„Unser Ziel lautet, bis zum Jahr 2040 CO2-neutral Stahl herzu­stellen“

Sieben Fragen an Alexander Stier, Leiter Verkauf & Logistik Stahlwerk Thüringen GmbH

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Herr Stier, alle Welt spricht von Green Steel, das Stahlwerk Thüringen (SWT) auch – ist Stahl nicht an sich schon grün, wenn man ihn mit anderen Werkstoffen vergleicht?

In der Tat ist kaum ein anderer Baustoff so langlebig, wiederverwendbar, wertbeständig und zukunftsfähig wie Stahl. Im Vergleich zu anderen tragenden Baustoffen wie Beton oder Holz können Stahlprodukte zahlreiche Nutzungszyklen durchleben. Sie sind halt zu nahezu 100 % und ohne Qualitätsverlust unendlich oft recycelbar. Also gilt: Stahlrecycling ist angewandter Umweltschutz. Diese Kreislaufwirtschaft macht Stahl zu einem regenerativen Baustoff, trägt zur Schonung von Ressourcen und zum Schutz des Klimas bei. Auch bei der Flexibilität sind Bauten aus Stahl klar im Vorteil: mit ihren großen Spannweiten ohne tragende Innenstützen und -wände ermöglichen sie eine hohe Anpassungs- und Erweiterungsfähigkeit und sichern so eine lange Lebensdauer. Bei Stahlbauten ist sogar das Umsetzen von kompletten Konstruktionen möglich – etwa bei temporären Parkhäusern und Brücken. Doch auch Stahl selbst kann und muss noch grüner werden, indem man die bei der Herstellung erzeugten CO2e-Emissionen durch Prozessveränderungen bzw. Optimierungen weiterhin reduziert. Nur so können wir die eigenen Nachhaltigkeitsziele erreichen und die bindenden EU-Richtlinien des European Green Deal erfüllen.

Ihre Dekarbonisierungs-Strategie steht auf den drei Säulen Energie, Logistik und Effizienz. Wollen Sie unseren Leser:innen den Stand der Dinge hier erläutern, und wo sehen Sie das größte Potenzial?

Aus unserer SWT Green Steel Strategy leiten wir umfangreiche Maßnahmen ab. Ausgehend von den etwa 680 kg CO2e/t Formstahl mit dem traditionellen Elektroofenherstellungsprozess im Jahr 2020 ist es uns damit gelungen, den Emissionswert mittlerweile mehr als zu halbieren. Wir nutzen bspw. seit 2021 ausschließlich Strom aus regenerativen Quellen und so viel klimaneutrale Logistik wie aktuell einsetzbar. Unser SWT Stahlwerk Thüringen Green Steel® hat mit Stand heute einen verifizierten Wert von nur 327 kg CO2e/t Formstahl (nach EPD gemäß ISO 14025 und EN 15804+A1) und gehört damit zu den Spitzenreitern der Trägerproduzenten in Europa. Das größte Einsparpotenzial liegt eindeutig bei der Säule Energie durch den Einsatz von grünem Strom, wo immer er praktikabel ist, und der zukünftigen Substitution von Erdgas durch grünen Wasserstoff, gefolgt von Effizienz und Logistik (Bild 1). Unser Ziel lautet, bis zum Jahr 2040 CO2-neutral Stahl herzustellen. Zu diesem Zweck analysieren wir alle Unternehmensprozesse. Auch modernisieren wir die Produktionsanlagen in großem Umfang und initiieren sowie unterstützen regionale Projekte der erneuerbaren Energieerzeugung.

Über 110 Mio. kWh u. a. an den Öfen einzusparen, wie geht das?

(lächelt) Ja, das ist tatsächlich eine beeindruckend hohe Zahl. Sie bezieht sich auf die Gesamteinsparung seit Einführung unserer DIN EN ISO 50001 im Jahr 2012. Mit ihr verpflichtet sich SWT zu einer ressourcenschonenden Energiepolitik (Bild 2). Es ist eben so, dass verschiedene kleine und große Modernisierungen in Summe enorm viel bewirken. Um ein paar zu nennen: ein neuer ACI-Ventilstand und ein Haltebetrieb der Brenner mit Luft sparen am Elektrolichtbogenofen sehr viel Erdgas ein. Wir haben auch den Schmelzprozess hinsichtlich der Spannungseinspeisung optimiert. Außerdem spart die bedarfsgesteuerte Sauerstofferzeugung der Luftzerlegungsanlage viel Energie ein. Und auch die Modernisierung der Beleuchtung im gesamten Unternehmen trägt ihren Teil zu dieser Zahl bei.

Bei den Walzwerksöfen spielt die Induktionstechnologie eine wichtige Rolle. Was ist an ihr neu und wie weit ist das SWT hier bereits?

Die Induktionstechnologie an sich ist natürlich nicht neu, ihre Nutzung beim Walzen von Stahlträgern jedoch schon. Wir sehen hier eine vielversprechende Möglichkeit zur Erwärmung unseres Vormaterials, den sog. Beam Blanks (Bild 3). Das erreichen wir durch den teilweisen Ersatz des traditionell eingesetzten Erdgases durch grünen Strom. Hierfür wird gegenwärtig das Pre-Engineering durchgeführt. Der Einsatz von Induktionstechnologie wird den Verbrauch an Erdgas signifikant verringern. Außerdem spart der Einsatz von grünem Strom viele Emissionen ein. Der Wiedererwärmungsofen selbst wird ebenfalls modernisiert. Er soll künftig mit Wasserstoff betrieben werden. Dafür werden wir zeitnah wasserstofffähige Brenner einbauen, die mit besonders effizienter Technologie arbeiten. Sobald dann Wasserstoff in ausreichend großem Umfang verfügbar ist, können wir diese Ressource nutzen. Diese Installationen rund um den Wiedererwärmungsofen haben ein Investitionsvolumen im mittleren zweistelligen Millionenbereich. Sie ergeben ein Potenzial zur Einsparung von ca. 24 % der gesamten CO2e-Emissionen. Leider haben sich die Rahmenbedingungen für den Erhalt der hierfür dringend notwendigen staat­lichen Fördermittel seit Ende 2023 stark verschlechtert. Und so hat dieses Projekt nach heutigem Stand keine realen Chancen der Förderung mehr.

Was sind denn aktuell Ihre Erwartungen an die Politik, besonders in Sachen Förder­mittel?

In Deutschland blickt man aktuell branchenübergreifend mit Sorge auf die Finanzierbarkeit notwendiger Projekte zur Transformation. Das Erreichen dieser Ziele rückt also in gewisse Ferne. Wichtig auch: Durch das Wegbrechen vieler staatlicher Förderprogramme sind die Spielregeln auf dem Markt jetzt nicht mehr dieselben für große und kleine Player. Es werden nur noch die Vorhaben gefördert, welche die größten Dekarbonisierungs­effekte bringen. Als Elektroofen-Stahlwerk und mit unseren Modernisierungen haben wir vergleichsweise bereits wenige Emissionen (Bild 4) und fallen so bei diesen Programmen durch das Raster. Große Stahlkonzerne erhalten finanzielle Unterstützung. Als mittel­großes einzelnes Werk müssen wir die Transformation hin zu klimafreundlicherem Stahl selbst tragen. Das stellt auf europäischer wie globaler Ebene, neben den ungleichen Rahmenbedingungen für Energiekosten und Netzentgelte, einen weiteren signifikanten Wettbewerbsnachteil dar. Da wünschen wir uns seitens der Politik faire Bedingungen für die Vergabe von Fördermitteln. Des Weiteren würden wir vereinfachte Genehmigungsprozesse im Bereich neuer Projekte für regenerative Energiequellen sehr begrüßen. Aktuell sind diese zu umfangreich, zu bürokratisch und mit langen Bearbeitungszeiten behaftet.

Thema Ressourcenschonung und Weiterverwendung von Nebenprodukten. Was wünschen Sie sich etwa für die Einsatzmöglichkeiten von Schlacke?

Im Sinne einer expandierenden Kreislaufwirtschaft würden wir hier eine breitere Verwendungsmöglichkeit begrüßen. Schlacke fällt bei der Stahlerzeugung an. Sie kann besonders im Tiefbau vielfältig eingesetzt werden. Beispielsweise bei Trassenfundamenten als Frostschutz. Momentan können solche Möglichkeiten nicht vollumfänglich ausgeschöpft werden, da bestehende gesetzliche Vorgaben hinsichtlich Mindestmenge an ­Volumenverbrauch dies nicht ermöglichen. Viele kleine und mittelgroße Bauprojekte fallen somit weg. Hier sollte die Politik bei der Projektvergabe im Rahmen der Ersatzbaustoffverordnung breitere Einsatzmöglichkeiten schaffen. Auch sollte sie den möglichen Einsatz von Schlacke bei Ausschreibungen durch verbesserte Kommunikation, Normierungen oder Ausschreibungsanreize stimulieren.

Wie schätzen Sie die aktuelle Situation ein in Hinsicht auf den Rohstoff Schrott, besonders mit Blick auf den immer stärkeren Umbau von der Hochofenroute zur Elektroofenroute?

Wir beziehen unseren Schrott aus einem relativ kleinen Umkreis von gerade mal 300 km. Der größte Anteil davon kann deshalb mit dem klimafreundlichsten aller Transportmittel angeliefert werden, per Bahn. Die restlichen Mengen werden per Lkw angeliefert. Wir nehmen bereits heute eine zunehmende Nachfrage nach Schrott wahr. Wenn jetzt weitere Stahlwerke diesen Wertstoff benötigen, wird das zu einer verschärften Situation auf dem Markt führen. Auch hier gilt es seitens der Politik Rahmenbedingungen zu schaffen, die das Überleben des deutschen Stahlstandorts sichern. Konkret könnte hier eine Beschränkung von Schrottexporten eine Rolle spielen.

Herr Stier, haben Sie Dank für dieses Interview.

Die Fragen stellte Burkhard Talebitari.

www.stahlwerk-thueringen.de

Alexander Stier, Leiter Verkauf & Logistik Stahlwerk Thüringen GmbH, geb. 1977, Diplomkaufmann FH Zwickau, 20 Jahre in Einkauf und Vertrieb im Automobil- und Stahlsektor, seit 2021 im Stahlwerk Thüringen

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