Worauf warten wir noch?

Univ.-Prof. Dr.-Ing. Dr.-Ing. E.h. Manfred Curbach
Quelle: privat

Niemand kann behaupten, vom Klimawandel überrascht worden zu sein. Im Jahre 1965 berichtete Roger Revelle, ein US-amerikanischer Ozeanograf und Klimatologe, gemeinsam mit Kollegen über die möglichen Auswirkungen einer globalen Erderwärmung durch einen zunehmenden Ausstoß von CO2 [1]. Er schreibt in seiner Zusammenfassung: „Das bei dieser Verbrennung entstehende CO2 wird in die Atmosphäre abgegeben, etwa die Hälfte davon bleibt dort. Die geschätzten förderbaren Reserven an fossilen Brennstoffen reichen aus, um den Kohlendioxidgehalt der Atmosphäre um fast 200 % zu erhöhen. Bis zum Jahr 2000 wird der Anstieg des atmosphärischen CO2 nahe bei 25 % liegen.“ Es sei angefügt, dass seine Prognose nicht zutraf, sondern der Anstieg bei etwa 100 % lag.

1972 erschien der Bericht Grenzen des Wachstums des Club of Rome.

Eine sehr große Verbreitung fand der 1980 veröffentlichte Bericht Global 2000 – Der Bericht an den Präsidenten, der von US-Präsident Jimmy Carter 1977 in Auftrag gegeben wurde und der in verschiedenen Sprachen heute online verfügbar ist [2]. Darin heißt es u. a.: „Eine bis ins nächste Jahrhundert hinein fortgesetzte Steigerung des CO2-Gehalts könnte zu einer Erwärmung führen, die ausreicht, um das Erdklima einschneidend zu verändern, wodurch die Aktivitäten der Menschen, insbesondere der Landwirtschaft, möglicherweise schwer beeinträchtigt werden.“

Im Jahre 1985 hatte Carl Sagan, ein US-amerikanischer Astronom und Astrophysiker, Gelegenheit, vor dem amerikanischen Kongress über den Treibhauseffekt zu berichten und vor den Folgen zu warnen [3].

Die Anzahl der Warnungen einschließlich Lösungsvorschläge hat seit damals deutlich zugenommen, ebenso wie die Ignoranz derselben durch die Entscheidungsträger weltweit. Das Ergebnis erleben wir heute: Die Folgen des Klimawandels sind mittlerweile unübersehbar, v. a. auch immer spürbarer, wobei die ärmsten Länder, die am wenigsten zum CO2-Ausstoß beitragen, am meisten leiden.

Die Beobachtung, dass nun im Bauwesen der Begriff des Klimawandels in Veröffentlichungen, auf Konferenzen und in Reden immer häufiger vorkommt, hat nicht nur den Grund darin, dass das Bauwesen einen übergroßen Anteil an CO2 ausstößt und damit einen großen Teil der Verantwortung für den Klimawandel trägt. Deshalb muss bei jeder sich bietenden Gelegenheit darauf aufmerksam gemacht werden, dass sich das Bauen schnell und radikal ändern muss, um den Klimawandel idealerweise auf einen mittleren Temperaturanstieg von 1,5 °C zu begrenzen (was schon jetzt äußerst ambitioniert ist).

Der Klimawandel hat aber noch eine zweite Komponente, die nicht weniger bedeutsam ist. Es geht um den bisher stattgefundenen Klimawandel und die daraus entstandenen Konsequenzen. Die mittlere Temperatur ist von 1880 bis 2020 bereits um mehr als 1,2 °C angestiegen, wobei dies u. a. zu einem spürbaren Anstieg von Extremwetterereignissen geführt hat.

Die immer häufigeren Starkregen führen zu lokalen und überregionalen Überflutungen mit daraus resultierenden Schäden und Zerstörungen unserer gebauten Umwelt und damit zu akuten Gefährdungen für Menschenleben. Gleiches bewirkt die zunehmende Intensität und Häufigkeit von Stürmen. Lang anhaltende Dürren führen zu einer deutlichen Senkung der Grundwasserspiegel, zur Austrocknung der Böden auch in größeren Tiefen und damit zu unplanmäßigen und unregelmäßigen Setzungen von Gebäuden, die dadurch oft große Schäden erfahren.

Die Erhöhung der Durchschnittstemperatur führt aber auch dazu, dass sich in Regionen, die ehedem im Zustand des Dauerfrosts lagen, durch die Tauvorgänge Steine und Steinformationen lösen können, die ihrerseits durch Impakt Menschenleben gefährden.

Mit anderen Worten: Der bereits stattgefundene und der sich in den folgenden Jahren unvermeidbar weiter einstellende Klimawandel fordert uns heute heraus und die bisher verfügbaren Antworten reichen bei Weitem nicht aus, um die Sicherheit der Menschen mindestens auf dem Level zu halten, das wir heute haben.

Und wir sollten uns darüber im Klaren sein, dass Umfang, Größe und Häufigkeit von Extremwetterereignissen bei einer globalen Temperaturerhöhung von 2 °C nicht etwa doppelt so stark sind wie bei einer Temperaturerhöhung von 1 °C. Die Effekte aus der Temperaturerhöhung entwickeln sich nichtlinear, werden also bei 2 °C eventuell viermal so extrem sein wie bei 1 °C.

Was einmal mehr deutlich macht, dass die Begrenzung auf 1,5 °C zwar ambitioniert sein mag, aber zwingend erreicht werden muss, und dass die Zeit mehr drängt, als wir dies wahrhaben wollen.

Um all dies zu schaffen, brauchen wir deutlich mehr Ideen und deren Umsetzung für das erforderliche neue Bauen. Und wir brauchen die klügsten Köpfe aus allen Bereichen, die mit dem Bauwesen zu tun haben. Dies gilt heute, aber umso mehr in den nächsten 30 Jahren.

Doch was lesen junge Leute heute, wenn sie sich auch nur näherungsweise mit dem Bauen beschäftigen: Da ist die Rede von in die Höhe schnellenden Preisen, von dramatischem Wohnungsmangel, von immer schlechter werdender Bausubstanz unserer Brücken und von der starken Umweltbelastung durch das Bauen. Das ist nicht gerade werbend für unsere Branche.

Da all diese Probleme tatsächlich vorhanden sind und auch von niemandem geleugnet werden, gilt es einmal mehr, diese Entwicklungen tatsächlich als Herausforderung zu bezeichnen (und nicht nur, weil grundsätzlich die Tendenz zu bestehen scheint, Probleme pauschal als Herausforderung zu bezeichnen, obwohl es einen Unterschied zwischen beiden Begriffen gibt).

Die Benennung dieser Herausforderungen sollten wir mit einer Werbekampagne für unser Fach verbinden. Denn woher sollen all die kreativen Köpfe kommen, die mit uns den Klimawandel begrenzen helfen und die die Auswirkungen des bisher stattgefundenen Klimawandels reduzieren können? Die Motivation ist klar: Wir wollen uns gemeinsam dafür einsetzen, dass wir uns eine Welt bewahren, die ein menschenwürdiges Leben ermöglicht. Dafür brauchen wir die besten jungen Leute, die sich für ein Bauingenieurstudium entscheiden. Aber woher sollen diese jungen Menschen wissen, welche Aufgaben und Herausforderungen vor uns liegen, wenn wir es ihnen nicht sagen.

Wir müssen unsere bisherigen Erfolge deutlicher, öfter, intensiver präsentieren, in Texten und Bildern. Dass so etwas funktioniert, sieht man an der Öffentlichkeitsarbeit nach der Inbetriebnahme des James-Webb-Weltraumteleskops. Seit Mitte 2022 werden in kurzen Abständen sensationelle Aufnahmen dieses Teleskops veröffentlicht. An dieser Stelle sei als Beispiel die Aufnahme Säulen der Schöpfung genannt, bei der zumindest ein Bauelement im Namen vorkommt [4]. Wo sind derartig faszinierende Aufnahmen aus unserem Bereich? Wir könnten uns ein Beispiel nehmen an der Öffentlichkeitsarbeit des James-Webb-Weltraumteleskops.

Wir müssen unser Handeln sichtbar machen und unseren Beruf, unsere Berufung, unsere Chancen, unsere Bedeutung, unsere Aufgabe, unsere Verantwortung zeigen, damit wir junge Menschen erreichen und sich diese berufen fühlen, die Herausforderungen der Zukunft beim Bauen zu meistern.

Deshalb wiederhole ich den Aufruf zu einer Werbekampagne, die gemeinsam von den Unternehmerverbänden, den Hochschulen und Universitäten und der öffentlichen Hand getragen wird. Der Umfang dieser Werbekampagne sollte mit der Größe unserer Aufgaben korrelieren, also immens sein. Und auch hier besteht der gleiche Zeitdruck wir bei den Herausforderungen selbst.

Oder wie groß muss der Leidensdruck in unserer Bau-Community eigentlich noch werden?


Literatur

  1. Revelle, R. et al. (1965) Atmospheric Carbon Dioxide, Appendix Y4 in: The White House [eds.] President’s Science Advisory Committee, Panel on Environmental Pollution, Restoring the Quality of Our Environment: Report of the Panel on Environmental Pollution. Washington D. C.: U. S. Government Printing Office, p. 119. https://dewiki.de/Lexikon/Forschungsgeschichte_des_Klimawandels#Erste_Warnungen [Zugriff am: 11. Apr. 2023]
  2. Barney, G. O. (1980) Global 2000 – Der Bericht an den ­Präsidenten. Washington D. C: U. S. Government Printing Office. http://www.geraldbarney.com/G2000Page.html [Zugriff am: 11. Apr. 2023]
  3. Sagan, C. (1985) Carl Sagan testifying before Congress in 1985 on climate change [Video]. Dublin: Google Ireland Limited. https://www.youtube.com/watch?v=Wp-WiNXH6hI [­Zugriff am: 11. Apr. 2023]
  4. James-Webb-Teleskop (2022) Säulen der Schöpfung [Foto]. Paris: The European Space Agency. https://www.esa.int/Space_in_Member_States/Austria/Webb_offenbart_Staub_und_Strukturen_in_den_Saeulen_der_Schoepfung
    [Zugriff am: 11. Apr. 2023]

Autor:in

Univ.-Prof. Dr.-Ing. Dr.-Ing. E.h. Manfred Curbach,
Manfred.Curbach@tu-dresden.de
Technische Universität Dresden, Institut für Massivbau




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