Der Nachhalt – Prolog

Der Nachhalt ist ein schönes Buch; eines, das gut zu lesen ist; fast ein Schmöker, geschrieben auf einer persönlichen, nahbaren Ebene. Aufgemacht wie ein einfaches, aber angemessen schönes Studienbuch mit wunderbar haptischem Naturpapier, einfachen, aber klaren Grafiken und erfreulich wenig Farbe. Es berichtet ein nicht unbekannter Architekt mit entsprechender Reputation über seine Suche nach der Nachhaltigkeit. Gut, es muss ein eigenes Wort sein, das schön hergeleitet wird. Also Nachhalt statt Nachhaltigkeit, was ja zumindest kürzer ist und definitiv nicht das Gleiche, was die anderen sagen, und irgendwie auch interessant. Trotzdem, belassen wir es hier, der Klarheit halber, beim angestammten Begriff. Über Robert Habeck heißt es, man könne ihm bei öffentlichen Auftritten beim Denken zusehen. Das Buch, so scheint es, ist ein öffentliches Nachdenken des Autors, ein Nachfragen, ein Tieferbohren bei all den zum Teil auch vermeintlichen oder tatsächlichen Widersprüchen. Auch ein bisschen poetisch, irgendwie ernsthaft, dem Thema und der Profession angemessen. Gut, ein bisschen Ernüchterung gibt es auch – in der Mitte: Die Seiten mit den Bildern von den eigenen Projekten – da ist noch immer kein Kompromiss möglich –, die müssen im klassischen Hochglanz sein. Das ist etwas schade, vielleicht nicht ganz konsistent. Und müssen die Projekte mit den Bildern überhaupt sein? Lege ich die Latte hier zu hoch? Aber eigentlich war es der Autor selbst mit dem inhaltlich und formal schönen Hauptteil, der die Latte dort platziert hat. Damit kann man ihm den Einschub auch nachsehen. Der Prolog ist also eine Einführung, eine persönliche Annäherung an die Nachhaltigkeit. Es gibt sympathisch viele Fragezeichen, Gedanken und Unfertiges. Das Finden von Haltung, eigentlich Haltungen zu den wichtigsten Themenfeldern, das Streben nach Erkenntnis und daraus ableitbarer Handlung wird immer wieder thematisiert. Der Hauptteil besteht aus drei Kapiteln: Konvergenz, Divergenz und Kongruenz. Das ist laut Duden bildungssprachlich und steht eben für die Annäherung, das Auseinanderstreben und die Übereinstimmung. Gemeint ist natürlich die Annäherung an die Nachhaltigkeit. Dann, beim fleißigen Zusammentragen von Informationen, Daten und Fakten, folgt die Ernüchterung: Die Nachhaltigkeit, zumal im Bauwesen, ist eine junge Disziplin. Nicht alles passt immer an allen Stellen zusammen, es gibt Wiedersprüche und insgesamt erscheint das Thema komplexer, als der Einstieg versprach. Wort und Tat stimmen oft nicht überein, immer weniger. Und dann wird doch gezeigt, dass vieles eigentlich lange bekannt ist, nur dass es niemand geglaubt hat. Auch wenn viele Modelle, Ideen und Absätze der Nachhaltigkeit vordergründig miteinander konkurrieren, so schließen diese sich aber nicht notwendigerweise gegenseitig aus. Schöne Zitate, anschauliche Grafiken, weiterführende Links und Literaturhinweise sind hilfreiche Ergänzungen. Nach dem bereits erwähnten Projektteil folgen nochmal praktische Informationen, Definitionen, Organisationen. Weitere Bände zu Sozialem, Ökonomie, Ökologie und ein Epilog sollen folgen. Ein sehr lesenswerter, ja fast unterhaltsamer Prolog zur Nachhaltigkeit ist der erste Band allemal.


Der Nachhalt – Prolog

Caspar Schmitz-Morkramer (2022)
Berlin: Wasmuth & Zohlen
308 S., de/en, Softcover, 28 Euro

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