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Das Prinzip 22·26, wie es Sebastian Nödl beschreibt, ist ein Entwurfsansatz, bei dem hoher Raumkomfort ohne konventionelle Heizungs‑, Kühlungs‑ oder Lüftungsanlagen erreicht wird. Grundlage ist eine robuste Gebäudestruktur mit sehr gut gedämmter Hülle und hoher thermischer Speichermasse, die Temperaturspitzen von außen abmildert und das Innenraumklima weitgehend stabil hält. Der angestrebte Komfortbereich liegt überwiegend zwischen 22 und 26 °C, wobei adaptive Komfortgrenzen berücksichtigt werden. Raumgeometrie, Tageslichtführung und ein ausgewogenes Verhältnis von Wand‑ zu Fensterflächen tragen zusätzlich dazu bei, den Energiebedarf zu reduzieren und Licht tief ins Gebäude zu bringen. Im Winter nutzen die Häuser interne Wärmequellen wie Menschen, Geräte und Beleuchtung; Speichermassen sorgen dafür, dass Temperaturen nur langsam abfallen und sich nach Abwesenheiten selbst stabilisieren.
Eine softwarebasierte Minimalsteuerung ergänzt den passiven Entwurf: Sensoren erfassen in jeder Zone Temperatur, CO₂‑Werte und Luftfeuchte, eine Wetterstation die Außenbedingungen. Die Regelung öffnet oder schließt motorisierte Lüftungsklappen automatisch, um Luftqualität und Komfort zu sichern; manuelle Eingriffe der Nutzer:innen sind zeitlich begrenzt möglich. Gleichzeitig setzt der Ansatz auf langlebige, natürliche und recyclingfähige Materialien wie Ziegel, Beton, Holz oder Kalkputz, die sowohl klimatisch wirken als auch den Wartungsaufwand reduzieren, da auf komplexe technische Systeme weitgehend verzichtet wird.
Mehrere Projekte dienen als Nachweis der Skalierbarkeit: Emmenweid zeigt das Prinzip in einem Bürogebäude mit starkem Mauerwerk und geringem Glasanteil; JED Schlieren überträgt es in größere Dimensionen und erreicht bereits heute Berechnungswerte, die den Schweizer Klimazielen für 2050 entsprechen. Mit dem ONO‑Projekt in Amsterdam wird das Konzept erstmals in einem biobasierten Massivholzbau außerhalb des DACH‑Raums angewendet und um Elemente wie gestampfte Erde zur Erhöhung der Speichermasse erweitert.

Insgesamt versteht sich 22·26 nicht als Technikstatement, sondern als Haltung: Architektur, Materialität und eine minimal notwendige Steuerungslogik erzeugen ein resilient funktionierendes Gebäude, das mit weniger Komplexität, geringeren Betriebskosten und hoher Zukunftsfähigkeit auf klimatische Veränderungen reagiert.
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