Mehrzweckhalle Ingerkingen
Die Mehrzweckhalle Ingerkingen nutzt Bestand als Ausgangspunkt für Transformation. Für die Sanierung und Erweiterung der Mehrzweckhalle ermöglicht ein neues Holzdach den Erhalt von rund 60 % der Bausubstanz und verbindet konstruktive Logik mit architektonischer Form. So wird Bestandserhalt nicht als Reparatur, sondern als qualitative Weiterentwicklung verstanden.
1 Die Herausforderung unserer Zeit
Der Bausektor befindet sich inmitten einer grundlegenden Transformation. Obgleich seit Längerem bekannt ist, dass Gebäude weltweit immer noch für 37 % der CO2-Emissionen verantwortlich sind, schaffen wir es nicht, den Absolutwert signifikant zu senken [1]; denn, während wir hin zu Energieeffizienz und Ressourceneinsparung optimieren, steigt tatsächlicher Bedarf durch wachsende Population und angeblicher Bedarf durch steigende Ansprüche. Gleichzeitig verfügen Länder wie Deutschland über einen enormen Gebäudebestand sowie über zunehmenden Leerstand in Wohn- und Zweckbauten. Unter diesen Bedingungen kann Neubau nicht länger die primäre Antwort auf räumliche Anforderungen sein. Vielmehr wird das Weiterbauen im Bestand zur zentralen architektonischen und ingenieurtechnischen Aufgabe unserer Zeit. Neben dem Erhalt bereits aufgewendeter grauer Energie ist es von besonderer Bedeutung, bereits versiegelte Flächen optimal zu nutzen, denn Flächenverbrauch ist neben dem Klimawandel und dem Verlust der Artenvielfalt das dritte große Umweltproblem unserer Zeit [2].
Dabei geht es nicht allein um den Erhalt historisch bedeutender Bauwerke. Gerade der alltägliche Gebäudebestand – Schulen, Hallen, Verwaltungsbauten – stellt ein enormes materielles und energetisches Kapital dar. Jede bestehende Konstruktion enthält bereits investierte Ressourcen und damit gebundene graue Energie. Der Abriss solcher Gebäude bedeutet daher nicht nur den Verlust materieller Substanz, sondern auch die Vernichtung bereits eingesetzter Energie.
Dass Weiterbauen kein Kompromiss sein muss, zeigen zahlreiche Beispiele der Architekturgeschichte. Der Naumburger Dom [3] etwa entstand über mehrere Jahrhunderte hinweg durch sukzessive Erweiterungen und Transformationen, bei denen jede Bauphase die vorhergehenden respektierte und zugleich weiterentwickelte (Bild 1a). In der jüngeren Architekturgeschichte hat David Chipperfields Wiederaufbau des Neuen Museums in Berlin [4] eindrücklich gezeigt, wie sich historische Substanz und zeitgenössische Architektur zu einem neuen Ganzen verbinden lassen. Der Bestand wird dabei nicht kaschiert, sondern bewusst sichtbar gehalten – als Teil einer fortgeschriebenen Baugeschichte.
Aus dieser Perspektive erscheint Sanierung als kulturelle Praxis des Weiterbauens. Ein treffendes Bild hierfür liefert die japanische Reparaturtechnik Kintsugi, bei der zerbrochene Keramik mit Goldlack gefügt wird. Der Bruch wird nicht verborgen, sondern hervorgehoben und damit Teil der ästhetischen Qualität des Objekts. Übertragen auf Architektur bedeutet dies, dass die Transformation eines Gebäudes dessen Geschichte nicht tilgt, sondern sichtbar weiterführt.
Auch bei der Sanierung und Erweiterung der Mehrzweckhalle im oberschwäbischen Ingerkingen stand dieser Gedanke im Zentrum. Neben der rein rechnerischen Notwendigkeit, Ressourcen zu schonen – allein durch den Erhalt der vorhandenen Struktur konnten rund 109 000 kg CO₂-Äquivalente vermieden werden –, ging es darum, die vorhandene Substanz als Ausgangspunkt für eine architektonische Weiterentwicklung zu verstehen. Der Bestand wurde nicht als Einschränkung, sondern als Potenzial begriffen (Bild 1b). Neben der grauen Energie des Bestands passt hier auch der von der Bundesstiftung Baukultur gepärgte Begriff der goldenen Energie, welcher die immateriellen und kulturellen Werte in Bestandsgebäuden hervorhebt.
2 Tragwerk als Voraussetzung des Weiterbauens
Der Erhalt von Bestand ist jedoch nicht nur eine gestalterische, sondern insbesondere eine konstruktive Herausforderung. Bestehende Gebäude sind selten für die Anforderungen zukünftiger Nutzungen ausgelegt. Die zentrale Frage lautet daher, wie sich neue Raumprogramme realisieren lassen, ohne die vorhandene Struktur zu überlasten oder vollständig zu ersetzen.
Bei der Mehrzweckhalle Ingerkingen wurde diese Frage zum Ausgangspunkt der Tragwerksentwicklung. Die 1964 errichtete Halle besaß zwar keine besondere architekturhistorische Bedeutung, bildete jedoch einen wichtigen sozialen Ort für das Dorfleben. Im Zuge eines Wettbewerbs wurde bewusst offengelassen, ob der Bestand erhalten oder durch einen Neubau ersetzt werden sollte. Mit dem schließlich realisierten Entwurf fiel die Entscheidung für eine Strategie des maximalen Bestandserhalts: Fundamente, Bodenplatte, große Teile der massiven Außenwände sowie der Bühnentrakt konnten in das neue Konzept integriert werden. Insgesamt blieb rund 60 % der vorhandenen Bausubstanz erhalten (Bild 2).
Der Schlüssel hierzu lag in einer gezielten Umleitung des Lastabtrags. Ein neu entwickeltes Tragwerk aus Brettschichtholzrahmen übernimmt den Großteil der statischen Aufgaben und entlastet damit den Bestand. Die Halle wird von einem einhüftigen Zweigelenkrahmen getragen, dessen Geometrie so ausgelegt ist, dass etwa 60 % der Vertikallasten und sämtliche Horizontallasten in neue Fundamente entlang der Südfassade eingeleitet werden. Der Bestand trägt lediglich einen reduzierten Anteil der Vertikallasten und bleibt von horizontalen Einwirkungen vollständig entkoppelt (Bild 3). Auf diese Weise konnten selbst die bestehenden Fundamente erhalten bleiben, obwohl die Spannweite der Halle auf rund 15 m erweitert wurde.
3 Form als Ausdruck der Konstruktion
Die Tragwerksgeometrie folgt konsequent den statischen Anforderungen. Die Stützen weiten sich zur Rahmenecke hin trapezförmig auf, während die Riegel mit einer geschwungenen Unterseite dem Momentenverlauf folgen. Diese sogenannten Fischbauchträger entstehen nicht aus gestalterischer Willkür, sondern aus der Logik des Kräfteflusses. Tragwerk und Form stehen in untrennbarem Zusammenhang (Bild 4).
Diese Haltung lässt sich als eine Form konstruktiver Ehrlichkeit beschreiben. Die architektonische Gestalt entsteht aus der präzisen Artikulation der tragenden Elemente. Die Holzrahmen rhythmisieren den Innenraum der Halle und verleihen ihm zugleich eine klare strukturelle Ordnung, die sich aus der Bestandshalle von 1964 ableitet (Bild 5). An den Auflagerpunkten liegen die Rahmen mit einer schmalen Schattenfuge auf den Betonstützen auf, wodurch die Verbindung zwischen Alt und Neu konstruktiv gelöst und zugleich räumlich ablesbar wird.

Besondere Aufmerksamkeit galt dabei der Ausbildung der biegesteifen Rahmenecke. Eingeklebte Gewindestangen mit einer Einbindetiefe von rund 90 cm ermöglichen eine schlanke und zugleich leistungsfähige Verbindung zwischen Stütze und Binder. Die Konstruktion bleibt nach außen weitgehend unsichtbar, während ihre Wirkung die Klarheit des Raumes prägt.
Auch die große Dachauskragung vor der Südfassade ist Teil dieser konstruktiven Logik. Sie bildet nicht nur eine überdachte Terrasse, sondern wirkt durch ihr Eigengewicht zugleich statisch entlastend auf das Hallentragwerk. Architektur und Tragwerk sind hier nicht voneinander getrennte Disziplinen, sondern zwei Aspekte desselben Systems.
4 Weiterbauen als integrative Strategie
Die Transformation der Mehrzweckhalle Ingerkingen zeigt, dass Weiterbauen im Bestand weit mehr sein kann als eine ressourcenschonende Alternative zum Neubau. Durch die Kombination aus Bestand, verstärkten Betonbauteilen und neuem Holztragwerk entsteht eine hybride Konstruktion, in der unterschiedliche Bauzeiten und Materialien miteinander interagieren.
Der Bestand bleibt dabei bewusst sichtbar. Verputztes Mauerwerk, neue Holzbauelemente und die präzise gefügten Brettschichtholzrahmen erzählen gemeinsam die Geschichte des Gebäudes. Alt und Neu treten nicht in Konkurrenz, sondern ergänzen sich zu einer räumlichen und konstruktiven Einheit (Bilder 6, 7).


Gleichzeitig zeigt das Projekt, dass solche Strategien nicht nur für denkmalgeschützte Bauwerke geeignet sind. Gerade der große Bestand an kommunalen Hallen, Schulgebäuden oder Verwaltungsbauten bietet ein enormes Potenzial für vergleichbare Transformationen. Die Mehrzweckhalle Ingerkingen kann daher als Beispiel dafür verstanden werden, wie sich bestehende Gebäude mit relativ einfachen Mitteln an neue Anforderungen anpassen lassen, ohne ihre materielle Substanz zu verlieren.
5 Die Chancen unserer Zeit
Angesichts der ökologischen Herausforderungen unserer Zeit wird die Fähigkeit zum Weiterbauen zu einer zentralen Kompetenz von Architektur und Ingenieurbau. Der Bestand ist nicht länger eine Einschränkung, sondern eine Ressource – sowohl materiell als auch kulturell.
Wenn es gelingt, Tragwerk, Architektur und Bestand als zusammenhängendes System zu begreifen, entsteht eine neue Qualität des Bauens. In diesem Sinne ist das Weiterbauen im Bestand nicht nur eine Strategie der Ressourcenschonung. Es ist auch eine kulturelle Praxis, die – ähnlich wie die goldene Reparatur eines zerbrochenen Gefäßes – die Geschichte eines Bauwerks sichtbar fortschreibt und dabei seine Wertigkeit erhöht.
6 Deutscher Nachhaltigkeitspreis Architektur 2025
Die Erweiterung und Sanierung der Mehrzweckhalle in Ingerkingen hat den Deutschen Nachhaltigkeitspreis (DNP Architektur) 2025 gewonnen, der von der Stiftung Deutscher Nachhaltigkeitspreis e. V. gemeinsam mit der DGNB vergeben wird. Auszug aus der Jurybegründung:
„Die sanierte Mehrzweckhalle in Ingerkingen zeigt, wie qualitätsvolles Weiterbauen funktioniert: Ein Großteil des Bestands bleibt erhalten und bewahrt die historische, soziale Bedeutung des Ortes. Mit wenigen gezielten Eingriffen wurde die Halle funktional aktualisiert, zum Festplatz geöffnet und durch ein elegantes, auskragendes Dach sowie eine leichte Holzkonstruktion architektonisch weiterentwickelt. Der Dialog von Alt und Neu schafft eine markante Silhouette, während die sichtbaren Tragstrukturen und die nachhaltige Materialwahl ökologische und wirtschaftliche Vorteile vereinen. Das Projekt gilt als vorbildhafte Lösung für den Umgang mit bestehenden Hallen in Deutschland.“

Literatur
- Global Alliance for Buildings and Constructions, UNEP (2024) Global Status Report for Buildings and Construction – Beyond foundations: Mainstreaming sustainable solutions to cut emissions from the buildings sector. Nairobi, Kenya: UNEP. https://wedocs.unep.org/handle/20.500.11822/45095.
- Bronner, G. und Fickert, T. (2025) Der ungezügelte Hunger nach Raum: Flächenfraß in Deutschland. Geographische Rundschau, H. 11/2025, S. 16–20. Braunschweig: Westermann Bildungsmedien.
- Hütt, W., Hege, F., Nickel, H.L. (1956) Der Naumburger Dom: Architektur und Plastik. Berlin: Verlag der Kunst.
- Nys, Rik (2009)Neues Museum Berlin. Köln: Verlag der Buchhandlung Walther König.
Projektdaten
- Objekt Mehrzweckhalle Ingerkingen
- Standort Schlägweidestraße 2, 88433 Schemmerhofen
- Typologie Mehrzweckhalle (mit Vereinsraum)
- Bauherr/Nutzer Gemeinde Schemmerhofen
- Bauzeit November 2021 bis Juli 2024
- Grundstücksgröße 20 200 m2
- Nutzfläche gesamt Nutzfläche: 1065 m2, Technikfläche: 83 m2, Verkehrsfläche: 190 m2
- Brutto-Grundfläche 1585 m2
- Brutto-Rauminhalt 7921 m3
- Überdachte Fläche 1200 m2
- Spannweite 15 m
Autor:innen
Prof. Dr.-Ing. Julian Lienhard, lienhard@str-ucture.com
M. Sc. Philipp Längst, laengst@str-ucture.com
str.ucture, Stuttgart
www.str-ucture.com
Prof. Florian Kaiser, f.kaiser@atelierkaisershen.com
M. Sc. Kilian Juraschitz, k.juraschitz@atelierkaisershen.com
Atelier Kaiser Shen, Stuttgart


![Bild 1 a) Baugeschichte Naumburger Dom (nach Hütt [3]), b) Baugeschichte Mehrzweckhalle Ingerkingen (Quelle: Atelier Kaiser Shen)](https://www.nbau.org/wp-content/uploads/Bild_2b-2-1024x741.jpg)




