Zwischen Kosten­fixierung und Zukunfts­verantwortung

Warum die aktuelle Debatte um Baustandards mehr Zielklarheit und Ehr­lich­keit braucht und das Vergessen des bisher Erreichten nicht akzeptabel ist

Kaum ein Thema wird im gegenwärtigen Diskurs über Stadtentwicklung und Wohnungsbau so vehement verhandelt wie die Frage der Bezahlbarkeit. Steigende Baukosten, Zinsen, Materialpreise und regulatorische Anforderungen haben den Druck auf Politik, Wohnungswirtschaft und Planung massiv erhöht. Neu ist das Thema aber eigentlich nicht. Schon im Wahlkampf 2021 hatte Olaf Scholz400.000 neue Wohnungen pro Jahr versprochen und dieses Ziel auch im damaligen Koalitionsvertrag verankert. Die Notwendigkeit, neuen Wohnraum zu schaffen, ist gerade in den sich zunehmend urbanisierenden Gebieten rund um die großen Städte und in den industriestarken Regionen Deutschlands kein neues Thema.

Es ist auch kein deutsches Thema. Die ganze Welt steht aktuell vor diesen Herausforderungen. Zwar geht es in diesem Beitrag vor allem um den Wohnungsbau in Deutschland. Dennoch hilft es immer wieder, den Blick in andere Länder zu lenken, um die eigenen Herausforderungen etwas besser und ehrlicher einordnen zu können. Denn anders als in anderen Regionen der Welt haben wir in Deutschland eigentlich gute Voraussetzungen, um der Welt als Positivbeispiel zu dienen. Wir haben qualitativ hochwertige Bauprodukte, gesetzliche Regelungen, die einen hohen – und vielleicht teilweise überhöhten – Standard zum Normal gemacht haben. Wir haben Baufirmen, Handwerker und Planer, die gut ausgebildet sind und wissen, was sie tun. Nicht zuletzt haben wir – und da bin ich vielleicht nicht ganz objektiv – das ambitionierteste und als solches auch weltweit anerkannte Zertifizierungssystem für nachhaltige Gebäude, das sich mit über 14.000 Auszeichnungen in mehr als 30 Ländern auch im Markt bewährt hat: das DGNB-System.

Green Building Councils in Österreich, der Schweiz, Dänemark, Spanien, Kroatien, Bosnien und Herzegowina sowie der Ukraine haben sich dafür entschieden, das DGNB-System unter der gemeinsamen Marke in ihre Länder zu übertragen, anzupassen und anzuwenden. So basiert die vielbeachtete Einführung von CO2-Grenzwerten in Dänemark auf über zehn Jahren Erfahrung mit dem DGNB-System in Dänemark unter Anwendung unserer deutschen ÖKOBAUDAT für die erforderlichen Ökobilanzdaten.

Wir haben viel erreicht, daher irritieren die aktuell geführten Diskussionen doch sehr, in denen pauschal alles bisher Erreichte als etwas Negatives dargestellt wird. Und in diesem Spannungsfeld entstehen neue Baustandards, Vereinfachungsansätze und Referenzmodelle, von denen der Hamburg-Standard nur ein prominentes Beispiel unter mehreren ist. Auch in Bremen, Schleswig-Holstein und anderen Bundesländern wird intensiv darüber nachgedacht, wie schneller, günstiger und vermeintlich „einfacher“ gebaut werden kann.

Dass sich dieser Prozess überhaupt entfaltet hat, ist zunächst ausdrücklich positiv zu bewerten. Dass sich eine Branche hinterfragt, optimiert und zusammenarbeitet, ist gut und richtig. Vielleicht lässt sich hier kritisch anmerken, dass dies jahrzehntelang zu wenig passiert ist. Die Fragen, welche Standards tatsächlich wirksam sind, welche sich überholt haben und wo Prozesse unnötig teuer, langsam oder komplex geworden sind, sind gut und richtig. Ebenso sinnvoll ist der Anspruch, diese Fragen nicht im stillen Kämmerlein einzelner Fachdisziplinen zu bearbeiten, sondern Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Planung gemeinsam an einen Tisch zu bringen. Interdisziplinarität, frühe Verständigung und Transparenz sind zweifellos Voraussetzungen für bessere Ergebnisse, wie wir das in vielen Planungsprozessen schon oft beobachten konnten.

Problematisch wird diese Entwicklung jedoch dort, wo aus der notwendigen Optimierung schleichend eine Reduktionslogik wird, die sich nahezu ausschließlich an einem Kriterium orientiert: am Preis. Immer häufiger entsteht der Eindruck, als ließe sich die Krise des Wohnungsbaus in erster Linie durch das Streichen von Anforderungen lösen. In der öffentlichen Kommunikation wie auch in vielen Fachdiskussionen rückt die Frage, welche Kosten gesenkt werden können, derart in den Vordergrund, dass andere Ziele verblassen oder, hart ausgedrückt, nicht mehr relevant sind. Themen wie Klimaschutz, Nachhaltigkeit, soziale Verantwortung, langfristige Qualität und Zukunftsfähigkeit tauchen zwar gelegentlich noch auf, jedoch eher auf Nachfrage als proaktiv. Oftmals kommt ein halbherziges „Das meinen wir doch auch“ oder „Das haben wir so nicht gemeint“. Die Klarheit und die explizite Formulierung des Zielbilds fehlen jedoch in den diversen Präsentationen, auf den Webseiten und in den Vorträgen rund um die Themen des bezahlbaren Wohnens bzw. Bauens.

Mehr noch: Nachhaltigkeit und alle damit verbundenen Aspekte werden sogar als explizite Streichposten und Einsparpotenziale dargestellt. Dies kann und darf uns allen nicht egal sein! Wir dürfen das nicht akzeptieren, denn diese Verschiebung ist nicht banal. Sprache prägt Wahrnehmung, und Überschriften erzeugen Erwartungen. Wenn neue Baustandards primär als Instrumente der Kostenreduktion präsentiert werden, öffnen sie Interpretationsräume – auch für Akteursgruppen, die unter dem Deckmantel der Vereinfachung vor allem das abstreifen möchten, was sie schon lange als lästig empfinden oder was sie sowieso noch nie umgesetzt hatten.

Die Verantwortung, die mit der Veröffentlichung solcher Standards einhergeht, ist groß. Es reicht nicht, auf Kritik hin zu betonen, man habe Nachhaltigkeit selbstverständlich mitgedacht. Wenn etwas gemeint ist, muss es auch klar gesagt, beschrieben und verankert werden. Denn hier liegt das Kernproblem der aktuellen Debatte: die fehlende saubere Zielklärung dessen, was genau erreicht werden soll. Bevor darüber gesprochen wird, welche Standards gestrichen, angepasst oder neu interpretiert werden können, müsste zunächst die Frage beantwortet werden, was gutes, zukunftsfähiges Bauen und Wohnen heute leisten soll. Diese Frage ist keineswegs trivial, und sie lässt sich nicht allein aus Kostenkennwerten ableiten. Wohnen ist mehr als das Bereitstellen von Quadratmetern. Es betrifft Gesundheit, soziale Teilhabe, Klimaanpassung, Energieverbrauch und nicht zuletzt die Lebenszufriedenheit der Menschen.

Besonders deutlich wird diese Verantwortung im sozialen und kostengedämpften Wohnungsbau. Menschen mit geringem oder mittlerem Einkommen haben in der Regel keine große Wahlfreiheit. Sie können sich dem Gebäude, in dem sie wohnen, nicht ohne Weiteres entziehen, wenn es im Sommer überhitzt, hohe Nebenkosten verursacht oder wenig Aufenthaltsqualität bietet. Gerade hier muss der Anspruch gelten, dass Wohnraum langfristig gut funktioniert: mit guter Innenraumluft, angemessenem Schallschutz, niedrigen Betriebskosten, robusten Materialien, nutzbaren Außenräumen und Angeboten für nachbarschaftliches Miteinander. Diese Qualitäten sind keine Luxusstandards, sondern Grundlagen eines menschenwürdigen und nachhaltigen Wohnens.

Die derzeit dominante Kostenrhetorik wirkt vor diesem Hintergrund verkürzend und teilweise fast arrogant, denn einige wenige entscheiden, was der Baustandard für viele andere zu sein hat. Des Weiteren wird, ohne Datenbelege zu haben, suggeriert, dass Qualität in erster Linie ein Kostentreiber sei und dass Nachhaltigkeit zwangsläufig Mehrkosten verursache. Diese Vorstellung hält sich hartnäckig, obwohl sie empirisch vielfach widerlegt ist. Sie verstellt zudem den Blick auf eine zentrale Tatsache: Baukosten sind Ausdruck von Wertschöpfung. Geld verschwindet nicht im System, sondern fließt an Planende, Handwerksbetriebe, Industrie und Dienstleister. Wer pauschal „Kosten runter“ fordert, ohne differenziert zu betrachten, an welcher Stelle gespart wird und mit welchen Folgen, gefährdet nicht nur die Qualität der gebauten Umwelt, sondern auch die wirtschaftliche Perspektive einer ganzen Branche.

Dabei steht die Bau- und Immobilienwirtschaft ohnehin vor erheblichen Herausforderungen. Steigende Energiepreise, zunehmender Fachkräftemangel, wachsende regulatorische Anforderungen und der notwendige Umbau hin zu klimaneutralen Prozessen verlangen Investitionen, Know-how und Planungssicherheit. Eine Debatte, die den Eindruck vermittelt, Bauqualität sei vor allem ein überzogener Anspruch, sendet ein fatales Signal – auch an junge Menschen, die sich überlegen, ob sie in diesem Feld eine berufliche Zukunft sehen.

Ein weiterer neuralgischer Punkt der aktuellen Diskussion ist der Umgang mit Nachhaltigkeitsinstrumenten. Förderprogramme, Anforderungssysteme und Zertifizierungen werden häufig in einen Topf geworfen und als verzichtbare Zusatzleistungen dargestellt. Dabei handelt es sich um grundsätzlich unterschiedliche Dinge. Förderinstrumente wie QNG zielen darauf ab, über regulatorische Mindestanforderungen hinausgehende Qualitäten marktfähig zu machen. Sie gehen mit substanziellen Förderbeträgen einher, die baukostenentlastend wirken. Förderungen sind freiwillig. Aber wer sie nicht in Anspruch nimmt, lässt sich mög­liche finanzielle Vorteile entgehen.

Zertifizierungssysteme dagegen dienen der unabhängigen Qualitätssicherung und Transparenz. Sie sind Werkzeuge, keine Selbstzwecke, und sie definieren keinen allgemeinen Standard, sondern begleiten ambitionierte Projekte. Die entsprechenden Beratungen durch geschulte Fachleute führen zu Qualitätssteigerungen, die sich bei Projekten nicht von allein ergeben, wenn diese Posten herausgestrichen werden.

Wenn in vereinfachten Darstellungen suggeriert wird, durch den Verzicht auf solche Instrumente ließen sich pauschal erhebliche Kosten einsparen, entsteht ein irreführendes Bild. Das Ergebnis ist dann ein anderes, mitunter nicht nachhaltiges Gebäude. Hinzu kommt, dass viele der angesprochenen Themen und Planungsinstrumente gar nicht verhandelbar sind. Die Erstellung von Ökobilanzen etwa wird bald keine freiwillige Zusatzleistung mehr sein, sondern mit der Umsetzung europäischer Vorgaben im Neubau verpflichtend werden. Anstatt diese Entwicklung als lästige Pflicht darzustellen, wäre es sinnvoller, sie als Chance für Kompetenzaufbau, Innovation und bessere Planung zu begreifen.

Ein Blick auf Forschung und Praxis zeigt zudem, dass Reduktion und Qualität kein Widerspruch sein müssen – im Gegenteil. Ansätze wie „Einfach Bauen“ verdeutlichen, dass es nicht darum geht, möglichst viel wegzulassen, sondern sehr gezielt zu entscheiden, was tatsächlich benötigt wird, um definierte Ziele zu erreichen. Technikreduktion ist in diesem Sinne kein Selbstzweck, sondern folgt der Erkenntnis, dass passive Maßnahmen oft langlebiger, robuster und nutzerunabhängiger sind als komplexe technische Systeme. Wer Technik weglässt, muss an anderer Stelle ­investieren: in Geometrie, Materialität, Konstruktion und Planungstiefe. Einfach Bauen heißt nicht anspruchslos zu bauen, sondern besonders intelligent und vorausschauend.

Genau diese Denkweise geht in vielen Standarddebatten verloren. Statt vom Ziel her zu argumentieren, wird häufig von imaginären Budgetreduktionen aus gedacht – nach der Logik: Je mehr eingespart wird, desto besser. Im Grunde ist es aber Baualltag, im Rahmen vorgegebener zeitlicher und finanzieller Budgets das Bestmögliche zu planen und umzusetzen. Pauschale Einsparungen sorgen dafür, dass langfristige Folgen aus dem Blick verloren gehen. Die Baugeschichte liefert genügend Beispiele dafür, wohin kurzfristige Kostenoptimierung führen kann. Viele Wohngebäude der Nachkriegsjahrzehnte, die mit minimalem Materialeinsatz errichtet wurden, stellen uns heute vor enorme Herausforderungen bei der Sanierung, Umnutzung und energetischer Ertüchtigung. Was damals als ökonomisch sinnvoll galt, erweist sich heute als teuer und ressourcenintensiv.

Aus diesen Erfahrungen müsste eigentlich eine klare Lehre gezogen werden: Wenn wir heute bauen, bauen wir für Jahrzehnte, im besten Fall für ein Jahrhundert. Die in der Errichtung gebundenen CO2-Emissionen, die eingesetzten Materialien und die räumlichen Strukturen lassen sich später nur mit großem Aufwand korrigieren. Umso wichtiger ist es, Standards nicht als Sparinstrumente misszuverstehen, sondern als Mittel zur Sicherung langfristiger Qualität.

Ein zukunftsfähiger Baustandard sollte daher nicht darüber definiert werden, was er alles nicht fordert, sondern darüber, welche Ziele er verbindlich setzt. Dazu gehören Klimaschutz, Ressourceneffizienz, soziale Verantwortung, wirtschaftliche Angemessenheit und Resilienz gegenüber zukünftigen Anforderungen. Der Weg zur Zielerreichung sollte dabei so offen wie möglich sein. Wer klare Grenzwerte vorgibt, schafft Innovationsfreiheit. Unterschiedliche Lösungen können nebeneinander existieren, solange sie zum selben Ziel führen.

In dieser Offenheit liegt auch die Chance, die aktuelle Polarisierung der Debatte zu überwinden. Wenn Nachhaltigkeit, Ökobilanzierung und Lebenszyklusdenken als selbstverständlicher Teil des Bauens verstanden werden, verlieren sie ihren Ausnahmecharakter. Aufregung weicht Normalität, Ideologie wird ersetzt durch Professionalität. Dann geht es nicht mehr um die Frage, ob wir uns Nachhaltigkeit leisten können, sondern wie wir sie effizient, wirksam und sozial ausgewogen umsetzen.

Der ideale Baustandard ist ein Orientierungsrahmen, der konsequent qualitätsgesichert wird. Er definiert, was wir als Gesellschaft von unserer gebauten Umwelt erwarten, insbesondere dort, wo Menschen auf gute Rahmenbedingungen angewiesen sind. Er schützt vor kurzsichtigen Entscheidungen, ohne Innovation zu verhindern. Und er erinnert uns daran, dass Bauen immer mehr ist als eine Kostenfrage: Es ist ein Eingriff in die Zukunft – sozial, ökologisch und kulturell.

Wenn wir uns an das Jahr 2019 erinnern, in dem viele von uns mit Fridays for Future auf die Straße gegangen sind, um konsequenteren Klimaschutz zu fordern, dann muss es doch fast eine Selbstverständlichkeit sein, diese Perspektive wieder stärker in den Mittelpunkt zu rücken. Damit können aktuelle Initiativen wie der Hamburg-Standardtatsächlich zu einem Fortschritt werden. Nicht als Symbol einer neuen Sparsamkeit, sondern als Ausgangspunkt für ein Bauen, das bezahlbar und verantwortungsvoll zugleich ist. Ein Bauen, das zukunftsfähig und gerecht ist und für Fortschritt und positive Zukunftsbilder steht – nicht nur in Deutschland, sondern auch darüber hinaus.


Der Text beruht teilweise auf dem urbaniq Briefingvom 22. April 2026, in dem nbau-Chefredakteur Dr. Bernhard Hauke mit Dr. Christine Lemaitreüber den Hamburg-Standard und die neue Unkultur der Reduzierung von Baustandards sprach.

Das gesamte Gespräch gibt es in der urbaniqMediathek:

https://urbaniq.space/mediathek


Autor:in

Dr. Christine Lemaitre
Geschäftsführender Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen
www.dgnb.de

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