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Die Bau- und Immobilienbranche steht unter massivem Transformationsdruck. Klimaziele, Ressourcenknappheit und steigende regulatorische Anforderungen verlangen nach neuen Antworten – insbesondere im Umgang mit Materialien. Denn Gebäude sind nicht nur Energieverbraucher, sondern vor allem gigantische Rohstofflager. Doch was genau steckt eigentlich in ihnen? Welche Materialien wurden verbaut, in welchen Mengen, mit welchen Verbindungen – und wie lassen sie sich am Ende ihres Lebenszyklus wiederverwerten?
Genau hier setzt der Materielle Gebäudepass an. Er schafft Transparenz über die stoffliche Zusammensetzung eines Gebäudes – digital, strukturiert und über den gesamten Lebenszyklus hinweg verfügbar. Für das Ingenieurunternehmen FCP ist dieses Instrument ein zentraler Baustein auf dem Weg zu einer funktionierenden Kreislaufwirtschaft im Bauwesen.
Vom Black Box Gebäude zum digitalen Materiallager
Lange Zeit galten Gebäude als Black Box: Einmal errichtet, verschwanden Informationen über ihre materiellen Eigenschaften weitgehend in Archiven – oder gingen ganz verloren. Für Instandhaltung, Umbau oder Rückbau bedeutete dies Unsicherheit, Mehraufwand und oft auch Ressourcenverschwendung.
Der Materielle Gebäudepass kehrt dieses Prinzip um. Er dokumentiert systematisch:
- welche Materialien wo verbaut wurden
- in welchen Mengen und Qualitäten
- wie sie miteinander verbunden sind
- welche Lebensdauern zu erwarten sind
Und das nicht als statisches Dokument, sondern als integraler Bestandteil eines digitalen Planungs- und Betriebsprozesses – BIM-basiert und fortschreibbar.
„Der Materielle Gebäudepass macht Gebäude erstmals wirklich lesbar“, erklärt Christian Sustr, Leiter „Akustik, Baudynamik, Bauphysik & Messtechnik“ bei FCP. „Wir sprechen nicht mehr nur über Geometrie und Nutzung, sondern über die stoffliche Identität eines Bauwerks – und damit über seinen zukünftigen Wert als Rohstoffquelle.“
Mehrwert entlang des gesamten Lebenszyklus
Die Stärke des Materiellen Gebäudepasses liegt in seiner ganzheitlichen Wirkung. Bereits in der Planungsphase ermöglicht er fundierte Entscheidungen über Materialien – etwa im Hinblick auf CO₂-Bilanz, Recyclingfähigkeit oder Schadstofffreiheit.
Auch im Betrieb schafft er Vorteile: Bei Reparaturen oder Umbauten liefert der Pass präzise Informationen darüber, welche Bauteile betroffen sind und wie sie konstruktiv verbunden wurden. Das reduziert Eingriffe, spart Kosten und verlängert die Nutzungsdauer.
Besonders relevant wird der Gebäudepass jedoch am Ende des Lebenszyklus. Statt eines unkontrollierten Rückbaus ermöglicht er eine gezielte Demontage und Wiederverwertung.
„Ohne Daten keine Kreislaufwirtschaft“, so Sustr. „Der materielle Gebäudepass ist die Grundlage dafür, Materialien nicht als Abfall, sondern als Ressource zu behandeln.“
Praxisbeispiel Wien: Bildungscampus Nordwestbahnhof
Wie das konkret aussehen kann, zeigt ein aktuelles Projekt der Stadt Wien: der Bildungscampus am ehemaligen Nordwestbahnhof. Bis 2028 entsteht hier ein neuer Bildungsstandort für bis zu 1.600 Kinder – mit einem klaren Fokus auf Kreislaufwirtschaft.
Das Projekt ist Teil des „Bildungseinrichtungen Neubauprogramms 2019 bis 2034“ sowie des Programms „DoTank Circular City Wien 2020–2030“ und zählt zu den Vorreitern in der Umsetzung zirkulärer Prinzipien im Bildungsbau.
Bereits im Architekturwettbewerb wurde ein „reduzierter Materieller Gebäudepass“ eingefordert. In der weiteren Planung und Umsetzung wurde dieser zu einem umfassenden, BIM-basierten System weiterentwickelt.
„Wir integrieren den Materiellen Gebäudepass direkt in das digitale Modell“, erläutert Sustr. „Das bedeutet: Jede Materialentscheidung wird dokumentiert, jede Änderung nachvollziehbar gemacht. So entsteht ein konsistentes Datenmodell, das weit über die Bauphase hinaus nutzbar ist.“
Kreislaufwirtschaft konkret gedacht
Der Materielle Gebäudepass ist im Projekt jedoch kein isoliertes Instrument, sondern Teil einer umfassenden Strategie entlang zentraler Kategorien der Zirkularität.
Materialeinsatz:
Beinhaltet sind der Einsatz von Recyclingbeton sowie CO₂-reduziertem Zement. Auch die Wiederverwendung von Aushubmaterialien wird berücksichtigt. Ziel ist es, den Primärrohstoffeinsatz zu minimieren und gleichzeitig die Dokumentation im Gebäudepass sicherzustellen. Jedes Material wird passend für seinen optimalen Verwendungszweck eingesetzt, und so können Gesamtmengen reduziert werden.
Nutzungsintensität:
Durch Mehrfachnutzung von Räumen, Sportbereich, Veranstaltungssaal und Freiflächen werden Flächeneffizienz und Auslastung erhöht – ein oft unterschätzter Hebel für Nachhaltigkeit. Das in Bildungsbereichen organisierte Gebäude wurde von der Architektur so entwickelt, dass ein modernes pädagogisches Konzept mit Erweiterungsräumen und Multifunktionszonen umsetzbar ist.
Flexibilität und Umnutzbarkeit:
Ein Stützenraster mit großen Spannweiten ermöglicht eine langfristige Anpassungsfähigkeit der Räume. Damit bleibt das Gebäude auch bei veränderten Anforderungen nutzbar.
Langlebigkeit und Reparaturfähigkeit:
Die Primärstruktur ist auf eine Lebensdauer von 100 Jahren ausgelegt. Eine modulare, vorgehängte Fassade sorgt dafür, dass Bauteile getrennt und ausgetauscht werden können. Einen wichtigen Beitrag leistet hierfür auch eine weitere zentrale Forderung der Stadt Wien: es wurde weitestgehender Verzicht auf Verklebungen gefordert.
Rückbau und Re-Use:
Bereits in der Planung wird ein Rückbaukonzept entwickelt, das zukünftige Wiederverwendungspotenziale systematisch berücksichtigt. Das Verklebungsverbot unterstützt hier die saubere Trennung der Bauteile zu sortenreinen Rohstoffen.
„Der entscheidende Punkt ist das Zusammenspiel“, betont Sustr. „Der Materielle Gebäudepass ist kein Selbstzweck. Er entfaltet seinen Wert erst dann, wenn Planung, Konstruktion und Nutzung konsequent auf Zirkularität ausgerichtet sind.“
Digitalisierung als Enabler
Ohne digitale Methoden wäre ein Materieller Gebäudepass in dieser Tiefe kaum umsetzbar. Die BIM-Methodik ermöglicht es, Materialinformationen direkt mit Bauteilen zu verknüpfen und kontinuierlich zu aktualisieren. In der Ausführung der Gebäude, wenn geplante Materialien in konkrete Produkte überführt werden, müssen diese im Materiellen Gebäudepass nachgeführt werden. Auf diese Weise können technische Datenblätter zentral gesammelt werden und stehen später für Entscheidungsfindungen bereit. Es wird alles dokumentiert, da wir heute nicht wissen welches Material ein kritischer Schadstoff oder wegweisende Ressource wird.
Für FCP ist das ein zentraler Bestandteil moderner Ingenieurarbeit. Der Gebäudepass wird nicht nachträglich erstellt, sondern entsteht parallel zur Planung – als integraler Bestandteil des Modells.
„Wir bewegen uns weg von statischen Dokumentationen hin zu dynamischen Datenräumen“, sagt Sustr. „Das verändert die Art, wie wir planen, bauen und betreiben grundlegend.“
Beitrag zu Zertifizierung und ESG
Neben den ökologischen Vorteilen spielt der Materielle Gebäudepass auch im Kontext von Zertifizierungen und ESG-Kriterien eine wachsende Rolle. Lebenszyklusanalysen lassen sich auf Basis der strukturierten Daten deutlich präziser durchführen. Auch Anforderungen aus Taxonomie-Verordnungen oder Nachhaltigkeitsratings können besser erfüllt werden. Mit den detaillierten Informationen zu Material, Verbindung, Herkunft, Menge und Masse können auch verschiedene andere Indikatoren wie Ökoindex OI3, Entsorgungsindikator EI10, Gebäuderessourcenpass DGNB oder Bewertungen für den in Entwicklung befindlichen Zirkularitätsfaktor ZiFa der Stadt Wien vorgenommen werden.
Für Bauherr*innen bedeutet das nicht nur mehr Transparenz, sondern auch eine höhere Zukunftssicherheit ihrer Investitionen.
Ein Instrument für Generationen
Der vielleicht größte Mehrwert des Materiellen Gebäudepasses liegt jedoch in seiner Langfristigkeit. Während viele Planungsentscheidungen auf kurzfristige Anforderungen ausgerichtet sind, schafft er eine Datengrundlage für den gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes.
„Wir planen heute die Gebäude von morgen – aber auch deren Rückbau“, so Sustr. „Der Materielle Gebäudepass verbindet diese beiden Perspektiven. Er macht Nachhaltigkeit messbar und umsetzbar.“
Fazit
Der Materielle Gebäudepass steht exemplarisch für einen Paradigmenwechsel im Bauwesen: weg vom linearen Denken, hin zu geschlossenen Materialkreisläufen. Als digitales Werkzeug schafft er Transparenz, ermöglicht bessere Entscheidungen und legt die Grundlage für echte Ressourcenschonung.
Mit Projekten wie dem Bildungscampus Nordwestbahnhof zeigt FCP, wie dieser Ansatz in der Praxis funktioniert – und welches Potenzial darin steckt.
Oder, wie Christian Sustr es formuliert: „Wenn wir Gebäude als Rohstofflager begreifen, brauchen wir ein präzises, flexibles, kompatibles und niederschwelliges Inhaltsverzeichnis. Der materielle Gebäudepass ist genau das.“
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