Wärmedämmverbundsysteme stofflich und energetisch nutzen

Auf dem Weg zur Klimaneutralität müssen etliche Gebäude in Deutschland saniert werden. Seit den 1960er-Jahren werden sog. Wärmedämmverbundsysteme, kurz WDVS, an Fassaden verbaut. Heute geforderte Energieeffizienzklassen werden mit den in der Vergangenheit verbauten Dämmstärken jedoch nicht mehr erreicht. Bei Sanierung und Abriss fällt daher WDVS als Abfallstoff an, der üblicherweise in Müllverbrennungsanlagen (MVA) entsorgt wird. Der Frage, wie sich der Dämmverbund stattdessen stofflich und energetisch verwerten lässt, widmet sich das Forschungsprojekt RESSOURCE.WDVS an der FH Münster.

Ein Hauptbestandteil des betrachteten WDVS ist expandiertes Polystyrol (EPS), auch bekannt als Styropor, das aus Erdöl hergestellt wird. Hinzu kommen eine Putz- sowie eine Glasfaserschicht. Etablierte Verfahren zur stofflichen und energetischen Verwertung von WDVS gibt es bisher nicht. Die Entsorgung in der MVA stößt an Grenzen. Die Anlagen sind weitgehend mit anderen Abfallströmen ausgelastet und das Material ist für die Verbrennung in der MVA technisch nicht besonders gut geeignet. Es wurde gezeigt, dass sich das über Klebungen oder Dübel verbundene Dämmsystem mit geeigneter Aufbereitungstechnik wieder in seine Einzelkomponenten auftrennen lässt. Im Zementwerk kann z. B. EPS energetisch genutzt werden und der mineralische Putz ersetzt stofflich Rohmehl, aus dem der Zementklinker entsteht.

Werden Wärmedämmverbundsysteme (Mitte) im Zementwerk verwertet, kann der enthaltene Putz zur Herstellung von Klinkerstein (links) verwendet und das EPS (rechts) energetisch genutzt werden
Foto: FH Münster/Michelle Liedtke

Ein Großversuch im Zementwerk hat in der Praxis gezeigt, dass der Ansatz funktioniert und dieser Entsorgungsweg auch ökologisch und ökonomisch sinnvoll ist. Die Versuchsmengen stammen aus zwei Rückbauvorhaben in Münster und Tübingen. Das Material zu sammeln ist nicht einfach, weil v. a. das EPS leicht, aber voluminös ist und es noch keine Infrastruktur in Deutschland für die Sammlung, Logistik und Aufbereitung von WDVS gibt. Zudem mussten vorab Proben des eingesetzten WDVS nach den Vorgaben der Bezirksregierung untersucht werden, ob diese bspw. Chlor, Schwefel oder Schwermetalle enthalten. Diese Qualitätskontrolle ist sehr wichtig, da meist nicht bekannt ist, was mit dem Gebäude über die Jahre passiert ist und welche Stoffe sich im Laufe der Zeit im WDVS angesammelt haben. In einem Zementwerk in Beckum wurde 14 h lang 14 t zerkleinertes und gesiebtes WDVS-Material in der sog. Sekundärfeuerung verbrannt. Der Versuch zeigt, dass sich das EPS und die mineralischen Komponenten sinnvoll im Zementwerk einsetzen lassen. In einem nächsten Schritt ist ein weiterer Großversuch mit ca. 100 t WDVS-Material über einen Zeitraum von einer Woche mit einer umfassenden Bilanzierung über die Klinkerqualität und die Emissionen geplant.

Mehr zum Projekt RESSOURCE.WDVS: www.fh-muenster.de/forschung/forschungsprofil/projekt.php?pr_id=958

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