Im Gespräch mit Leon Beck und Reiner Nagel

Umbau statt Abriss: Warum Baukultur der Schlüssel für Klimaschutz und Gemeinwohl ist

Wohnraummangel, marode Infrastrukturen, Klimaziele und der politische Ruf nach schnellerem Bauen setzen die Baukultur unter Druck. Zwischen Beschleunigungsgesetzen und Qualitätsansprüchen drohen langfristige Schäden – ökologisch, sozial und gestalterisch. Leon Beck, Vorstandsvorsitzender von Architects for Future Deutschland, und Reiner Nagel, Vorstandsvorsitzender der Bundesstiftung Baukultur, sprechen mit nbau Chefredakteur Dr. Bernhard Hauke über Umbaukultur, Abriss, politische Fehlanreize und die Frage, warum Gestaltung eine demokratische Kernaufgabe ist.

Architects for Future engagieren sich seit Jahren für den Grundsatz „Umbau statt Abriss“. Warum ist dieser Ansatz so zentral für Klimaschutz und Baukultur?

Leon Beck: „Umbau statt Abriss“ steht für ein grundlegendes Umdenken in unseren Planungs- und Bauprozessen. Abriss bedeutet immer zuerst Zerstörung: Ressourcen gehen verloren, graue Energie wird vernichtet, zusätzliche Emissionen entstehen. Gleichzeitig werden soziale Strukturen zerstört. Ein Abriss ist immer eine harte Zäsur im Quartier, unterbricht das städtische Kontinuum und bedeutet auch einen Verlust an Baukultur. Diese Vielzahl an Aspekten versuchen wir bei Architects for Future sichtbar zu machen, etwa mit dem „Abriss-Atlas“. Qualitativ können wir sehr gut zeigen, was verloren geht. Quantitativ fehlen uns aber belastbare Zahlen, weil es in Deutschland keine flächen­deckende Abrissgenehmigungspflicht gibt – teilweise nicht einmal eine Anzeigepflicht. Das ist aus unserer Sicht bei einem so relevanten Vorgang nicht hinnehmbar.

Das heißt, eine zentrale Grundlage für Entscheidungen fehlt?

Leon Beck: Genau. Dort, wo besonders viel verloren gehen kann oder enormes Potenzial im Bestand steckt, schauen wir nicht systematisch hin. Wir vergleichen keine Varianten, wir bilanzieren nicht sauber und treffen Entscheidungen ohne vollständige Grundlagen. Deshalb setzen wir uns für eine Abrissgenehmigungspflicht ein, die den gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes betrachtet und ökologische, soziale und kulturelle Aspekte einbezieht. Ziel ist es, das Potenzial des Bestands sichtbar zu machen und Innenentwicklung gegenüber Außenentwicklung zu stärken.

Gleichzeitig versucht die Politik, an anderer Stelle zu beschleunigen, etwa mit dem ­sogenannten Bauturbo. Architects for Future haben das stark kritisiert. Was ist euer zentraler Einwand?

Leon Beck: Der Bauturbo entstand aus der Diagnose eines Mangels an bezahlbarem Wohnraum. Das ist ein reales Problem, aber die gewählte Antwort wirft grundlegende Fragen auf. Erstens: Sind die Wohnraumbedarfe überhaupt gleichmäßig verteilt? Der Bauturbo differenziert nicht zwischen Regionen mit echtem Mangel und solchen ohne. Zweitens: Lässt sich der Wohnraummangel überhaupt primär durch Neubau lösen? Und selbst wenn man das annimmt, stellt sich die Frage, ob langsame Genehmigungen wirklich das Problem sind. Seit Jahren haben wir einen Bauüberhang: Es werden deutlich mehr Wohnungen genehmigt als tatsächlich gebaut. Diese Lücke wächst kontinuierlich. Das spricht klar dagegen, dass Genehmigungsverfahren der Engpass sind.

Umbau statt Abriss ist keine Frage des Geschmacks, ­sondern eine zentrale Voraussetzung dafür, Klimaschutz, Baukultur und soziale Verantwortung zusammenzubringen. (Leon Beck)

Was sind dann die Folgen dieser Beschleunigungslogik?

Leon Beck: Dass die Politik dennoch auf Beschleunigung von Genehmigungsverfahren setzt, überfordert viele Kommunen. Denn es geschieht weitgehend ohne geordnete Verfahren. Dies sorgt für rechtliche Unklarheiten und gerade auf kommunaler Ebene herrscht große Verunsicherung. Der Bauturbo ist nun seit einigen Monaten in Kraft, aber viele Kommunen wissen nicht, wie sie ihn rechtssicher und verantwortungsvoll anwenden ­sollen.

Wie kann man Kommunen aus eurer Sicht besser unterstützen?

Leon Beck: Architects for Future hat gemeinsam mit Partnern eine Handreichung für einen kommunalen Grundsatzbeschluss entwickelt, um Kommunen in der aktuellen Situation zu unterstützen. Die zentrale Leitlinie lautet: zuerst die Potenziale im Bestand aktivieren – gezielt dort, wo tatsächlicher Bedarf besteht, insbesondere im unteren und mittleren Preissegment. Erst danach sollten neue Flächen entwickelt werden. Diese Leitlinien wurden in einem breiten Bündnis erarbeitet, unter anderem mit der Bundesarchitektenkammer, der DGNB, dem BUND, Klimaschutz im Bundestag e.V. und weiteren Akteuren. Es geht nicht um Verhinderung, sondern um eine sinnvolle Reihenfolge der Aktivierung von Potenzialen und um Qualität.

Wenn wir über Qualität sprechen, kommen wir schnell zur Baukultur. Inwiefern ist Baukultur eine gesellschaftliche und demokratische Aufgabe?

Reiner Nagel: Wir betrachten gesellschaftliche Entwicklung oft vom Ergebnis her. Menschen streben nach einem guten Leben. Das bedeutet nicht nur ein Dach über dem Kopf, sondern ein gutes Zuhause, ein angemessenes Umfeld, funktionierende Infrastrukturen, gute Umweltbedingungen und attraktive Freiräume. Die kulturelle Dimension der Nachhaltigkeit wird dabei systematisch unterschlagen. Wir sprechen sehr ausführlich über Ökologie, dann über Ökonomie und manchmal noch über soziale Aspekte. Dass wir als Menschen unsere Räume aktiv gestalten und im Gegenzug von ihnen geprägt werden, ist vielen nicht ausreichend bewusst.

Welche Rolle spielt dabei der Bestand?

Reiner Nagel: Eine zentrale. Deshalb setzen wir uns stark für Umbaukultur ein. Nicht alles muss neu geschaffen werden. Im Bestand steckt enorme Energie – materiell, kulturell und sozial. Wie wir mit Bestehendem umgehen, wirkt sich nicht nur auf unsere Umweltbilanz, sondern direkt auf unsere Lebensqualität aus. Umfragen zeigen, dass rund 80 Prozent der Bevölkerung wichtig finden, dass Infrastrukturen gut gestaltet sind. 95 Prozent nennen öffentliche Grün- und Parkanlagen als zentrales Gestaltungsthema. Die Baukultur des Öffentlichen ist den Menschen häufig sogar wichtiger als das eigene Haus.

Baukultur ist kein Luxus für gute ­Zeiten, sondern eine gesellschaftliche Pflicht, wenn wir dauerhaft lebendige, funktionierende und akzeptierte Räume schaffen wollen. (Reiner Nagel)

Dennoch gilt Gestaltung politisch oft als verzichtbarer Luxus. Zu Unrecht?

Reiner Nagel: Absolut zu Unrecht. Schnell, billig, schlicht – das ist eine Sackgasse. Baukultur ist kein Sahnehäubchen, sondern Voraussetzung für langfristigen gesellschaftlichen Wert. Wenn wir heute schlecht bauen, zahlen kommende Generationen den Preis – ökologisch, finanziell und sozial.

Gleichzeitig sind die Bedarfe groß: Wohnungsbau, Verkehr, Brücken, Energieinfrastruktur. Gestalterische Qualität, Klimaziele und Tempo scheinen oft in Spannung zu stehen.

Reiner Nagel: Dieses Spannungsverhältnis löst sich auf, wenn wir uns vom Prinzip des ständigen Mehr verabschieden. Wir haben gezeigt, dass pro Einwohner in Deutschland rund 361 Tonnen Material in Gebäuden und Infrastruktur gebunden sind. Allein diese Zahl verdeutlicht unsere Verantwortung für Pflege, Unterhalt und Weiterentwicklung. Investitionen müssen zu gesellschaftlichem Anlagevermögen werden. Das gelingt nur, wenn der dauerhafte Unterhalt gesichert ist. Seit den 1990er-Jahren haben wir den Unterhalt systematisch vernachlässigt und uns stattdessen auf Mängelverwaltung spezialisiert. Wir können gut prüfen, aber schlecht handeln. Das muss sich ändern.

Wo trifft diese Argumentation auf den Klimaschutz?

Leon Beck: An dem Punkt, an dem wir nicht den ganzen Prozess in den Blick nehmen, nur auf einen Teil der aktuellen Auswirkungen unseres Handelns blicken und bestehende Potenziale außer Acht lassen. Dabei könnten wir den vorhandenen Gebäudebestand viel besser nutzen und durch eine ganzheitliche Betrachtung finanzielle Belastungen maßgeblich reduzieren. Studien zeigen, dass sich Investitionen in Klimaschutz volkswirtschaftlich deutlich auszahlen – jeder investierte Euro kommt mehrfach zurück. Prävention ist wirtschaftlich sinnvoll. Dafür müssen aber auch kommunale Haushaltslogiken angepasst werden, damit Kommunen langfristige Vorteile überhaupt abbilden können. Mit dem Konzept des Zukunftshaushalts versuchen wir, Prozesse zu etablieren, die Kommunen das ermöglichen.

Ist gute Gestaltung am Ende vor allem das Ergebnis guter Prozesse?

Reiner Nagel: Ganz eindeutig. Schnelleres Bauen ist kein Problem, wenn die Richtung stimmt. Außenbereichsschutz, Innenentwicklung, Aufstockung, Nachbarschaftsbeteiligung – all das braucht qualitative Antworten. Viele Stadtbauräte fordern deshalb eine verbindliche Phase Null: frühe Abstimmung, Gestaltungsbeiräte, runde Tische. Schnelligkeit kann Prozesse sogar beleben, aber nur mit klaren Qualitätszielen. Ein rein mechanisches Vorgehen führt zurück in alte Wachstumsmuster.

Ein Blick nach vorn: Beim Konvent der Baukultur steht das Thema „Gestalten“ im Mittelpunkt.

Reiner Nagel: Der neue Baukulturbericht 2026/27 trägt den Titel „Gestalten“. Er wird beim Konvent vorgestellt und setzt drei Schwerpunkte. Erstens geht es um Prozesse – von der frühen Phase bis zur dauerhaften Pflege von Bauwerken. Zweitens um das ästhetische Gestalten. Schönheit reduziert Stress, Architektur kann sogar heilen. Es geht dabei nicht um Geschmack, sondern um tatsächlich bessere und schlechtere Lösungen. Drittens geht es um gesellschaftlichen Zusammenhalt. Gut gestaltete öffentliche Räume schaffen Begegnung. Dabei spielt auch das Handwerk eine wichtige Rolle – als menschlicher, nicht automatisierbarer Teil der Baukultur.

Wo liegt der Zusammenhang zwischen Gestaltung, Klimaschutz und gesellschaftlichem Zusammenhalt?

Leon Beck: Im gemeinsamen Gestalten vor Ort. Städte sind Lebensräume für Menschen und andere Lebewesen. Umbau ist immer ortsspezifisch, oft handwerklich geprägt und stärkt regionale Wertschöpfung. Ein Fokus auf den Bestand verändert Akteure, Prozesse und letztlich unsere gesamte Baukultur.

Welche Rolle spielt das Grün in diesem Kontext?

Reiner Nagel: Eine zentrale. Freiraumplanung ist entscheidend für Klimaanpassung und Klimaschutz. Grün wirkt emotional positiv, bindet CO2, kühlt Städte und ist oft kosteneffizient. Umfragen zeigen sehr deutlich, dass Menschen dem öffentlichen Grün die höchste Bedeutung beimessen. Es ist ein Schlüssel für Gestaltung, Klima und Lebensqualität zugleich.

Leon Beck: Unsere gesamte Umwelt ist gestaltet. Wenn wir es nicht selbst bewusst tun, tun es andere. Gestaltung ist keine Nebensache, sondern Verantwortung – und zugleich eine große Chance.


Das Gespräch beruht überwiegend auf dem urbaniq Briefing vom 29. April 2026, in dem nbau Chefredakteur Dr. Bernhard Haukemit Reiner Nagel undLeon Becküber die not­wendige Baubeschleunigung vs. Gestaltung – Prozesse, nachhaltig Bauen, Gemeinwohl sprach.

Das gesamte Gespräch gibt es in der urbaniq Mediathek: https://urbaniq.space/­mediathek


Leon Beck,vorstand@architects4future.de, engagiert sich seit seinem Architekturstudium für einen Wandel in der Baubranche, zunächst als Mitinitiator der Arbeitsgruppe Nachhaltigkeit an der ETH Zürich und später auch in seiner beruflichen Praxis sowie im Rahmen seines Engagements bei Architects for Future. Dort setzt er sich insbesondere für den Erhalt und die Sanierungbestehender Bausubstanz ein. Sein Fokus liegt dabei auf dem Projekt Abriss-Atlas und der Anti-Abriss-Allianz für Umbaukultur, in der er Architects for Future als Vorstandsvorsitzender vertritt.

www.architects4future.de

Reiner Nagel, nagel@bundesstiftung-baukultur.de, geb. 1959, studierte von 1978 bis 1985 Architektur und Stadtplanung an der Leibniz Universität Hannover. Von 1986 bis 1998 war er in der Senatsverwaltung Hamburg tätig, von 1998 bis 2005 Mitglied der Geschäftsleitung HafenCity Hamburg, von 2005 bis 2013 Abteilungsleiter für Stadtentwicklung und Freiraumplanung in der Senatsverwaltung Berlin. Seit 2013 ist er Vorstandsvorsitzender der Bundesstiftung Baukultur Potsdam.

www.bundesstiftung-baukultur.de

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