Warum nachhaltiges Bauen eine Frage der Struktur und Organisation ist
Partnerschaft ist das Wort der Stunde. Alle streben nach Harmonie, setzen sowohl im übertragenen Sinn als auch sprichwörtlich Stuhlkreise ein, halten Händchen. Doch gleichzeitig beschwört man damit eine Illusion: Wenn nur alle lieb zueinander sind, so die Hoffnung, wird sich schon jedes Bauproblem in Luft auflösen. Genau dieser Denkfehler ist der Beginn vieler Verzögerungen. Partnerschaftliches Bauen ist eben kein Stuhlkreis, kein kollektives Wegdiskutieren von Zielkonflikten und erst recht kein Gefühl. Vielmehr ist partnerschaftliches Bauen, so jedenfalls sehen wir das, ein konstruktiver Arbeitsmodus, der ein bestimmtes Ziel vor Augen hat: Wir, also die partnerschaftlich Beteiligten, haben uns zum Ziel gesetzt, ein Projekt termin- und qualitätssicher zu realisieren. Und das bedeutet, dass dabei alle Beteiligten zielgerichtete Kompromisse eingehen müssen und gleichzeitig dabei zufrieden bleiben.
Um zu verstehen, warum dieses Modell gerade im nachhaltigen und seriellen Bauen essenziell wird, lohnt aus unserer Sicht zunächst ein Blick auf die Ausgangslage. Die Anforderungen steigen, das betrifft viele „Baustellen“. Angefangen beim klimagerechten Bauen über serielles Produzieren und modulare Konstruktionen bis hin zur hohen Präzision und einer kurzen, ja immer kürzeren Taktung der Gewerke. Wer hier bestehen will, muss eine schlichte Wahrheit akzeptieren: Die Abkehr von klassischen Prozessabläufen – Leistungsverzeichnis, Preis, Zuschlag – ist keine Option mehr, sondern eine Grundvoraussetzung für erfolgreiche Projekte. Der alte Dreiklang der Vergabe aus Leistungsverzeichnis, Preis und Zuschlag, so reizvoll er einmal auch war, reicht nicht aus, um komplexe und innovative Projekte verlässlich umzusetzen.
1 Zuverlässigkeit entsteht nur durch neue Formen der Zusammenarbeit
Damit sind wir bei der zentralen These angekommen: Zuverlässigkeit, vor allem die terminliche Zuverlässigkeit, sowie Nachhaltigkeit und Qualität im Holz- und Modulbau entstehen nur durch neue Formen der Zusammenarbeit. Je serieller, je modularer und je nachhaltiger ein Projekt gedacht ist, desto früher und enger müssen Planung, Ausführung sowie die Auftraggeberseite zusammenarbeiten. Sonst scheitert es, und das meinen wir so, zuverlässig.
Bevor wir tiefer einsteigen, lohnt ein kurzer Blick auf zwei Praxisbeispiele, die diesen Ansatz geprägt haben: die Zusammenarbeit zwischen PRIMUS developments und Kaufmann Bausysteme. Projekte wie der Luisenblock West für den Deutschen Bundestag in Berlin oder die neue Zollhochschule in Rostock zeigen, was partnerschaftliches Bauen leisten kann, respektive wo seine Grenzen liegen.
Unsere beiden Unternehmen, PRIMUS developments und Kaufmann Bausysteme, sind durch drei Überzeugungen geprägt, die bei uns nicht Folklore, sondern reale Praxis sind: Vertrauen, Offenheit und Loyalität. Ohne diese drei Grundhaltungen wäre partnerschaftliches Bauen – jedenfalls so, wie wir es verstehen und leben – schlicht nicht möglich. Beide Unternehmen sind Familienunternehmen, gewachsen aus klaren Verantwortlichkeiten und kurzen Wegen, und gerade deshalb frei von jenen Corporate-Strukturen, die oft mehr lähmen als unterstützen. Formale Rahmenverträge gibt es bei uns nicht, und für manche institutionelle Organisationen mag genau das irritierend sein. Für uns jedoch ist es die Grundlage dafür, dass wir kreativ und offen miteinander umgehen können, dass wir tatsächlich out of the box denken und in schwierigen Situationen lösungsorientiert bleiben, statt uns an starre Vorschriften zu klammern.
Diese Philosophie des Zusammenarbeitens hat nicht nur eine natürliche Nähe geschaffen, sondern Schritt für Schritt ein funktionierendes System hervorgebracht, das weit über die übliche Projektabwicklung hinausgeht. Aus dieser Haltung entstand jene Form partnerschaftlichen Bauens, die heute am Markt gefragt ist – nicht als Etikett oder Vertragsformel, sondern als gelebte Struktur. Wir müssen an dieser Stelle eine Abgrenzung vornehmen, die vielleicht ein wenig trivial klingt, jedoch in der Realität über Erfolg oder Scheitern entscheidet. Ein Mehrparteienvertrag, kurz MPV, ist nicht automatisch eine gelebte Partnerschaft. Und umgekehrt braucht eine gelebte Partnerschaft keineswegs zwingend einen Mehrparteienvertrag als Voraussetzung. Partnerschaft entfaltet sich nicht aus dem Paragraphenwerk, sondern aus Einstellung und Arbeitsweise. Ein innovatives Vertragsmodell bildet nur den juristischen Möglichkeitsraum ab. Es setzt einen Rahmen, oft einen hilfreichen, aber eben nur einen Rahmen – und in vielen Situationen reicht das nicht aus, um das zu erzeugen, was ein Projekt erfordert.
2 Partnerschaft erfordert klare Verantwortung
Gleichzeitig kann ein klug konstruierter Vertrag oder ein innovatives Vergabeverfahren der Startpunkt für eine enge Zusammenarbeit sein. Manchmal gelingt es einem Vertragswerk tatsächlich, das zu erzwingen, was zuvor nicht selbstverständlich war: dass alle Beteiligten sich darauf einlassen, ein Projekt gemeinsam und erfolgreich umzusetzen. Und was anderes sollte ein Vertrag am Bau eigentlich leisten? Die Frage ist bewusst redundant gestellt, weil sie den Kern trifft: Formale Partnerschaften sind wichtig, zweifellos, doch der Prozess darf nie wichtiger werden als das Ziel. Im Klartext bedeutet das: Ein Vertragsmodell darf niemals Selbstzweck sein. Es sollte das Projekt nicht verwalten, sondern es ermöglichen – besser, schneller, zudem effizienter und nachhaltiger, also insgesamt optimierter. Wer Verträge baut, um Prozesse zu ordnen, aber nicht, um Ergebnisse zu sichern, produziert noch lange keine Gebäude.
Für uns folgt daraus eine einfache, aber oft verdrängte Konsequenz: Partnerschaft erfordert klare Verantwortung – und damit auch Hierarchien. Partnerschaft heißt nicht, dass alle gleichberechtigt sind oder alles im Konsens entschieden wird. Partnerschaft heißt, dass jeder weiß, welche Verantwortung er trägt und an welcher Stelle er sie übernehmen muss. Genau das haben wir in den Bundesbauprojekten der vergangenen Jahre erlebt. Dort kommen Akteure zusammen, die unterschiedlicher kaum sein könnten: die öffentliche Hand, Projektentwickler, planende Büros, Bauunternehmen und Fachingenieure. Und trotzdem funktioniert es, wenn die Rollen klar sind, die Verantwortung akzeptiert wird und das gemeinsame Ziel über der Prozessästhetik steht.
Schauen wir uns im nächsten Abschnitt die Verfahren und Prozesse an. Wie funktioniert Partnerschaft praktisch? Welche Vergabe- und Abwicklungsformen gibt es – und wie unterscheiden sie sich? Genau dazu verschaffen wir uns im Folgenden einen ersten Überblick.
2.1 Dialogverfahren
Das Dialogverfahren ist ein zweistufiges Vergabeverfahren, bei dem Auftraggeber und Bewerber zunächst in einen strukturierten Austausch treten, bevor ein endgültiges Angebot abgegeben wird. Der Auftraggeber beschreibt Ziele und Rahmenbedingungen, nicht aber die abschließende Lösung. In moderierten Gesprächsrunden werden Varianten geprüft, Anforderungen geschärft und technische Lösungen weiterentwickelt. Erst nach Abschluss des Dialogs geben die verbleibenden Bieter ein finales Angebot ab. Das Verfahren eignet sich besonders für komplexe Projekte, bei denen Planung, Technik und Organisation eng verzahnt werden müssen, und ist damit für serielles und modulares Bauen nahezu ideal.
2.2 Verhandlungsverfahren
Das Verhandlungsverfahren erlaubt dem Auftraggeber, mit ausgewählten Bietern über Inhalte, Leistungen und Preise zu verhandeln, bevor ein finales Angebot abgegeben wird. Es bietet Flexibilität, wenn der Leistungsgegenstand nicht vollständig vorab definierbar ist, und ermöglicht es, Lösungen zu präzisieren, Risiken zu ordnen und Qualitätsanforderungen zu optimieren. Gerade dort, wo frühe Planungstiefe und technische Abstimmung essenziell sind, schafft dieses Verfahren eine engere Arbeitsgrundlage zwischen Auftraggeber und Bietern.
2.3 GU-Verfahren (Generalunternehmerverfahren)
Beim GU-Verfahren übernimmt ein Generalunternehmer die Verantwortung für die vollständige Ausführung eines Bauwerks auf Grundlage einer vorgegebenen Planung. Der Auftraggeber definiert Anforderungen, der GU organisiert Bauabläufe, koordiniert Gewerke und garantiert Termine sowie Kosten. Die Verantwortung liegt klar gebündelt, wodurch Entscheidungswege kürzer werden. Für partnerschaftliche Modelle ist das GU-Verfahren deshalb oft stabiler als mehrstufige oder hierarchisch diffuse Vertragsformen.
2.4 Allgemeine Vergabeformen
Zu den klassischen Vergabeformen im öffentlichen Bau zählen die Öffentliche Ausschreibung, die Beschränkte Ausschreibung und die Freihändige Vergabe. Sie folgen dem Grundprinzip „Leistungsverzeichnis, Preis, Zuschlag“. Diese Verfahren sind effizient, wenn Aufgaben klar definierbar sind und geringe Planungsunsicherheiten bestehen. Für komplexe, zeitsensible oder serielle Projekte stoßen sie jedoch an Grenzen, weil Kooperation, Planungstiefe und Innovationsbereitschaft sich nur begrenzt abbilden lassen.
3 Dialogorientierte Verfahren liefern die besseren Ergebnisse
Und damit kommen wir zum ersten Kerngedanken dieses Beitrags. Die Umsetzung nachhaltiger und innovativer Lösungen erfordert Mut. Dialogorientierte Verfahren können jene Ängste und Sorgen mindern, die sich gegenüber Neuem und Unbekanntem bilden. Eine positive Fehlerkultur stärkt diesen Mut und ermöglicht es, neue nachhaltige Ansätze so weiterzuentwickeln, dass sie belastbar werden. Wir sind überzeugt davon – und das nicht aus Theorie, sondern aus unserer Praxis –, dass dialogorientierte Verfahren die besseren Ergebnisse liefern, wenn es um Qualität, Termintreue und Kostensicherheit geht. Gleichzeitig bieten sie den Raum, um Innovationen und Nachhaltigkeitsthemen nicht nur anzubringen, sondern deren Umsetzung tief in den Projekten zu verankern. Dafür gibt es viele Gründe, doch der entscheidende ist schlicht: Die Spielregeln und die grundlegenden Inhalte werden früh festgelegt. Nutzer- und Bauherrenmanagement entstehen nicht erst während der Bauphase, geschweige denn danach, sondern in jenem frühen Abschnitt, in dem Planung, Technik und Organisation noch beweglich sind und Anpassungen tatsächlich möglich bleiben.
Natürlich kennen wir auch die Risiken. Nutzeranforderungen können sich ändern, Entscheidungen können sich verzögern und auch Prioritäten können kippen. Doch je stärker der gemeinsame Unterbau ist, je tiefer also der Eisberg reicht, auf den sich alle verständigt haben, desto robuster wird jener Teil, der am Ende sichtbar wird. Das ist eine unserer zentralen Erfahrungen aus den vergangenen Jahren: Wir können Qualität, Zeithorizonte und Kosten nur dann gewährleisten, wenn die frühe Phase offen, präzise und gemeinsam gestaltet wurde. Dort entscheidet sich, ob ein Projekt trägt oder irgendwann ins Schwanken gerät.
4 Alle Beteiligten müssen verlässlich zusammenarbeiten
Das alles darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, worum es im Kern geht. Partnerschaftliches Bauen entscheidet sich nicht an einzelnen Methoden oder Verfahren, sondern am Gesamtpaket – am Zusammenspiel von Planung, Bauherrenkoordination und Ausführung. Und dieses Gesamtpaket funktioniert nur, wenn alle Beteiligten Verantwortung übernehmen. Sobald sich ein Akteur aus dieser Verantwortung stiehlt, kippt das Projekt. Dann wird es teurer, später und in manchen Fällen schlicht schlechter.
Zwei Themen sind in diesem Zusammenhang für uns besonders relevant: der Serienbau und der Modulbau. Beide beruhen auf einem klaren Effizienzprinzip, das aber nur dann seine Wirkung entfaltet, wenn Teams abgestimmt, eingespielt und präzise organisiert sind. Dafür braucht es erfahrene Planungsbüros, die nicht nur fachlich versiert sind, sondern klare und eigenverantwortliche Entscheidungsprozesse haben.
Vertrauen ist dabei die Grundlage für Geschwindigkeit und Qualität, doch Vertrauen setzt vor allem voraus, dass die Qualität gesichert ist – also dass der Unterbau, jener nicht sichtbare Bereich partnerschaftlicher Zusammenarbeit, so tief und so stabil ist, dass alle Beteiligten sich darauf verlassen können. Genau darauf sind wir bereits im vorherigen Abschnitt eingegangen. Entscheidend ist, dass jeder Partner für den eigenen Teil der Realisierung steht, vorbereitet ist und Leistungen so erbringt, wie sie von den anderen erwartet werden. Partnerschaft bedeutet nicht gegenseitige Rücksichtnahme um jeden Preis, sondern die Verlässlichkeit, den eigenen Verantwortungsbereich vollständig und professionell abzudecken und sich dabei gleichzeitig auf die Bedürfnisse und Notwendigkeiten der anderen Projektbeteiligten einzulassen. Nur dann entsteht aus mehreren Beteiligten ein gemeinsames Projekt und nicht ein Geflecht aus gegenseitigen Erwartungsbrüchen.
5 Partnerschaftliches Bauen setzt Verantwortung voraus
Es lohnt sich an dieser Stelle, einen Blick auf ein altbekanntes Phänomen der Bau- und Immobilienwirtschaft zu werfen. Jeder Projektentwickler kennt die Situation, dass Fehler passieren und sich anschließend niemand verantwortlich fühlt. Nach dem Motto „Was ich nicht wahrgenommen habe, kann ich nicht verursacht haben“ versuchen manche Beteiligten, Verantwortung einfach abzustreifen. Dieses Spiel ist so verbreitet wie teuer. Denn genau in diesen Momenten entstehen jene Irrtümer, die nicht nur Zehntausende, sondern Hunderttausende oder in ungünstigen Konstellationen sogar Millionen Euro kosten.
Partnerschaftliches Bauen setzt diesem Mechanismus etwas entgegen. Es schafft kein Schlupfloch, in das man sich zurückziehen und die Augen schließen könnte. Es lebt davon, dass jeder Beteiligte weiß, welchen Teil des Projekts er verantwortet, und dass diese Verantwortung nicht delegierbar ist. Wer partnerschaftlich baut, will sich nicht verstecken, sondern trägt aktiv dazu bei, dass das Projekt qualitativ, zeitlich und kostenmäßig auf Kurs bleibt und Probleme gelöst oder Fehler geheilt werden. Genau darin liegt der Unterschied zwischen einem Vertrag, der Zusammenarbeit simuliert, und einem Projekt, das von echter Partnerschaft getragen wird.
Nun ist es an der Zeit, einige Fallbeispiele aus der Praxis zu betrachten. Aus der Zusammenarbeit zwischen PRIMUS developments und Kaufmann Bausysteme sind in den vergangenen zehn Jahren viele Projekte hervorgegangen, die exemplarisch zeigen, wie partnerschaftliches Bauen funktionieren kann und welche Strukturen es dafür braucht.
6 Luisenblock West in Berlin: Das Fundament partnerschaftlicher Entwicklungen
Das erste Projekt, über das wir sprechen möchten, ist der Luisenblock West in Berlin, ein Büroprojekt für den Deutschen Bundestag (Bilder 1–4). Bildlich gesprochen war er der Urknall unserer partnerschaftlichen Zusammenarbeit, jedenfalls jener Form, in der beide Unternehmen als gleichwertige Partner in der Umsetzung auftreten konnten. Gewiss war es nicht unser erstes gemeinsames Projekt, aber das erste, bei dem wir die volle gemeinsame Verantwortung trugen und damit zeigten, was in einer solchen Konstellation möglich ist.
Der Luisenblock hat eines erreicht, das bis heute wirkt: Dank der Effizienz in der Umsetzung sowie der Termin- und Kostensicherheit, die wir innerhalb von nur 20 Monaten Planungs- und Bauzeit gewährleisten konnten, ist das bereits bestehende Vertrauen mit der öffentlichen Hand nicht nur bestätigt, sondern deutlich vertieft worden. Wenn man so will, haben wir damit das Fundament für viele weitere Entwicklungen gelegt und gesehen, wie sich partnerschaftliche Modelle weiterentwickeln und optimieren lassen. Nicht zufällig bezieht sich der Bundesrechnungshof in mehreren Begründungen und Bewertungen zu partnerschaftlichen Modellen, insbesondere den MPV, explizit auf dieses Projekt und die dort gelebte Form der Zusammenarbeit. Trotz höchst anspruchsvoller Zeiten – die Corona-Pandemie war über die gesamte Projektlaufzeit von 20 Monaten in vollem Gange – konnten wir die Partnerschaft durch kollegiale Zusammenarbeit, klare Aufgabenverteilung und ein gemeinschaftliches Verantwortungsbewusstsein gemeinsam mit unserem Planungsteam und dem Bauherren-Team vom Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR) und der Bundestagsverwaltung voll zur Entfaltung bringen.
7 Die neue Zollhochschule des Bundes: Partnerschaft in einer neuen Größenordnung
Ein zweites Projekt, das kurz vor der Fertigstellung steht und Ende Januar 2026 an die Nutzer übergeben wird, ist die neue Zollhochschule des Bundes in Rostock (Bilder 5, 6). Einige Eckpunkte verdeutlichen, weshalb dieses Projekt für uns eine neue Größenordnung markiert. Mit Gesamtkosten von rund 230 Mio. Euro und einer Bruttogeschossfläche von über 55 000 m² entsteht in Rostock-Lichtenhagen ein moderner Campus mit Lehrgebäuden, einem Audimax sowie einer Bibliothek, einer Mensa, Verwaltungsbereichen und außerdem zwei Wohngebäuden mit vorvergrauter Holzfassade. Die Planung stammt von Sauerbruch Hutton, der Bauherr ist die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA), vertreten durch das Staatliche Bau- und Liegenschaftsamt Rostock. Die Realisierung erfolgt in Holz- und Holzmodulbauweise (Bild 7) durch Kaufmann Bausysteme, während PRIMUS developments die Projektentwicklung verantwortet. Ein Projekt in dieser Größenordnung in unter zweieinhalb Jahren Planungs- und Bauzeit zu realisieren, bedingt allerdings mehr als nur einen innovativen Vertragsrahmen.
Für uns war dieses Projekt eine zweite Generation partnerschaftlicher Zusammenarbeit – komplexer, größer und zudem verantwortungsintensiver. Vor allem aber brachte es mehrere Ebenen öffentlicher Verwaltung an einen Tisch: das Staatliche Bau- und Liegenschaftsamt, die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben und den Zoll als späteren Nutzer. Gerade in dieser Vielschichtigkeit wurde sichtbar, wie zentral klare Rollen, transparente Kommunikation und ein gemeinsames Verständnis von Verantwortung sind.
Selbst kleinere Herausforderungen – etwa die Frage, ob die Außenanlagen als Asphalt- oder Pflasterflächen ausgeführt werden sollten – konnten wir nur deshalb ohne Zeit- oder Kostenverluste lösen, weil alle Beteiligten in einem kooperativen Problemlösungsmodus arbeiteten.
8 Vertrauen ist eine strukturelle Voraussetzung
Diese Episode mag unscheinbar wirken, zeigt aber die Mechanik partnerschaftlichen Bauens: keine Schuldzuweisungen und auch kein Verschieben von Verantwortung, sondern eine gemeinsame Suche nach der besten Lösung für das Projekt. Genau deshalb konnte die Zollhochschule trotz hoher architektonischer, funktionaler sowie technischer Komplexität und höchster Nachhaltigkeit im Zeit- und Kostenrahmen realisiert werden.
Wir haben den Begriff Vertrauen in diesem Aufsatz bereits mehrfach verwendet. Doch Vertrauen ist für uns keine wohlklingende Wunschvorstellung, sondern eine strukturelle Voraussetzung für eine funktionierende Prozesslogik. Die Mechanik dahinter ist glasklar: Wir fordern Verantwortung ein, statt sie durchzusetzen. Wir senden Signale, wenn es notwendig ist, und wir nutzen ihre Wirkung. Genau so entsteht ein Prozess, der nicht aus Kontrollen lebt, sondern aus Verlässlichkeit. Vertrauen ist damit ein integraler Bestandteil des Organisationsprinzips partnerschaftlichen Bauens. Es schafft die Voraussetzungen, neue und komplexe Bauaufgaben in gemeinsamen Strukturen zu lösen. Vertrauen ermöglicht Kritik, ohne die kein anspruchsvolles Projekt umzusetzen ist. Es geht darum, Probleme frühzeitig anzusprechen, damit man sie gemeinsam lösen kann. Das funktioniert nur, wenn alle Beteiligten auf Augenhöhe agieren, ohne die Sorge, dass jemand die eigene Offenheit gegen einen verwendet.
9 Partnerschaftliches Bauen ist ein Spiel mit offenen Karten
Ein Bild hilft dabei: das gemeinsame Kartenspiel. Wenn vier Personen am Tisch sitzen und jeder seine Karten verdeckt hält, weiß niemand, wie das Spiel ausgeht – und jeder spielt zwangsläufig gegen die anderen. Im klassischen Wettbewerb mag das legitim sein. Beim partnerschaftlichen Bauen jedoch geht es nicht darum, dass einer gewinnt. Es geht darum, dass das Projekt gelingt. Wir haben alle zwar unterschiedliche Karten in der Hand – darunter unterschiedliche Rollen, Verantwortlichkeiten und Perspektiven –, doch wir spielen nicht gegeneinander. Wir lösen gemeinsam ein Spiel, das nur dann erfolgreich endet, wenn alle offenlegen, was sie beitragen können und was sie brauchen. Deshalb ist partnerschaftliches Bauen ein Spiel mit offenen Karten. Jeder sieht, was der andere vorhat, welche Entscheidungen anstehen, wo Risiken lauern und welche Züge notwendig sind, um das Projekt effizient und verlässlich zum Abschluss zu bringen. In dieser Offenheit liegt kein Verlust an Macht, sondern ein Gewinn an Geschwindigkeit, Qualität und Sicherheit. Vertrauen macht partnerschaftliches Bauen nicht nur möglich, sondern auch wirkungsvoll.
10 Die Art der Zusammenarbeit ist entscheidend
Für uns steht fest, und das ist keine abstrakte These, sondern ein Erfahrungswert aus den Projekten der vergangenen Jahre: Nachhaltigkeit, Effizienz und Innovation hängen weit weniger vom verwendeten Material ab, als oft behauptet wird, sondern von der Kooperationsfähigkeit aller Beteiligten. Entscheidend ist nicht, worauswir bauen, sondernwie wir zusammenarbeiten. Partnerschaftliches Bauen ist für uns daher keine Option, sondern die strukturelle Voraussetzung dafür, dass anspruchsvolle Projekte überhaupt gelingen und Innovation gerade im Bereich Nachhaltigkeit von der Theorie in die Praxis kommt und den Test der Wirklichkeit übersteht.
Gerade im innovativen, seriellen und modularen Bauen ist die planerische Tiefe deutlich größer als im konventionellen Bau. Wer Kreislaufwirtschaft, modulare Systeme oder hybride Bauweisen ernst nimmt, braucht neue Formen der Abstimmung, der Verantwortung und auch der gemeinsamen Entscheidungsfindung. Neue Partnerschaften sind damit nicht Beiwerk, sondern Fundament. Ohne sie lassen sich weder Zeit, Kosten noch Qualität zuverlässig sichern und schon lange keine Innovation umsetzen. Unsere Erfahrungen zeigen, dass dieser Weg bereits beschritten wird. Die Verwaltung, die Bauwirtschaft und auch Planungsteams haben in den vergangenen Jahren Mut bewiesen und neue Verantwortungsmodelle angenommen. Die Projekte, die daraus entstanden sind, auch die von uns umgesetzten, belegen, dass partnerschaftliches Bauen nicht nur konstruktiv funktioniert, sondern messbare Vorteile erzeugt.
Wir wünschen uns, dass diese Erfahrungen Schule machen. Komplexe Bauaufgaben werden nicht weniger, sondern gerade in der aktuellen gesellschaftlichen und weltpolitischen Situation mehr. Je früher partnerschaftliche Modelle zur Selbstverständlichkeit werden, desto schneller, effizienter und nachhaltiger können wir bauen. Partnerschaftliches Bauen schafft die Bedingungen, unter denen innovative und nachhaltige Lösungen Realität werden – und es ermöglicht genau jene Zuverlässigkeit, die in der öffentlichen sowie in der privaten Baupraxis seit Jahren gesucht wird.
Autoren
Christian Kaufmann, info@kaufmannbausysteme.at
Kaufmann Bausysteme, Reuthe (AT)
www.kaufmannbausysteme.at
Lorenz Nagel, info@primus-developments.de
PRIMUS developments, Bremen
www.primus-developments.de







