A4F konstruktiv

Altes bleibt beim Alten

Logo Architects for Future
Quelle: Architects for Future
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Heute soll es wieder um Abriss gehen, eines unserer Lieblingthemen. „Hinterfragt Abriss kritisch ist eine unserer Forderungen, und zusammen mit dem kürzlich vorgestellten Abrissmoratorium findet das Thema in vielen Ortsgruppen gerade regional besonders viel Anklang. Wir fragen uns, warum weiterhin in derartigem Ausmaß abgerissen wird, wo doch die Fakten über Ressourcenverbrauch und Kostenaufwand bekannt sind. Es kann nicht am Wissen über die Dinge an sich liegen, sondern an der Mentalität, mit der Fakten wahrgenommen werden. Es ist ein psychologisches Problem, dass uns (Menschen im Allgemeinen) Fakten nicht umstimmen, wenn uns nicht bereits etwas an deren Inhalt liegt. Man muss daher gestehen, dass die Bemühung, belastbare Zahlen als Argumentationsgrundlage zu liefern, keine fruchtbare Strategie ist, um die große Bevölkerungsmehrheit zu überzeugen. Optimistische Narrative, die Lust auf eine lebenswerte Zukunft machen, dürfen jedoch auch nicht Gefahr laufen, sich in Naivität zu verlieren. Es braucht eine Vision von Handeln, die sich weder rein technisch-wissenschaftlichem Paradigma noch romantisch-utopischer Zivilisationsabkehr hingibt. Welche Möglichkeiten können das sein?

Erhaltung und Recycling vor Abriss und Neubau
Quelle: pixabay

Lineare Problemstellungen der Art Bauen-verursacht-zu-viel-Abfall-was-tun-wir-dagegen werden durch unsere Kultur, in welcher Dingen vornehmlich quantifizierbarer Wert beigemessen wird, eben immer noch i. d. R. mit einer Output-orientierten Lösung beantwortet, die das Problem durch mehr, besser, neuer abhaken soll, ohne an Enthusiasmus einzubüßen. Bei wie vielen Projekten steht jedoch abseits (fast) aller wirtschaftlichen Interessen tatsächlich die Frage, was wirklich, wirklich zu tun ist – und ferner: Verfügen wir überhaupt über den Wissenshorizont, um dies angesichts stetig wachsender Komplexität beschreiben zu können? Wie viel Arbeits- und Materialeinsatz muss aufgebracht werden, um die effektivste Lösung zu erbringen, und was sind unsere Instrumente, um die Konsequenzen abzuwägen? Unsere Kultur und unser Wirtschaftssystem arbeiten in dieser Hinsicht gegen uns. Selbst wenn es unser Anliegen ist, einen altruistischen Lösungsansatz zu verfolgen, bringt unsere eigene ökonomische Abhängigkeit, ob nun privat oder betriebswirtschaftlich, uns dazu, unser Eigeninteresse – bewusst oder unbewusst – mit in Rechnung zu stellen. Wettbewerb zieht keinen Nutzen aus Subsistenz und nur Wenige üben freiwillig Verzicht, tun aber trotzdem die Arbeit. Es fällt also immer auf eine persönliche, ethische Frage zurück. Bin ich gewillt, das nach meinen Maßstäben Richtige zu tun, selbst wenn mir dadurch kein Vorteil gereicht und mir darüber hinaus die Unzulänglichkeit der selbst am besten erscheinenden Lösung bewusst sein muss? Das muss man sich leisten können. Man könnte sagen, dass uns Tauschwertlogik derart in Fleisch und Blut übergegangen ist, dass etwas sein zu lassen einfach nicht auf dem Horizont auftaucht. Doch kann man dieses Problem dann in den Griff kriegen? Sind wir uns selbst genug oder müssen wir uns immer weiter etwas beweisen? Unterlassung müsste einen monetären Wert bekommen. Eine Prämie für Am-wenigsten-aber-dafür-am-besten getan zu haben. Wird so etwas in einer Marktwirtschaft staatlich verordnet? Eine internationale Materialrechtscharta? Materialpfand? Viele Menschen befürworten solche Ideen. Rohstoffgewinnende Unternehmen vielleicht weniger. Doch das sind auch zu große Fragen für den unmittelbaren Alltag. Eine bessere Frage für den nächsten Montag ist vielleicht: Was können wir uns leisten nicht zu tun? Arbeiten mit Minimalaufwand. Präzise und gerade an der Grenze des wirtschaftlichen Bankrotts. So, dass man schon fast nichts mehr daran verdient. Die dämlichst mögliche Entscheidung im Sinne des Unternehmens. Vollkommen grotesker Idealismus. Das – und zwar ganz viel davon – überall. Vielleicht entkommen wir der Wachstumsspirale durch etwas ernsthafte Ironie. Vielleicht ist angesichts der Lage, dass es nicht so aussieht, als wenn das 1,5-Grad-Ziel erreicht wird, etwas Wahnsinn ganz hilfreich. Oder es wird allen plötzlich schlagartig der Wert des Bestehenden und Gegebenen bewusst. Eine Epiphanie auf globalem Maßstab. Als fiele es uns plötzlich wie Schuppen von den Augen, dass kaum etwas von dem, was wir tun, über unsere Lebenszeiten hinaus für irgendjemanden außer unseren engsten Vertrauten von dauer­hafter Bedeutung sein wird. Dass ein menschliches Leben absurd kurz ist, wenn man es sich mal genau bedenkt, und wir dafür ganz schön viele Dinge machen, auf die wir keine Lust haben oder von denen wir hoffen, dass sie einen Eindruck hinterlassen, der den Moment überdauert. Dass der Wunsch uns zu verewigen so groß ist, dass wir gerne mal die Kirche nicht im Dorf lassen, um für ­unser weithin sichtbares Monument Platz zu machen. Nein, nicht jedem Neubau wohnt ein Zauber inne, könnte es frei nach ­Hermann Hesse vielleicht heißen, und nicht jede Stufe muss erst neu angelegt, sondern die Vorhandene gut gepflegt werden (Bild 1).

Nachhaltigkeitsstammtisch vom 26. Juli 2022 in Stuttgart Quelle: Stuttgarter Nachhaltigkeitsstammtisch
Quelle: Stuttgarter Nachhaltigkeitsstammtisch

Architects for Future Deutschland e. V.
www.architects4future.de

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