Wie wäre es, wenn alle Produkte zirkulär sind?

Lars Baumgürtel
Lars Baumgürtel

Über die erfolgreiche Transformation hin zu einer klimaneutralen Wirtschaft entscheidet nicht das Unternehmen im Sinne einer Organisationseinheit, sondern maßgeblich das Produktportfolio, das ein Unternehmen herstellt. Denn nur wenn Produkte von Grund auf zirkulär gestaltet sind, lassen sich Abfall, CO₂-Emissionen und Ressourcenverluste dauerhaft vermeiden. Nur so kann eine klimaneutrale Kreislaufwirtschaft erreicht werden. Deswegen ist es richtig, die Entwicklung wirklich nachhaltiger Produkte in den Vordergrund zu stellen – so wie es die bereits geltende Richtlinie für Ökodesign von Produkten der EU (EU-ESPR) vorschreibt.

1 It’s all about the product, stupid!

Unser lineares Wirtschaftsmodell verursacht enorme Umweltkosten: Es verbraucht Ressourcen, verschärft Rohstoffknappheit und verteuert Materialien. Kurzlebige, nicht kreislauffähige Produkte enden als Abfall und verursachen Emissionen sowie Umweltverschmutzung. Eine lineare Wirtschaft können wir uns nicht länger leisten. Unsere Zukunft muss zirkulär sein.

Wenn wir eine zirkuläre Wirtschaft erreichen wollen, müssen wir dort ansetzen, wo Wertschöpfung konkret wird: beim Produkt. Nicht Strategien, nicht Selbstverpflichtungen und auch nicht Unternehmensleitbilder entscheiden über Umweltwirkungen, sondern das, was am Ende produziert, verkauft und genutzt wird. Produkte materialisieren wirtschaftliche Entscheidungen. Sie legen fest, welche Rohstoffe entnommen werden, wie lange sie im Umlauf bleiben und ob sie am Ende weiterverwendet oder zu Abfall werden.

Deshalb ist der Blick auf das Produkt entscheidend: Der ökologische Fußabdruck eines Unternehmens zeigt sich unmittelbar in dem, was es auf den Markt bringt. Unternehmen existieren, um Produkte abzusetzen. Darin liegt ihre Verantwortung. Ein Produkt, das line­ar konzipiert ist, erzeugt zwangsläufig lineare Effekte: Ressourcenverbrauch, Wertverlust und Abfall. Diese Effekte lassen sich nicht durch flankierende Maßnahmen kompensieren. Eine E-Flotte, Photovoltaikanlagen auf dem Dach, Begrünung des Betriebs­geländes oder optimal isolierte Bürogebäude mögen sinnvoll sein, bleiben jedoch kosmetisch, solange die Produkte selbst nicht rohstoffschonend, rohstoffsichernd und materialgesund sind.

Unternehmensbezogenes Nachhaltigkeitsreporting greift daher zu kurz. Wenn der Großteil der Emissionen in Vorprodukten und im Produktlebenszyklus entsteht, stellt sich die Frage nach dem Mehrwert hochkomplexer und fehleranfälliger Scope-3-Berechnungen auf Unternehmensebene. Die Ökodesignverordnung der EU (ESPR, Ecodesign for Sustainable Products Regulation) weist hier in eine andere Richtung: weg vom abstrakten, dehn- und interpretierbaren Reporting nach den European Sustainability Reporting Standards (ESRS) hin zu konkreten, produktbezogenen Umweltinformationen.

Theorie und Regulierung sind das eine – die Praxis zeigt, wie begrenzt reines „Greening“ wirkt. Selbst mit erheblichem finanziellen und organisatorischen Aufwand lässt sich kein glaubwürdiger ökologischer Fortschritt erzielen, wenn Produkte weiterhin auf kurze Lebensdauer, nicht trennbare Materialmischungen und fehlende Reparierbarkeit ausgelegt sind. Das Produkt lügt nicht. Es offenbart unmissverständlich, ob Nachhaltigkeit Substanz hat oder nur kommuniziert wird.

Ohne zirkuläre ­Produkte bleibt jede Transformation ­unvollständig.

Produkte in zirkulärer Qualität sind daher keine Option, sondern eine Voraussetzung. Sie entscheiden darüber, ob Umweltkosten dauerhaft gesenkt oder lediglich verlagert werden. Erst wenn Produkte so gestaltet sind, dass sie im Kreislauf bleiben können, entsteht die Grundlage für echte Klimaneutralität. Ohne zirkuläre Produkte bleibt jede Transformation unvollständig. Mit ihnen wird sie messbar, wirksam und marktfähig.

2 Vom Anspruch zur Umsetzung: zirkuläres Produktdesign

Das Verständnis von zirkulärer Qualität entscheidet darüber, ob Kreislaufwirtschaft mehr ist als ein gut gemeintes Versprechen. Zirkuläre Qualität bedeutet nicht, ein Produkt etwas effizienter oder „weniger schlecht“ zu machen. Sie bedeutet, dass ein Produkt seinen Zweck erfüllt, ohne dabei Materialwerte zu vernichten, dass es lange genutzt werden kann, reparierbar bleibt und seine Stoffe nach der Nutzung als wertvolle Ressource in den Kreislauf zurückkehren. Nur so lässt sich echte Klimaneutralität erreichen – nicht durch Kompensation, sondern durch die konsequente Vermeidung von Umweltwirkungen über den gesamten Lebenszyklus.

Kein Produkt ist ­perfekt, doch gerade darin liegt großes ­Potenzial. Wer ­Unvollkommenheit als Gestaltungsraum begreift, kann ­Produkte gezielt ­weiterentwickeln,

Aus dieser Logik ergibt sich das Ziel Triple Zero: kein Abfall, keine CO₂-Emissionen, keine Umweltverschmutzung. Dieses Ziel steht am Anfang eines langfristig orientierten Produktentwicklungszyklus. Triple Zero ist kein Zustand, der sich kurzfristig herstellen lässt. Welche Maßnahmen wie schnell umgesetzt werden können, hängt nicht nur vom technologischen Reifegrad des Produkts ab, sondern auch von den Produktentwicklungskompetenzen. Wer seine Produkte funktional weiterentwickelt, der sollte auch ein intrinsisches Interesse daran haben, die Nachhaltigkeitseigenschaften des eigenen Produkts zu optimieren. Entscheidend ist die Ausrichtung der Produktentwicklung – und ein zirkuläres Geschäftsmodell, das Investitionen lenkt, Innovation ermöglicht und langfristige Wirkung entfaltet.

Deshalb beginnt Zirkularität beim Produktdesign. Kein Produkt ist perfekt, doch gerade darin liegt großes Potenzial. Wer Unvollkommenheit als Gestaltungsraum begreift, kann Produkte gezielt weiterentwickeln, ihre Lebensdauer verlängern, Materialwerte sichern und Umweltwirkungen systematisch reduzieren. Zirkularität ist kein Idealzustand, sondern ein kontinuierlicher Verbesserungsprozess, der im Design angelegt wird.

Zirkuläres Produktdesign folgt klaren Prinzipien. Es setzt auf R-Strategien, allerdings nicht in ihrer verkürzten Lesart. Zu oft beschränkt sich der Ansatz auf Refuse und Reduce– auf das Ziel, mit weniger Material auszukommen. Das schafft Effizienz, führt aber nicht automatisch zu zirkulärer Qualität. Mit nicht kreislauffähigen Materialien bleibt man auch dann im linearen System, wenn man sie effizient einsetzt. Entscheidend ist daher die Umsetzung erweiterter R-Strategien in der Produktentwicklung, die den Fokus auf Öko­effektivität legen: Redesign und Replace (Bild 1).

Redesign heißt, Produkte von Grund auf für den Kreislauf zu gestalten – modular, langlebig, reparierbar und so konstruiert, dass Materialien am Ende sortenrein zurückgewonnen werden können. Replace adressiert den gezielten Ersatz von Stoffen, die Zirkularität verhindern: toxische, materialschädigende oder nicht rückholbare Komponenten.

In dieser Logik basiert zirkuläres Produktdesign auf zwei untrennbar verbundenen Elementen: Zirkularität und Materialität. Zirkularität beginnt beim Design (design the loop), verlängert Nutzung durch Reparatur, Aufarbeitung und Wiederverwendung (slow the loop) und schließt Kreisläufe durch hochwertige Wiederverwertung (close the loop). Materialität entscheidet darüber, ob das nachhaltig gelingt: Nur materialgesunde Werkstoffe – frei von PFAS/PFOS, Mikroplastik und anderen problematischen Stoffen – können ihren Wert erhalten oder sogar steigern. Erst dann entsteht ein positiver zirkulärer Restwert (Net Residual Circular Value) und aus Produkten werden Rohstoffspeicher statt Abfall.

Zirkuläre Qualität bedeutet daher, im Produktdesign die Nutzung und das ­Lebensende von ­Anfang an mitzu­denken.

Dabei gilt zu beachten: Zirkuläre Produkte können in der Herstellung zunächst höhere Emissionen aufweisen als lineare Alternativen (Bild 2). Entscheidend ist jedoch ihre Wirkung über den gesamten Lebenszyklus. Viele Produkte zeigen ihre zirkuläre Qualität erst in der Nutzungsphase – durch lange Lebensdauer und eine Wiederverwertung aller im Produkt eingesetzten Rohstoffe in Produkten gleicher Qualität. Zirkuläre Qualität bedeutet daher, im Produktdesign die Nutzung und das Lebensende von Anfang an mitzudenken. Jeder Werkstoff bringt eigene Qualitäten mit; ihre Kombination macht Produkte leistungsfähig und zirkulär zugleich. Zum Beispiel bei Stahl und Zink.

Wie groß der Mehrwert zirkulärer Produkte sein kann, zeigt ein einfaches Beispiel: Der Eiffelturm aus Stahl wird seit seiner Errichtung regelmäßig neu lackiert, um Korrosion zu verhindern – mit hohem Aufwand, hohen Kosten und erheblichen Umweltfolgen (Bild 3). Ein langlebiger, materialgesunder Korrosionsschutz durch Feuerverzinkung hätte den Stahl über Jahrzehnte zuverlässig geschützt und wiederkehrende Beschichtungszyklen überflüssig gemacht. Das schützende Zink hält bis zu 100 Jahre, ist vollständig recyclingfähig und enthält keine schädlichen Stoffe wie Mikroplastik, die in die Umwelt gelangen. Das ist es, worum es beim zirkulären Produktdesign geht: um langlebige, kreislauffähige Materialentscheidungen, die über den gesamten Lebenszyklus hinweg ökologischen und ökonomischen Mehrwert schaffen.

3 Zirkuläres Bauen mit Stahl und Zink

Gerade in der Bauwirtschaft zeigt sich, wie dringend ein Umdenken erforderlich ist. Kaum ein anderer Sektor bindet so viele Ressourcen über so lange Zeiträume. Und kaum ein anderer entscheidet so stark darüber, ob Produkte und Materialien zu Abfall werden oder zu dauerhaften Rohstoffspeichern. Noch immer werden Gebäude geplant, als wären Materialien nach dem Rückbau wertlos. Dabei liegt die Lösung längst vor.

Stahl und Zink bilden hier eine nahezu ideale Kombination. Beide Materialien sind zu 100 % recyclingfähig und für eine Nutzung über Jahrzehnte ausgelegt. Verzinkter Stahl verbindet strukturelle Leistungsfähigkeit mit dauerhaftem Korrosionsschutz, ist materialgesund und frei von problematischen Stoffen. Anstatt regelmäßig erneuert, beschichtet oder ersetzt zu werden, bleiben Bauteile lange im Einsatz und stehen am Ende ihres Lebenszyklus’ wieder als hochwertige Rohstoffe zur Verfügung.

Das ist mehr als eine technische Eigenschaft, es ist ein anderes Denken. Wer mit Stahl und Zink baut, entscheidet sich bewusst gegen Kurzlebigkeit und für Kreislauffähigkeit. Gebäude werden nicht mehr als Endpunkt betrachtet, sondern als temporäre Materiallager. Sie speichern Ressourcen, statt sie zu vernichten. Genau darin liegt der Unterschied zwischen linearer und zirkulärer Bauwirtschaft.

Wenn wir Kreislaufwirtschaft ernst meinen, müssen solche materialbasierten Entscheidungen zur Regel werden, nicht zur Ausnahme. Mehr Stahl und Zink in der Bauwirtschaft bedeutet nicht mehr Materialverbrauch, sondern mehr Werterhalt. Es bedeutet, langlebige, materialgesunde Lösungen zu bevorzugen, die Reparatur, Wiederverwendung und Recycling ermöglichen. Es ist ein konkreter Schritt hin zu zirkulärem Bauen und zeigt, dass Zirkularität kein abstraktes Konzept ist, sondern sich ganz konkret in der Wahl der Materialien entscheidet.

4 Zirkularität verkauft sich (noch) nicht

Zirkuläres Wirtschaften ist notwendig, aber kein Selbstläufer. Produkte in zirkulärer Qualität sind langlebiger, materialgesund und ressourcenschonend. Ihr Mehrwert zeigt sich allerdings meist erst über den gesamten Lebenszyklus hinweg. Auf heutigen Märkten zählt jedoch vor allem der kurzfristige Preis. Solange ökologische Qualität unsichtbar bleibt und Umweltfolgekosten externalisiert werden, haben lineare Produkte einen strukturellen Vorteil. Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob Kreislaufwirtschaft sinnvoll ist, sondern wie sie wettbewerbsfähig wird.

Der Schlüssel liegt in transparenten Daten. Zirkuläre Qualität muss messbar, vergleichbar und überprüfbar sein. Instrumente wie Umweltproduktdeklarationen (EPD) liefern bereits heute belastbare, drittvalidierte Daten zu den Lebenszykluswirkungen von Produkten. Doch erst ihre systematische Weiterentwicklung in digitale zirkuläre Produktpässe (DCPP) hebt diese Transparenz auf ein Marktniveau. DCPP bündeln Informationen zu Materialität, Schadstofffreiheit, Reparierbarkeit, Wiederverwendung und hochwertigem Recycling. Sie schaffen damit eine faktenbasierte Grundlage für Kaufentscheidungen, für Beschaffung, für Kreislaufführung – und für eine neue Bewertung von Produktqualität.

Hier setzt bereits die Ecodesign for Sustainable Products Regulation (ESPR) der EU an. Sie verlagert den Fokus konsequent vom nachgelagerten Recycling auf das vorgelagerte Produktdesign und verankert den digitalen Produktpass als zentrales Element der europäischen Produktpolitik. Die ESPR macht deutlich: Zirkuläre Qualität ist keine freiwillige Zusatzleistung mehr, sondern neuer Maßstab. Produkte sollen so gestaltet sein, dass aus ihnen kein Abfall wird und ihre Materialien dauerhaft im Kreislauf bleiben, weil sie einen Wert haben. Cradle to Cradle ist damit nicht länger Vision, sondern regulatorische Erwartung.

Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob Kreislaufwirtschaft sinnvoll ist, sondern wie sie wettbewerbsfähig wird.

Transparenz und Regulierung allein reichen jedoch nicht aus. Wer kreislauffähige Produkte entwickelt, muss auch die Chance bekommen, sich am Markt zu behaupten. Statt kleinteiliger ordnungspolitischer Eingriffe braucht es marktwirtschaftliche Mechanismen, die zirkuläre Produktqualität fair bewerten. Es liegt in der Verantwortung der Hersteller, durch gutes Produktdesign Emissionen, Abfall und Umweltverschmutzung zu vermeiden. Damit sich diese Verantwortung auch wirtschaftlich lohnt, müssen externalisierte Umweltkosten dorthin zurückgeführt werden, wo sie entstehen: zum Produkt. Das schlechtere Produkt darf nicht länger günstiger sein als die bessere Alternative.

Gerade für die Industrie ist das entscheidend. Denn wenn die Wirtschafts- und Arbeitsmarktpotenziale der Circular Economy genutzt und nachhaltige Wettbewerbsvorteile gegenüber anderen Regionen aufgebaut werden sollen, braucht es klare, verlässliche und investitionsfreundliche Rahmenbedingungen. Qualität, Langlebigkeit und Zirkularität dürfen nicht länger Kostenfaktoren sein, sondern müssen zu strategischen Vorteilen werden. Nur dann kann die Industrie ihre Innovationskraft ausspielen, Wertschöpfung im Land halten und Wachstum vom Ressourcenverbrauch entkoppeln.

Hierfür sind zirkuläre Leitmärkte erforderlich, in denen sich Produkte in zirkulärer Qualität nicht trotz, sondern wegen ihres Anspruchs durchsetzen. Es darf keine Frage von Haltung oder Moral sein, ob sich zirkuläre Produkte verkaufen lassen. Zentrale Voraussetzung für die Wettbewerbsfähigkeit von Produkten in zirkulärer Qualität ist die konsequente Internalisierung von Umweltkosten, sodass ökologische Qualität preislich wirksam wird.

Ein Cap-and-Trade-System mit Zerti­fikatehandel als ­zentralem industrie­politischen Preis­setzungselement kann ein level playing field für ­zirkuläre Produkte schaffen, innerhalb Europas und gegenüber internationalen Wettbewerbern.

Umweltkosten müssen daher Teil der Produktkosten werden: mit einer Produktbepreisung, die Umweltkosten nicht nur transparent macht, sondern auch zwischen Produkten unterschiedlicher Umweltqualität ausgleicht. Ein Cap-and-Trade-System mit Zertifikatehandel als zentralem industriepolitischen Preissetzungselement kann ein level playing field für zirkuläre Produkte schaffen, innerhalb Europas und gegenüber internationalen Wettbewerbern. Dabei würden nicht nur die Umweltauswirkungen Cradle to Gate, also einschließlich der Herstellung beim produzierenden Unternehmen, sondern alle Umweltauswirkungen Cradle to Cradle – über den gesamten Lebenszyklus des Produkts – erfasst und bepreist werden.

Ergänzend sind gezielte Investitionsimpulse erforderlich: Ein Fonds aus den Erlösen des Zertifikatehandels sollte systematisch in zirkuläres Produktdesign, entsprechende Produktionsprozesse und resiliente, zirkuläre Lieferketten reinvestiert werden.

Auch die Nachfrage muss aktiv einbezogen und angereizt werden: Reduzierte Umsatzsteuersätze für Käufer von Produkten in zirkulärer Qualität können die Einsparungen aus vermiedenen externalisierten Kosten abbilden und zirkuläre Produkte für Konsumentinnen und Konsumenten attraktiver machen. In der Kombination aus ESPR, digitalen zirkulären Produktpässen und einer solchen marktwirtschaftlichen Rahmensetzung entsteht ein handlungsfähiger Ordnungsrahmen. Er gibt Unternehmen Planungssicherheit, lenkt Investitionen in Qualität und Innovation und macht die Circular Economy zu einem realen industriepolitischen Erfolgsmodell und Wachstumsmotor für den Wirtschaftsstandort Deutschland.

5 Wie gelingt der Weg zur zirkulären Wirtschaft?

Ausgangspunkt ist der ökologische Nutzen eines Produkts. Er muss messbar, belegbar und zum zentralen Innovationskriterium werden. Digitale zirkuläre Produktpässe machen, aufbauend auf Umweltproduktdeklarationen, Product-Carbon-Disclosure-Systemen oder Cradle-to-Cradle-Bewertungen, sichtbar, wo ein Produkt heute steht und wo es besser werden kann. Von dort beginnt der eigentliche Innovationsprozess: systematisch, iterativ und entlang des gesamten Lebenszyklus.

Zirkuläre Innovation entsteht nicht isoliert, sondern nur im Verbund. Sie erfordert die Zusammenarbeit entlang der gesamten Wertschöpfungskette – upstream wie downstream, mit Materiallieferanten, Produzenten, Kunden sowie Recycling- und Rohstoffmanagementunternehmen. Erst in diesem Zusammenspiel lassen sich Zielkonflikte auflösen, Stoffkreisläufe schließen und Produkte so weiterentwickeln, dass funktionaler und ökologischer Nutzen gemeinsam wachsen.

6 Was uns bremst, ist fehlende Haltung

Kurzfristiges Denken, Bequemlichkeit und die Weigerung, Bewährtes grundlegend infrage zu stellen, verhindern Fortschritt. Zirkularität wird noch zu oft als Einschränkung wahrgenommen, nicht als einer der größten Treiber von Produktinnovationen. Statt Klarheit herrscht Euphemisierung: Abfall wird „thermisch verwertet“, lineare Prozesse als „Recycling“ etikettiert. Hinzu kommt die Angst vor Komplexität, vor Substitution, vor Fehlern und Zielkonflikten – etwa bei der Materialwahl, beim Bauen ohne Beton oder beim Verzicht auf problematische Stoffe. Die Folgen sind bekannt und dennoch folgenreich: Rohstoffvernichtung bei gleichzeitiger Ressourcenknappheit, wachsende Umwelt- und Klimakrisen, Verlust an Biodiversität und ein ökologischer Fußabdruck, der langfristig Wohlstand untergräbt. Kreislaufwirtschaft scheitert nicht an der Machbarkeit, sondern daran, dass wir zu lange gezögert haben, sie wirklich umzusetzen. Die Kosten von Nicht-Handeln werden die Kosten für die Entwicklung zirkulärer Produkte um ein Vielfaches übersteigen. Die Rechnung für die Linearwirtschaft zahlen am Ende wir alle!

Die Kosten von Nicht-Handeln werden die Kosten für die Entwicklung zirkulärer Produkte um ein Vielfaches über­steigen.

7 Die Zeit des Zögerns ist vorbei

Die Frage ist nicht mehr, ob Kreislaufwirtschaft notwendig ist, sondern ob wir bereit sind, sie dort umzusetzen, wo sie wirksam wird. Weiteres Abwarten verlängert ein System, das Abfall, Ressourcenverluste und negative Umweltwirkungen belohnt. Konsequentes Handeln heißt deshalb: Entscheidungen treffen – im Design von Produkten, in der Bewertung von produktbezogenen Umweltauswirkungen und in der Marktordnung zur Produktbepreisung.

Der entscheidende Schritt liegt nun darin, zirkuläre Qualität zur neuen Normalität zu machen. Unternehmen, Politik und Märkte stehen gemeinsam in der Verantwortung, Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen sich Qualität durchsetzt – nicht trotz, sondern wegen ihres Anspruchs. Dann wird aus Kreislaufwirtschaft kein Sonderweg, sondern der neue Standard wirtschaftlichen Handelns.

Wenn wir diesen Schritt jetzt gehen, wird Kreislaufwirtschaft zur neuen Normalität. Und wenn alle Produkte zirkulär wären, gäbe es keinen systemisch unvermeidbaren Abfall mehr: Rohstoffe blieben im Kreislauf, Wertschöpfung wäre vom Ressourcenverbrauch entkoppelt, und Klimaneutralität wäre das Ergebnis guter Produktgestaltung, nicht von Kompensation.


Autor:in

Lars Baumgürtel, info@zinq.com
CEO ZINQ Group, Gelsenkirchen
www.zinq.com/feuerverzinken-pulverbeschichten

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