Europas Chance ist die grüne Transformation

Zwischenruf von jenseits des Davos-Schwarms

Mit etwas Abstand zum Weltwirtschaftsforum in Davos bleibt für mich ein zentraler Eindruck bestehen: Die mediale Fixierung auf die Auftritte des US-Präsidenten Donald Trumphat erneut verhindert, dass wir die wirklich relevanten Zukunftsthemen mit der nötigen Tiefe diskutieren. Europa übersieht dadurch entscheidende internationale Signale – darunter die Einladung Chinas, enger bei der Transformation hin zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft zusammenzuarbeiten.

Ich beobachte seit Langem, dass China bei Nachhaltigkeitsstandards, beim CO2-Reporting und sogar im Bausektor in mancher Hinsicht weiter ist als Europa. Unsere Industrie sollte das sehr ernst nehmen, statt weiterhin aus einer vermeintlichen technologischen Komfortzone heraus zu agieren.

Auch der Beschluss des EU-Parlaments, das Mercosur-Abkommen zu blockieren, ist aus meiner Sicht strategisch kurzsichtig. Europa ringt noch immer mit kolonial gefärbten Wahrnehmungsmustern, obwohl Länder wie Brasilien längst selbstbewusste Wirtschaftsnationen mit eigenen Prioritäten und Ambitionen sind. Dort entstehen derzeit wichtige Impulse – etwa der Vorschlag einer globalen Tropenwaldschutz-Fazilität, den Deutschland erst mit deutlicher Verzögerung aufgegriffen hat.

Grundsätzlich fehlt mir bei uns ein Denken in Machtfragen. Europa und insbesondere Deutschland verharren zu oft im Technokratischen – in Zielen, Daten und Indikatoren. Nachhaltigkeit ist jedoch längst mehr als Verwaltungskategorie: Sie ist geopolitischer Faktor, Wettbewerbsthema und strategischer Bestandteil europäischer Zukunftsfähigkeit.

Während politische Impulse ausbleiben, sehe ich in der Wirtschaft beachtliche Bewegung. Viele Unternehmen arbeiten innovativ und nachhaltig, teilweise weit vorausdenkend. Doch sie haben keine gemeinsame Stimme, weil traditionelle Lobbystrukturen Nachhaltigkeit noch immer als Störung begreifen. Spätestens wenn China strengere Anforderungen an Lieferketten oder Reporting durchsetzt, wird sich das ändern – dann wird Nachhaltigkeit betriebswirtschaftlich zwingend.

Daten spielen dabei eine Schlüsselrolle. Sie sind kein bürokratischer Aufwand, sondern ein strategischer Rohstoff. Ohne robuste Datenmodelle funktioniert Kreislaufwirtschaft nicht, gerade im Bausektor. Wer hier Kompetenz aufbaut, verschafft sich einen realen Vorsprung. Europa könnte als Mittelmacht international enorme Wirkung entfalten – beispielsweise durch gemeinsame Datenräume mit Mercosur-Staaten, Indien oder Afrika.

Unternehmen empfehle ich ausdrücklich ein antizyklisches Vorgehen: gerade jetzt grün investieren, auch wenn der politische Rückenwind fehlt. Nachhaltigkeit ist kein Schönwetterthema, sondern eines, bei dem man bewusst gegen den Wind antritt. Ebenso dringend ist eine breitere geopolitische Aufstellung. Unsere wirtschaftliche Abhängigkeit von den USA ist mittlerweile größer als die frühere Gasabhängigkeit von Russland – das sollte uns zu denken geben.

Mein Fazit bleibt deshalb unverändert: Die Chancen überwiegen deutlich. Nachhaltigkeit ist kein Wohlfühlprojekt, sondern ein strategisches Fundament europäischer Resilienz, Wettbewerbsfähigkeit und Souveränität – und damit im ureigenen Interesse von Wirtschaft und Politik.

Der Text beruht auf dem urbaniq Briefing vom 30. Januar 2026, in dem nbau Chefredakteur Dr.Bernhard Haukemit Prof. Günther Bachmann, dem früheren Generalsekretär des Rates für Nachhaltige Entwicklung der Bundesregierung, über Europas Kraft zur nachhaltigen Transformation sprach.

Das gesamte Gespräch gibt es in der urbaniqMediathek.


Autor:in

Prof. Dr. Günther Bachmann, mail@guentherbachmann.de
Publizist, Moderator, Redner, Berater, Berlin
www.guentherbachmann.de

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