Das Sichtbare beeinflusst das Denkbare.

Petra Ronzani

Wenn Pantone seine „Colour of the Year“ ausruft, klingt das für mich offen gesagt zunächst nach einer belanglosen Geste aus der Welt des Designs. Eine hübsche Randnotiz für Kreative und Ästheten. Doch Jahr für Jahr entfalten diese Entscheidungen eine erstaunliche Resonanz. 2026 heißt der Ton „Cloud Dancer“ – ein kühles, fast steriles Weiß. Kaum veröffentlicht, entzünden sich daran Diskussionen: Für die einen steht die Farbe für Ruhe und Klarheit, für andere für „Whitewashing“ oder gar „Landlord White“. Plötzlich wird das scheinbar neutrale Weiß zum sozialen Code. Eine kleine Farbprobe bündelt damit Bedeutungen und Projektionen, die weit über Ästhetik hinausreichen.

Die Auseinandersetzung um „Cloud Dancer“ verweist auf etwas Grundsätzlicheres: wie stark visuelle Gestaltungen – Farben, Formen, Räume – mit Vorstellungen von Zugehörigkeit und Ordnung verknüpft sind. Das Sichtbare beeinflusst das Denkbare. Und zwar nicht nur im Sinne des Nachdenkens, sondern entlang der ganzen Kette von Wahrnehmen, Fühlen und Handeln. Was wir täglich sehen, prägt, was wir für normal halten. Fassaden, Grundrisse, Körper im Stadtraum sind keine neutrale Kulisse, sondern geformter Alltag. Sie beeinflussen unmerklich unsere inneren Koordinaten.

Denken wir an eine Stadt, in der Wärmestube und Coworking-Space nebeneinanderliegen. Sie erzeugt ein anderes Gefühl von Wirklichkeit als eine, in der Armut konsequent an den Rand gedrängt wird. Im ersten Fall wird soziale Verwundbarkeit Teil des Alltagsbildes, im zweiten bleibt sie abstrakte Statistik. Pantone liefert davon eine Miniaturfassung: Eine scheinbar kleine Entscheidung setzt Bedeutungen in Umlauf, weil sie übernommen, kopiert und skaliert wird. Was im Farbarchiv beginnt, breitet sich in Innenarchitektur, Mode, Marketing und digitaler Bildsprache aus – und definiert letztlich, was viele als „stimmig“ empfinden.

Architektur ist die Großversion dieses Prinzips. Hier werden nicht nur Farbtöne, sondern ganze Alltagsszenarien entworfen. Wer plant, baut oder beauftragt, entscheidet mit darüber, welcher Anblick für Millionen Menschen Routine wird – und damit auch, welche emotionalen Muster sich einschreiben. Denn Räume prägen Verhalten: Welche Situationen sind vorgesehen, welche ausgeschlossen? Wer kann bleiben, wer nicht? Genau darin liegt eine enorme gesellschaftliche Gestaltungsmacht. Wer Gestaltung als Teil dieser Alltagsroutinen mitdenkt verschiebt das Miteinander leise und wirksam in eine andere Richtung.

Im urbanen Maßstab heißt das: Stadtplanung ist immer auch eine Entscheidung darüber, wer im öffentlichen Raum selbstverständlich vorkommt. Eine Straße mit breiten Gehwegen, Bäumen, Sitzgelegenheiten und Spielmöglichkeiten erzählt ein anderes „Wir“ als eine zweispurige Straße ohne Aufenthaltsqualität. Bänke mit Mittelarmlehnen, die das Liegen verhindern, signalisieren: Hier ist Präsenz erlaubt – aber nur begrenzt. Und für manche offenbar weniger als für andere. Ein Ort, an dem man auch ohne Konsum verweilen darf, steht dagegen für eine andere Vorstellung von Miteinander. Diese scheinbar kleinen Details markieren, wessen Alltag als erwünscht gilt und wessen Dasein nur am Rand vorkommen darf.

Die Forschung zur Umweltpsychologie belegt seit Jahrzehnten, wie stark Räume in Entscheidungen eingreifen. In Gerichtssälen mit harten Materialien und ohne Polster werden tendenziell strengere Urteile gefällt als in wärmeren Umgebungen. Wohnsiedlungen mit Grünflächen verzeichnen weniger Angst und Aggression. Die Anordnung von Buffets oder die Sichtbarkeit von Wasser in Kantinen beeinflussen, was und wie Menschen essen und trinken. Räume modulieren – sie können Stress verringern oder verstärken, Distanz verfestigen oder Begegnung begünstigen. Werden diese Effekte ernst genommen, wandelt sich Raum vom Hintergrund zur aktiven Stellschraube sozialer Erfahrung.

Für Berufsgruppen, die mit Grundrissen, Schnitten und Visualisierungen arbeiten, ist das der Kern ihrer Verantwortung – und es ist ihre Macht. Denn sie beeinflussen, wie wahrscheinlich es ist, dass Menschen einander, zum Beispiel im Büro, begegnen, statt sich auszuweichen. Sie entscheiden mit darüber, welche Orte Gespräche ermöglichen und welche vor allem Durchmarsch organisieren. Kaum ein anderes Berufsfeld wirkt so leise und zugleich so tiefgreifend auf das tägliche Fühlen und Handeln ein. Jede Entwurfsentscheidung schreibt eine Hypothese darüber in den Raum, wie Zusammenleben aussehen kann.

An dieser Stelle lohnt sich ein scheinbar entfernter Blick – es ist der Moment, an dem ich endlich das Essen ins Spiel bringen kann, genauer gesagt: das gemeinsame Essen. Die Forschung spricht von „Commensality“ – dem sozialen Effekt gemeinsamer Mahlzeiten. Menschen, die von denselben Platten essen oder regelmäßig zusammen speisen, kooperieren leichter und entwickeln stärkeres Vertrauen. Teams, die regelmäßig zusammen essen, sind besser abgestimmt und erzielen höhere Gruppenleistungen. Essen ist also nicht nur Versorgung, sondern ein Medium der sozialen Ordnung. Was am Tisch passiert, komprimiert im Kleinen, was Räume auf größerer Skala bewirken: Nähe, Aushandlung, Kontakt.

Kantinen, Pausenräume, Hofküchen sind in diesem Sinn Infrastrukturen für geteilte Aufmerksamkeit. Ihre Gestaltung entscheidet, wer einander beim Essen überhaupt begegnet. Ob eine Baustellenkantine so geplant ist, dass Kolonnen, Planungsteams und vielleicht auch Nachbarschaft sich mischen können, oder ob Bereiche und Pausen strikt getrennt bleiben, ist letztlich eine Haltungsfrage in Grundrissform. Kleine Räume, streng getrennte Zugänge oder hierarchische Speisebereiche stabilisieren Trennung; großzügige, offene Küchen dagegen können Durchlässigkeit erzeugen. Hier wird Haltung sichtbar – ob man soziale Differenzen nur organisatorisch verwaltet oder sie räumlich zu überbrücken sucht.

Demokratisierung im physischen Raum heißt nicht, Unterschiede einzuebnen, sondern Schwellen zu senken. Ist es nicht faszinierend, dass Studien zeigen, dass schon die zufällige Begegnung an einem gemeinsam genutzten Tisch Distanz verringert, ohne dass inhaltliche Übereinstimmung nötig wäre? Solche Räume der durchlässigen Nähe sind keine naive Utopie, sie sind Resultat bewusster Planung.

„Das Sichtbare beeinflusst das Denkbare“ – dieser Gedanke kehrt am Ende anders wieder: Gestaltung ist nie neutral. Sie prägt, wer selbstverständlich dazugehört, wer sich eingeladen oder ausgeschlossen fühlt. Tische, Plätze, Farben, Stadtgrundrisse sind – um es in aller Bescheidenheit auf den Punkt zu bringen – geformte Weltbilder. Und damit sind sie die leisen Hebel dafür, wie wir gemeinsam leben wollen.


Autorin

Petra Ronzani
2. Vorstandsvorsitzende des wir sind dran : verband
für Nachhaltigkeitsmanagement im Bauwesen e.V.
verband@wirsinddran.jetzt
www.wirsinddran.jetzt/verband

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