Architects for Future
Wie wohnen Sie oder Ihre Bekannten? Wir wohnen in einem neu gebauten Mehrfamilienhaus in der Stadt. Manchmal schäme ich mich ein bisschen dafür. Immerhin ein Baulückenschluss. Dem Grundriss unserer 140 m2großen Wohnung merkt man an, dass er auf Großzügigkeit ausgelegt ist und nicht auf Alltagstauglichkeit einer gerade so zurechtkommenden fünfköpfigen Familie. Vier Zimmer, ein riesiges Wohnzimmer und dennoch kein Platz für den Wäscheständer. Unter uns wohnt – gleiche Wohnung – ein Bewohner, einer!
Ich formuliere es mal so: Deutschland ist kein Land mit Wohnraummangel. Im Jahr 2024 gab es hierzulande rund 43,8 Mio. Wohnungen für 83,6 Mio. Menschen. Rein rechnerisch sollte das aufgehen. Und doch explodieren die Mieten und der Druck auf Städte, Landschaften, Klima und kommunale Haushalte wächst.
Zwischen 2011 und 2024 stieg die Wohnfläche pro Kopf von 46,1 auf 49,2 m2. Gleichzeitig bestehen heute drei Viertel aller Haushalte aus nur einer oder zwei Personen. Wir leben also mit immer weniger Menschen auf immer mehr Raum. Das Einfamilienhaus bleibt Sehnsuchtsort – jedes Jahr entstehen rund 50 000 neue Gebäude, meist am Stadtrand. Der Anteil von Ein- und Zweifamilienhäusern an neu geschaffener Wohnfläche stieg von etwa 40 % in den frühen 1990ern innerhalb von nur zehn Jahren auf fast 70 %.
Das Problem ist nicht das individuelle Zuhause. Es ist die Summe unserer Wohnentscheidungen. Neue Wohnungen entstehen überwiegend in Neubauten, häufig in neu ausgewiesenen Baugebieten. Wohnen ist damit ein zentraler Treiber der Flächenneuinanspruchnahme in Deutschland. Wo früher Ackerland oder Brachflächen waren, entstehen Siedlungen – mit Straßen, Parkplätzen, Leitungen. Die Infrastrukturkosten steigen mit jeder verstreuten Häuserzeile exponentiell. Zersiedelung ist teuer – ökologisch wie finanziell.
Dabei wissen wir längst: So geht es nicht weiter. Laut einer Studie des Umweltbundesamtes ist das 1,5-Grad-Ziel nur erreichbar, wenn die Pro-Kopf-Wohnfläche bis 2050 auf 41,2 m2 sinkt. Das ist kein radikaler Verzicht, sondern eine Rückkehr zu einem Maß, mit dem wir sehr gut leben können. Würden wir heute auf dem Niveau der 1960er-Jahre wohnen, gäbe es rechnerisch genug Wohnraum für 200 Mio. Menschen in Deutschland.
International betrachtet verschärft sich die Lage: Städte verursachen bereits heute rund zwei Drittel des weltweiten Energie- und Ressourcenverbrauchs sowie der Treibhausgasemissionen. Bis 2050 wird die städtische Weltbevölkerung auf über 5 Mrd. Menschen anwachsen. Die soziale und ökologische Bewältigung dieses Wachstums ist eine der zentralen Aufgaben des 21. Jahrhunderts.
Eine Antwort heißt Suffizienz. Der Sozialwissenschaftler Wolfgang Sachs formulierte in den 1990er-Jahren die „vier E’s“ [1]: Entschleunigung, Entflechtung, Entrümpelung und Entkommerzialisierung. Es geht nicht um Askese, sondern um das richtige Maß – um Lebensqualität innerhalb planetarer Grenzen. Auch das Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) beschreibt Suffizienz heute neben Effizienz und Konsistenz als zentrale Nachhaltigkeitsstrategie. Technik allein wird uns nicht retten, wenn der Flächenverbrauch weiter steigt.
Weniger Wohnfläche bedeutet nicht weniger Lebensqualität. Im Gegenteil: Wer kompakter wohnt, lebt oft urbaner, näher an Infrastruktur, Kultur und sozialen Kontakten. Kleinere Wohnungen senken Energiekosten, sparen Baustoffe und reduzieren Versiegelung. Gemeinschaftliche Wohnformen, flexible Grundrisse oder die bessere Nutzung bestehender Gebäude können helfen, Raum gerechter zu verteilen.
Die eigentliche Frage lautet nicht: „Wie viele Quadratmeter stehen mir zu?“ Sondern: „Wie viel brauche ich wirklich, um gut zu leben?“ Studien zur Wohnzufriedenheit zeigen immer wieder, dass nicht allein die Größe entscheidend ist, sondern Lage, Licht, Lärmbelastung, Nachbarschaft und Gestaltungsfreiheit.
Vielleicht ist es Zeit, den Traum vom immer größeren Zuhause zu überdenken. Nicht aus Zwang, sondern aus Einsicht, dass es uns nur gut geht, wenn wir innerhalb der planetaren Grenzen leben. Das klingt alles schön und gut, aber was mache ich mit meinem Nachbarn, der total nett ist, sehr viel gearbeitet hat und sich jetzt ein schönes Zuhause gönnt?
Literatur
- Sachs, W. (1993) Die vier E‘s: Merkposten für einen maß-vollen Wirtschaftsstil. Politische Ökologie 11, Nr. 33, S. 69–72. https://epub.wupperinst.org/frontdoor/deliver/index/docId/66/file/66_Sachs.pdf
Autor:innen
presse@architects4future.de
Architects for Future Deutschland e. V.
www.architects4future.de


