Zirkuläres Bauen – Status quo und Perspektiven

Aktuell sehen wir uns als Gesellschaft einer ganzen Reihe von Herausforderungen gegenüber. Zum einen ist der Klimawandel eine omnipräsente und langfristige Gefahr, die nur mit Mitarbeit aus allen Bereichen abgefangen werden kann. Zum anderen machen kurzfristigere Krisen wie Lieferengpässe und Inflation vielen Branchen Probleme. Man kann diesen Aspekten mit gezielten Maßnahmen begegnen, die kurz- oder mittelfristig Entlastung schaffen – wirkliche Lösungen finden wir jedoch nur, wenn wir das große Ganze betrachten und die Zusammenhänge zwischen den einzelnen Gefahren sehen. Es gilt, nicht nur auf Probleme zu reagieren, sondern direkt so zu handeln, dass Krisen gar nicht erst entstehen. Dieser Aufsatz beschäftigt sich mit einer entsprechenden Herangehensweise, der Kreislaufwirtschaft, in der Bau- und Immobilienbranche.

1 Einleitung

Die Bau- und Immobilienwirtschaft muss sich mit vorausschauenden Herangehensweisen beschäftigen – sie hat jedoch enormes Potenzial, um aus diesen Krisen gestärkt hervorzugehen. Hierfür bedarf es einer differenzierten Betrachtung. Der bei Weitem größte Teil des Gebäudevolumens in Deutschland ist Bestand, bei dessen Sanierung ökologische Aspekte berücksichtigt und Standards eingehalten werden müssen, um nachhaltig zu agieren. Ein Erhalt ist dabei i. d. R. der effizienteste Weg; kann Bestand nicht erhalten werden, sollte er als Rohstoffquelle dienen, um die verbauten Ressourcen so weit wie möglich wiederzuverwerten (Lemaitre & Hettinger [1]). Bei Neubauten hingegen hat man von Anfang an die Chance, auf klimaneutrale Herangehensweisen zurückzugreifen und die entsprechenden Gebäude somit zukunftsfähig zu machen. Die Methode der Wahl ist hierbei immer öfter zirkuläres Bauen, da das kreislaufwirtschaftliche Konzept Rohstoffe wiederverwertbar macht und somit den Ressourcenverbrauch drastisch senkt.

Obwohl die Richtung in beiden Bereichen – Bestand wie Neubau – vorgegeben ist und es durchaus geeignete Verfahren gibt, sind in der Praxis noch verhältnismäßig wenige Anwendungsbeispiele zu sehen. In diesem Aufsatz soll angeschaut werden, woran das liegt – und warum die aktuellen Krisen eine große Chance für einen Schritt in eine grünere Zukunft sein könnten.

2 Cradle to Cradle vs. Cradle to Grave – Kreislaufwirtschaft in der Theorie

2021 berichtete die BBC, dass jährlich 100 Mrd. t Rohmaterial aus der Natur abgebaut werden, wovon rd. die Hälfte in die Bau- und Immobilienwirtschaft wandert. Ebendiese generiert wiederum ca. ein Drittel des weltweiten Abfalls und rd. 40 % der globalen Kohlendioxidemissionen (Miller [2]) (Bild 1). Alles in allem wird durch Bauen, Abreißen und neu Bauen so viel Abfall angehäuft, dass zahlreiche Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen bereits von einer neuen geologischen Epoche sprechen, dem Anthropozän, geprägt durch die Menschen und den von ihnen kreierten Abfall sowie die damit einhergehenden klimatischen und ökologischen Veränderungen (National Geographic Society [3]).

Konventionelle Bauansätze tragen massiv zu diesen Veränderungen bei, da sie i.d.R. nicht von der Wiederverwertbarkeit der genutzten Materialien ausgehen. Rohstoffe werden beim Bau neuer Gebäude verbraucht – und bei einem Abriss als Abfall entsorgt, weshalb man auch vom Cradle-to-Grave-Verfahren (übersetzt: von der Wiege ins Grab) spricht.

Solche Vorgehensweisen tragen zu gleich mehreren Problemen gleichzeitig bei. Einerseits besteht ein kontinuierlicher Bedarf an neuen Rohstoffen, die abgebaut, verarbeitet und transportiert werden müssen, was die Eingriffe in die Natur verstärkt, die Energiekosten in die Höhe treibt und – wie aktuell – zu Lieferengpässen führen kann. Andererseits entstehen die o. g. massiven Mengen an Abfall, die unsere Umwelt prägen und schädigen.

Cradle to Cradle (übersetzt: von der Wiege in die Wiege) bietet eine andere Perspektive auf den Umgang mit Rohstoffen. Der Ansatz, der von Michael Braungart und William McDonough [4] entwickelt wurde, präsentiert die Vision eines Materialkreislaufs, bei dem die Zerlegbarkeit eines Produkts (bzw. die Rückbaubarkeit bei Immobilien) und die Weiternutzung der Materialien im Mittelpunkt stehen. Die jeweiligen Produkte können als Zwischenlager angesehen werden – sie binden die Rohstoffe so lange, wie sie selbst existieren. Anschließend wird alles entweder durch Wiederverwendung (Reuse), Wiederverwertung (Recycling) oder Weiterverwertung (Up-/Downcycling) in den Materialkreislauf zurückgespeist. Bei einer 100%igen Umsetzung dieses Verfahrens würde somit kein neuer Abfall entstehen und der Bedarf an neuen Rohstoffen sowie Produktionsprozessen drastisch sinken.

Grundsätzlich ist das C2C-Prinzip auf alle Produkte anwendbar. Unterschieden wird i.d.R. zwischen dem biologischen Kreislauf für Verbrauchsgüter und dem technischen Kreislauf für Gebrauchsgüter. Während Erstere aus natürlichen, biologischen Komponenten bestehen und nach Benutzung als Kompost wieder in die Natur zurückgeführt werden können, werden Produkte im zweiten Kreislauf künstlich hergestellt und müssen nach ihrer Verwendung zerlegt werden, damit die Ausgangsstoffe recycelt werden können (McDonough et al. [5], Mulhall & Braungart [6]). Wichtig hierbei ist, dass schon bei der Herstellung der Produkte darauf geachtet wird, dass diese am Ende möglichst einfach und sortenrein zerlegt werden können. C2C geht sogar noch einen Schritt weiter, denn es ist nach der Definition der EPEA Umweltforschung (EPEA [7]) nicht nur auf Kreislauffähigkeit beschränkt. In der ganzheitlichen Anwendung betrachtet C2C auch Aspekte der sozialen Integrität und Biodiversität, Gesundheit und Schadstofffreiheit sowie erneuerbarer Energien und hat somit den Anspruch, das gesamtgesellschaftliche Verhältnis zu Ressourcen und ihrer Benutzung anzugehen (Bild 2).

3 Potenzial und Umsetzungsbeispiele

In Bezug auf Bauen lassen sich mit dem Ansatz nicht nur Grundsätze für den Planungs- und Bauprozess ableiten, sondern auch Mehrwerte für die Stadtentwicklung, zu der am Ende jedes neue oder alte Gebäude unweigerlich beiträgt. Aber was bedeutet das konkret – wo genau liegen die Potenziale, und wie kann die Baubranche aus dem abstrakten C2C-Modell greifbare Mehrwerte machen?

3.1 Was kann C2C im Bau wirklich?

Die Baubranche ist nur ein Wirtschaftszweig aus vielen, wie oben angesprochen hat sie jedoch enormen Einfluss auf alle Bestrebungen, Nachhaltigkeitsstandards zu erreichen. Darüber hinaus ist sie aber auch sehr greifbar präsent: Gebäude gestalten unser Umfeld, v.a. in Städten – in Deutschland machen sog. Siedlungs- und Verkehrsflächen rd. 14,5 % der Gesamtfläche aus (Umweltbundesamt [8]), täglich werden im Schnitt rd. 60 ha versiegelt (Campanella et al. [9]). Immobilien beherbergen zudem Lebens- und Arbeitsräume und bieten in verschiedenen Graden Aufenthaltsqualität. Viele Menschen, v. a. in Bürotätigkeiten, verbringen große Teile ihres Tags in Gebäuden.

Wie gebaut wird und womit, hat also großen Einfluss auf unser unmittelbares und alltägliches Umfeld. Cradle to Cradle im Bau kann deshalb auf alle vier Säulen des Konzepts angewendet werden und überall Mehrwert bieten.

Kreislauffähigkeit

Grundsätzlich gilt, dass „das nachhaltigste Material jenes ist, welches nicht neu produziert werden muss“ (Campanella et al. [9]). Eine Wiederverwendung bestehender Rohstoffe ist also der Kernaspekt. In Bezug auf Bauen bedeutet dies, dass Bestand erhalten werden sollte, wann immer dies möglich ist. Im Neu- und Rückbau muss von Anfang an gezielt auf Kreislauffähigkeit hin geplant werden, damit diese nicht nur nahezu vollständig erreicht werden kann, sondern bei den Rückbauarbeiten auch zügig vonstattengeht. Die Einsparung an Ressourcen wäre massiv und die Umweltbelastung durch z. B. Gefahrenstoffe würde ebenfalls abnehmen.

Gesundheit und Schadstofffreiheit

Damit eng verknüpft ist die Schadstofffreiheit. Diese spielt jedoch nicht nur beim Bau und Rückbau eine entscheidende Rolle, sondern beeinflusst auch die Gesundheit der Menschen, die während der Lebenszeit des Gebäudes ein- und ausgehen. Und auch über seine eigenen vier Wände hinaus hat ein Gebäude eine Wirkung; Glas- oder Betonfassaden bspw. erhitzen bei Sonneneinstrahlung ihre Umgebung, begrünte Fassaden und Dächer hingegen regulieren das Klima in der Nähe sowie auch im Gebäude selbst und bieten Raum für Biodiversität (Edelmann & Aduse Poku [10]). Im Idealfall kann durch ein Gebäude sogar mehr Biomasse geschaffen werden als durch seinen Bau wegfällt, was eine sichtbare Maßnahme gegen die immer massivere Flächenversiegelung wäre.

Soziale Integrität und Diversität

Indem man die Verantwortung der Gesundheit der Menschen auch bei den Gebäuden sieht, in denen sie sich aufhalten, werden automatisch Aspekte der sozialen Integrität beim Bau relevant. Dies geht über Schadstofffreiheit und Klimabedingungen hinaus und tangiert auch z. B. das Recht auf Wohnen sowie den Einfluss auf die Work-Life-Balance und damit die mentale Gesundheit. Hier können Gebäude enorm viel beitragen – moderne Co-Living-Konzepte bspw. bieten Gemeinschaftsflächen, die den Pro-­Kopf-Flächenverbrauch senken und somit mehr Wohnraum auf ­gleichbleibenden Flächen verfügbar machen. Auch Co-Working-Bereiche können dazu beitragen, dass Arbeit und Privatleben ­besser vereinbar sind und Pendelwege wegfallen, was wiederum Zeit und Ressourcen einspart. So werden Städte für alle Gruppen zugänglicher und gleichzeitig verkehrs- und schadstoffärmer.

Erneuerbare Energien

Die letzte Säule, die sich auf erneuerbare Energien bezieht, wird in der Bauwirtschaft bereits jetzt meist mitgedacht. Photovoltaikanlagen zieren immer mehr Dächer und Parkplätze – bei Neu- wie auch bei Bestandsbauten – und werden zunehmend auch verpflichtend. Damit sind wir jedoch erst am Anfang der Möglichkeiten. Weitere Maßnahmen, wie z. B. Geothermie und Regenwassernutzung, können dazu beitragen, dass Gebäude nicht nur beim Bau und Rückbau, sondern auch im laufenden Betrieb einen sehr kleinen ökologischen Fußabdruck hinterlassen.

3.2 Erfolgsgeschichten

Die Vorteile von C2C im Bau sind also zahlreich, doch wir sind noch weit von einer flächendeckenden Anwendung kreislauffähigen Bauens entfernt. Auf dem Weg dorthin ist jeder kleine Baustein wichtig – denn kaum eine Branche kann so viel verändern wie die Bau- und Immobilienwirtschaft. Dabei geht es nicht nur darum, Umweltverschmutzung und -belastung zu reduzieren, sondern Gebäude zu schaffen, die der Natur tatsächlich helfen. Das klingt im ersten Moment utopisch, ist aber absolut realistisch, wenn man es richtig angeht.

Als Beispiele zeigen uns einzelne Leuchtturmprojekte nicht nur, dass und wie es geht, sondern sie liefern in den kommenden Jahren auch wertvolle Daten zur Praxis. Bisher sind ausschließlich öffentliche und gewerbliche Gebäude dabei, so z. B. das Kreislaufhaus auf Zeche Zollverein in Essen, das Bürogebäude The Cradle in Düsseldorf oder das Kreisarchiv Viersen, doch auch privatwirtschaftliche Projekte wie das erste C2C-Wohnhaus Moringa in der Hamburger HafenCity sind in Planung.

Wichtig bei diesen Pilotprojekten ist die wissenschaftliche Begleitung. Durch regelmäßige Messungen, z. B. von Luftqualität und Temperatur, aber auch genaue Dokumentation des Bauvorgangs und aller Prozesse kann das Verfahren optimiert und die Akzeptanz gesteigert werden. Schlussendlich können auf Basis wissenschaftlicher Ergebnisse auch Maßnahmen zur leichteren Umsetzung gefordert werden, denn noch sieht sich die Kreislaufwirtschaft einigen Hürden gegenüber.

4 Der Status quo in der Baubranche – Probleme und Lösungen

Auch Gebäude sind erst einmal Produkte, die hergestellt werden. Der Cradle-to-Cradle-Ansatz ist deshalb auch in der Baubranche auf fruchtbaren Boden gefallen und bietet viele Möglichkeiten; er bringt jedoch auch viele Fragen mit sich, die es zu beantworten gilt, bevor C2C in größerem Maßstab umgesetzt werden kann. Trotz der oben beschriebenen Vorteile und Stärken nimmt der Ansatz deshalb in der deutschen Bau- und Immobilienwirtschaft bisher eher langsam Fahrt auf; was durch die aktuelle Krise sicherlich zusätzlich gebremst wird. Es lassen sich aber klare Stellschrauben für Verbesserungen sowie neue Geschäftsfelder für Materialrücknahmen identifizieren.

4.1 Was bremst uns aus?

Die Baubranche ist nicht die einzige Branche, die sich mit der Umsetzung von kreislaufwirtschaftlichen Prinzipien schwertut. Im Gegensatz zu vielen anderen Bereichen steht die Bauindustrie jedoch vor besonderen Herausforderungen, da sie nicht nur große Mengen an Abfall produziert, sondern häufig auch gefährliche Abfälle anfallen. Zudem werden Materialien beim Bau oft gemischt, was es schwieriger macht, diese wieder sortenrein zu trennen und in den Kreislauf zurückzuführen. Auf der anderen Seite gibt es beim Bau viele Möglichkeiten, auf alternative Rohstoffe zurückzugreifen oder Effizienz zu steigern, weshalb der Branche wiederum sehr viel Potenzial in Hinblick auf C2C bescheinigt wird (Wilts et al. [11]).

Viele Unsicherheiten und Probleme in Bezug auf C2C beim Bau betreffen rechtliche Aspekte: Wem gehören eigentlich die Materialien, wenn sie immer wieder neu genutzt werden können und Immobilien nur als Materialdepot dienen? Wie berechnet sich der Wert eines Gebäudes, wenn die Rohstoffe weiterverwendet werden? Wie leiten sich die tatsächlichen Werte der Rohstoffe ab? Wie sehen Verträge aus, wenn Rohstoffe nicht nur ausgeliefert, sondern auch zurückgenommen werden sollen? (Schneider [12]).

Neben diesen juristischen Punkten kommen Aspekte der Logistik hinzu: Wo werden Materialien, die gerade nicht gebunden sind, gelagert? Wie können große Mengen transportiert werden? Und wie verändern sich die Stoffe eventuell während der Lagerung?

Nicht zuletzt ist auch die Kostenfrage entscheidend: Aktuell ist kreislauffähiges Bauen mit höheren Kosten verbunden als herkömmliches Bauen, da C2C-spezifische Kosten politisch (noch) nicht gefördert werden und Materialhersteller oft Monopolstellungen halten. Zudem wird weit mehr Expertise benötigt, da neben Architektur und Bauingenieurwesen auch Sparten wie Chemie oder Biologie bei Projekten involviert sind.

Aufgrund der neuen EU-Taxonomieverordnung von 2020 (Europäische Union [13]), die sich hervorragend mit den C2C-Prinzipien ergänzt, sowie des europäischen Circular Economy Action Plan (European Commission [14]), der regelmäßig weiterentwickelt wird, findet das Thema mittlerweile aber politische Aufmerksamkeit und wird präsenter. In naher Zukunft sind höhere Förderungen für nachhaltiges Bauen wahrscheinlich, sodass die Anwendung entsprechender Ansätze attraktiver wird. Hiermit drohen aber auch ein neuer Schwung Bürokratie und die Gefahr, dass „mit steigendem Bedarf an Nachhaltigkeitsaspekten die Komplexität an Nachweisen und der Bedarf an Zertifikaten deutlich zunimmt“ (Schneider [12]).

4.2 Wie kann C2C attraktiver werden?

Was also kann getan, welche Maßnahmen ergriffen werden, um die dringend benötigte Bauwende voranzutreiben und C2C attraktiver zu machen? Wichtige Impulse und richtungsweisende ­Entscheidungen können am ehesten aus der Politik kommen. ­Finanzielle Förderungen sowie aktualisierte Bestimmungen zu Gebäudewerten und Rohstoffhandel würden große Hürden abbauen. Hier würden sich Konzepte wie eine Rohstoffbörse anbieten, um das Thema des Rechts am Material anzugehen. In NWR gibt es bereits konkrete Überlegungen zu Baustoffkatastern und -bibliotheken (Wilts et al. [11]), die genau dort ansetzen. Gleichzeitig muss der bürokratische Aufwand bei solchen Systemen überschaubar bleiben; wenn das tatsächliche Bauen zwar günstiger, der Verwaltungsaufwand aber größer und somit teurer wird, ist wenig bis gar nichts gewonnen. Hier ist v. a. eine stärkere digitale Infrastruktur das Mittel der Wahl, um die Prozesse sowohl einfacher als auch schneller abwickeln zu können (Wilts et al. [11]).

Einen wichtigen Betrag dazu könnte auch die in diesem Jahr gestartete Bundesforschungsinitiative über MRR Material Recovery Rights (dt.: Rechte zur Verwertung von Materialien) sein. Die von der RWTH Aachen initiierte Forschungsarbeit soll finanzielle ­Anreizsysteme für den Werterhalt von Materialen untersuchen. Perspektivisch soll eine neue Anlageklasse für die Sicherung des Nutzungsrechts am Material entstehen. Somit würde dem wiederverwendbaren Rohstoff, der im Gebäude „zwischengelagert“ wird, heute bereits ein ökonomischer Wert zugesprochen werden.

Dadurch könnten auch andere Probleme durch die vermehrte Anwendbarkeit angegangen werden. Wenn die Nachfrage nach C2C-konformen Materialien steigt, wird auch die Monopolstellung der Hersteller durch eine Vergrößerung des entsprechenden Markts geschwächt. Zudem helfen die zukünftigen Daten der laufenden C2C-Projekte, noch genauer zu planen und einem restlosen Materialkreislauf immer näher zu kommen. Wie oben erwähnt, sind wissenschaftliche Ergebnisse ein wichtiges Argument, um kreislauffähiges Bauen zu stärken und auszuweiten.

Nicht zuletzt müssen aber auch die Branche selbst, relevante andere Stakeholder wie Banken und Kreditinstitute sowie die Nutzer und Nutzerinnen die Bereitschaft mitbringen, sich auf neue Konzepte einzulassen. Zwar können von politischer Seite Anreize geschaffen werden, z. B. indem nachhaltiges Bauen gefördert und nicht nachhaltige Verfahren sanktioniert werden, es liegt jedoch an allen Beteiligten, von selbst ein Interesse an der ökologischen Zukunftsfähigkeit der Branche zu zeigen. Zum einen sollten dafür bereits bestehende Systeme, wie der Gebäuderessourcenpass, aufgewertet und mehr genutzt werden; zum anderen müssen wir aber auch bereit sein, Abstriche zu machen. Besonders in Deutschland werden Gebäude immer noch nach höchsten Komfortansprüchen und v. a. für extreme Wettersituationen gebaut. Wenn wir es schaffen, realistischere Maßstäbe anzusetzen, die alle vier Säulen der C2C-Methode berücksichtigen, haben wir einen großen Schritt in Richtung nachhaltigen Bauens getan (Schneider [12]). Und nicht zuletzt müssen Rohstoffrestwerte und CO2-Reduktionen an ökonomischer Bedeutung gewinnen.

5 Die Multikrise als Chance

Ist Cradle to Cradle nun die Lösung für alle Probleme? Nein, natürlich nicht. Aber es ist ein möglicher Ansatz, der viele Vorteile mit sich bringt, da er sinnvolle Antworten auf die Vermeidung von Abfallaufkommen, Ressourcenverschwendung und CO2-Reduktion bereithält. Unsere Wertschöpfungskette basiert immer noch auf dem Verständnis, dass Produkte einfach entsorgt werden können, wenn wir sie nicht mehr brauchen, doch unsere Rohstoffe sind endlich und werden stetig weiter dezimiert. Kreislaufwirtschaft bietet eine neue Perspektive, aber es liegt an der Gesellschaft, daraus auch ein neues Verständnis abzuleiten.

In seiner Komplexität und seiner Beachtung von Zirkularität, Biodiversität, sozialer Integration und Gesundheit bietet der Cradle-to-Cradle-Ansatz eine vollumfängliche Strategie zu einer nachhaltigen Wirtschaft in allen Sektoren. Trotz aller Vorteile braucht eine solche Entwicklung aber Zeit. Die aktuelle Krise beschleunigt die Auseinandersetzung mit dem Thema, sodass C2C nun seine Vorteile ausspielen kann. Der Ansatz kann uns nicht über Nacht retten – doch er ist ein wichtiger Schritt Richtung Klimaneutralität und zur Vermeidung zukünftiger Krisen.

Literatur

  1. Lemaitre, C.; Hettinger, P. (2022) Heute unsere positive Zukunft bauen in: Jacob, C.; Kukovec, S. [Hrsg.] Auf dem Weg zu einer nachhaltigen, effizienten und profitablen Wertschöpfung von Gebäuden. Berlin: Springer, S. 57–76.
  2. Miller, N. (2021) The industry creating a third of the world’s waste [online]. London: BBC Future. https://www.bbc.com/future/article/20211215-the-buildings-made-from-rubbish [Zugriff am: 28. November 2022]
  3. National Geographic Society (2022) Anthropocene [online]. Washington: National Geographic Society. https://education.nationalgeographic.org/resource/anthropocene [Zugriff am: 28. November 2022]
  4. McDonough, W.; Braungart, M. (2002) Cradle to Cradle: Remaking the Way We Make Things. New York: Macmillan USA.
  5. McDonough, W.; Braungart, M.; Anastas, P. T.; Zimmerman, J. B. (2003) Applying the Principles of Green Engineering to Cradle-to-Cradle Design. Environmental Science & Technology, pp. 434–441.
  6. Mulhall, D.; Braungart, M. (2010) Cradle to Cradle criteria for the built environment. Ekonomiaz 75, No. 3, pp. 122–132.
  7. EPEA (2023) Cradle to Cradle [online]. Stuttgart: EPEA GmbH – Part of Drees & Sommer. https://epea.com/ueber-uns/cradle-to-cradle [Zugriff am: 18. August 2023]
  8. Umweltbundesamt (2022) Struktur der Flächennutzung [online]. Dessau-Roßlau: UBA. https://www.umweltbundesamt.de/daten/flaeche-boden-land-oekosysteme/flaeche/struktur-der-flaechennutzung#die-wichtigsten-flachennutzungen [Zugriff am: 18. August 2023]
  9. Campanella, D.; Schäufele, J.; Schall, C.; Kuntzsch, J. (2022) Echte Materialkreisläufe schaffen – Möglichkeiten und Herausforderungen der Wiederverwendung von Baustoffen in: Jacob, C.; Kukovec, S. [Hrsg.] Auf dem Weg zu einer nachhaltigen, effizienten und profitablen Wertschöpfung von Gebäuden. Berlin: Springer, S. 517–535.
  10. Edelmann, H. G.; Aduse Poku, M. (2018) Effekte und Parameter von Efeu bewachsenen Fassaden im Vergleich zu blanken Hausfassaden in: Metzmacher, A.; Mann, T.; Finck, P. [Hrsg.] Biodiversität und Klima. Bonn: Bundesamt für Naturschutz, S. 26–30. https://doi.org/10.19217/skr494
  11. Wilts, H.; Berg, H.; Seyring, N.; Vahle, T.; Herrmann, S.; Kick, M.; Müller-Kirschbaum, T. (2022) NRW 2030: Von der fossilen Vergangenheit zur zirkulären Zukunft [Abschlussbericht]. Wuppertal: Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie gGmbH. https://www.wirtschaft.nrw/system/files/media/document/file/nrw2030_zirkulaere_zukunft.pdf [Zugriff am: 4. August 2023]
  12. Schneider, V. (2022) Wir sind noch lange nicht da, wo wir längst sein müssten. IMMOZEIT 32, H. 1, S. 28–33.
  13. Europäische Union (2020) EUR-Lex [online]. Luxemburg: Amt für Veröffentlichungen der Europäischen Union Referat „EUR-Lex und juristische Information“. https://eur-lex.europa.eu/eli/reg/2020/852/oj?locale=de [Zugriff am: 28. November 2022]
  14. European Commission (2023) Circular economy action plan [online]. Brussels: European Commission. https://environment.ec.europa.eu/strategy/circular-economy-action-plan_en [Zugriff am: 18. August 2023]

Autor:innen

Dr. Jennifer Fest, jfest@stadtmarken.de
Stadtmarken GmbH, Aachen
www.stadtmarken.de

Vanja Schneider, vschneider@moringa.eco
Moringa GmbH, Monheim am Rhein
www.moringa.eco



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