Eine kritische Auseinandersetzung mit dem Potenzial & Erwartungen an den Gebäudetyp E

Einspruch ist ein neues Format. Es bedeutet nicht, grundsätzlich gegen etwas zu sein, sondern eine Haltung zu formulieren, eine Sichtweise einzubringen und ein Thema kritisch zu beleuchten. nbau-Chefredakteur Dr. Bernhard Hauke diskutiert über aktuelle Fragen regelmäßig mit Dr. Christine Lemaitre, geschäftsführender Vorstand der DGNB, und mit Thomas Auer, Professor für Gebäudetechnologie und klimagerechtes Bauen an der TU München sowie Ingenieur bei Transsolar Energietechnik.
Beim Einspruch #1 geht es um Gebäudetyp E, um eine Auseinandersetzung mit seinem Potenzial, aber auch mit den Erwartungen und Hoffnungen, die derzeit an diesen geknüpft werden. Der Gebäudetyp E verspricht neue Freiheit und neue Möglichkeiten beim Planen und Bauen. Weniger Regulierung soll Innovation ermöglichen und ressourcenschonende Lösungen erleichtern. Gleichzeitig zeigen sich gerade mit Blick auf Qualität, Nachhaltigkeit und soziale Fragen Ambivalenzen, über die wir sprechen wollen. Nachhaltigkeit entsteht nicht automatisch durch mehr Flexibilität, sondern durch klare Zielbilder, bewusste Entscheidungen und verlässliche Rahmenbedingungen.
Bernhard Hauke: Was ist eigentlich der Gebäudetyp E, und wohin laufen wir damit gerade?
Christine Lemaitre: Genau das ist der Grund, warum wir uns kritisch mit dem Thema beschäftigen wollen. Die Intention hinter dem Gebäudetyp E ist aus meiner Sicht grundsätzlich gut und richtig. Es geht darum, zu hinterfragen, welche Anforderungen und Standards sich im Bauen im Laufe der Jahre als neues Normal etabliert haben, ohne dass sie immer weiter reflektiert wurden. Das ist ein Thema, mit dem wir uns bei der DGNB schon sehr lange beschäftigen. Wir versuchen seit Jahren, sehr sauber zu unterscheiden zwischen dem, was Marktstandard ist, also Ausstattungs- und Komfortmerkmale, und dem, was tatsächlich bauliche Qualität ausmacht. Der Gebäudetyp E versucht, diese Differenzierung wieder stärker in den Fokus zu rücken und Anforderungen gegebenenfalls auf ein gesundes, vernünftiges Maß zu justieren. Gleichzeitig ist aber völlig unklar, was der Gebäudetyp E konkret sein soll. Schon das ist für mich der erste kritische Punkt. Man sieht ja daran, dass eigentlich niemand so ganz genau weiß, wofür das E steht. Die einen sprechen von experimentell, andere von einfach, wieder andere von entschlackt. Inzwischen habe ich sogar gehört, dass das E für erschwinglich stehen soll. Es gibt fast einen kleinen Wettbewerb darum, wofür dieses E alles stehen könnte. Und genau deshalb brauchen wir dringend eine klare Definition.
Thomas Auer: Vielleicht brauchen wir gar keine saubere Definition dessen, wofür das E steht. Vielleicht müssen wir vielmehr als Branche klären, was wir eigentlich mit „einfach“ meinen. Einfach planen, einfach bauen, einfach betreiben oder einfach rückbauen – das sind sehr unterschiedliche Dinge. Und sie stehen zum Teil in direktem Widerspruch zueinander. Wenn wir beispielsweise einfach rückbauen wollen, wird das Bauen häufig komplexer. Dann können wir viele heute gängige Bauweisen nicht mehr einsetzen, etwa wenn es um Klebeverbindungen geht. Der Fokus muss meines Erachtens auf dem Gebäudebetrieb liegen, vor allem im Hinblick auf Energie bzw. CO2-Emissionen, Wartung, Instandhaltung, etc. Ich möchte an dieser Stelle auch beim Thema Standards eine Lanze für Normen brechen. Ich weiß, dass man sich damit nicht unbedingt beliebt macht, aber Normen sind zunächst einmal etwas Gutes. Sie schaffen Vergleichbarkeit, Sicherheit und Orientierung. Wir profitieren im Alltag davon, etwa wenn wir im Ausland unsere Ladegeräte problemlos nutzen können. Das ist das Ergebnis von Normierung. Auch im Bauwesen erfüllen Normen eine wichtige Schutzfunktion. Ein klassisches Beispiel ist die Schneelast. Es gibt klare Vorgaben, wie viel Schnee in welcher Region zu erwarten ist und wie danach zu bemessen ist. Wenn es zu einem Extremereignis kommt und ich mich als Planer an diese Regeln gehalten habe, bin ich rechtlich geschützt. Das ist ein enorm wichtiger Punkt.
Christine Lemaitre: Gleichzeitig erleben wir aber, dass genau diese Regelwerke zu einer Überforderung führen können, gerade wenn sie sich verselbstständigen.
Thomas Auer: Genau. Wir sprechen von mehreren tausend Normen, und natürlich ist nicht jede Norm an jeder Stelle sinnvoll. Was an einem Ort richtig ist, muss woanders nicht passen. Meine Sorge ist, dass wir jetzt das Kind mit dem Bade ausschütten. Normen sind ein Rahmen, der uns hilft. Die Frage ist, ob wir als Planer gemeinsam mit Bauherrn dort, wo eine Norm keinen Mehrwert bringt, bewusst etwas anderes vereinbaren können – und zwar rechtssicher. Ein großes Problem ist, dass Normen immer Ergebnis von Aushandlungsprozessen sind. Wir schimpfen heute viel über den Schallschutz. Aber der erhöhte Schallschutz wurde nicht von Planern erfunden, sondern von Gerichten eingefordert. Die Normen haben versucht, mit Mindestschallschutz einen Ausgleich zu schaffen. Dann kamen Gerichtsurteile, die den Anspruch erhöht haben. Das hat Materialverbrauch, Kosten und Komplexität massiv nach oben getrieben. Hinzu kommt der Begriff des sogenannten schadensfreien Mangels. Ich baue etwas, es gibt objektiv keinen Schaden, aber ich habe mich nicht an die allgemein anerkannten Regeln der Technik gehalten. Also kann ich trotzdem verklagt werden. Allein dieser Begriff ist doch Irrsinn und führt zu einer enormen Klageflut.
Christine Lemaitre: Da bin ich ganz bei dir. Am Ende ist das vor allem eine juristische Frage: Was ist eigentlich der geschuldete Standard? Die Entwicklung Anforderungen einklagbar zu machen, die über die anerkannten Regeln der Technik hinaus gehen ist aus meiner Sicht problematisch. Aber selbst wenn wir diese Rechtsfragen klären, bleibt für mich die grundlegende Frage: Was wollen wir eigentlich mit dem Gebäudetyp E erreichen? Welches Ziel steht dahinter? Für mich ist das Ziel klar mit Nachhaltigkeit, Klimaschutz und Zukunftsfähigkeit verbunden. Dieses Zielbild fehlt mir in der aktuellen Diskussion sehr deutlich. Stattdessen höre ich sehr unterschiedliche Interpretationen. Jeder scheint den Gebäudetyp E so zu verstehen, wie es gerade passt. Und das halte ich für gefährlich.
Bernhard Hauke: Ein Stück weit war der Ausgangspunkt der Diskussion ja die Einfach-Bauen-Häuser in Bad Aibling. Wo sollten wir ausgehend von diesen Erfahrungen realistisch hinlaufen?
Thomas Auer: Bad Aibling war ein wichtiger Punkt, weil dort das Thema Standards sehr konkret geworden ist. Inzwischen gibt es 18 Pilotprojekte allein in Bayern mit unterschiedlichen Architekturbüros und einer wissenschaftlichen Begleitung. Genau das brauchen wir jetzt: eine Phase, in der ausprobiert wird. Wir müssen reale Gebäude bauen, sie nutzen, ihren Energieverbrauch messen, CO2 Emissionen über den Lebenszyklus ermitteln, Bau- und Betriebskosten auswerten und daraus lernen. Nur so lässt sich ernsthaft beurteilen, was der Gebäudetyp E leisten kann und wo seine Grenzen liegen. Im Kern geht es um Suffizienz, also um weniger Material. Weniger Material bedeutet einen direkten Beitrag zur Nachhaltigkeit. Und es geht explizit nicht darum, billiger zu bauen. Florian Nagler und Elisabeth Endres sagen das sehr klar: Es geht darum, richtiger zu bauen.
Christine Lemaitre: Und genau an dieser Stelle möchte ich Einspruch einlegen. Kritische Diskussion ist kein Zerreden. Im Gegenteil: Wenn wir wollen, dass der Gebäudetyp E ein Erfolg wird, ist es extrem wichtig, jetzt kritisch und differenziert darüber zu sprechen. Ich erlebe draußen viele Fehlinterpretationen. Häufig höre ich den Satz: „Das meinen wir ja nicht so.“ Aber wir sind 2026. Wir können nicht davon ausgehen, dass alle automatisch das Positive hineininterpretieren. Für viele bedeutet Gebäudetyp E ganz konkret: günstiger, schneller, weniger Komfort. Gerade im sozialen Wohnungsbau ist das hochproblematisch. Wir bauen dort für Menschen, die nicht einfach sagen können, dann ziehe ich eben woanders hin. Wenn wir Gebäude so planen, dass klar ist, dass man dort nur wohnt, bis man es sich leisten kann wegzuziehen, schaffen wir langfristig soziale Brennpunkte. Das ist keine technische Frage, sondern eine gesellschaftliche Verantwortung.
Thomas Auer: Da gibt es keinen Dissens. Der Gebäudetyp E darf nicht als politische Wunderlösung verkauft werden. Die Rechnung geht nicht auf. Selbst wenn wir an vielen Stellen sparen, lassen sich Baukosten nicht halbieren. Ohne massive staatliche und strukturelle Eingriffe wird sich das Wohnungsproblem nicht lösen lassen. Der Gebäudetyp E kann einen Beitrag leisten, aber er ist kein Allheilmittel. Ich sehe die reale Gefahr, dass er politisch instrumentalisiert wird.
Christine Lemaitre: Und genau das verstärkt die Angst vor einer Entwicklung nach dem Motto: weniger Regeln, mehr Markt. Dieses libertäre Narrativ passt nicht zu unserem Rechtssystem. Viele Regelwerke und Berichtspflichten haben überhaupt erst Transparenz geschaffen, etwa im Bereich Energieverbrauch. Ich halte es für sehr gefährlich, wenn Gebäudetyp E, Bürokratieabbau und Regelabschaffung kommunikativ vermischt werden. Das ist in erster Linie eine Frage der Einordnung, aber eine sehr entscheidende.
Thomas Auer: Bauen ist Teil eines hochvernetzten Systems. Planung, Industrie, Handwerk und Nutzung hängen eng zusammen. Wir müssen differenzieren, modernisieren und gezielt vereinfachen, statt pauschal zurückzudrehen. Gerade im Nichtwohnungsbau sehe ich große Potenziale, etwa bei Schulen. Z.B. eine Aula, trotz zeitlich begrenzter Nutzung, als Versammlungsstätten einzustufen verursacht hohe Kosten in Bau und Betrieb. Aber auch hier gilt: testen, auswerten und sauber kommunizieren.
Christine Lemaitre: Denn wenn sich Narrative einmal verselbstständigen, sind sie kaum noch einzufangen. Es ist unsere Verantwortung als Branche, jetzt klar zu benennen, wofür der Gebäudetyp E steht – und wofür nicht. Ohne klares Zielbild wird er zum Projektionsraum.
Bernhard Hauke: Genau das war unser Anliegen heute. Vielen herzlichen Dank euch beiden für diese intensive, differenzierte und sehr engagierte Diskussion. Das war Einspruch im besten Sinne. Vielen Dank und bis zum nächsten Mal.
Der Text beruht auf dem urbaniq Einspruch: Gebäudetyp E vom 28. April 2026 Eine kritische Auseinandersetzung mit dem Potenzial & Erwartungen an den Gebäudetyp E mit Dr. Christine Lemaitre und Prof. Thomas Auer. Das gesamte Gespräch gibt es in der urbaniq Mediathek.

