Grundlagen für die ­Erstellung der Öko­bilanz von Gebäuden

Seit mehr als zehn Jahren liegen in Deutschland Erfahrungen mit der Ökobilanzierung von Gebäuden im Kontext der Anwendung von Systemen zur Bewertung und Zertifizierung des Beitrags zu einer nachhaltigen Entwicklung vor. Damit sollen die im Lebenszyklus auftretenden Energie- und Stoffströme sowie unerwünschte Wirkungen auf die globale Umwelt erfasst, bewertet und bereits in der Planung gezielt beeinflusst werden. Ziele sind u. a. die Schonung primärer Rohstoffe sowie der Schutz des Ökosystems inkl. des Klimas. Derzeit steigt die Nachfrage nach entsprechenden Ergebnissen. Diese konzentriert sich aktuell auf die Treibhausgasemissionen im Lebenszyklus, dargestellt als Treibhauspotenzial. Entsprechende Angaben werden bereits im Berichtssystem der EC zur Nachhaltigkeit von Gebäuden LEVEL(s) [1] nachgefragt und im Zusammenhang mit einer Immobilienfinanzierung unter Beachtung der Taxonomy [2] benötigt. Der Entwurf der Gebäudeenergieeffizienzrichtlinie der EC [3] sieht künftig die Veröffentlichung eines Kennwerts zu den lebenszyklusbezogenen Treibhausgasemissionen im Energieausweis vor und der Entwurf zur Bauproduktenverordnung benennt die Minimierung der Treibhausgasemissionen im Lebenszyklus als Grundanforderung an Bauwerke [4]. Aktuell wird die Erstellung einer Ökobilanz zur Voraussetzung für den Nachweis der Einhaltung von Anforderungen zur Begrenzung des Aufwands an Primärenergie, nicht erneuerbar und der Treibhausgasemissionen im Lebenszyklus im Rahmen des Qualitätssiegels Nachhaltiges Gebäude (QNG) [5]. Die Einführung in das Ordnungsrecht wird diskutiert. Damit wächst die Nachfrage nach einheitlichen Grundlagen zur Erstellung von Ökobilanzen.

Die methodischen Grundlagen der Ökobilanzierung für Produkte aller Art liegen mit DIN EN ISO 14040:2021 und DIN EN 14044:2021 vor. Sie dienen der Vorstellung von Grundsätzen, Rahmenbedingungen sowie Anforderungen und stellen Anleitungen zur Verfügung. In den aktuellen Ausgaben wird inzwischen der Begriff Lebensweg verwendet. Erläutert wird der prinzipielle Ablauf mit (1) Festlegung des Ziels und des Untersuchungsrahmens, (2) Sachbilanz, (3) Wirkungsabschätzung und (4) Auswertung. Für Produkte aller Art gilt auch die DIN EN ISO 14067:2019 zur Ermittlung eines carbon footprint, der die Treibhausgasemissionen im Lebenszyklus beschreibt.

Bild 1 Grundlagen der angewandten Ökobilanzierung für Gebäude

Für den Baubereich müssen diese Grundlagen an den Betrachtungsgegenstand Einzelgebäude angepasst werden. Praktiker kommen daher mit den Grundlagennormen kaum in Berührung. Speziell auf die Belange der Bewertung von Gebäuden zugeschnitten ist die DIN EN 15978:2012. Dort wird das Gebäude- und Lebenszyklusmodell beschrieben, das die Grundlage für die Ökobilanzierung im Baubereich liefert. Die Norm wird gerade überarbeitet, um sie an die neue DIN EN 15643:2021 anzupassen. Eingeführt wird einerseits die Unterteilung des Treibhauspotenzials GWP in einen fossilen, biogenen Teil und in einen Teil, der die Emissionen im Zusammenhang mit Landnutzung und Landnutzungsänderung beschreibt. Die Möglichkeit, das Treibhauspotenzial als Summe anzugeben, bleibt bestehen. Andererseits wird das Modul B6 Betrieb weiter ausdifferenziert in B6.1 betriebsbedingt, normiert, B6.2 betriebsbedingt, nicht normiert (z. B. Aufzüge) und B6.3 nutzerbezogen. Damit kann klarer als bisher angegeben werden, ob z. B. der Nutzerstrom in der Ökobilanz berücksichtigt wurde. Zusätzlich eingeführt wird ein gesondert anzugebendes Modul D2 für die Effekte exportierter Energie, die gebäudeintegriert oder gebäudenah gewonnen wird. Informationen zur Anwendung und Interpretation der Norm, die sich schon an der künftigen Fassung orientieren, ­geben die Hinweise zur Ökobilanzierung im Kontext des Qualitätssiegels Nachhaltiges Bauen.


Literatur

  1. Dodd, N.; Donatello, S.; Cordella, M. (2020) Level(s) indicator 1.2: Life cycle Global Warming Potential (GWP); User manual: overview, instructions and guidance (publication version 1.0) [online]. Brüssel: EU-Kommission. https://susproc.jrc.ec.europa.eu/product-
    bureau/sites/default/files/2020-10/20201013%20New%20Level(s)%20documentation_Indicator%201.2_Publication%20v1.0.pdf
  2. EU-Kommission EU taxonomy for sustainable activities [online]. Brüssel: EU-Kommission. https://ec.europa.eu/info/business-economy-euro/banking-and-finance/sustainable-finance/eu-taxonomy-sustainable-activities_en
  3. Europäische Union EUR-Lex [online]. Brüssel: Europäische Union. https://eur-lex.europa.eu/legal-content/EN/TXT/?uri=
    CELEX%3A52021PC0802&qid=1641802763889
  4. EU-Kommission Review of the Construction Products Regulation [online]. Brüssel: EU-Kommission. https://ec.europa.eu/growth/sectors/construction/construction-products-regulation-cpr/review_en
  5. BMWSB Qualitätssiegel Nachhaltiges Gebäude (QNG) [online]. Bonn, Berlin: Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen. https://www.nachhaltigesbauen.de/austausch/beg

Autor

Prof. Dr.-Ing. habil. Thomas Lützkendorf
thomas.luetzkendorf@kit.edu
Obmann DIN Normenausschuss NA 005-01-31 AA „Nachhaltiges Bauen“ als Spiegelgremium für die Normungsarbeiten bei ISO TC 59 SC17 und CEN TC 350 etc.
Karlsruher Institut für Technologie Fachgebiet Immobilienwirtschaft
www.oew.kit.edu

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