Von der Haltung zur Handlung: Über Verantwortung, Klarheit und Kommunikation – ein Plädoyer für eine einander zugewandte Haltung.
Sprache prägt Raum. Wir können nicht nicht kommunizieren – ebenso wenig können wir uns nicht verhalten. Wenn wir uns nicht äußern, überlassen wir den Raum den Lautesten. Was Bilder vermögen, vermögen Worte ebenfalls. Wobei sich über die Zeit die Bedeutungen verschieben können. Denn wir haben immer das Bezeichnete und das Bezeichnende. Also erstens die Baustelle und zweitens das zunächst unschuldige Wort Bau-stelle. Dann wird das Wort für etwas Problembehaftetes eingesetzt. Und plötzlich wirkt sich das Bezeichnende negativ auf das Bezeichnete aus: »Wir haben eine Baustelle.« Dabei scheint es mir so viel produktiver, wenn wir zumindest versuchen, Bauprozesse als Gestaltungsaufgaben zu begreifen, auf die wir positiv einwirken können. Lassen Sie uns Raum neu denken – durch Sprache, die verbindet statt trennt.
Womit wir bei der Haltung wären: Unsere Haltung ist ein Anhaltspunkt für andere – sie wirkt sich auf Transparenz und Verbindlichkeit aus, solange Sie – um bei der Haltung zu bleiben – aufrichtig sind. Wie lesen Sie diese Zeilen? Wie schreibe ich hier? Nehmen wir später eine einander zugewandte Haltung ein? Haltung ist mehr als Körperhaltung: Sie ist innere Einstellung, Verhalten, Fassung. Sie bestimmt unsere Handlung. Handlung wiederum ist Tat, Erzählung, Unternehmung. Und Haltung und Handlung sind untrennbar. Nun: Wie klar ist unsere Handlung, wenn wir über Nachhaltigkeit sprechen? Unseren Fokus möchte ich gerne auf die Handlung im Sinne der Kommunikation, nämlich als Erzählung, lenken.
Was meinen wir mit Nach–halt–igkeit? Der Begriff ist überfrachtet, oft diffus. Im Bauwesen nehme ich wahr, dass wir oft nur bestimmte Säulen oder Strategien mitdenken: So steht Soziales oder stehen Suffizienz und Resilienz vielleicht seltener im Zentrum unserer Überlegungen. Dabei wissen wir, wenn wir es ernst nehmen, dass es um noch viel mehr als Ökologie und Ökonomie oder Effizienz geht. Nachhaltigkeit steht hier und heute für Zukunftsfähigkeit, wenn sie keine Worthülse bleibt: Sie verlangt Verantwortung und Klarheit in der Kommunikation.
Hinter Nachhaltigkeit können sich viele Werte verbergen, etwa Fairness oder – mit Blick auf die Zukunft – Sinn. Wenn wir uns unserer Werte bewusst sind, erkennen wir, welche Handlungsräume wir bislang verspielen, erkennen wir, wo uns vielleicht der Mut verlässt oder wo wir inkonsistent werden. Und das ist menschlich. Also: Welchen Wert haben unsere Werte, wenn sich daraus keine Haltung und keine Handlung ableiten lassen? Werte sind nicht nur Worte. Sie sind Wegweiser – wenn wir sie ernst nehmen. Und es ist ein schmaler Grat zwischen Klarheit und Unklarheit darüber, wofür Nachhaltigkeit selbst als Wert stehen kann.
Halt können in dem Zusammenhang die 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung bieten. Sie geben Orientierung. Zwischen Klarheit – in Zahlen – und Unklarheit – bei weichen Themen – braucht es Mut, sich auf Komplexität und Widersprüche einzulassen, um mit einem differenzierten Blick Transformation zu ermöglichen. Dabei sollten Partnerschaften am Anfang stehen, nicht am Ende. Wir sind Teil von Welt. Unsere Verantwortung beginnt hier – in unserem direkten Umfeld. Und sie reicht weit darüber hinaus. Und um Haltung überhaupt entwickeln zu können, müssen Grundbedürfnisse erfüllt sein und helfen etwa Bildung und Wissenstransfer – dafür begegnen wir uns in diesem Medium.
Das führt mich zur Verantwortung, die wir folgenden Generationen gegenüber haben. Nahezu alle Ressourcen sind endlich und stehen in einem Kreislauf: Eine gleichbleibende, feste Menge verwandelt und regeneriert sich im besten Fall immer wieder. Wenige Ressourcen sind unendlich: Natürliche Energie durch Sonne, Wellen oder Wind ist unendlich vorhanden. Eine wesentliche Ressource schwindet: Unwiederbringlich bleibt unsere individuelle wie kollektive [Lebens–]Zeit. Um einen Unterschied zu machen, schwindet sie täglich. Darum plädiere ich dafür, heute ins Handeln zu kommen. Jeder Tag zählt. Denn Nachhaltigkeit beschreibt keinen Zustand, sondern einen Prozess.
Und wir stehen in der Verantwortung miteinander statt gegeneinander. Transformationsprozesse gelingen nur im Dialog – und wenn wir Privilegien hinterfragen, Kritik aushalten, andere Perspektiven zulassen: Unsere Antworten spiegeln unsere Haltung. Ich glaube an den offenen Diskurs. Der Schlüssel liegt darin, in den vielen Übergangsprozessen andere Perspektiven als Bereicherung annehmen zu können – also nicht gleich mit einer Lösung aufeinander zuzugehen, sondern ergebnisoffen und mit der Idee, gemeinsam eine Lösung zu erarbeiten.
Erzählen können wir viel, am Ende zählen oft Zahlen. Zugleich unterschätzen wir die Bedeutung der Handlung, weil wir Zahlen nur im Kontext verstehen können. Die Bauwende kann nicht isoliert betrachtet werden. Das heißt, wir stehen auf dem Planeten vor riesigen Herausforderungen. Das ist die schlechte Nachricht. Die gute Nachricht: Das Bauen hat einen so großen Impact für unseren Lebensraum insgesamt – und um den geht es –, dass das Bauwesen vieles zum Positiven wenden kann. Die Zahlen machen Mut. Nachhaltigkeitskommunikation braucht beides: Daten und Deutung. Lassen Sie uns ehrlich erzählen – und konsistent handeln. Am Ende, auch diese Handlungsebene dürfen wir nicht verdrängen, zählt, das was wir sagen und das was wir tun.
Die Zahlen sprechen für sich: Weltweit ist die Bauwirtschaft verantwortlich für 40 Prozent des Energieverbrauchs, 50 Prozent des Abfallaufkommens, 60 Prozent des Ressourcenverbrauchs und 70 Prozent des weltweiten Flächenverbrauchs. Dabei sind 80 Prozent des weltweiten Grund und Bodens in Männerhand.
Architekt:innen haben durch ihre Arbeit an Großprojekten die 196-fache Möglichkeit, die CO₂-Emissionen zu senken, als durch Änderungen ihres eigenen Lebensstils. Das hält »Architects Declare UK« fest. Doch das, was 196 Menschen an ihrem Lebensstil ändern, kann mindestens genauso relevant sein. Und mit diesem Satz möchte ich die Architekt:innen – und die Baubranche insgesamt – nicht aus der Verantwortung nehmen. Ich will alle – auch Nicht-Architekt:innen, die vielleicht herauslesen, dass sie kaum etwas bewirken können – ermutigen: Jeder Schritt zählt.
Das führt mich zum Thema der Präsentation: Wenn ein Unternehmen »Nachhaltigkeit ist Teil unserer DNA.« oder »Wir sparen Kopierpapier.« schreibt – zwei Floskeln –, dann ist mir das eine zu wage und das andere zu wenig. Jedes Zeichen zählt, das steht außer Frage. Von einem Unternehmen, das sich nachhaltig präsentieren möchte, dürfen wir allerdings mehr erwarten – auf jeder Handlungsebene. Dabei geht es nicht um ein »entweder, oder« sondern ein »sowohl, als auch« von kleinen und großen Maßnahmen.
Kommunikation ist immer ein Ausschnitt. Sei es im Bild oder im Text. Dabei können wir nur auf die positiven Dinge aufmerksam machen. Warum auch nicht? Verschleiern wir damit bewusst etwas weniger Nachhaltiges? Das ist eine manchmal schwer zu beantwortende Frage. Fair und nachhaltig wirksam wäre, möglichst vieles offenzulegen, viele Stimmen zuzulassen. Präsentation setzt das Licht auf die Schokoladenseiten, während Repräsentation ein differenziertes Bild aufzeigt: Sie zeigt Vielfalt, macht vielleicht Prozesse auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit sichtbar, gibt allen Beteiligten eine Stimme. Das heißt auch, dass wir festhalten müssen: Frauen sind in vielen Medien, in Führungspositionen oder in der Politik unterrepräsentiert. Und hier möchte ich nicht Geschlechter gegeneinander aufspielen: Wir können uns nur keine Nachhaltigkeit von Männern für alle wünschen, so wie wir uns keine Medizin wünschen können, die alles auf einen männlichen Körper ausrichtet. Das verkennt die Bedürfnisse der Hälfte der Gesellschaft.
Und wenn wir bei der Repräsentation bleiben, so müssen wir beobachten, dass baukulturelle Bildung wenig bis gar nicht stattfindet. Während wir – ob in der Schule, im Feuilleton oder unter Bekannten – viel über Kunst oder Musik erfahren dürfen, sprechen wir wenig über den Raum, der uns umgibt und mit dem wir im Alltag doch viel mehr zu tun haben, als mit Picasso, Mozart oder Bach. Oft bleibt Baukultur außerhalb der Kultur, obwohl wir uns vorwiegend in ihr bewegen: Uns fehlen die Worte. Trotzdem entscheiden wir darüber, wie wir über unser unmittelbares Umfeld sprechen. Sei es beim Betonklotz – ein brutalistisches Denkmal, das Architekt:innen Herzen höher schlagen lässt, obwohl die Rückseite sehr abweisend wirkt – oder bei der »Zu-Verschenken-Ecke«, einer Kreuzung im Wohnviertel, an der sich gerne der Sperrmüll stapelt. Wenn wir hingegen im Alltag mehr über Kontexte sprechen und anerkennen, dass wir viele, insbesondere [Stadt-]Räume teilen und ein gemeinsames Vokabular finden, können sich neue Perspektiven eröffnen, gerade dann, wenn wir Räume so unterschiedlich wahrnehmen. Und vielleicht legt niemand mehr unachtsam Wertstoffe auf die Straße.
Mit anderen Worten: Wenn wir wollen, können wir ein Bewusstsein für Architektur und das Bauwesen insgesamt schaffen. Ein Bewusstsein, mit dem eine Anerkennung und Wertschätzung unserer Räume einhergeht. Auffällig viele Frauen engagieren sich in Ehrenämtern, wenn es um Nachhaltigkeit und die Wertschätzung von Bausubstanz und Stadträumen geht, so auch beim »wir sind dran : verband«, mit seinen 12 Gründerinnen, unserer Schirmfrau Ipek Ölcüm und unserem Schirmherr Werner Sobek. Und auch hier gilt: Für mehr Nachhaltigkeit wünsche ich mir den Einsatz möglichst divers zusammengestellter Kreise, die möglichst viele Perspektiven verstehen und vertreten können. Und was einzelnen nützt, muss anderen nicht schaden – es ist genug Raum für alle da. Nachhaltigkeit braucht diverse Perspektiven und eine differenzierte, klare Kommunikation, die – auch selbstkritisch – Unklarheiten oder Unsicherheiten offen anspricht.
Mein Appell: Finden Sie die Worte, die Ihre Werte vertreten. Klar, ehrlich, verbindend. Worte schaffen Wirklichkeit. Sie zeigen Haltung – und ermöglichen Handlung. Kommunikation ist kein Selbstzweck. Sie ist Mittel zur Veränderung. Räume trennen uns oft. Doch sie können auch verbinden. Wir teilen einen Planeten. Und wir teilen Verantwortung. Kommunikation ist Teil davon. Im Zuhören. Und Sprechen. Indem wir das Wir betonen – nicht das Ihr. Denn das Wir schließt alle ein. Lassen Sie uns gemeinsam eine Sprache finden, die trägt – und die Zukunft gestaltet. Denn Architektur betrifft uns alle.
Autor:in
Dr. Tania Ost, verband@wirsinddran.jetzt
Schriftführerin für den
wir sind dran : verband für Nachhaltigkeitsmanagement im Bauwesen e. V., Hannover



