese Zielsetzung kann durch den BFF konkret quantifiziert und durch den Modulkatalog in die praktische Planung überführt werden. Damit wird es möglich, Biodiversitätsförderung nicht nur qualitativ zu adressieren, sondern messbar, planbar und evaluierbar in den Bauprozess zu integrieren.

Die Chancen einer solchen Herangehensweise sind vielfältig. Zum einen trägt sie unmittelbar zur Erfüllung von ESG-Kriterien und zur Konformität mit der EU-Taxonomie bei. Auch in der DGNB-Zertifizierung wirkt sich eine biodiversitätsfördernde Gestaltung positiv auf die Bewertung aus. Darüber hinaus eröffnet sich durch die Integration entsprechender Maßnahmen der Zugang zu regionalen Fördermitteln, die zunehmend speziell auf die ökologische Aufwertung von Freiflächen ausgerichtet sind. Neben diesen funktionalen Vorteilen ergibt sich auch ein erheblicher Imagegewinn: Ökologisch gestaltete Außenanlagen wirken als sichtbare Visitenkarte eines Gebäudes und können sowohl Kundinnen und Kunden als auch Mitarbeitende positiv ansprechen. Auch wirtschaftlich zeigt sich ein positiver Effekt, da die Pflege- und Unterhaltungskosten naturnaher Anlagen oft deutlich unter denen konventioneller, pflegeintensiver Grünflächen liegen.

Gleichzeitig sind planerische Grenzen zu berücksichtigen, die den Handlungsspielraum einschränken können. Dazu zählen rechtliche und technische Vorgaben wie brandschutztechnische Anforderungen, genehmigungsrechtliche Vorgaben oder standortspezifische Restriktionen im Hinblick auf die Verkehrssicherungspflicht. Hinzu kommt, dass die Gestaltung eines Bauvorhabens grundsätzlich kundenseitig gesteuert wird. Zwar können durch gezielte Beratung und Aufklärung ökologische Belange wirksam eingebracht werden, letztlich sind jedoch auch individuelle Interessen, Budgetvorgaben und Kosten-Nutzen-Abwägungen maßgeblich für die Realisierung von Maßnahmen.

Ein weiterer zentraler Aspekt betrifft die Notwendigkeit einer präzisen, standortangepassten Planung. Nur Maßnahmen, die auf die lokalen naturräumlichen Gegebenheiten abgestimmt sind, können tatsächlich zur Förderung der regionalen Biodiversität beitragen. Dies erfordert ein differenziertes Verständnis der jeweiligen Standortbedingungen, sowohl innerhalb Deutschlands als auch im europäischen Kontext, wo unterschiedliche Naturraumtypen planerisch zu berücksichtigen sind. Daher kann der Modulkatalog lediglich einen planerischen Rahmen auf übergeordneter Ebene bieten. Seine erfolgreiche Anwendung hängt maßgeblich davon ab, dass die Inhalte an die konkreten Gegebenheiten vor Ort angepasst und fachkundig interpretiert werden.

5 Fazit und Ausblick

Der Schutz und die Förderung der Biodiversität stellen eine zentrale Herausforderung und zugleich eine große Chance für eine nachhaltige Entwicklung in der Bau- und Immobilienwirtschaft dar. Biodiversität bildet die Grundlage für zahlreiche Ökosystemleistungen, von denen nicht nur die Umwelt, sondern auch Wirtschaft und Gesellschaft unmittelbar abhängen und profitieren. Der fortschreitende Verlust biologischer Vielfalt erfordert deshalb innovative und umsetzbare Lösungsansätze.

GOLDBECK begegnet dieser Verantwortung mit einem systematischen Ansatz: Mit dem Biodiversitätsflächenfaktor steht ein praxisnahes und wissenschaftlich fundiertes Instrument zur Verfügung, das Biodiversität erstmals messbar, vergleichbar und gezielt steuerbar in Planungs- und Bauprozesse integriert. Die Anwendung in der Praxis zeigt, dass durch integrative und standortangepasste Planung signifikante Verbesserungen der biologischen Vielfalt erzielt werden können, wie das Beispiel eines Büroneubaus in Bielefeld belegt.

Gleichzeitig werden die Chancen und Grenzen einer biodiversitätsfördernden Planung realistisch eingeschätzt: Während ökologische, ökonomische und gesellschaftliche Vorteile klar erkennbar sind, erfordern rechtliche, technische und standortspezifische Rahmenbedingungen eine differenzierte, fachkundige Umsetzung.

Insgesamt zeigt sich, dass Biodiversitätsschutz im Bauwesen nicht nur eine ökologische Notwendigkeit, sondern auch ein strategischer Erfolgsfaktor für Unternehmen ist. Die vorgestellten Instrumente und Ansätze bieten der Branche einen zukunftsweisenden Rahmen, um Bauprojekte naturpositiv und nachhaltig zu gestalten und so einen aktiven Beitrag zum Erhalt unserer Lebensgrundlagen zu leisten.


Autor:innen

Ann-Katrin Beil-Haude
Entwicklungsingenieurin Civil and Environmental Engineering

Johannes Schultze
Entwicklungsingenieur Civil and Environmental Engineering

Michael Ruland
Abteilungsleiter Civil and Environmental Engineering

Sinah Engel
Communications Manager Sustainability

GOLDBECK
www.goldbeck.de

Dr. Frauke Fischer
Agentur auf!
www.agentur-auf.de

Jobs

ähnliche Beiträge

Bestandsentwicklung oder Neubau 

Tool zur lebenszyklusorientierten Entscheidungsgrundlage für die frühe Phase der Projektentwicklung und das Bauen im Bestand.

Klimaresiliente Städte planen 

Wassersensible Siedlungsentwicklung, Schwammstadt, Stadtökologie, Blau-grüne Infrastruktur, Klimaangepasste Stadtentwicklung.

Hanfbastfasern in klinkerarmen Betonen 

Ökologische Ansätze für Konstruktionsbaustoffe der Zukunft: das Forschungsprojekt BasEcocCrete.