Ein Positionspapier der ÖGNI

Das Positionspapier der ÖGNI zeigt, dass die Bau- und Immobilienwirtschaft rund 40 Prozent der globalen CO₂-Emissionen verursacht, und damit eine zentrale Rolle im Klimaschutz spielt. Nachhaltige Baustoffe gelten als wesentlicher Hebel für die Reduktion dieser Emissionen. Obwohl viele ökologische Materialien wie Holz, Lehm, Stroh, Hanf, Zellulose, Schafwolle oder CO₂-reduzierte Ziegel technisch ausgereift, verfügbar und wirtschaftlich sinnvoll sind, werden sie bisher zu selten eingesetzt. Gründe dafür liegen weniger in der Materialqualität, sondern vor allem in fehlenden Standards, unzureichender Datenlage, mangelnder Ausbildung, rechtlichen Unsicherheiten sowie niedrigen Marktanreizen.
Die regulatorischen Rahmenbedingungen verschärfen sich jedoch: EU-Richtlinien wie die EPBD verlangen künftig verpflichtende Lebenszyklusanalysen, Emissionsgrenzen und Materialtransparenz. Länder wie Frankreich und die Niederlande zeigen bereits, wie CO₂-Budgets Genehmigungsprozesse steuern können. Dadurch wird klar, dass nachhaltige Baustoffe künftig maßgeblich über Genehmigungsfähigkeit, Finanzierung und Zukunftssicherheit von Gebäuden entscheiden. Besonders die EU-Bioökonomiestrategie 2025 stärkt biobasierte Baustoffe und macht sie zu einer relevanten Industrieklasse.
Das Papier definiert nachhaltige Baustoffe als langlebige, emissionsarme und schadstofffreie Materialien, die Umwelt und Ressourcen schonen und über den gesamten Lebenszyklus hinweg bewertet werden müssen. Als zentrale Hürden nennt die ÖGNI fehlende europaweite CO₂-Grenzwerte, fragmentierte Materialdatenbanken, kaum vorhandene Ausbildung sowie unzureichende Fördermodelle. Besonders deutlich wird, dass nachhaltige Baustoffe oft fälschlicherweise als teuer oder technisch unsicher gelten, obwohl praktische Beispiele das Gegenteil beweisen.
Viele Projektbeispiele aus Österreich zeigen die erfolgreiche Anwendung nachhaltiger Materialien: von Wohnanlagen wie der Auenweide, dem Wohnhochhaus Taborama, Greenity Gate oder dem Kirschblütenweg über Bildungsbauten wie das Haus des Lernens, den Kindergarten Atzenbrugg und die Hochschule für Agrar- und Umweltpädagogik bis hin zu Gewerbe- und Bürogebäuden wie Windkraft Simonsfeld oder europäischen Dachbegrünungen auf Basis biogener Substrate. Die Beispiele verdeutlichen Vorteile wie CO₂-Speicherung, Robustheit, gute Innenraumluft sowie hohe Wirtschaftlichkeit über den Lebenszyklus. Besonders eindrucksvoll sind klimaresiliente Eigenschaften, etwa die Hochwasserfestigkeit von Schafwolle oder die Hitzereduktion durch begrünte Dächer.
Das Papier räumt mit gängigen Mythen auf, etwa der vermeintlich schlechten Ökobilanz von Ziegeln, mangelnder Tragfähigkeit oder zu hohen Kosten. Moderne Produktionsprozesse, regionale Rohstoffe, hohe Speichermasse und verbesserte Dämmwerte zeigen, dass konventionelle Vorurteile nicht mehr zutreffen. Nachhaltiges Bauen muss dabei nicht teurer sein; durch geringere Lebenszykluskosten, weniger Technikbedarf, regionale Wertschöpfung und reduzierte Entsorgungskosten ergeben sich oft wirtschaftliche Vorteile.
Abschließend formuliert die ÖGNI klare Forderungen: europäische CO₂-Grenzwerte und verpflichtende LCAs, transparente und faire Materialbewertungen, finanzielle Anreize für nachhaltige Produkte, eine umfassende Ausbildungsoffensive sowie den Abbau regulatorischer Hürden. Nur so kann nachhaltiges Bauen vom Ausnahmefall zum Standard werden. Die Conclusio des Papiers lautet: Lösungen sind vorhanden, es mangelt nicht an Material, sondern an Rahmenbedingungen, Mut und konsequenter Umsetzung. Wer heute beginnt, kleinere Bauteile oder Prozesse zu substituieren, schafft Wissen, Erfahrung und Vertrauen – und leistet einen wichtigen Beitrag zur Transformation der Bauwirtschaft.
Nachhaltige Baustoffe – Die vergessenen Baustoffe der Zukunft
Positionspapier einer Arbeitsgruppe der ÖGNI
ÖGNI 2026
https://publuu.com/flip-book/1009535/2401402






