Wohnraum aus dem Baukasten? Ja bitte!

Dipl.-Ing. Oliver Wilm MRICS, Geschäftsführer Wolff & Müller Holding GmbH & Co. KG
Quelle: Wolff & Müller

Angesichts des großen Bedarfs an gutem und bezahlbarem Wohnraum ist es an der Zeit, das serielle und modulare Bauen neu zu entdecken. Wer dabei an monotone Plattenbauten denkt, liegt falsch. Denn der Modulbau ist nicht nur schnell und kostensicher, sondern kann auch hohe Ansprüche an Nachhaltigkeit und Qualität erfüllen. Das belegen Projekte aus der Region Stuttgart.

In Deutschland fehlen allein in den 77 größten Städten mehr als 1,5 Mio. leistbare und angemessene Wohnungen. Das geht aus einer 2021 veröffentlichten Studie der Hans Böckler Stiftung hervor. Die Bundesregierung hat sich zum Ziel gesetzt, jährlich 400.000 neue Wohnungen zu schaffen, davon 100.000 Sozialwohnungen. Man wolle „gut, bezahlbar und klimagerecht“ bauen, heißt es vonseiten des Bundesbauministeriums. Angesichts dieser Herausforderung ist es Zeit, das serielle und modulare Bauen neu zu entdecken. Indem wir die Bauwerke sowie den Planungs- und Bauprozess ganz oder teilweise vereinheitlichen, können wir innerstädtische Gebiete relativ schnell verdichten und Baulücken schließen. Das Prinzip lässt sich vielfältig anwenden: Wir können einzelne Bauteile, Tragwerke oder Fassaden ebenso standardisieren wie z. B. Badzellen – bis hin zu ganzen Wohnmodulen, die im Werk vorgefertigt und auf der Baustelle zum Wohnhaus zusammengefügt werden.

Anknüpfung an das Bauhaus

Die Idee, Gebäude aus vorgefertigten Elementen zu errichten und damit das Bauen zu industrialisieren, geht auf das Bauhaus zurück. In den 1920er-Jahren sind nach diesem Prinzip ganze Siedlungen wie die Römerstadt in Frankfurt entstanden. Heute herrscht ein gewisses Misstrauen gegenüber dieser Bauweise. Sie wird oft mit der Großtafelbauweise – umgangssprachlich Plattenbau – assoziiert, die in der DDR weit verbreitet war und auch in den alten Bundesländern v. a. in den 1960er- und 1970er-Jahren praktiziert wurde. Den dabei entstandenen Wohnhäusern hängt der Ruf des Häss­lichen und Billigen an. Doch dieses Image ist heute nicht mehr gerechtfertigt, denn der moderne Modulbau bietet viel Gestaltungsfreiheit und Individualität – wenn er gut gemacht ist. Wir ­können und müssen an Modulbauprojekte mit einem hohen städtebau­lichen, architektonischen und gestalterischen Anspruch herangehen. Dabei sollten wir uns deutlich mehr vom qualitativen Niveau des Bauhauses inspirieren lassen als von den Großsiedlungen der Nachkriegszeit.

Just in time vom Werk auf die Baustelle

Der Frankfurter Stadtbaurat Ernst May schrieb 1926 in einem Fachaufsatz von der „Mechanisierung des Wohnungsbaus“. Wenn dieses Prinzip schon vor bald 100 Jahren angewandt wurde, müsste es heute besser funktionieren denn je. Schließlich haben wir sehr viel mehr technische und logistische Möglichkeiten als noch vor 100 Jahren. Wir können die Module in einem gesicherten Prozessablauf in Industriehallen fertigen und testen, just in time auf die Baustelle transportieren und dann auf dem Grundstück miteinander verbinden. Verzögerungen durch schlechtes Wetter entfallen und die Anwohner sind viel weniger Lärm, Staub und Baustellenverkehr ausgesetzt als bei konventionellen Projekten. Die kurze Bauzeit und die Terminsicherheit, die wir auf diese Weise erreichen, sind für Bauherren oft entscheidende Argumente für den Modulbau. Auch die Idee, Wohnhäuser wie Autos konfigurieren zu können, spielt eine Rolle: Aus einer Vielzahl unterschiedlicher Modultypen, Fassaden, Materialien, Farben und Ausstattungen lässt sich die jeweils passende Kombination wählen. Darf es Modultyp 2 sein mit Lärchenfassade, Kupferfußboden und Gipsfaserplattenwänden? Oder lieber Typ 8 mit Photovoltaikfassade, Eichefußboden und Wänden aus recyceltem Kunststoff? Neben der Basisausstattung sind auch Sonderausstattungen wählbar – z. B. Parkett oder Einbauküche. Auch bei Terrassenbelägen, Absturzsicherungen und Geländern gibt es mehrere Optionen. Weil alle Elemente vorab genau definiert sind, stehen auch die Kosten von Beginn an fest. Das ist für Bauherren ein weiteres starkes Argument.

Nachhaltig im gesamten Lebenszyklus

Was in der Vor- und Nachkriegszeit noch kein Thema war, steht heutzutage im Fokus: Nachhaltigkeit. Module in Holzbauweise haben eine besonders gute Ökobilanz. Durch die konsequente Anwendung des Leichtbauprinzips wird Material gespart. Der Baustoff Holz dient als CO2-Speicher und zeichnet sich im Vergleich mit herkömmlichen Bauweisen durch eine deutliche Reduktion der grauen Emissionen aus. Die einzelnen Wohnmodule lassen sich so ausstatten, dass sie kaum Energie verbrauchen oder gar selbst Energie produzieren. Der lokal erzeugte Energieüberschuss aus Photovoltaikanlagen lässt sich auch zum Laden von Elektrofahrzeugen verwenden. Betrachtet man den gesamten Gebäude-Lebenszyklus, fallen insbesondere der einfache Rückbau und die Entsorgung auf: Modulbauten lassen sich am Ende des Lebenszyklus oft vollständig in biologische oder technische Kreisläufe überführen; das Grundstück ist dann ohne Altlasten oder sonstige Rückstände renaturierbar. Sie können abgebaut und an einem anderen Standort wieder aufgebaut werden. Weil Bauteile und Herstellungs­prozesse sich wiederholen und standardisiert sind, sind Modulbauprojekte besonders dafür geeignet, mit Building Information Management (BIM) realisiert zu werden. Die Planungs-, Termin- und Kostensicherheit, die wir mit dem seriellen und modularen Verfahren erreichen, wird nochmal gestärkt, indem wir durchgängig mit BIM planen und bauen.

Von der Theorie zur Praxis

Im Großraum Stuttgart haben der Modulbau-Spezialist AH Aktiv-Haus mit seinen von Werner Sobek entwickelten Modulen und das Bauunternehmen Wolff & Müller in den vergangenen Jahren einige Projekte realisiert, welche die Vorteile des modularen Bauens belegen. Die Module sind in einer speziell entwickelten Holzrahmenbauweise konstruiert, bestehen also hauptsächlich aus dem ­nachwachsenden Rohstoff Holz. Auf diese Weise können Holz­modulhäuser mit bis zu fünf Geschossen entstehen.

Beispiel Winnenden

Die Stadt Winnenden suchte für ein Grundstück am Rande eines bestehenden Wohnareals nach einer kurzfristig realisierbaren Lösung zur Unterbringung von rd. 200 Personen. Die zu erstellende Anlage sollte individuelle Wohneinheiten mit eigenem Bad und eigener Küche bieten. Umnutzbarkeit und wirtschaftliche Realisierbarkeit waren ebenso Kriterien wie ein niedriger Energieverbrauch und Rückbaubarkeit. Im Herbst 2016 entstand nach diesen Vor­gaben eine kleine Siedlung aus insgesamt 38 schlüsselfertigen Wohnmodulen (Bild 1) – ein Modell mit 45 m² Bruttogeschoss­fläche wurde 22-mal, ein Modell mit 60 m² 16-mal eingesetzt. Vier Monate nach der Baugenehmigung zogen die ersten Mieter ein. Die Siedlung wurde zunächst für die Anschlussunterbringung von Bürgerkriegsflüchtlingen aus Syrien verwendet und danach für Sozialwohnungen; für diese Umnutzung waren nur einige wenige Umbauten im Inneren erforderlich. Der Modulbau wurde mit dem Deutschen Holzbaupreis 2017 ausgezeichnet.

Bild 1 Der Modulbau in Winnenden wurde mit dem Deutschen Holzbaupreis 2017 ausgezeichnet
Quelle: Zooey Braun

Beispiel Esslingen

Nach dem gleichen Konzept ist in Esslingen ein Wohnheim für Pflegekräfte des Klinikums entstanden, bestehend aus 17 Wohnmodulen und einem Technikmodul. Im November 2019 wurde das Grundstück vorbereitet. Im Dezember wurden die 17 Wohnmodule und das Technikmodul angeliefert und angeschlossen (Bild 2). Nach der Montage der Außenanlagen und Treppen konnten die Wohnungen im März 2020 bezogen werden. Der Neubau ist in einem bestehenden Wohngebiet entstanden – durch die industrielle Vorfertigung wurden die Anwohner dabei kaum beeinträchtigt. Das Gebäude entspricht dem KfW-55-Standard und bezieht einen Großteil seiner benötigten Energie aus Photovoltaik und einer Wärmepumpe. In den Sommermonaten sind die Wohneinheiten sogar komplett energieautark.

Bild 2 Die Module werden im Werk vorgefertigt und dann auf die Baustelle transportiert – so wie hier in Esslingen
Quelle: Peter Oppenländer

Beispiel Stuttgart

In Stuttgart-Bad Cannstatt entsteht bis Ende 2023 ein Energiehaus-Plus-Quartier mit sechs Gebäuden für die Stuttgarter Wohnungs- und Städtebaugesellschaft (Bild 3). Die 330 Wohnungen sollen von Mitarbeitern des Klinikums Stuttgart bewohnt werden. Das Projekt ist die bislang größte Auftragsvergabe nach dem GdW-Rahmenvertrag: Der Spitzenverband der Wohnungswirtschaft GdW hatte 2018 eine Rahmenvereinbarung für mehrgeschossige Modul-Wohnbauten geschlossen, der hier angewendet wird. Weiterhin ist es das größte als Einzelauftrag vergebene Quartier in nachhaltiger Holzbauweise. Die vorbereitenden Baumaßnahmen haben im August 2021 begonnen. Im ersten Bauabschnitt ab Dezember 2021 wurden die Module für insgesamt 157 Personalwohnungen gesetzt, sodass die ersten Mieterinnen und Mieter bereits im Sommer 2022 einziehen können. Anfang 2024 soll dann die zweite Bauphase mit 173 Wohneinheiten und einer Tiefgarage abgeschlossen sein. Durch die Energieeffizienzklasse 40 Plus werden sie im Jahresmittel einen Energieüberschuss aus regenerativen Quellen erzeugen. Geplant ist eine effiziente Energieerzeugung auf Basis von Sole-Wasser-Wärmepumpen, Photovoltaikmodulen und Solar-Hybridkollektoren. Zudem ist ein Lüftungssystem mit Wärmerückgewinnung vorgesehen.

Bild 3 Seriell und modular: in Stuttgart-Bad Cannstatt entstehen 330 Personalwohnungen für Mitarbeiter des Klinikums
Visualisierung: aktivhaus

Fazit

Im Hinblick auf den Wohnungsmangel und die Klimakrise ist es höchste Zeit, das Bauen neu zu denken. Die Projekte im Raum Stuttgart zeigen, dass sich immer mehr Bauherren – ob privat oder öffentlich – von den Vorteilen des seriellen und modularen Bauens überzeugen lassen. Die Möglichkeit, Wohnhäuser so individuell und kostensicher zu konfigurieren, wie wir es sonst vom Autokauf kennen, erscheint als interessante Option. In Verbindung mit effizienten Prozessen, Lean-Methoden, Building Information Management und Nachhaltigkeit kann das serielle und modulare Bauen dazu beitragen, den dringend benötigten Wohnraum schnell, kostensicher und in hoher Qualität zu schaffen. Typische Anwendungen sind neben dem klassischen Wohnungsbau im preisgünstigen Segment auch Boardinghäuser und Wohnheime, etwa für Studenten oder Pflegekräfte.

Derzeit werden zahlreiche Modulbauprojekte durch die aktuellen Entwicklungen am Zinsmarkt und durch einige vom Bund nicht weitergeführte Förderprogramme für energieeffizientes Bauen gebremst. Die Fördermittel für die Effizienzhaus-Stufen 40 mit ­Erneuerbare-Energien-Klasse und 40 Plus sind bereits komplett ausgeschöpft. Anträge sind derzeit nur für das Programm Effizienzhaus-Stufe 40 mit Nachhaltigkeitsklasse möglich. Voraussetzung hierfür ist das Qualitätssiegel Nachhaltiges Gebäude. Bei dessen Vergabe wird der Baustoff Holz besonders gut bewertet – ein Pluspunkt für Modulbauten aus Holz. Viele Kunden sind jedoch zurückhaltend, ob sie diese Förderung bei ihrer Projektkalkulation berücksichtigen können. Zu groß ist die Verunsicherung, die durch die gestoppten Programme ausgelöst wurde. Um mehr preisgebundenen Wohnungsbau in modularer Bauweise realisieren zu können, brauchen wir verbindliche und zuverlässige Förderzusagen seitens des Staates und am besten weitere Förderprogramme.


Autor

Dipl.-Ing. Oliver Wilm MRICS, info@wolff-mueller.de

Geschäftsführer Wolff & Müller Holding GmbH & Co. KG, Stuttgart

www.wolff-mueller.de

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