Digitaler DGNB Jahreskongress 2026

Impulse zu Klimaschutz, Transformation und internationalem Dialog



Die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges BauenDGNB e.V. bietet mit ihrem digitalen Jahreskongress seit fünf Jahren Einblicke in die breite Themenwelt, die das Netzwerk aktuell bewegt. Unterschiedliche Perspektiven auf das nachhaltige Bauen und alles, was dazugehört, sind dabei ebenso garantiert wie praxisnahe Impulse und wertvolle Denkanstöße.

Eröffnung: Klimaschutz, Kommunen und die Frage Was ist sozial?

Eröffnet wurde der Kongress von den geschäftsführenden Vorständen Dr. Christine Lemaitre und Johannes Kreißig, die erste Einblicke in die Themenvielfalt gaben.

Zirkularität sei in Deutschland, das die meisten Materialien importieren muss, zwar omnipräsent, bleibe aber oft ein nebulöses Thema ohne Umsetzung. Drastisch ordnete Lemaitre das Thema Klimaanpassung ein: Mit Blick auf die vielen Hitzetoten weltweit könne man fast sagen, Wohnen sei gefährlicher als Autofahren.

Sustainable Finance sei die neue Lieblingszielgruppe der DGNB: Jetzt, da Banken verstärkt nach Nachhaltigkeit fragen, gehe es darum, dass Banken- und Bauwelt zusammenfinden, und Bedarfe umgesetzt werden. Dass Kommunen derzeit mit knappen Kassen umgehen müssen, sei zugleich Chance und Herausforderung: Es gelte, stärker über Qualität zu sprechen, damit das eingesetzte Geld sinnvoll verwendet wird. Bezahlbarer Wohnraum als Schlüsselthema sei zudem international allgegenwärtig.

Die neue Version des DGNB Systems 2023.2 ordneten Kreißig und Lemaitre als Antwort auf den Ruf nach Entbürokratisierung ein: Qualität sichern, Nachweise verschlanken. Ebenfalls in Arbeit seien das DGNB System für Bestandsquartiere sowie die Auszeichnung Social Positive, die die Grundfrage „Halten sich Menschen in diesem Bauwerk gerne auf?“ in den Mittelpunkt stellt.

Suffizienz sei im vergangenen Jahr vielfach nicht als „Verzicht“, sondern als „Angemessenheit“ diskutiert worden, insbesondere im Zusammenhang mit Sanierungen und dem Anspruch, minimalinvasiv und gesellschaftlich akzeptiert zur Transformation im Bauen beizutragen. In den Bildungsangeboten der DGNB Akademie zeige sich neben dem klassischen Zertifizierungsweg eine starke Nachfrage nach Seminaren mit direkt anwendbarem Fachwissen.

Erstmals im vergangenen Jahr veranstaltet wurden sowohl die Ausstellung What If: A Change of Perspective? bei aedes als auch das Forum Nachhaltige Architektur, das den Gewinnerprojekten des Deutschen Nachhaltigkeitspreises Architektur – wichtige Vorbilder des nachhaltigen Bauens – mehr Raum gibt. Kreißig betonte, wie wichtig der internationale Kongresstag sei, da die Bewältigung des Klimawandels nur durch internationale Zusammenarbeit gelingen könne und Perspektivwechsel große Lernkurven ermögliche.

Tag 1: Zu viel CO₂, zu wenig politische Aktion und die Vorbildrolle der Kommunen

Der Vormittag des ersten Kongresstages widmete sich dem Klimaschutz im Bauen. Es wurde deutlich, dass international und auf EU-Ebene klare Fortschritte zu erkennen sind, Deutschland jedoch weiterhin um den richtigen politischen Rahmen ringt.

Oliver Rapf vom Buildings Performance Institute Europe zeigte auf, dass die Emissionen im Gebäudesektor zwar stagnieren, der Energieverbrauch pro Quadratmeter jedoch seit Jahren sinkt – bei gleichzeitig wachsender Gebäudefläche. Er kritisierte, wie tragisch es sei, dass Deutschland zunehmend wichtige Klimamaßnahmen infrage stelle. Die Transformation des Gebäudesektors sei nicht mehr nur klimapolitische Aufgabe, sondern auch eine Frage wirtschaftlicher Stabilität und geopolitischer Resilienz. „Jeder Euro, den wir in die Energieeffizienz unserer Gebäude investieren, ist ein Euro, der gut in unsere Resilienz und Sicherheit investiert ist“, so Rapf.

Prof. Dr. Martin Pehnt vom ifeu – Institut für Energie- und Umweltforschung – hob die Bedeutung der überarbeiteten EU-Gebäuderichtlinie (EPBD) hervor. Sie sieht vor, dass der europäische Gebäudebestand bis 2050 dekarbonisiert wird. Deutschland müsse die Vorgaben bis Ende Mai 2026 in nationales Recht überführen.

Im anschließenden Themenraum „Der (schwierige) Weg vom Globalen zum Nationalen“ wurde darüber diskutiert, warum Klimaschutz im Bauen nicht längst Standard ist, obwohl Technologie, Kapital und Know-how vorhanden sind. Genannt wurden Verteilungsfragen, Scheu vor Regulierung und wirtschaftliche Interessen.

Am Nachmittag standen Kommunen und Länder im Fokus. Gabriele Pfründer, Geschäftsbereichsleiterin Landesbau beim Gebäudemanagement Schleswig-Holstein, betonte die Vorbildfunktion öffentlicher Bauherren. In der Diskussion wurde klar: Wer Gebäude später betreibt, hat einen anderen Fokus. Ökobilanz, Lebenszykluskosten und langfristige Perspektiven – in der DGNB Zertifizierung verankert – spielen dann eine größere Rolle. In der Praxis: Leistungsphasen 0 und 10 sind essenziell.

Konsens war, dass engagierte Kommunen wie die Stadt Heidelberg als Vorbilder dienen müssten. Bürgermeister Jürgen Odszuck brachte entsprechende Einblicke ein.

Unter dem Motto „Weniger Aufwand bei gleicher Ambition“ stellte die DGNB die Überarbeitung ihres Zertifizierungssystems für Neubauten vor. Der Weg der Entbürokratisierung wurde in der Diskussion bekräftigt. 25 Testanwendende hätten gezeigt, dass die Zertifizierungsergebnisse stabil bleiben. Anna Braune hob hervor, dass nach 17 Jahren DGNB die Ökobilanz nun laut europäischer Richtlinie Voraussetzung für Neubauten wird – ein wichtiger Erfolg.

Tag 2: Bau-Turbo, Sustainable Finance und architektonische Vorbilder

Der zweite Kongresstag bot thematische Vielfalt. Vertreterinnen und Vertreter der Initiative Bau-Turbo kommunal diskutierten, wie Kommunen die neuen Möglichkeiten nutzen können. Die Initiative – getragen von Architektur-, Umwelt- und Klimaschutzorganisationen – gibt konkrete Hilfestellung. Dr. Christine Lemaitre betonte: „Der Bau-Turbo kann nur wirken, wenn sich Kommunen rechtzeitig darauf vorbereiten.“

Ein wichtiger Vortrag von Dr. Steffen Hinss, Munich Re, thematisierte Risiken und Resilienz im Wandel des Klimas – aus Sicht eines Rückversicherers.

Im Themenraum „Vom Anspruch zur Finanzierung“ ging es um Sustainable Finance und die Frage, wie Banken Risiken bei Immobilien bewerten. Anschließend wurde im Rahmen der „Kostendebatte reloaded“ über den Mythos der Mehrkosten nachhaltigen Bauens gesprochen.

Am Nachmittag kamen – wie jedes Jahr – Gewinner und Finalisten des Deutschen Nachhaltigkeitspreises Architektur zu Wort. Es entwickelten sich lebhafte Diskussionen darüber, wie Vertrauen, Mut und Innovationsgeist zu herausragenden gestalterischen und nachhaltigen Ergebnissen führen.

Der Tag endete mit einem Einblick in die globale Initiative SHIFT – Southern Heritage and Insights for Transformation. Dr. Christine Lemaitre diskutierte mit Botschaftern aus Amerika und Indien über lokal angemessene Praktiken als Gegenentwurf zur global verbreiteten Architektur aus Glas, Stahl und Beton.

Tag 3: Heilsamer Perspektivwechsel, Taxonomieängste und Früchte der Schulung

Der dritte Kongresstag zeigte anhand internationaler Beiträge, wie wichtig Zusammenarbeit und Perspektivwechsel sind. Kommunikation wurde als wichtigstes Werkzeug der Umsetzung hervorgehoben: Gleichgesinnte zusammenbringen und sicherstellen, dass alle relevanten Akteure beteiligt sind.

Ein Perspektivwechsel ergab sich im ersten Themenraum mit DGNB Systempartnern aus Kroatien, Bosnien-Herzegowina und der Ukraine. Deutlich wurde der große Unterschied zwischen EU-Mitgliedern und Nicht-EU-Ländern: Während die EU Vorgaben macht, kämpfen Länder wie Bosnien-Herzegowina noch um grundlegende gesetzliche Rahmenbedingungen.

Die globale Initiative SHIFT stand weiterhin im Fokus. Am Beispiel eines Projekts in Ghana wurde gezeigt, wie zentral die soziale Qualität und der Fokus auf die Menschen vor Ort in der Gebäudeplanung sind. Die DGNB sieht diese Perspektive ebenfalls als zentral und hat hierfür die Auszeichnung Social Positive entwickelt.

Ein weiterer Themenraum widmete sich der EU-Taxonomie und ihrer Umsetzung in verschiedenen europäischen Ländern. Erwartet wird von den jeweiligen Green Building Councils, Interpretationsspielräume zu schließen und Unsicherheiten zu reduzieren.

Zum Abschluss des Kongresses wurden Ergebnisse einer Studie von Buro Happold zu internationalen Zertifizierungssystemen vorgestellt. Außerdem berichteten Hochschulvertreter weltweit über Schulungsprogramme zu nachhaltigem Bauen. Best-Practice-Projekte dienten zum Abschluss als Inspiration für das eigene Handeln.

DGNB Jahreskongress 2026: www.dgnb.de/jahreskongress/mitschnitte

Jobs

ähnliche Beiträge

Zukunft Bau geht in die nächste Förderrunde

Das BMWSB startet eine neue Förderrunde für Forschungsprojekte im Bauwesen, mit Fokus auf Nachhaltigkeit und Kosteneffizienz.

Vom Bio-Klebstoff bis zur klimaneutralen Speicherstadt

Die DGNB hat die Finalisten der Sustainability Challenge 2026 bekanntgegeben. Projekte in Innovation, Start-up und Forschung stehen im Fokus.

Ressourceneffizientes und kreislaufgerechtes Umbauen von Fassaden

Studie zur ressourceneffizienten Fassadenerneuerung von 1960er- und 1970er-Gebäuden, mit Fokus auf Nachhaltigkeit und minimalinvasiven Umbau.