WENIGER IST MEHR – Suffizienz im ­Architektur-, Stadt- und Landschaftsbau

Teil 1/4 KAP Forum Newsletter

Die vierteilige KAP-Newsletterfolge widmet sich dem Prinzip der Suffizienz im Architektur, Stadt- und Landschaftsbau: der Idee, durch bewusste Reduktion von Fläche, Material und Technik mehr Lebensqualität und Nachhaltigkeit zu erreichen. Expertinnen und Experten aus Planung, Wirtschaft und Wissenschaft beleuchten, wie Suffizienz zu einer neuen Baukultur führen kann.

Andreas Rubyfordert, aus dem Gedanken der Suffizienz heraus eine neue Architektursprache zu entwickeln und Gebäude stärker an realen Bedürfnissen auszurichten.Nathanael Over betont, dass Suffizienz keine romantische Bescheidenheit sei, sondern die realistische Antwort auf eine selbstverursachte Baukrise. Das Wohnen der Zukunft müsse bezahlbar, ökologisch, gemeinschaftlich und ästhetisch sein – und dafür brauche es neue Narrative und entschlossenes Handeln.

1. Wir müssen aufhören zu labern – und anpacken!

Nathanael Over ist Bauingenieur, Betriebswirt und Initiator von „Die Wohnwende“ und fordert ein radikales Umdenken im Wohnungsbau: Wohnungsnot ist weniger ein Mangel an Gebäuden als ein Ergebnis von Überansprüchen und ungerechter Verteilung. Während die Wohnfläche pro Person wächst, steigt die Zahl der Wohnungslosen. Suffizienz – also weniger, aber klüger genutzter Raum – wird als wirksamste Strategie für soziale, ökologische und ökonomische Entlastung beschrieben. Beispiele wie Clusterwohnungen oder das Konzept der „Stadtfamilie“ zeigen, wie kleinere private Räume und geteilte Gemeinschaftsflächen Lebensqualität erhöhen und Ressourcen sparen können. Serielle Holzbauweisen und die Nutzung bestehender Gebäude ergänzen diesen Ansatz. Die zentrale Botschaft: nicht mehr bauen, sondern besser wohnen – mit Mut zu neuen Wohnformen und einem kulturellen Wandel im Umgang mit Raum.

2. Bezahlbarer Wohnraum ist eine der zentralen sozialen Fragen unserer Zeit

Bezahlbarer Wohnraum wird immer knapper, weil hohe Grundstücks- und Baukosten, komplexe Normen und langwierige Verfahren effizientes Bauen verhindern. Karin Loosen, Präsidentin der Hamburgischen Architektenkammer fordert daher eine konsequente Fokussierung auf das Wesentliche: reduzierte Baustandards, einfachere Konstruktionen, flexible Grundrisse und mehr Nutzung des Bestands. Der Hamburg-Standard zeigt, dass Qualität und Kosteneffizienz vereinbar sind – etwa durch Holzbau, modulare Elemente, Low-Tech und den Verzicht auf unnötige Tiefgaragen oder Technik. Gleichzeitig brauchen Quartiere mehr soziale Durchmischung, neue Wohnformen und Optionen für Umzüge im vertrauten Umfeld, damit sie für alle Generationen funktionieren. Entscheidend für schnelleren und günstigeren Wohnungsbau sind offene, weniger komplexe Prozesse, starke Bauämter und eine bessere Zusammenarbeit aller Akteure. Ziel bleibt eine Baukultur, die nachhaltige, funktionale und lebenswerte Quartiere schafft.

3. Die innovative Rolle von Suffizienz in der Stadt- und Landschaftsplanung

Andreas Kipar, Gründer der Landschaftsberatung LAND, fordert ein radikales Umdenken in der Stadt- und Landschaftsplanung: weg vom permanenten Wachstum und Neubau, hin zu Maßhalten, Erhalt und intelligenter Nutzung des Bestehenden. Da die Bauwirtschaft zu den stärksten Treibern von Ressourcenverbrauch und Flächenversiegelung gehört, sieht er Suffizienz als Schlüssel zu zukunftsfähigen Städten. Natur müsse dabei als aktiver Partner verstanden werden – sie kühlt, filtert, stärkt die Resilienz und schafft soziale Räume. Entsiegelung, Renaturierung, Wasserrückhalt und naturbasierte Lösungen seien längst möglich, aber politisch noch zu wenig gewollt. Kipar plädiert für Maßnahmen wie regionale Flächenbudgets und eine Netto-Null-Versiegelung, getragen von Gesellschaft, Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Landschaft versteht er als Instrument, das den Wandel von reiner Infrastrukturlogik zu naturraumorientiertem Denken ermöglicht. Suffizienz bedeutet für ihn Gemeinwohlorientierung: Die Frage, was wir wirklich brauchen, lässt sich nur gemeinsam beantworten.

4. Die Rückkehr zur Vernunft im Bauen

Wohnungsbau-Architekt Stefan Forsterkritisiert die technischen Übersteigerungen und immer komplexeren Standards im Wohnungsbau, die in den vergangenen Jahren zu überteuerten, übertechnisierten und oft lebensfernen Gebäuden geführt haben. Die aktuelle Baukrise mache sichtbar, wie sehr Normen, Förderlogiken und Vorstellungen vom „Standard“ das Bauen in eine kostspielige Schieflage gebracht haben.Forster plädiert für eine Rückkehr zu vernünftigen, alltagstauglichen Lösungen: weniger Technik, maßvolle Dämmung, flexible Grundrisse und langlebige, massive Bauweisen statt kurzlebiger oder ästhetisch fragwürdiger Systeme. Suffizienz bedeute für ihn nicht Verzicht oder sozialen Rückschritt, sondern das rechte Maß – technisch, sozial und gestalterisch. Die Chance liege darin, den Wohnungsbau einfacher, robuster und nachhaltiger auszurichten.

WENIGER IST MEHR

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