Anmerkungen zur Entdeckung des Selbstverständlichen

Weiterbauen ist in Mode gekommen.
In Fachzeitschriften, auf Kongressen, in Förderrichtlinien tauchen die Begriffe auf: Graue Energie. Kreislaufwirtschaft. Adaptive Wiederverwendung. Materialgewinnung. Gentrifizierungsvermeidung durch Bestandserhalt. Jedes Jahr neue Schlagworte für dasselbe Prinzip, das Generationen von Handwerkern, Baumeistern und Architekten als einzige sinnvolle Option kannten: Nimm, was da ist. Mach etwas Gutes daraus.
Wir blicken auf diese Diskussionen mit ehrlichem Erstaunen.

Nicht weil wir die Argumente falsch finden – sie sind richtig. Sondern weil sie für uns keine Entdeckung sind. Weiterbauen war bei uns nie ein Konzept, keine Haltung, kein Bekenntnis zu einer Schule. Es war die gängigste aller Optionen. Die naheliegendste. Die ökonomisch vernünftigste, die städtebaulich sinnvollste, die handwerklich interessanteste.
Das Pfarrzentrum in Koblenz-Lützel, das wir in ein offenes Bürgerzentrum verwandelt haben: weitergebaut. Das leerstehende Möbelhaus in der Koblenzer Innenstadt, das jetzt Wohnungen und Arztpraxen beherbergt: weitergebaut. Das ehemalige Opel-Areal in Andernach, das jetzt ein Wohnquartier ist: weitergebaut. Nicht weil wir Pioniere der Nachhaltigkeit sein wollten. Sondern weil dort eine Substanz war, die es wert war, weitergedacht zu werden.
Das ist der Unterschied, der im aktuellen Diskurs zu oft untergeht: Weiterbauen ist keine Methode. Es ist eine Wahrnehmungsfähigkeit. Die Fähigkeit, in einem alten Gebäude nicht primär die Mängelliste zu sehen, sondern die räumliche Logik, die konstruktive Qualität, die Erinnerung, die in den Wänden steckt. Wer das sieht, muss nicht überzeugt werden, im Bestand zu bauen. Wer das nicht sieht, wird durch kein Förderprogramm der Welt dazu gebracht.
Wir machen uns Sorgen, dass die Debatte sich in ihrer eigenen Komplexität verliert. Dass aus einer einfachen, richtigen Praxis ein Zertifizierungsverfahren wird. Dass Architekten, die seit Jahren selbstverständlich im Bestand arbeiten, plötzlich nachweisen müssen, dass sie es richtig tun – nach Kriterien, die von Menschen aufgestellt wurden, die das Weiterbauen gerade erst entdeckt haben.
Die Sprache macht uns misstrauisch. Je mehr Schlagworte, desto weiter weg von der Sache. Gebäude werden nicht durch Begriffe erhalten. Sie werden erhalten, weil jemand hinschaut, versteht und weitermacht.

Unser Vorschlag für die gesamte Debatte: weniger reden, mehr bauen. Nicht jedes Altgebäude ist erhaltenswert. Aber das meiste ist es. Und der schnellste Weg, das herauszufinden, ist nicht ein Lebenszyklusaudit – es ist ein Architekt, der das Gebäude kennenlernt.
Wir haben das immer so gemacht. Es hat funktioniert. Es wird weiter funktionieren.
Asker Mogulkoc
Bürgerzentrum Lützel
Koblenz. Ehemaliges Pfarrzentrum St. Antonius v. Padua (Arch. Hans Schönecker, 1969), Umbau und Erweiterung 2016–2018, BGF ca. 2.000 m², Leistungsphasen 1–9. Bauherr: Kath. Kirchengemeinde St. Petrus und St. Martinus / Bistum Trier.
Asker Mogulkoc
Architekt und Geschäftsführer von MPLUS ARCHITEKTEN, Koblenz. Das Büro begleitet seit über 20 Jahren Konversions- und Bestandsprojekte – weil es das immer schon getan hat.


