Ich bau ’ne Stadt für dich – auf einem großen Schwamm

Tiefgründiges ­Bauprojekt

„Wo find ich Halt? Wo find ich Schutz?“, singt Adel Tawil [1] in seinem Song über die Stadt. „Das Klima wird milder“, heißt es dort. Eine Zeile, die heute bittere Ironie birgt. Denn ja, das Klima wird milder. Und genau das ist das Problem. Mildere Winter, heftigere Stürme, extremere Regenfälle. Der „Himmel aus Blei“ ist keine Metapher mehr, sondern eher eine Wetterwarnung.

Während Tawil noch von einer Stadt „aus Glas und Gold und Stein“ träumt, brauchen wir dringend Städte, die etwas viel Wichtigeres können als glänzen: überleben. Ich bau ’ne Stadt für dich – auf einem großen Schwamm.

Januar 2024. Die Bilder gingen durch alle Medien. Niedersachsen versinkt im Hochwasser. Straßen werden zu Flüssen, Felder zu Seen, Keller laufen voll. Die Feuerwehr pumpt rund um die Uhr. Versicherungen rechnen Millionenschäden zusammen. Doch mittendrin befindet sich eine kleine Siedlung in Harsefeld, die einfach trocken bleibt. Nicht trotz des Regens, sondern dank ihres Konzepts [2].

Die SmartCity Harsefeld ist das Gegenteil von dem, was wir jahrzehntelang gebaut haben. Keine versiegelte Betonwüste, die das Wasser möglichst schnell in überforderte Kanalisationen presst, sondern ein Schwamm, oder anders gesagt, ein lebendiges System, das Wasser aufnimmt, speichert und kontrolliert wieder abgibt. Genau dann, wenn die Natur es braucht.

In Folge 5 meines Podcasts Tiefgründig berichtete mir Timon Pott, Geschäftsführer von HanseGrand, von diesem zukunftsweisenden Projekt. Seine Begeisterung für das Konzept der Schwammstadt ist ansteckend: „Man muss eigentlich an Ort und Stelle das Wasser aufnehmen und wieder abgeben. Und da ist, glaube ich, das Thema Entsiegelung von Städten eines der Top-Themen.“

Das klingt zunächst einfach. Ist es aber nicht. Der Baugrund in Harsefeld, ein Geestboden, war alles andere als ideal, da er kaum wasserdurchlässig ist. Fachleute hielten das Projekt daher für kaum machbar. Doch statt aufzugeben, entwickelten die Beteiligten ein raffiniertes Mehrschichtsystem. Die Straßenoberflächen sind nutzungsbezogen geteilt. Auf einer Seite liegen CO₂-einsparende Pflastersteine mit wasserdurchlässigen Fugen, auf der anderen Seite Klimabaustoffe, die stark wasserdurchlässig sind (vgl. Bild 1). Was auf den Pflastersteinen nicht versickern kann, läuft zur durchlässigen Seite und verschwindet dort sofort nach unten. So bleiben Wege und Straßen selbst bei Starkregen funktionsfähig. Darunter arbeitet ein ausgeklügeltes Speichersystem: Eine 6 cm hohe, stark wasserdurchlässige Zwischenschicht sorgt für ein ausgewogenes Wassermanagement. Sie liegt auf einer ebenfalls durchlässigen und standfesten Tragschicht. Darunter wiederum folgt eine 30 cm starke Retentionsschicht als Wasserspeicher. Und wenn auch die voll ist? Dann folgt ein unterirdisches Rigolensystem aus regionalen Mineralgemischen. Zuletzt wird das Wasser über ein Rohr zu einem Auffanggraben weitergeleitet, wo es langsam versickert und zur Grundwasserneubildung beiträgt.

Der Test kam schneller als erwartet. Als der extreme Dauerregen Anfang 2024 ganz Niedersachsen unter Wasser setzte, stand die SmartCity trocken. Während in der Nachbarschaft Häuser überflutet wurden, hatte selbst der Auffanggraben in Harsefeld noch Speicherreserven. Die Schwamm-Siedlung hatte ihre Bewährungsprobe bestanden. Und das ist keine romantische Übertreibung. Das ist Ingenieurskunst, die Leben und Eigentum schützt und angesichts zunehmender Wetterextreme immer notwendiger wird.

Der Deutsche Wetterdienst verzeichnet seit Jahren eine Zunahme von Starkregen- und Hochwasserereignissen. Was früher als Jahrhunderthochwasser galt, erleben wir mittlerweile alle paar Jahre, Tendenz steigend. Konventionelle Städte reagieren auf die Wetterextreme meist mit noch größeren Kanalisationen, noch höheren Deichen, noch mehr Betoninfrastruktur. „Es muss doch auch anders gehn, so geht das nicht weiter“, heißt es im Song. Und ja, es geht anders. In einer Schwammstadt wird das Wasser dorthin geleitet, wo es hingehört. Es fließt in den Boden, zu den Bäumen und schließlich ins Grundwasser. Gegenüber konventionellen Asphalt- und Betonbauweisen lassen sich darüber hinaus auch noch 60 bis 85 % an CO₂-Emissionen einsparen.

„Wenn die Arbeit vorbei ist, ist das Getane nicht mehr sichtbar“, erklärt Timon Pott im Podcast. Genau deshalb ist es so wichtig, über Projekte wie die SmartCity Harsefeld zu berichten. Sie beweisen, dass Nachhaltigkeit im Tiefbau kein Neuland ist. Städte wie Kopenhagen machen es vor und haben das Schwammstadt-Prinzip nahezu perfektioniert. Was fehlt, ist oft nur der Mut zur Umsetzung.

Andreas Viebrock von der Viebrockhaus AG hatte diesen Mut. Er wollte keine gewöhnliche Siedlung bauen, sondern ein Reallabor für die Stadt der Zukunft. Mit 18 Häusern, resilient, individuell gestaltet, entsiegelt bis zu den Terrassen und einem durchdachten Wassermanagement, das funktioniert.

Jetzt liegt es an uns, dieses Konzept zur Norm zu machen, denn der Klimawandel wartet nicht, bis wir bereit sind. Das nächste Starkregenereignis kommt bestimmt und dann stellt sich Tawils Frage neu: Wo finden wir Halt? Wo finden wir Schutz? Die Antwort liegt buchstäblich unter unseren Füßen. Auf einem Fundament, das atmet. Auf einem Schwamm, der trägt. Auf einer Infrastruktur, die mit der Natur arbeitet, statt gegen sie.

Hören Sie Folge 5 meines Podcasts Tiefgründig mit Timon Pott von HanseGrand – die Episode verändert definitiv den Blick nach unten!


Literatur

  1. Steen, C. und Tawil, A. (2009) „Stadt“. Text: Kospach, H. In Darum leben wir [Album]. UMG.
  2. HanseGrand Klimabaustoffe (2024) Klimabaustoffe trotzen Dauerregen in der Smartcity. Projektreport. Selsingen: Hanse­Grand. https://hansegrand.eu/wp-content/uploads/Projekt­report-Smartcity.pdf

Autor:in

Isabelle Armani, podcast@tiefgruendig.com
Podcasterin, Brandenburg an der Havel
www.tiefgruendig.com

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