Architektur als Weiterentwicklung des Bestands
„Umbaukultur – evolving structures“ beschreibt den Ansatz von kister scheithauer gross architekten, Transformation als Weiterentwicklung bestehender Strukturen zu verstehen. Im Mittelpunkt steht der respektvolle Umgang mit dem „Skelett“ aus Struktur und Tektonik, das als identitätsstiftende Ressource erhalten und gezielt aktiviert wird. Anhand mehrerer laufender Großprojekte zeigt der Beitrag, wie skulpturale Eingriffe, gezielte Verdichtungen und das Wegnehmen von Substanz neue Typologien ermöglichen. Der Blick auf Prozesse statt auf fertige Objekte formuliert übertragbare Leitlinien für eine nachhaltige, zukunftsfähige Architektur im Bestand.
Als Architekturbüro eine konkrete Haltung in Bezug auf Umbauprojekte zu entwickeln, ist zugegeben im Hinblick auf die individuellen Anforderungen im Umgang mit Bestand eine Herausforderung. Anlässlich unserer Ausstellung im Sommer 2025 im Aedes Architekturforum in Berlin haben wir uns dieser Herausforderung angenommen. Dazu haben wir anhand unserer jüngsten und laufenden vier Transformationsprojekte ein Konzept unter dem Titel „evolving structures“ destilliert, das die Prozesse und Maßnahmen der Projekte in den Fokus rückte und aus dem wir vier übergeordnete Leitlinien herausarbeiten konnten. Bauen im Bestand funktioniert selbstverständlich vollkommen anders, als es bei Neubauten der Fall ist, vor allem dann, wenn die Gebäude ihre frühere Nutzung verloren haben und neue Nutzungen integriert werden müssen. Transformation bedeutet für uns im übertragenen Sinne, der Persönlichkeit des Bestands neue Fähigkeiten zu verleihen und Wesenszüge zu ergänzen. In diesem Prozess ist viel möglich, aber die Seele darf dem Bestand nicht so weit ausgetrieben werden, dass nur noch Hüllen, Spolien oder überformte Strukturen bleiben. Es ist ein schmaler Grat, auf dem wir uns als Planende bewegen, denn der ökonomische Verwertungsdruck ist groß.
ksg nimmt dabei eine Haltung ein, die geprägt ist vom Respekt gegenüber der Bestandsidentität. Um- oder Überformung bedeutet für ksg, semantische Elemente des Bestands weder zu löschen noch beliebig zu interpretieren, auch geht es nicht um eine rein denkmalpflegerische Herangehensweise. Es gilt, das „Skelett“ aus Struktur und Tektonik zu identifizieren als eine erste Grundvoraussetzung weiterer Arbeit. Das Innere des Bestands wird nicht bis auf die Fassade entkernt, sondern das Skelett des Bestands wird maßgebend für Veränderungen und bleibt nach der Transformation identitätsstiftendes Element. Das bedarf präzise gesetzter Maßnahmen in den Strukturen – skulpturaler Eingriffe –, um die Aktivierung des Bestands zu ermöglichen. Dies möchte auch der Titel „evolving structures“ ausdrücken, der evolving in dem Sinne versteht, dass die Struktur aus ihrer eigenen Logik heraus weiterentwickelt wird. Gemeinsam mit neuen Elementen sollen die Bauwerke verblasste Präsenz wiedergewinnen, sich verjüngt und belebt in die Topografie der Stadt einspielen und die Aura ihrer Geschichte einbringen.
ksg hat mittlerweile eine Tradition in der Transformation großer Bauten bzw. Gebäudeensembles. Begonnen hat es mit dem „Siebengebirge“ am Rhein, dem Kornspeicher der nationalen Notreserve. Im Lauf der Zeit sind die Leipziger Stadtbibliothek, das Gerling-Quartier in Köln und ein Universitätsgebäude in Tübingen dazugekommen und wurden in ihrer Transformation abgeschlossen. Gerade fertiggestellt wurde ein zu einem jüdischen Gemeindezentrum ausgebautes Gebäude aus dem 16. Jahrhundert in Bayreuth. Bei den aktuelleren vier Projekten in unserer Ausstellung „evolving structures“ handelte es sich um das ehemalige Luitpold-Krankenhaus in Würzburg, die ehemalige Bundesbahndirektion in Wuppertal, ebenfalls in Wuppertal das „Kleeblatt“ – ein ehemaliges Postverteilzentrum – sowie das Quelle-Areal in Nürnberg. Eine Besonderheit der Ausstellung war, dass keines der Projekte zu diesem Zeitpunkt abgeschlossen war und damit Momentaufnahmen der Baustellen, die sonst nicht sichtbar werden, eingefangen und diskutiert werden konnten. Damit gibt die Ausstellung Einblicke in das „Doing“ und das Ringen um die Charaktere der Umbauprojekte.
Der Blick auf die Prozesse – anstatt auf das fertige Objekt – eröffnet das Potenzial, Gemeinsamkeiten zu erkennen und übertragbare Prinzipien für die nachhaltige Weiterentwicklung des Bestands zu identifizieren. Drei der vier genannten Projekte stehen unter Denkmalschutz, daher wird der Erhalt der bestehenden Bausubstanz zur Prämisse. Der Denkmalschutz impliziert zugleich eine Verantwortung im Umgang mit der kulturellen und historischen Bedeutung der Gebäude. Die Aufgabe der Architektur besteht darin, durch Interventionen neue Typologien zu implantieren, die sich selbstverständlich in die bestehende Struktur einfügen und eine Zukunft eröffnen. Die folgenden vier Thesen wurden anhand der genannten vier Projekte entwickelt und werden im Folgenden mit der Hinzunahme des Fallbeispiels erläutert.
1 Jede Umnutzung ist möglich
Das Projekt Anatomie Würzburg zeigt exemplarisch, wie weit die Möglichkeiten der Umnutzung reichen. Das ehemalige Luitpold-Krankenhaus mit einer barockisierenden, jugendstilhaften Erscheinung, zwischen 1912 und 1921 von August Lommeler baut, ist heute Teil des Universitätsklinikums Würzburg. Während der nördliche Teil der Dreiflügelanlage bereits in den vergangenen Jahren von Gerber Architekten saniert wurde, verantwortet ksg nun die Umnutzung der früheren medizinischen Abteilung des Krankenhauses – des südlichen Teils, bestehend aus zwei Flügeln mit einer Kuppel – für das Anatomische Institut der Universität Würzburg. Die Transformation des Baudenkmals in ein technologisch modernstes anatomisches Institut bringt einen herausfordernden Umbauprozess mit sich, der seit 2022 andauert. In enger Abstimmung mit der Denkmalpflege werden die besonderen Räume wie das historische Treppenhaus und der Hörsaal in der Rotunde saniert und in ihrer ursprünglichen Funktion aufgewertet. Mit dem Ziel, möglichst viel Bausubstanz zu erhalten, werden, wo immer möglich, auch die Decken und Wände erhalten und die Räume lediglich von Überformungen seit der Erbauung befreit (Bild 1).
Da ein anatomisches Institut aufwendige technische Lüftungsanlagen zur Lagerung und Präparierung von Körperspenden verlangt, bedarf es präziser Öffnungen einzelner Bereiche für die Installationen sowie umfassender statischer Ertüchtigungen, um die Lasten der neuen Geräte zu tragen. Nach seiner Fertigstellung zeigt das Gebäude – sichtbar am historischen Anatomiehörsaal einerseits und den modernen Präparierräumen andererseits – eine Verbindung universitärer Tradition der Stadt Würzburg mit modernen Lehrräumen für den anatomischen Grundlagenunterricht. In dieser Transformation von einem denkmalgeschützten Krankenhausbau zu einer hochmodernen Anatomie bleibt die historische Hülle trotz der immensen Veränderungen im Inneren weitgehend unangetastet und tritt in einen spannungsvollen Dialog mit dem modernen Innenleben (Bilder 2, 3).
Transformation wird hier als ein Prozess des Aushandelns sichtbar – zwischen technischen Anforderungen, denkmalpflegerischen Vorgaben und architektonischer Entscheidung. Es wird deutlich, dass der Bestandsbau des frühen 20. Jahrhunderts selbst eine Nutzung aushalten kann, die modernste technische Einbauten verlangt. Selbstverständlich stellen sich aufgrund der hohen Kosten Fragen nach der Verhältnismäßigkeit des Erhalts als oberster Prämisse. Dennoch zeigt dieses Projekt, wie weit die Möglichkeiten im Bestand gehen, und ist gleichzeitig Teil eines wichtigen Erfahrungsschatzes, der für zukünftige Umbauprojekte entscheidend ist.
2 Bestandsbauten eröffnen zusätzliche Raumqualitäten
Wie viel Raumpotenzial repräsentative Bauwerke für eine neue Nutzung bieten, wird anhand der ehemaligen Bundesbahndirektion Wuppertal deutlich. Nach vierzehn Jahren Leerstand wurde das denkmalgeschützte Bauwerk der ehemaligen Bundesbahndirektion in Wuppertal bis Ende 2025 für die Nutzung durch die Stadt Wuppertal mit Bürgerzentrum und Jobcenter sowie die Bergische Universität revitalisiert. Es handelt sich um einen Verwaltungsbau des späten 19. Jahrhunderts, der in mehreren Bauphasen zwischen 1875 und 1940 Erweiterungen erhalten hat. Seine klassizistische Erscheinung ist im Zentrum Wuppertals prägend und wirkt in der topografisch leicht erhöhten Situation und der weißen Fassade wie eine „Akropolis“ der preußischen Verwaltung im Rheinland.
Im Zuge der Transformation unternahm ksg zum einen eine gezielte Verdichtung der vorhandenen Bausubstanz, zum anderen eine Aufwertung der historischen Besonderheiten des Baudenkmals. Dabei wurde die massive gemauerte Gebäudestatik vollständig erhalten. Im Inneren wurden beide Innenhöfe in die Nutzung als öffentliches Gebäude einbezogen, indem sie im Erdgeschoss mit einer eingestellten Holzkonstruktion überdacht wurden (Bild 4). Das Staffelgeschoss des Bestands wurde erneuert, dabei in seiner Geschosshöhe angehoben und aufgrund denkmalpflegerischer Anforderungen gestalterisch in Anlehnung an die historischen Fassaden entwickelt. Auf den aufgestockten Querriegel, der beide Höfe teilt, wurde ein Walmdach aus Zink aufgesetzt, sodass das Volumen des Gebäudes wie aus einem Guss erscheint und nicht durch ein abgesetztes Staffelgeschoss geteilt wird.
Gestalterisch wertvolle Bestandselemente erhielten eine denkmalpflegerische Aufwertung. Die zuvor abgehängten Kappen-Tonnengewölbe in den Gängen konnten freigelegt und auf ihre ursprüngliche Erscheinung zurückgeführt werden. Die farbig gestalteten historischen Treppenhäuser wurden ihrer ursprünglichen Farbpalette angenähert. Die historischen Elemente bilden einen Kontrast zu der neuen, sichtbaren und unbehandelten Holzkonstruktion der Innenhöfe. Das Aufeinandertreffen der Zeitschichten erfolgt selbstverständlich aus der neuen Funktion heraus.
Die Interventionen ermöglichen die inhaltliche Neuausrichtung von einem hierarchischen und repräsentativen Direktionsgebäude zu den Anforderungen eines offenen und barrierefreien Stadthauses und einer bürgerorientierten Verwaltung.
Die Transformation der ehemaligen Bundesbahndirektion zeigt, wie durch gezielte Verdichtung neue Flächen geschaffen werden können und dabei der Charakter des Gebäudes fortgeschrieben werden kann. Breite Erschließungsflure werden umgenutzt, neue Teeküchen und Sanitärbereiche eingesetzt, Innenhöfe mit einer Holzkonstruktion überbaut, ein zusätzliches Geschoss aufgesetzt. Die Maßnahmen erfolgen sensibel im Bestand und gehen auf Anforderungen an Barrierefreiheit, Schallschutz und Aufenthaltsqualität ein, die im Sinne des ganzheitlichen Nachhaltigkeitsbegriffs im DGNB-System unter die soziokulturelle und funktionale Qualität fallen. Viele kleine Maßnahmen addieren sich zu einem Konzept, mit dem der Bauherr eine Gold-Zertifizierung anstrebt. Zukünftig wird die ehemalige Bundesbahndirektion nicht nur als Verwaltungsstandort mit 630 Arbeitsplätzen kompakt belegt sein, sondern sich auch mit öffentlichen Angeboten an die Stadtgesellschaft richten (Bilder 5–7).
3 Skulpturales Eingreifen ermöglicht neue Typologien: Wegnehmen ist mehr
Das Projekt Quelle in Nürnberg steht als zweitgrößte bauliche Struktur Deutschlands mit einer Fläche von ca. 275.000 m² exemplarisch für die Transformation großflächiger Bestandsstrukturen im urbanen Raum. Wie die Einsparstudie von Werner Sobek aus dem Jahr 2021 zeigt, lassen sich durch die Transformation des Areals rund 62 % der Emissionen einsparen, die bei Abriss und Neubau entstanden wären.
Das Gebäude des ehemaligen Versandhauses Quelle im Westen von Nürnberg errichtete Ernst Neufert ab 1954 in mehreren Bauabschnitten für den Bauherrn Gustav Schickedanz. Bereits 1956 wurde der Bauteil 1 entlang der Fürther Straße fertiggestellt, 1959 und 1961 folgten orthogonal die Bauteile 2 und 3, die den ersten Innenhof umschlossen. Im Anschluss erfolgte die Erweiterung nach Süden mit Bauteil 4, dem Quelle-Markt, und Bauteil 5, schließlich bis 1968 die Erweiterung des Quelle-Markts und die Lückenschließung an der Fürther Straße.
Nach dem Konkurs des Quelle-Konzerns im Jahr 2009 gab es zahlreiche Versuche, die tiefen, unbelichteten Bauteile einer neuen Nutzung zuzuführen. Zeitweise konnten einzelne Flächen als Ateliers, Ausstellungs- und Büroflächen sowie durch eine Schule genutzt werden. Immer wieder aufkommende Vorschläge für Rückbaumaßnahmen, die bis zum vollständigen Abriss reichten, scheiterten glücklicherweise am Widerstand der Stadt Nürnberg. Heute ist es gelungen, eine Projektentwicklung unter weitgehendem Erhalt der ursprünglichen Erscheinung umzusetzen. Das Gesamtprojekt besteht aus fünf Bauteilen, angelehnt an die historischen Bauteile, von denen jedes für sich mit speziellen Strategien entwickelt wird. Die Bauteile 1, 4 und 5 sind im Bau, die Bauteile 2 und 3 sind noch nicht in Planung.
Die verbindende Fassade und die konstruktiven Eigenheiten des Neufert-Baus halten die Bauteile zusammen. Die historische Ziegelfassade wird umlaufend in situ bestehen bleiben, fachgerecht konserviert und durch neue filigrane Stahlfenster in Anlehnung an das historische Bild ergänzt. Um die charakteristischen hohen Brüstungen erhalten zu können und den Blick von innen nach außen zu ermöglichen, werden die Böden angehoben. Eingeschnittene Innenhöfe ermöglichen es, die Gebäudetiefen zu belichten, und eröffnen Optionen einer wirtschaftlichen und qualitativ hochwertigen Transformation des großflächigen Produktionsgebäudes mit vielerlei Nutzungen wie Büro, Wohnen und Hotel. Das Einschneiden der Höfe unterlag dabei klaren Regeln, da die vorgespannte Stahlbetonkonstruktion, die nicht von den bestehenden Treppenhäusern ausgesteift wird, anspruchsvoll ist und nur bestimmte Eingriffe verträgt (Bild 8).
Zentrales Element wird nach dem Umbau im historisch gesehen ersten Bauabschnitt das ca. 1000 m² große Quelle-Forum als ein öffentlicher, überdeckter Platz unter dem großen Saal im 3. Obergeschoss. Indem die Deckenfelder entfernt werden, bleibt die Konstruktion als Gerüst stehen, das das Skelett des Neufert-Baus sichtbar werden lässt. Das Quelle-Forum verbindet zukünftig den neuen Vorplatz an der Fürther Straße mit dem großen ehemaligen Anliefer- bzw. Ladehof im Inneren des Quartiers, den eine markante weitspannende Stahlbetonkonstruktion im heute rückwärtigen Gebäudeflügel überwölbt. Eine zweite Passerelle durch den Gebäudekomplex wird sich der Öffentlichkeit in Form des kleinen Hofs eröffnen, der sich zwischen den südwestlichen Bauteilen spannt. Die Größe des Gebäudes legt nahe, dass nicht nur eine Nutzungsform im Gebäude einziehen kann, sondern sich eine Vielzahl von Nutzungen zu einem neuen Quartier im Haus zusammenfindet.
Die große Zahl von ca. 1000 bis 1500 geplanten Wohnungen im Bauteil 5 und den noch zu entwickelnden Bauteilen 2 und 3 macht zusätzlich gewerbliche wie auch soziale Einrichtungen wie beispielsweise eine Kita notwendig. Die Erdgeschosszonen sind gewerblichen und sozialinteraktiven Nutzungen vorbehalten, sodass die Nahversorgung für die Wohnungen und Büros gewährleistet ist. Ein großer Nutzungsbaustein ist das Sozialrathaus der Stadt Nürnberg, das im Jahr 2026 in die Bauteile entlang der Fürther Straße einziehen wird. Der große Saal von Neufert mit seiner stromlinienförmigen Deckengestaltung bleibt vollständig erhalten und findet eine neue Nutzung als Bürgeramt, die es erlaubt, ihn öffentlich erlebbar zu machen. Das denkmal- und urheberrechtlich geschützte Gebäude, das in der Stadt Nürnberg eine besondere Rolle im Stadtgedächtnis spielt, ist auf einem guten Weg, einerseits nach außen die „brutale“ Horizontalität zu erhalten, aber im Inneren flexibel aktuelle Nutzungsanforderungen wie eine offene Bürolandschaft für die Stadt Nürnberg optimal zu gewährleisten und sich – mit der Neufert-Aura versehen – von beliebigen Bürolandschaften abzusetzen. Aus einer singulären Nutzung wird nach der Transformation eine kleine Stadt, die aus sich heraus die „Quelle“ für eine langjährige Rückführung eines ikonografischen Gebäudes in die urbane Nachbarschaft eingliedert.
Wie in diesem Projekt handelt es sich bei etlichen weiteren um das Thema „Wegnehmen“ – vergleichbar mit einem Bildhauer, der eine Form herausarbeitet. Das Quelle-Projekt in Nürnberg verdeutlicht dies in besonderer Weise. Durch das Einschneiden von Innenhöfen werden die tiefen Gebäudestrukturen gegliedert und belichtet. So entstehen flexible Grundrisse, die es ermöglichen, dass ein Großteil der Substanz erhalten bleiben kann (Bilder 9–11).
4 Bestand als Ressource denken
Nachhaltige Transformation bedeutet, die vorhandene Struktur als Ressource zu begreifen. Wie eine Umnutzung von großen Raumtiefen auch ohne Einschnitte denkbar ist, zeigt unsere Planung für den Umbau eines ehemaligen Postverteilzentrums in Wuppertal. Das „Kleeblatt“ ist ein streng quadratischer Baukörper mit einem Innenhof. Er bildet eine abstrakte Skulpturalität aus – auratisch in unmittelbarer Nähe der Bahngleise am Wuppertaler Hauptbahnhof. Den Höhenunterschied zur Ebene der Bahngleise überwindet das Bauwerk mit zwei Geschossen unterhalb des Straßenniveaus; oberhalb erstrecken sich vier weitere Ebenen. Umlaufende außenliegende Fluchtbalkone hinter Sichtbetonbrüstungen bringen zum einen Schattenwürfe auf die Fassade, verleihen dem Gebäude zum anderen einen hermetisch verschlossenen Charakter.
Die statische Grundstruktur ist aufgrund der ehemaligen Nutzung als Postverteilzentrum leistungsstark und variabel. Weite Stützenabstände und massive Träger mit Aussparungen für technische Installationen erzeugen großzügige und flexible Raumfluchten. Insgesamt stellt sich das Gebäude als eine offene Regalstruktur dar, die es erlaubt, vielfältige Raumprogramme zu integrieren. Wissenschaftliche Nutzungen mit Vortragssälen, Seminar- und Workshopflächen finden ebenso Platz wie Minimalhäuser auf dem Dach. Ergänzt durch gewerbliche Angebote wie externe Sportstudios und Gastronomie wird eine vielfältige und – mit den studentischen Wohnungen – eine 24-Stunden-Nutzung erreicht. Es entsteht ein dynamisches Quartier zum Forschen, Lehren, Wohnen und Leben. Der Grundriss erlaubt es, eine große Nutzungsvielfalt sowohl temporär als auch mit veränderbaren Typologien zu installieren. Während an vielen Orten Gebäude der 1970er-Jahre als problematisch gesehen werden, werden die stadtbildprägende Erscheinung des ehemaligen Postverteilzentrums sowie seine intakte Struktur erhalten und mit der dynamisch angelegten Aktivierung zukunftsfähig.

Indem wir den Bestand als Ressource denken, planen wir mit der vollständigen Rückbaubarkeit von Einbauten. Die Substanz kann weitgehend unangetastet bleiben, da die Nutzungen auf die Qualität der Raumtiefen und die wenigen Fassadenöffnungen abgestimmt sind (Bilder 12, 13).
5 Fazit
Transformationsprojekte verlangen ein sensibles und stetiges Aushandeln von Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit. Häufig rücken ambitionierte Strategien im Lauf des Bauprozesses in den Hintergrund. Unter Zeitdruck werden pragmatische, nicht immer nachhaltige Entscheidungen getroffen. In der Rückschau, insbesondere auf die Projekte Quelleund Anatomie Würzburg, zeigt sich, wie wichtig eine präzise Bestandsaufnahme im Vorfeld ist. Entscheidend ist, gemeinsam und so früh wie möglich die Weiternutzung von Material und Substanz zu prüfen und auf dieser Grundlage zu planen. Dann besteht die Aufgabe der Architektur darin, durch Interventionen neue Typologien zu implantieren, die sich wie selbstverständlich in die bestehende Struktur einfügen und eine Zukunft eröffnen (Bild 14). So wird der Bestand nicht nur erhalten, sondern zukunftsfähig – als materielle, kulturelle und soziale Ressource.
Autor:innen
Dipl.-Ing. Architekt Prof. Johannes Kister, koeln@ksg-architekten.de
Natalie Scholder, n.scholder@ksg-architekten.de
kister scheithauer gross architekten und stadtplaner Köln, Leipzig, Berlin
















