Nutzung von grauer Energie statt Abriss und ­Neubau

Nachhaltige Sanierung und Erweiterung des Kolpinghauses Jugendwohnen Ehrenfeld

Nach 15-monatiger Bauzeit steht seit August 2021 das traditionsreiche Kolpinghaus Jugendwohnen Ehrenfeld in Köln wieder jugendlichen Auszubildenden als temporäres Zuhause zur Verfügung (Bild 1).

Das Gebäude erscheint nun innerlich und äußerlich in neuem Gewand und bietet seinen Bewohnern zeitgemäßen Komfort und einen modernen technischen Standard. Alle Oberflächen wurden einer Kernsanierung unterzogen und die Außenbereiche neu gestaltet. Dank der vollständigen Erneuerung der Haustechnik kommen nun auch Sonnenenergie und Regenwasser im Haus zum Einsatz. Die CO2-Emissionen der Baumaßnahme konnten – im Vergleich zur Alternative Abriss und Neubau – durch die Sanierung des Bestands um über 50 % reduziert werden.

1 Geschichtliche Entwicklung

1955 entstand in der Fröbelstraße 20 auf den Grundmauern des Kellergeschosses eines im Zweiten Weltkrieg zerstörten Gebäudes das Wohnheim für Gesellen als Gebäude mit vier Vollgeschossen und ausgebautem Dachgeschoss (Bild 2).

1966 wurde das Dachgeschoss durch ein fünftes Vollgeschoss ersetzt. Außerdem erhielt das Gebäude ein flachgeneigtes, nicht ausgebautes Walmdach (Bild 3).

2020–2021 wurde das Gebäude unter weitestgehender Beibehaltung der tragenden Bausubstanz kernsaniert, modernisiert und energetisch ertüchtigt. Das Kolping Jugendwohnen bietet nun Platz für 73 Bewohner in Einzel- und Doppelzimmern und vier Arbeitsplätze für Heimleitung und Bewohnerbetreuung.

2 Nutzung von grauer Energie statt Abriss und Neubau

Im Vorfeld der Planung wurden die Ökobilanzen der Varianten Abriss + Neubau und Kernsanierung + Energetische Ertüchtigung mit dem Bilanzierungs-Tool eLCA untersucht und gegenübergestellt. Im Ergebnis spart der Erhalt der bestehenden Bausubstanz, auf den Rohbau bezogen und innerhalb einer angenommenen Standzeit des Gebäudes von 50 Jahren, 55 % der CO2-Emissionen gegenüber einem Neubau:

CO2-Emission (Global Warming Potential) für die Herstellung des Rohbaus – Vergleich:

Abriss + Neubau: 5,93 kg/m²NGF * a = 581.436 kg CO2 im Zeitraum von 50 Jahren

Sanierung: 2,20 kg/m²NGF * a = 215.710 kg CO2 im Zeitraum von 50 Jahren

3 Maßnahmen zur energetischen Ertüchtigung und zur Ressourcenschonung

3.1 Bauliche Maßnahmen

Planungsziel für die Sanierung des Gebäudes war das Erreichen des KfW-55-Standards. Hierzu wurden verschiedene Maßnahmen zur energetischen Ertüchtigung vorgenommen:

  • Außendämmung der Fassade mit einem Mineralwolle-WDVS.
  • In den erdberührenden Bereichen der Außenwände wurde eine druckfeste XPS-Dämmung verwendet.
  • Im Bereich der Straßenfassade konnten die Außenwände aufgrund bestehender Medienleitungen nicht bis zu den Fundamenten freigelegt werden. Hier erhielt das Außenmauerwerk eine Innendämmung aus Schaumglasplatten.
  • Die Fensterflächen wurden unter Berücksichtigung des sommerlichen Wärmeschutzes vollständig erneuert. Hierbei kam ein spezielles Vorwandmontagesystem zur Anwendung, bei welchem wärmegedämmte Profile aus recyceltem PU-Werkstoff auf das Außenmauerwerk geklebt werden. Diese Profile dienten anschließend der Befestigung der Fensterelemente. Die Fenster befinden sich somit vollständig innerhalb der Dämmebene. Die Belüftung der Räume erfolgt über Fensterrahmenaufsatzlüfter, die von einer zentralen Abluftanlage unterstützt werden.
  • Die Dachflächendämmung erfolgte mit einer Zellulose-Zwischensparrendämmung als Einblasdämmung, in Kombination mit einer Aufsparrendämmung aus Holz-Weichfaserplatten. Die Holz-Weichfaserplatten stellen einerseits die Winddichtigkeit her und dienen andererseits als zweite Entwässerungsebene. Die Sparrenunterseite wurde vollflächig mit OSB-Platten beplankt. Die Beplankung dient gleichzeitig als Dampfbremse und als Windaussteifung der Sparrenlage.
  • Im Kellergeschoss wurde die Bodenplatte oberseitig gedämmt. Dabei wurde zuerst eine gebundene Dämmschüttung zum Ausgleich der Höhenunterschiede eingebaut, die anschließend mit einer Lage EPS-Platten belegt wurde. Auf der Dämmebene wurde ein klassischer Zementestrich eingebracht.

    3.2 Technische Maßnahmen

Die Haustechnik wurde komplett erneuert:

Bild 4 Photovoltaik und Solarthermie
Quelle: Thorsten Kern, Köln
Bild 4 Photovoltaik und Solarthermie
Quelle: Thorsten Kern, Köln
  • Die Wärmeversorgung des Gebäudes erfolgt nun über eine Holzpellets-Heizungsanlage und wird unterstützt durch Solarthermieelemente auf der östlichen Dachfläche.
  • Das über die Dachflächen abgeführte Regenwasser wird in zwei unterirdischen Regenwasserzisternen mit einem Fassungsvermögen von insgesamt 41.000 l gespeichert und als Grauwasser für die Toilettenspülung der öffentlichen WC-Anlagen, zur Waschmaschinenversorgung und zur Gartenbewässerung genutzt.
  • Auf den südlichen und westlichen Dachflächen wurde eine Photo­voltaikanlage installiert (Bild 4). Der hier produzierte Strom soll zu mind. 75 % zur Eigennutzung verwendet werden.
  • Für die Sanitäranlagen kommen ausschließlich wassersparende Armaturen zum Einsatz. Durch Strömungsteiler wird sichergestellt, dass auch bei längerer Abwesenheit der Nutzer immer eine Durchströmung aller Wasserleitungen gewährleistet und so eine Vorsorge vor Verkeimung getroffen ist.

    3.3 Baustoffe

Auch bei der Auswahl der Baustoffe wurde großer Wert auf Nachhaltigkeit gelegt. Dies beinhaltet Materialien mit einer günstigen Ökobilanz und einer möglichst langen Lebensdauer sowie geringen Schadstoffemissionen. Zum Einsatz kamen deshalb u. a.:

  • Mineralfaserdämmstoffe für Fassade, Trittschalldämmung und Schalldämmung bei Leichtbauwänden,
  • Holzfaserdämmstoffe im Dachbereich,
  • Zellulosedämmstoffe im Dachbereich und zur Schalldämmung bei Leichtbauwänden,
  • Linoleum und Echtholzparkett als Bodenbeläge,
  • Klinkerriemchen als dauerhafter Witterungsschutz der WDVS-Fassade.

    4 Außenanlagen

Mit der Gestaltung der Außenanlagen soll neben einem Maximum an Aufenthaltsqualität auch ein Beitrag zur Verbesserung des Mikro­klimas für das Gebäude und die angrenzenden öffentlichen Flächen geschaffen werden. Aus diesem Grunde wurde ein möglichst großer Teil der Geländeflächen mit unterschiedlichen Pflanzungen angelegt: So gibt es eine extensiv begrünte Dachfläche, mehrere Rasenflächen, Beeteinfassungen mit Bodendeckern und Sträuchern in verschiedenen Größen sowie einen zentralen Hofbaum. An allen vier Fassaden sind Rankpflanzen vorgesehen, welche den Bereich der EG-Fassade flächig bedecken sollen.

5 Das Gebäude

Das Untergeschoss (Bild 5) ist mit dem neu errichteten Aufzug erreichbar. Hier befinden sich Technik- und Lagerräume sowie die Heizungsanlage mit Holzpellets-Speicherraum. Für die Bewohner sind WC-Anlagen (teilweise barrierefrei), ein barrierefreier Wasch- und Trockenraum sowie ein barrierefreier Gemeinschaftsraum vorhanden.

Für Verwaltung und Betreuung befinden sich im EG zwei Büroräume und ein Besprechungsraum (Bild 6).

Die Bewohner können einen großzügigen Gemeinschaftsbereich mit Küchenbereich nutzen. Der Außenbereich auf der straßenabgewandten Seite des Gebäudes bietet Aufenthaltsmöglichkeiten in einem begrünten Umfeld. Rollstuhlfahrer können das höher gelegene EG über den außenliegenden Aufzug oder aus dem Garten über eine Rampe erreichen.

Das 1. OG beinhaltet Einzel- und Doppelzimmer sowie eine Gemeinschaftsküche für die Bewohner (Bild 7).

Zwei Einzelzimmer und die Gemeinschaftsküche sind barrierefrei ausgelegt. Sämt­liche Bewohnerzimmer, auch in den weiteren Geschossen, enthalten ein ­eigenes Duschbad.

Das 2. OG sowie das 3. und 4. OG enthalten jeweils Einzel- und Doppelzimmer sowie eine Gemeinschaftsküche (Bild 8).

Sämtliche Geschosse sind barrierefrei über den Aufzug zu erreichen.

6 Förderung

Für dieses Bauvorhaben wurden Maßnahmen zur energetischen Sanierung und Maßnahmen im Zusammenhang mit der Herstellung von barrierefreien Bereichen von der KfW gefördert. Es wird der KFW-Effizienzhaus-Standard 55 erreicht, was für ein Bestandsgebäude aus den 1950er-Jahren ein großer Erfolg ist und einen großen Beitrag zum Klimaschutz leistet. Bei der Abrechnung der Bauleistungen wurde daher jede Position auf ihre Förderfähigkeit überprüft und beziffert.


Projektdaten

Planungsbeginn: 02/2019

Inbetriebnahme: 07/2021

Fertigstellung: 04/2022

Bruttogeschossfläche (BGF): 2542 m²

Nettogrundfläche (NGF): 1961 m²

Nutzfläche (NF): 1327 m²

Bruttorauminhalt (BRI): 7598 m³

Bauherr: Kolpingwerk Dienstleistungs GmbH, Köln

Betreiber: Kolping Jugendwohnen, Köln

Generalplanung: Pannhausen + Lindener Architekten, Köln

TGA-Planung und Bauphysik: Energiebüro vom Stein, Köln

Außenanlagenplanung: Calles De Brabant Land­schafts­architekten, Pulheim-Brauweiler


Autorin und Autor

Dipl.-Ing. Architektin Claudia Pannhausen,
buero@pannhausenlindener.de

Pannhausen + Lindener Architekten, Köln

www.pannhausenlindener.de

Dipl.-Ing. Physik Jörg vom Stein,
info@energiebuero-vomStein.de

energiebüro vom Stein GmbH

www.energiebuero-vomstein.de


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