Warum Bitumen mehr ist als ein Nebenprodukt und warum wir das endlich verstehen müssen
Stellen Sie sich vor, unser Blut würde zufällig entstehen, je nachdem, welche anderen Stoffe gerade in unserem Körper produziert werden. Manchmal hätten wir Blutkörperchen ohne passendes Plasma. Manchmal Plasma ohne die richtigen Blutkörperchen. Der Körper würde funktionieren, aber nie optimal. Das ist die Geschichte des konventionellen Bitumens.
Bitumen ist nämlich, genau wie Blut, ein kolloidales System: Feststoffe (Asphalthene) dispergieren in einer Flüssigkeit (Malthene). Zusammen bilden sie das „Blut des Straßenbaus“, ein System, das den Straßenbau zusammenhält, seine Lebensader. Da überrascht es doch sehr, dass konventionelles Bitumen kein gezielt optimiertes, sondern ein zufällig entstehendes Nebenprodukt der Raffination ist. Nur 3 % des Rohöls ergeben Bitumen, der Rest andere Stoffe. Kein Wunder, dass dieses kostbare Material ständig suboptimal zusammengesetzt ist. Es handelt sich um eine Art stoffliches Missmanagement im Industriemaßstab.
In meinem Podcast Tiefgründig habe ich mit Frank Albrecht, dem Gründer von B2Square, gesprochen. Sein Unternehmen möchte genau diesen Missstand adressieren. Das Produkt, ein Bio-Bitumen, wird nicht als Zufallsprodukt raffiniert, sondern gezielt hergestellt, und zwar aus Cashewnussschalen. Albrecht erläutert: „Bitumen ist kein Produkt als solches. Es ist ein hochkomplexes kolloidales System aus mehr als 100 000 verschiedenen Kohlenwasserstoffen, die miteinander interagieren.“ Asphalthene und Malthene, Feststoff und Flüssigkeit, bilden zusammen ein stabiles System. Wenn beide korrekt zueinander passen, funktioniert alles großartig. Genau wie Blut.
Das ist nicht nur eine technische Neuerung, sondern eine konzeptionelle Revolution. Während konventionelles Bitumen ein Produkt des Zufalls ist, abhängig davon, welche Rohölsorten gerade raffiniert werden, kann Bio-Bitumen gezielt nach den Anforderungen der jeweiligen Straße zusammengestellt werden. Das Ergebnis ist beeindruckend: langlebigere Straßen, erhebliche CO₂-Einsparungen und echte Kreislaufwirtschaft.
Das Problem mit der Versorgungssicherheit
Hier offenbart sich noch ein strategisches Versorgungsproblem, das die Bauindustrie bisher unterschätzt. Der weltweite Bitumenmarkt wächst um 3 bis 5 % jährlich und das hauptsächlich in der südlichen Hemisphäre. Das bedeutet zusätzliche 3,6 Mio. t Bedarf pro Jahr. Eine durchschnittliche Raffinerie produziert etwa 300 000 t Bitumen. Rechnen Sie nach: Wir bräuchten zwölf neue Raffinerien, um nur das Wachstum zu decken. Ökologisch können wir uns das nicht leisten und hoffentlich würde es keine Bank finanzieren.
Gleichzeitig sinkt das konventionelle Bitumenangebot. Warum? Weil die Dekarbonisierung der Energiewirtschaft die Raffinerieoutputs verschiebt. Weniger Schwer- und Heizöl, weniger Schiffsbunker. Das bedeutet: andere Rohölsorten werden bevorzugt, solche, die weniger Bitumen ergeben. Das ist das große Klumpenrisiko, das die Industrie noch nicht wirklich realisiert hat.
Ein „Hack“ gegen die Bürokratie
Albrecht hat einen cleveren Weg gefunden, um die normativen Hürden zu meistern, die andere Innovationen scheitern lassen. Sein Bio-Bitumen ist funktional identisch mit konventionellem Bitumen. „Wenn ich es analysiere, sagt dir jedes Testgerät, das ist ein Bitumen“, erklärt er. Dadurch braucht es keine separate Zulassung. Ein pragmatischer Weg, um die deutsche Regulierungsschwerfälligkeit zu umgehen und dennoch bemerkenswert, dass es eines solchen Wegs bedarf.
Erste Pilotprojekte in Stuttgart, Frankfurt und Südtirol zeigen, dass das Material funktioniert. Die Straßen liegen noch hervorragend nach vier Jahren. Laborergebnisse deuten auf eine um das 1,5- bis 2,0-Fache erhöhte Lebensdauer hin. Und das CO₂-Einsparungspotenzial ist aufgrund der Materialherstellung und des sehr guten Recyclingpotenzials enorm.
Der eigentliche Skandal
Das eigentliche Problem ist nicht, dass es keine Alternativen gibt. Der Skandal ist, dass wir immer noch abwarten, statt zu handeln und immer noch bauen wie bisher, als würde sich die Welt und insbesondere das Klima um uns herum nicht verändern. Während einzelne progressive Kommunen Mut beweisen, läuft der Regelbetrieb in Deutschland weiter wie vor hundert Jahren. Und wir verschwenden dabei kostbare Jahre, in denen dieses Material mit seinen Umweltvorteilen bereits genutzt werden könnte.
„Das eine muss man ja hineinbringen, während das andere ausläuft“, sagt Albrecht. Ein rationaler Appell an Planung statt Panik. Doch in der Infrastrukturbaubranche gibt es diese Voraussicht leider so noch nicht. Stattdessen warten wir auf Vollbeweis und verharren in alten Strukturen, während der Klimawandel voranschreitet und unsere CO₂-Budgets schrumpfen.
Autor:in
Isabelle Armani
Podcasterin aus Brandenburg an der Havel
podcast@tiefgruendig.com
www.tiefgruendig.com


