Zweite Chance für Bauteile – Digitalisierung als Motor der Wiederverwendung

Stuttgarter Nachhaltigkeitsstammtisch

Bild 2 Punktewolke aus einem 3D-Scan der Bauteile vor dem Rückbau auf dem Campus Lichtwiese der TU Darmstadt

Urban Mining wird als ein wichtiger Baustein zur Reduktion grauer Energie in der Baubranche gesehen. Dennoch wird der Einsatz wiederverwendeter Baustoffe und vor allem wiederverwendeter Bauteile noch selten umgesetzt. Der Stuttgarter Nachhaltigkeitsstammtisch, zu dem sich am 27. Januar 2026 über 70 Interessierte aus Architektur, Tragwerksplanung und Bauindustrie im Ingenieurbüro Bollinger+Grohmann Stuttgart zusammenfanden, widmete sich daher dem Thema Zirkularität und Digitalisierung.

Die Diskussion eröffnete Prof. Dr. Anja Rosen(MSA Münster) mit der Frage „Bauen im Wandel – wie viel Zirkularität ist möglich?“ und erläuterte dabei den unter ihrer Federführung entwickeltenUrban Mining Indexan verschiedenen Projektbeispielen. Anschließend wagten die Teilnehmer des Nachhaltigkeitsstammtisches einen Blick über den Tellerrand der gängigen Baupraxis und in aktuelle Forschungsprojekte der TU Darmstadt unter der Leitung von Prof. Dr.Oliver Tessmann.

Bisher ist die industrielle Fertigung vor allem auf Effizienz im Produktionsprozess ausgelegt. Materialien aus dem Rückbau von Gebäuden werden meist entsorgt oder bestenfalls recycelt – ein energieintensiver Prozess, bei dem viel Wert verloren geht. Die gezielte Wiederverwendung von Tragwerkskomponenten bleibt die Ausnahme: zu komplex, zu wenig standardisiert, zu aufwendig in der Prüfung. Genau hier setzt das BMBF-geförderte Projekt „Fertigteil 2.0“ an. Im Rahmen des Forschungsprojekts werden Betonbauteile aus zum Abriss bestimmten Gebäuden als wiederverwendbare „fertige Bauteile“ für Neubauten gewonnen. Auf Basis einer neuartigen real-digitalen Prozesskette werden Gebäude digitalisiert und als digitaler Zwilling in einem BIM-Modell abgebildet. Die Betonbauteile werden anschließend mit Sägerobotern zu flexiblen neuen Fertigteilkonstruktionen zerteilt. Durch die Entwicklung eines intelligenten Verbindungsknotens sollen die Bauteile anschließend in verschiedensten Neubauprojekten einen neuen Einsatzort finden (Bild 1). In einem von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) geförderten Folgeprojekt werden die Erkenntnisse derzeit mit Planungsbüros und Industriepartnern aus der Betonsägebranche in die Praxis überführt. Das Forschungsprojekt eröffnet damit durch einen hohen Grad an Digitalisierung Perspektiven für die Wiederverwendung von Bauteilen im Stahlbetonskelettbau (Bild 2). Der Stahlbetonbau gilt bislang als am wenigsten geeignet für einen koordinierten Rückbau und zählt gleichzeitig zu den in den vergangenen 50 Jahren am häufigsten umgesetzten Bauweisen.

Bild 2 Punktewolke aus einem 3D-Scan der Bauteile vor dem Rückbau auf dem Campus Lichtwiese der TU Darmstadt (Quelle: Max Benjamin Eschenbach)
Bild 2 Punktewolke aus einem 3D-Scan der Bauteile vor dem Rückbau auf dem Campus Lichtwiese der TU Darmstadt (Quelle: Max Benjamin Eschenbach)

Diese und weitere innovative Ansätze zeigen, welches Potenzial Digitalisierung, Robotik und künstliche Intelligenz auch im Bereich der Wiederverwendung von Tragwerksteilen eröffnen. Natürlich bleiben Herausforderungen. Die Vielfalt bestehender Produkte, fehlende Standards und offene rechtliche Fragen bremsen die Entwicklung. Dies führt noch zu vielen Lücken in unseren Planungs- und Bauprozessen, bevor Stoffkreisläufe nachhaltig geschlossen werden können. Die Vorträge und Diskussionen zeigten aber, dass wir bereits erste Schritte zu mehr Zirkularität in der Baubranche machen und diese auch unter Berücksichtigung des aktuellen Norm- und Regelungsstands umsetzbar sind.


Stuttgarter Nachhaltigkeitsstammtisch

Kontakt: sustainability@knippershelbig.com

Kommende Termine und Veranstaltungsorte können über obige Mailadresse erfragt werden.


Autor:innen

Dr.-Ing. Marie Reichert, mreichert@bollinger-grohmann.de
Bollinger+Grohmann, Stuttgart
www.bollinger-grohmann.com

Prof. Dr.-Ing. Oliver Tessmann, tessmann@dg.tu-darmstadt.de
Digital Design Unit (DDU), TU Darmstadt

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