Warum das Bauwesen zum zentralen Hebel der Transformation wird

Die aktuelle Innovationsanalyse der Bertelsmann Stiftung zur Circular Economy zeigt: das Bauwesen spielt in Deutschland eine herausragende Rolle bei der technologischen Transformation hin zu geschlossenen Stoffkreisläufen. Kein anderer Bereich trägt so stark zur Abfallentstehung, zum Ressourcenverbrauch und zu den CO₂‑Emissionen bei – und gleichzeitig verfügt die Branche über besonders großes Innovations- und Skalierungspotenzial. Die Studie belegt, dass Deutschland im internationalen Vergleich vor allem durch starke Aktivitäten im Bereich des zirkulären Bauens auffällt. Mit rund einem Fünftel aller einschlägigen Patente weltweit gehört dieser Sektor zu den international führenden Innovationsfeldern. Damit wird das Bauwesen zu einem zentralen Treiber der deutschen Circular-Economy-Position.
Die Analyse zeigt eine breite Landschaft von Akteuren entlang der Wertschöpfungskette: Baustoffhersteller, Planungsbüros, Forschungseinrichtungen und spezialisierte Unternehmen arbeiten daran, Sekundärrohstoffe in großer Menge und hoher Qualität zurück in den Kreislauf zu bringen. Besonders dynamisch entwickeln sich Innovationen rund um Recyclingzuschläge, alternative Bindemittel, Urban Mining und digital gestützte Materialpässe. Unternehmen wie Heidelberg Materials oder Construction Research & Technology prägen das Patentgeschehen ebenso wie Universitäten in Dresden, Braunschweig oder München, die bei Forschungsthemen wie dem strukturellen Einsatz von rezyklierten Betonen, der Demontierbarkeit von Gebäuden oder 3D‑Druckverfahren mit Recyclingaggregaten führend sind.
Ein zentrales Ergebnis: Zirkuläres Bauen ist weit mehr als das Schließen einzelner Stoffkreisläufe. Es geht um ein grundlegendes Umdenken in Planung, Materialwahl, Konstruktion und Rückbau. Die Studie stellt heraus, dass besonders große Potenziale im Urban Mining liegen, da Gebäude enorme Mengen gebundener Rohstoffe enthalten, die bisher kaum systematisch zurückgewonnen werden. Gleichzeitig fehlen in vielen Fällen Normen, wirtschaftliche Anreize und technische Standards, um Wiederverwendung und hochwertige Recyclingprozesse zuverlässig zu etablieren. Hier wird deutlich, wie entscheidend politische Rahmensetzung, Standardisierung und die digitale Nachverfolgbarkeit von Materialien werden, um zirkuläre Lösungen in der Fläche zu realisieren.
Im internationalen Wettbewerb zeigt sich, dass Deutschland im Bausektor hervorragend positioniert ist, verliert jedoch – wie in anderen Industriebereichen – etwas an Dynamik. Länder mit stark wachsender Bauwirtschaft und politisch verankerten Kreislaufstrategien investieren zunehmend in alternative Bindemittel, emissionsarme Zemente, selbstheilende Werkstoffe oder materialeffiziente Konstruktionen. In Deutschland hingegen basiert ein Teil der Innovationskraft auf historisch gewachsenen Strukturen und ist deshalb stärker inkrementell als disruptiv.
Die Studie empfiehlt daher eine deutliche Stärkung der Innovationspolitik im Bauwesen. Dazu gehören verbindliche Anforderungen an Rezyklatquoten, die Weiterentwicklung von Normen, die Harmonisierung europäischer Standards, digitale Produktpässe für Bauprodukte, der Ausbau von Forschungsclustern sowie eine öffentliche Beschaffung, die systematisch zirkuläre Lösungen bevorzugt. Angesichts der hohen Bedeutung des Bausektors für Ressourcenverbrauch und Klimaschutz bietet der Bereich die Chance, mit Innovationsimpulsen nicht nur die eigenen Materialkreisläufe zu schließen, sondern auch Branchen wie Chemie, Maschinenbau und Digitalisierung mitzuziehen.
Die Analyse macht damit deutlich, dass im Bauwesen maßgeblich entschieden wird, ob die Circular Economy in Deutschland erfolgreich wird. Die Branche vereint die größten Stoffströme, verfügt über starke Akteure und zeigt bereits heute eine hohe Innovationskraft. Was jetzt zählt, ist Tempo – und der Mut, zirkuläres Bauen vom Nischenthema zum Standard zu machen.
Innovationsanalyse zur Circular Economy
Bertelsmann Stiftung 2026
https://www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/BSt/Publikationen/GrauePublikationen/W_Focus_Paper__32_Innovationsanalyse_zur_CE.pdf

