R-Beton 100 %: nachhaltiger Spezialtiefbau in der Praxis

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Beton aus vollständig rezyklierter Gesteinskörnung ist eine ­ressourcenschonende Alternative zum konventionellen Beton. Die PST Spezialtiefbau Süd GmbH hat dafür den Preis des Bayerischen Ideenwettbewerbs für Recyclingbaustoffe erhalten.

Die Bauwirtschaft trägt in Deutschland einen erheblichen Anteil am Ressourcenverbrauch und Abfallaufkommen – und steht damit zunehmend unter dem Druck, nachhaltige Lösungen umzusetzen. Mit dem R-Beton 100 % hat die PST Spezialtiefbau Süd GmbH einen Ansatz erprobt und weiterentwickelt, der zeigt: Ressourcenschonung und technische Leistungsfähigkeit schließen sich nicht aus. Dafür wurde das Unternehmen 2024 mit dem Preis des Bayerischen Ideenwettbewerbs für Recyclingbaustoffe ausgezeichnet. Auslober des Preises ist das Bayerische Staatsministerium für Umwelt und Verbraucherschutz, Kooperationspartner sind das Bayerische Staatsministerium für Wohnen, Bau und Verkehr und das Ressourceneffizienz-Zentrum Bayern.

Warum R-Beton?

Beton ist aufgrund seiner mechanischen Eigenschaften ein unverzichtbarer Baustoff. Doch seine Herstellung belastet Umwelt und Klima: Zum einen durch den Einsatz natürlicher Gesteinskörnung wie Sand und Kies, zum anderen durch die energieintensive Zementproduktion. Rezyklierte Gesteinskörnung – gewonnen aus aufbereitetem Abbruchmaterial – bietet hier eine Alternative. Allerdings erlaubt die deutsche Norm (DIN 10452) bislang nur begrenzte Anteile: maximal 45 %. PST geht einen Schritt weiter: Mit dem sogenannten R-Beton 100 % wurde ein Material entwickelt, das vollständig auf rezyklierte Gesteinskörnung setzt. Die verwendeten Typen 1 und 2 unterscheiden sich in Zusammensetzung und Reinheitsgrad und müssen strenge Anforderungen hinsichtlich Korngröße, Dichte, Frostbeständigkeit und Schadstofffreiheit erfüllen. Produziert wird die Gesteinskörnung in modernen stationären oder mobilen Anlagen – sortiert, gesiebt, gebrochen und gereinigt.

Testreihe als Türöffner

Im Jahr 2021 wurde in München ein erster Großversuch gestartet: Gemeinsam mit Ettengruber Abbruch und Tiefbau führte PST eine Feldtestreihe durch, bei der Bohrpfähle mit Expositionsklassen C25/30 und C30/37 aus R-Beton 100 % hergestellt wurden. Eingesetzt wurden sowohl das Kelly- als auch das Doppelkopf-Bohrverfahren. Dabei zeigte sich: Der Frischbeton ließ sich gut verarbeiten, das Einbringen der Bewehrung verlief störungsfrei. Die ausgebauten Bohrkerne wiesen eine homogene Gefügestruktur auf. Auch die geforderte 28-Tage-Druckfestigkeit wurde sicher erreicht. Der Versuch belegte, dass 100 % rezyklierte Gesteinskörnung nicht nur möglich, sondern leistungsfähig ist.

Vom Versuch zum Projekt: die Baustelle Levelingstraße

Im Anschluss wurde R-Beton 100 % erstmals großflächig eingesetzt: auf einer 7.300 m2 großen Baugrube in München-Giesing. Die 11 m tiefe Grube wurde mit einer überschnittenen Bohrpfahlwand gesichert. Insgesamt verarbeitete das Team rund 5.000 m3 R-Beton 100 %. Das Projekt wurde gemeinsam mit der Hochschule München geplant und wissenschaftlich begleitet. Ursprünglich war vorgesehen, das Abbruchmaterial direkt auf der Baustelle aufzubereiten. Da ein Teil der Bestandsgebäude asbestbelastet war und die Bewehrung sehr dicht lag, reichte das Materialvolumen nicht aus – stattdessen verwendete das Team rezyklierte Gesteinskörnung aus der nahegelegenen Anlage von Ettengruber.

Die Rezeptur für den Beton wurde spezifisch für das Projekt entwickelt. Neben der Gesteinskörnung kam ein CO₂-reduzierter Zement zum Einsatz, bei dem Klinker durch Hüttensand und Kalksteinmehl ersetzt wurde. Der Beton wurde auf der Baustelle selbst gemischt – in einer mobilen Anlage, die exakt nach Bedarf produziert und das Material über bis zu 170 m lange Leitungen zu den Bohrgeräten pumpte. Der Vorteil: keine Betonmischer-Staus, keine Wartezeiten auf Lieferbeton, hohe Bohrleistung.

Genehmigung und Normabweichung

Da R-Beton 100 % nicht der DIN-Norm entspricht, war eine Zustimmung im Einzelfall erforderlich. Diese wurde vom Bayerischen Staatsministerium für Wohnen, Bau und Verkehr erteilt – auf Basis von Prüfserien, Gutachten und einer engen Abstimmung zwischen Labor, Planung, Behörde und ausführendem Unternehmen. Der Aufwand dafür ist beträchtlich, aber machbar: Entscheidend ist die frühzeitige Einbindung aller Beteiligten. Die ausgeführte Pfahlwand diente als temporärer Verbau – ein typischer Anwendungsfall im Spezialtiefbau, bei dem hohe Belastbarkeit gefordert ist, die langfristige Dauerhaftigkeit jedoch eine untergeordnete Rolle spielt. Dennoch wird das Material im Rahmen einer Masterarbeit derzeit auf seine Eignung für dauerhafte Konstruktionen geprüft. Im Fokus stehen das Langzeitverhalten unter Umweltbelastungen, Karbonatisierung und Frost-Tausalz-Widerstand. Ziel ist es, den Einsatz perspektivisch auch auf tragende oder dauerhaft beanspruchte Bauteile auszuweiten.

Klimavorteile konkret

Begleitend wurde für das Projekt eine Ökobilanz nach DIN EN ISO 14040 erstellt. Dabei zeigte sich: Während die Herstellung der Pfähle nur etwa 9 % der Emissionen verursacht, entfallen rund 90 % auf den Beton selbst. Durch R-Beton 100 % lassen sich diese Emissionen um bis zu 26 % reduzieren – vor allem dank des alternativen Zements, aber auch durch die mobile Mischanlage mit elektrischem Antrieb und durch den Wegfall vieler Lkw-Fahrten. Bei der Gesteinskörnung selbst liegt die CO₂-Einsparung gegenüber gebrochenem Primärmaterial bei bis zu 66 % (mobil aufbereitet) bzw. 50 % (stationär).

Chancen und Grenzen

Der Beitrag von R-Beton 100 % zum Klimaschutz ist signifikant. Auch logistisch überzeugt das Konzept: Die Produktion vor Ort erhöht die Flexibilität, reduziert Wartezeiten und verbessert die Baustellenlogistik – ein nicht zu unterschätzender Faktor in engen innerstädtischen Lagen. Doch es gibt auch Grenzen: Die Herstellung auf der Baustelle erfordert Platz, Lagerflächen und eine präzise Planung. Der zusätzliche Aufwand für die Genehmigung im Einzelfall ist hoch und mit zeitlichen sowie finanziellen Ressourcen verbunden. Spontane Einsätze sind deshalb nicht möglich; der Einsatz muss frühzeitig geplant und abgestimmt werden.

Fazit: R-Beton als Baustein der Transformation

R-Beton 100 % zeigt, wie die Kreislaufwirtschaft im Bauwesen konkret umgesetzt werden kann. Die Kombination aus technischem Know-how, wissenschaftlicher Begleitung und unternehmerischem Mut hat zu einem Baustoff geführt, der Primärressourcen schont, CO₂ einspart und funktional überzeugt. Mit dem Projekt in München ist der Beweis erbracht, dass nachhaltiger Spezialtiefbau machbar ist – wenn alle Beteiligten an einem Strang ziehen. Jetzt gilt es, die regulatorischen Hürden abzubauen und das Potenzial von R-Beton 100 % auch in dauerhaft beanspruchten Anwendungen zu erschließen. PST plant, den Baustoff in weiteren Projekten einzusetzen und die Rezeptur sowie Genehmigungsprozesse kontinuierlich weiterzuentwickeln.


Lena Näßl, M.Eng., und Martin Bogner, Dipl-Ing. (FH)

PST Spezialtiefbau Süd GmbH, Augsburg

ww.pst-sued.de

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