A4F konstruktiv

Zeitenwende

In einigen Newsfeeds tauchen in letzter Zeit immer mehr Artikel über die mangelnde Arbeitsbereitschaft der jüngeren Generationen, insbesondere Generation Z auf. Lustigerweise wurde in einem dieser Artikel auch der Tweet eines Politikwissenschaftlers zitiert, der genau solche Berichte bis ins 19. Jahrhundert zurückreichend gesammelt hat. Der Tenor ist immer der gleiche: Die junge Generation ist faul, verweichlicht und undankbar gegenüber dem, was ihnen gegeben wurde. Dies wirft die Frage auf, ob die, die sich über die junge Generation beschweren, nicht selbst einst zu dieser Generation gehörten und sich die gleichen Vorwürfe anhören mussten, und was sich in der Zeit, in der sie zur älteren Generation wurden, geändert hat. Für viele von uns Jüngeren, die in den letzten Jahren ins Studium oder ins Berufsleben eingestiegen sind, war die Ungewissheit, wie es angesichts der Krisen, denen wir gegenüberstehen, weitergehen kann, ein steter Begleiter. Man kommt als Mensch irgendwann unweigerlich an den Punkt, an dem die eigenen Erwartungen an die Welt schwer enttäuscht werden und man sich dann fragt, wie man damit umgeht. Wenn man unter Zugzwang steht, sich für den einen oder anderen Lebensweg zu entscheiden, obwohl man sich unendlich viele Leben vorstellen könnte zu leben, weckt das Frustration bis hin zu Verzweiflung und Zorn. Man fragt sich, worauf es ankommt im Leben und mit welchem Leben man zufrieden wäre, angesichts der Begrenztheit der Möglichkeiten. Zum einen mögen es die Narrative unserer Zeit sein, die unsere Entscheidungen leiten, doch gibt es immer auch einen unabwendbaren Teil der Selbstverantwortung, Abstriche zu machen, Rückschläge zu akzeptieren und Enttäuschungen anderer in Kauf zu nehmen. Welches Unheil zu verursachen sind wir bereit in Kauf zu nehmen für das Leben, das wir leben wollen? Im schlechtesten Falle ist man sich keiner Verantwortung für den Zustand der Welt bewusst und hält sein Leben für abgekoppelt vom Lauf der Dinge. Diese Sichtweise ist zwar noch prominent, verliert aber zunehmend an haltbarer Argumentation. Die Ablässe durch nachhaltige und klimaneutral vermarktete Produkte werden zunehmend durch kritische Berichte über die Unwirksamkeit der Kompensationsmaßnahmen infrage gestellt. Kann man die Verantwortung für den Fußabdruck weiterhin auf die Unwissenheit bzw. die Gewährleistung der Fabrikanten unseres Lebensstils abwälzen? In Bezug auf die jetzige ältere Generation, die den Jüngeren mangelnde Arbeitsmoral vorwirft, heißt das: Was tut ihr mit dem Wohlstand, auf dem die Krisen der Gegenwart aufgebaut worden sind? Es gab bereits einige reumütige Eingeständnisse und Appelle, dass die ältere Generation es verbockt hätte. Dass es nun an unserer Generation wäre, die losen Fäden zusammenzuführen, ja, unser aller Geschichte gewissermaßen ihrem Endpunkt zuzuführen. Sie hätten ihre Fehler erkannt und könnten jetzt nur noch die mahnende Weisheit an die jüngere Generation weitergeben, nicht dieselben Fehler zu begehen wie sie selbst. Sind die Rufe nach einer fairen Wohlstandsverteilung, Konzepten für ökologische Besteuerungen und bedingungslosem Grundeinkommen wirklich so weit hergeholt, wenn die Chance, durch seine Arbeit noch ein erfülltes Leben führen zu können, sich für immer weniger Menschen als valide Möglichkeit darbietet? Niemand ist davor gefeit, sich selbst und die eigenen Ansichten und Handlungsweisen zu hinterfragen, doch da, wo das Kapital konzentriert ist, liegt auch die Chance, es in die richtige Richtung fließen zu lassen. Die unzähligen Initiativen und Stiftungen, die von wohlhabenden Spendern finanziert werden, sollen nicht in Abrede gestellt werden, vielmehr ist die Frage an jede:n Einzelne:n zu stellen: Welche Möglichkeit zu handeln habe ich noch nicht in Betracht gezogen? Was bin ich bereit, an Komfort einzubüßen, damit für alle eine bessere Zukunft möglich wird? Der Club of Rome hat Letztens einen neuen Bericht präsentiert, in dem zwei Szenarien dargelegt werden, die uns den Weg in die Zukunft ebnen könnten. Too Little Too Late und Giant Leap forward. Die Dramatik könnte kaum eindrücklicher, doch die Hoffnung kaum immanenter sein. Es sind nicht mehr nur die Institutionen und die Effekte unseres Agierens, die die Gegenwart und Zukunft leiten, es ist ein kollektiver Bewusstseinssprung, der uns allen eine neue Art von Mut abverlangt. Den Mut, jeden Aspekt unseres Lebens als mit dem Ganzen verwoben zu betrachten. Es gibt keine voneinander getrennt zu betrachtenden Probleme mehr, was auch der Grund dafür ist, dass es auf den Klimastreiks nicht mehr ausschließlich um Lösungen für die ökologische Krise, sondern ihre Verbindungen mit Kolonialismus, sozialer Teilhabe, ethnischen und geschlechtlichen Diskriminierungsformen geht. Den Eintritt in ein posttragisches Zeitalter nennen manche diese neue Ära. Nicht alle Probleme sind zu lösen. Nicht alles ist verloren. Doch wir werden uns kollektiv unserer eigenen individuellen als auch gemeinschaftlichen Vergänglichkeit und Begrenztheit bewusst. Unser Leben auf diesem Planeten ist prekärer, als wir uns bisher eingestehen wollten. Die alten, reli­giösen Botschaften gewinnen damit neue Gewichtung. Wertschätze, was dir im Leben gegeben ist. Liebe deinen Nächsten. Lebe gemäßigt. Tue Gutes.

Architects for Future Deutschland e. V.

www.architects4future.de

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