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CO2 rückt in der Bewertung von Gebäuden immer stärker in den Mittelpunkt. Der Fokus schiebt sich dabei weg vom bloßen Blick auf den Energieverbrauch hin zu einer ganzheitlichen Betrachtung über den gesamten Lebenszyklus. Mit neuen EU-Vorgaben und nationalen Umsetzungsfristen wird die Lebenszyklusanalyse (LCA) bald nicht mehr nur eine Empfehlung, sondern eine Planungsanforderung und damit unverzichtbar für rechtssichere, wirtschaftliche Neubauprojekte.
Gesetzliche Veränderungen
Die Baubranche steht vor tiefgreifenden regulatorischen Änderungen. Blickt man ein paar Jahre zurück, waren u. a. das Pariser Abkommen (2015) und der European Green Deal zentrale Ausgangspunkte, die den politischen Druck in Richtung Klimaneutralität bis 2050 deutlich verstärkten. Darauf aufbauend entstand 2021 das „Fit for 55“-Paket mit dem Ziel, die EU-Treibhausgasemissionen bis 2030 gegenüber 1990 um 55 % zu reduzieren. Im Zuge dessen wurde die EU-Gebäuderichtlinie (EPBD) novelliert.
Die Novelle bringt verbindliche Anforderungen für Lebenszyklusanalysen und führt das Konzept des Nullemissionsgebäudes als künftigen Neubaustandard ein. Die Frist zur Umsetzung der EPBD-Novellierung in nationales Recht in den EU-Mitgliedstaaten ist der 29. Mai 2026. Die Detailregelungen erfolgen im Rahmen der nationalen Umsetzung.
Die Novelle fordert stufenweise Pflichten zur LCA und Fahrpläne für sinkende LCA-Grenzwerte, ab 2028 verpflichtende LCA für Neubauten über 1.000 m2und ab 2030 eine generelle LCA-Pflicht für Neubauten. Parallel dazu wird das Nullemissionsgebäude als Neubaustandard eingeführt (frühere Fristen für öffentliche Bauten, spätere für private Neubauten). Ein Nullemissionsgebäude ist ein Gebäude, dessen betriebsbedingte Treibhausgasemissionen im Regelbetrieb gegen null gehen und dessen Energiebedarf vollständig durch erneuerbare Energien gedeckt wird – möglichst vor Ort oder im direkten Umfeld.
Notwendigkeit und Umsetzung der LCA
Die LCA wird somit zur Grundleistung in Neubauprojekten. Ihre Durchführung lässt sich mit dem Aufstieg zu einem Berggipfel vergleichen: Der Weg ist anspruchsvoll, das Ziel aber klar. Anders als bisher, wo eine LCA vor allem für Zertifizierungen oder Förderanträge relevant war, erhält die LCA zukünftig eine rechtliche Grundlage. Deshalb ist eine automatisierte und nachvollziehbare Prozesskette notwendig: von der BIM-Modellierung über den strukturierten Datenaustausch bis zur LCA-Software.
BIM bildet das Rückgrat der automatisierten LCA. In der Praxis bedeutet dies saubere Modellstrukturen, standardisierte Zuordnungen und automatisches Mapping von Ökobilanzdaten. Grundlage ist ein BIM-basierter Workflow mit Autorensoftware wie z. B. Revit, IFC-Export und der Weiterverarbeitung auf LCA-Plattformen zur modellbasierten Lebenszyklusanalyse.
Entscheidend für eine erfolgreiche LCA sind:
- Konsistente Bauteilzuordnungen (z. B. DIN-276-Kostengruppen) und korrekte IFC-Entitäten,
- geprüfte alphanumerische Informationen der Materialbenennung (z. B. ÖKOBAUDAT-Nomenklatur) zur automatischen Verknüpfung mit Ökobilanzdatensätzen,
- geprüfte geometrische Informationen im IFC-Modell, da die Aussagekraft der LCA maßgeblich vom Modell-Detaillierungsgrad abhängt.
Nur mit dieser Datenqualität lassen sich baustoffbedingte Emissionen sauber trennen, bewerten und schlussendlich optimieren.
In modernen Neubauten verteilt sich etwa die Hälfte der Lebenszyklus-Emissionen auf die eingesetzten Baustoffe, während die andere Hälfte durch den Gebäudebetrieb verursacht wird. Damit wird deutlich: Eine wirksame CO2-Optimierung erfordert die integrierte Betrachtung der Energiebilanzierung und der baustoffbedingten CO2-Emissionen innerhalb einer LCA.
Eine Energiebilanzierung (bspw. ein Energieausweis) fokussiert sich auf die Reduktion der betriebsbedingten Energieverbräuche bzw. Emissionen eines Gebäudes. Die Lebenszyklusanalyse ergänzt diese Betrachtung, indem sie die vorgelagerten und nachgelagerten Emissionen der Baustoffe und Konstruktionen sichtbar macht, die durch reine Energienachweise nicht erfasst werden.
Eine belastbare LCA erfordert dementsprechend frühzeitige Abstimmung zwischen Architektur, Tragwerk, TGA, BIM- und Nachhaltigkeits-Koordination. Die BIM-Methode und der Datentransfer müssen projektintern klar geregelt sein. Nur so lassen sich Varianten analysieren, Materialien optimieren und Kosten mit realistischen CO2-Emissionen kombinieren.
Multidisziplinäre Planungskompetenz für klimabewusstes Bauen
Als multidisziplinärer Planer verfügt Sweco über die nötige Bandbreite, um LPH-übergreifende Lösungen zu bieten: Von Architektur, Tragwerksplanung und TGA über Nachhaltigkeitskoordination bis hin zu digitalen Werkzeugen. Mit Revit-basierten Planungsprozessen und der Integration von LCA- und Energiebilanz-Software bieten wir die technische und organisatorische Infrastruktur, um Projekte von der frühesten Konzeptphase an CO2-optimiert zu planen.
CO2 als ökologische und finanzielle Währung
CO2 wird im Bauwesen zunehmend zur Bewertungsgröße mit wirtschaftlicher und regulatorischer Relevanz. Modellbasierte LCA sind kein Zusatzaufwand mehr, sondern zentraler Bestandteil der Planungsqualität. Mit einer zunehmenden CO2-Bepreisung und der Integration von Emissionen in Förder- und Finanzierungsmodelle gewinnt die LCA zusätzlich an wirtschaftlicher Bedeutung. Dementsprechend wird CO2im Neubau zur ökologischen und finanziellen Währung – und macht eine modellbasierte LCA in der Planung unverzichtbar. Wer heute auf dieser Grundlage plant, reduziert nicht nur Emissionen, sondern auch zukünftige Risiken.



