Helmut Leibinger und sein Net-Zero-Emission-Team

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Rohrdorfer auf dem Weg zur Klimaneutralität

Im bayerischen Rohrdorf entsteht gegenwärtig Deutschlands erste Anlage zur Rückgewinnung von CO2 in einem Zementwerk. Verantwortlich für Konzeption und Umsetzung der Anlage ist Dr. Helmut Leibinger, Leiter Anlagen- und Verfahrenstechnik bei Rohrdorfer. Mit seinem Net-Zero-Emission-Team sorgt er dafür, dass die Rohrdorfer-Standorte in puncto Nachhaltigkeit Schritt halten können. Dass hier das Tempo merklich anzieht, spiegelt sich auch in der Größe des Net-Zero-Emission-Teams: allein im letzten Jahr hat sich die Mitarbeiterzahl vervierfacht. Die nbau hat mit Teamleiter Helmut Leibinger und zwei Team-Mitgliedern zu den aktuellen Herausforderungen der Zementindustrie auf dem Weg zur Klimaneutralität gesprochen.

Lorena Baños Carrión, Projektmitarbeiterin CO2-Logistik­konzepte bei Rohrdorfer
Quelle: MSC Mediterranean Shipping Company

Was genau macht das Rohrdorfer Net-Zero-Emission-Team?

Lorena Baños Carrión:Unsere Hauptaufgabe besteht derzeit darin, Lösungen dafür zu finden, wie man das bei der Zementproduktion entstehende CO2 vermeiden oder sinnvoll weiterverwerten kann. Wir sind ein 18-köpfiges Team und treffen uns wöchentlich, um neue Erkenntnisse und Ergebnisse gemeinsam zu besprechen. Es ist im besten Sinne ein kollaboratives Arbeiten. Das Team besteht vorwiegend aus Ingenieuren und Naturwissenschaftlern, aber immer auch aus Spezialisten anderer Fachgebiete, um uns genügend „out oft the box“-Denken zu bewahren. Mein Hintergrund ist internationale Wirtschaft und Supply Chain Management. Ich konnte daher schon mehrmals neue Ideen und Perspektiven einbringen. Es ist ein tolles Gefühl, an Dingen mitzuarbeiten, die tatsächlich real entstehen, so wie die Pilotanlage für CO2-Rückgewinnung, die gerade in Rohrdorf in die Höhe wächst. Spannend ist auch, dass wir dort aus CO2 Ameisensäure gewinnen werden – ein Produkt, das am Markt sehr gefragt ist – und damit zu einer funktionierenden CO2-Kreislaufwirtschaft beitragen. Meine Aufgabe ist dabei, Konzepte zu entwickeln, wie das in der Anlage gewonnene Kohlendioxid effizient weitertransportiert werden kann.

Welche Herausforderungen sehen Sie in den nächsten fünf bis zehn Jahren, wenn es darum geht, den „Schadstoff“ CO2 in eine funktionierende Kreislaufwirtschaft zu überführen?

Dr. Phillipp Stadler, Verfahrensingenieur bei Rohrdorfer
Quelle: privat

Philipp Stadler:Aktuell sind die Technologie und das Know-how eine Herausforderung. Auf lange Sicht wird uns die Skalierbarkeit der Lösungen beschäftigen. Viele Technologien im Bereich CO2-Umwandlung und Speicherung sind noch ausbaufähig. Wissen ging mitunter auch verloren und musste wieder neu aufgebaut werden. Entsprechend steckt in unserer Pilotanlage ein hoher Anteil an selbst entwickelter Technologie. Wir mussten lange nach einem Anlagenbauer suchen, der die Anlage überhaupt nach unseren Vorstellungen bauen konnte. Nach der Pilotphase sehe ich bei der Skalierung ein Thema. Die Leistung unserer Pilotanlage und der selbst konstruierten Laboranlagen muss auf großindustrielle Maßstäbe umgelegt werden können. Da geht es dann um mehrere Tausend Tonnen CO2 pro Tag. Wenn dann, wie aktuell, Lieferkettenprobleme durch politische Krisen dazukommen, wird mitunter auch mit Ausfällen zu rechnen sein, die kaum zu beeinflussen sind.

Was muss die nächste Bundesregierung leisten, damit das Ziel, bis 2050 klimaneutralen Zement zu produzieren, gelingt?

Philipp Stadler: Wie bei allen Prozessen in der Baustoffindustrie ist für uns Planungssicherheit das A und O. Diese haben wir, sobald die logistische Infrastruktur steht und entsprechende Verordnungen fixiert sind. Ist diese gegeben, brauchen wir aus meiner Sicht vor allem zwei Dinge: verlässlichen Strom aus erneuerbaren Energien und ein Umfeld, das es der Industrie ermöglicht, eigene Innovationen hervorzubringen. Die Zementindustrie hat ihre Hausaufgaben gemacht – das Cembureau (European Cement Association) hat Anfang 2020 eine Roadmap für die Klimaneutralität bis 2050 vorgelegt. Ohne Strom auserneuerbaren Energien wird dieser Plan aber nicht umsetzbar sein. Daher ist es wichtig, dass die Politik die Subventionsströme auf die erneuerbaren Energien umleitet. Außerdem brauchen wir Innovationen, die es uns ermöglichen, den anthropogenen CO2-Zyklus zu schließen. Einer der wichtigsten Schritte hierfür ist, dass wir mit Stromschwankungen, wie sie bei Wind- und Solarenergieproduktion auftreten, umgehen können. Auch hier werden wir wieder einiges an technischer Infrastruktur selbst entwickeln müssen, was sehr zeitintensiv ist. Darum benötigen wir entsprechende Übergangsfristen. Wird zu viel Druck ausgeübt, droht die Gefahr, dass bestimmte Industriezweige absterben oder abwandern. Ich glaube, dass wir einen guten Mix aus der Sichtweise der Industrie und der Sichtweise der anderen Stakeholder brauchen. Diesen Austausch zu ermöglichen und für gegenseitiges Verständnis zu werben, sehe ich ebenfalls als Aufgabe der Politik.

Welche Faktoren müssen gegeben sein, damit auch deutscher nachhaltig produzierter Zement wettbewerbsfähig bleibt?

Dr. Helmut Leibinger, Leiter ­Anlagen und Verfahrenstechnik bei Rohrdorfer
Quelle: privat

Helmut Leibinger: An neuen, effizienten Technologien für Carbon Capture and Usage (CCU) wird vor allem in den USA, Kanada und Saudi-Arabien gearbeitet. Diese Innovationen sind der Schlüssel, um wirtschaftlich aus CO2 nachhaltige Grundstoffe für die chemische Industrie, aber auch eFuels herzustellen. Die deutsche Indus­trie und auch unser Unternehmen stehen in diesem internationalen Wettbewerb. Allerdings muss man klar feststellen, dass sich hier Europa und Deutschland selbst im Weg stehen. Es gibt weder ausreichend grünen Strom für die Transformation noch die entsprechenden leistungsstarken Verteilnetze. Eine Wasserstoffinfrastruktur ist ebenso nicht so schnell in Aussicht, wie Klimaziele erreicht werden sollen. Eine Zusammenführung von Wasserstoff, Strom und CO2 in orchestrierten Knotenpunkten scheitert schon an den fehlenden CO2-Pipelines von den CO2-Quellen zu diesen Knoten. Für CO2-Pipelines für CCU sieht die aktuelle Gesetzgebung eine Umweltverträglichkeitsprüfung vor. Lediglich für Carbon Capture and Storage (CCS) dürfen aktuell CO2-Pipelines gebaut werden, was aber wenig bringt, da CCS in Deutschland eher verpönt ist. Die Politik muss also erst einmal ihre Hausaufgaben machen. Die Industrie hat Schwung aufgenommen. Aber nur gemeinsam – Industrie, Politik und Bevölkerung – können wir die Jahrhundertaufgabe Dekarbonisierung lösen.

www.rohrdorfer.eu

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