A4F konstruktiv

Zu neuen Zielen

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Das Jahr startet neu und nicht besser als das letzte oder das davor, könnte man meinen. Doch vielleicht steht es in Aussicht, das erste Jahr werden zu können, das nicht durch die Covid-19-Pandemie überschattet wird, nachdem 2023 das erste Mal seit den Turbulenzen der letzten Jahre etwas Erholung geboten hat. Die Haushaltskrise droht zwar, sich zu einer handfesten Staatskrise auszuwachsen, und die Krise der Bauwirtschaft hält auch noch an, doch es gibt auch Lichtblicke, die zarte Hoffnung aufkeimen lassen. Wie immer lohnt sich ein kurzer Blick in die Etymologie, um festzustellen, was der Ausdruck Krise eigentlich meint und dass er, wie zu erwarten, durch die lateinisierte Version crisis aus dem Altgriechischen κρίσις [1] entlehnt wurde, was als wichtiger Punkt in der Entwicklung der Umstände, an welchem Änderung, zum Besseren oder Schlechteren, eintreten muss oder – näher an der griechischen Wurzel – unterscheiden, bewerten, entscheiden beschrieben wird. Entgegen der negativen Wahrnehmung des Worts Krise liegt da­rin eben auch Hoffnung enthalten, nämlich dass es die Möglichkeit bietet, aus einer schädlichen Entwicklung zu einem besseren Zustand voranzuschreiten. Die Krise ist ein Zustand, der dazu auffordert zu handeln, sich neuen Äußerlichkeiten anzunehmen. Doch trotz der vermeintlichen Dringlichkeit des krisenhaft wahrgenommenen Zustands, schnell eine Entscheidung zu treffen, die Krise zu überwinden – wie es üblicherweise heißt –, lässt sich dieser Notlage wohl deutlich besser mit der ursprünglichen Bedeutung des griechischen Verbs begegnen, indem sich in Ruhe und Klarheit geübt wird, um sich selbst in die Lage zu bringen, das Wirrwarr der Situation besonnen zu ordnen und die Erfordernisse richtig einschätzen zu können. Nun erscheint uns eine Krise häufig wie ein plötzlich eintretendes Ereignis, wie eben die Covid-19-Pandemie. Doch bei genauerer Überlegung war diese ebenso wie die Klimakrise kein spontanes, sondern ein sich langsam entwickelndes und sich ankündigendes Ereignis. Streng genommen könnte man sagen, dass die Plötzlichkeit des Moments durch die lange Untätigkeit vorweg ausgelöst wird, wie es im Bezug auf die Klimakrise auch von vielen beschworen wird. Doch eben auch hier lenkt dies v. a. den Blick auf verpasste Chancen, ausgebliebene Reaktionen und begangene Fehler, anstatt sich des Unmittelbaren, der Veränderung anzunehmen. Da tun sich vermeintliche Dichotomien auf, um zu reagieren, wie Reue und Selbstgeißelung, Wut und Schuldzuweisung oder Angst und Angriff, jedoch v. a. aufgrund der zeitlichen Wahrnehmung. Denn ebenso, wie die Krise schon länger vorher ihren Lauf nahm, erstreckt sie sich auch zeitlich fortdauernd. Man kennt es vielleicht aus eigener Erfahrung, dass Taten aus druckgeladenen Situationen heraus oft nicht die besten Ergebnisse nach sich ziehen. Fast immer gibt es jedoch die Möglichkeit, sich ein wenig Zeit zum Überlegen zu verschaffen – und das ist nicht dasselbe, wie die Augen vor der Situation zu verschließen oder Umstände zu seinen Gunsten kleinzureden, wie es einige Vertreter aus den politisch konservativen Kreisen eher öfter als selten tun, auch wenn hierbei etwas Voreingenommenheit des Autors zum Tragen kommt. Es ist vielmehr ein Zugeständnis an sich selbst, der Situation gerecht werden zu wollen, und die Unvollkommenheit, dies ad hoc zu können. Politologisch ist dies auch in der Tat das richtige, dem Konservatismus innewohnende Moment, verspricht es doch, sich der Sicherheit des Bewährten und Bestehenden anzunehmen und so die Dynamiken, denen Gesellschaften ausgesetzt sind, für alle darin handhabbar zu machen. In den polarisierten Debatten der heutigen Zeit hingegen verkehrt sich dies jedoch allzu häufig in eine reaktionäre Abwehr von Notwendigkeiten und Veränderung per se, ein Fallstrick, gegen den Linke und Liberale aller Couleur ebenso wenig immun sind. Was wohl niemand mehr von der Hand weisen kann, ist, dass es sich nicht mehr um einige wenige, sondern viele ineinander verschachtelte Krisen handelt. Ein Umstand, für den inzwischen der Begriff Polykrise ins Leben gerufen wurde [2]. Und in noch tieferen, intellektuellen Kaninchenbauten wird ergänzend zudem von nicht nur einer aus mehreren bestehenden Krise, sondern einer allem zugrunde liegenden, dem menschlichen Handeln immanenten Metakrise gesprochen, wobei man – immer, wenn man das Präfix meta- in den Mund nimmt (wie M. Zuckerberg bspw. ) – Gefahr läuft, als jemand belächelt zu werden, der vollends die Bodenhaftung verloren hat. Es gilt das Unmittelbare und das Übergreifende, also zusammen zu denken und mit sorgfältiger Vorsicht zusammenzuhalten. Doch haben die Entwicklungen der letzten Jahre – mit immer beklemmender werdender Eindringlichkeit – die Frage gestellt, wie dem zugrunde liegenden Konflikt eine valide Lösung entgegengestellt werden kann. Diesbezüglich bieten einige Antworten, konträr zur lange etablierten Meinung, dass das Wesen des Menschen ab einem gewissen Punkt relativ fix und essenziell feststeht, die Erkenntnis, dass das Innere von uns deutlich gestaltbarer und anpassungsfähiger ist als lange angenommen. So wurde in der Folge bspw. zur Erreichung der Sustainable Development Goals (SDG’s) komplementär die Initiative der Inner Development Goals (IDG’s) gegründet, welche unserer Fähigkeit zu lang anhaltender emotionaler und charakterlicher Reifung Rechnung trägt. Ein hoffnungsmachendes Narrativ, welches ebenfalls nicht neu ist, jedoch gerne in den Bereich von New-Age- und Spiritualismus-Bewegungen gedrängt wird. Keine Frage steht jede Idee in der Gefahr, sich in Ideologie zu verkehren, doch ebendem wird durch ein gelingendes Maß an charakterlicher Bildung und kritischem Denken Abhilfe geschaffen. Es bleibt eine Gratwanderung mit ergebnisoffenem Ausgang, dessen Fenster für ein Happy End, oder vielmehr eine Happy Continuation, sich mit weiterem zeitlichem Fortschreiten der Krisen bedrohlich verengt. Nichtsdestotrotz, Hopfen und Malz sind noch nicht verloren. 


Literatur

  1. Oxford English Dictionary (o. J.) Crisis, N. [online]. Oxford: Oxford University Press. [Stand: September 2023]. https://doi.org/10.1093/OED/9319861530
  2. World Economic Forum (2023) The Global RisksReport 2023. 

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