1. Was ist wirklich wichtig für zukunftsfähiges Bauen?
Gedanken zu einem Paradigmenwechsel in der nachhaltigen Architektur: Warum wir den Fokus von der reinen CO2-Bilanzierung auf die Integrität der Biosphäre und stoffliche Kreisläufe lenken müssen und weshalb es um mehr geht als um CO2-Einsparung.
Der Earth Overshoot Day markiert jenen Tag im Jahr, an dem die Menschheit das regenerative Kapital der Erde aufgebraucht hat und beginnt, von der Substanz zu leben. Doch während sich die Aufmerksamkeit oft auf diesen Stichtag fixiert, liefert die dahinterstehende Wissenschaft – das Modell der planetaren Grenzen (Planetary Boundaries) – eine weitaus differenziertere Diagnose. Es gleicht dem Armaturenbrett eines Raumschiffs, das neun lebenserhaltende Systeme überwacht. Der Blick auf die Instrumente zeigt: Sechs dieser neun Grenzen sind bereits überschritten. Wir fliegen blind in einen Sturm.
Für Architekten, Ingenieure und Stadtplaner bedeutet dieser Befund eine radikale Neubewertung ihrer Praxis. Lange stand der Klimaschutz – die Reduktion von CO2 – als alleiniges Synonym für Nachhaltigkeit im Zentrum. Doch die Analyse der planetaren Grenzen offenbart, dass es Systeme gibt, die noch stärker gefährdet sind als das Klima und die durch unsere heutige Bauweise massiv destabilisiert werden. Wir riskieren irreversible Kipppunkte, die sich nicht allein durch Dämmung verhindern lassen.
Dieser Beitrag ist als Auftakt zu einer Serie ein Plädoyer für eine neue Tektonik der Verantwortung. Er ordnet die Handlungsfelder neu – nach ihrer nackten Dringlichkeit für das Überleben unseres Ökosystems. Wir begeben uns auf eine Reise durch die Zonen der Überschreitung: vom extremen Risiko der Biosphären-Zerstörung hin zur schleichenden Gefahr für unsere Wasserreserven (Bilder 1, 2).


1 Die Zone des extremen Risikos: Wenn das Netz des Lebens reißt
Drei planetare Grenzen liegen heute weit außerhalb des natürlichen Variabilitätsbereichs des Holozäns. Hier brennt es lichterloh. Paradoxerweise sind genau diese Themen in der klassischen Planung oft nur Randnotizen.
1.1 Das Verstummen der Biosphäre: Architektur als Habitat
Die Grenze der Integrität der Biosphäre ist am stärksten überschritten. Wir befinden uns im sechsten Massenaussterben der Erdgeschichte – und die Architektur ist ein Treiber dieses Prozesses (Bild 3). Bauen war historisch meist Verdrängung: Wo ein Haus steht, weicht die Natur. Flächenversiegelung, sterile Glasfassaden und Lichtverschmutzung zerschneiden Lebensräume.
Wir müssen Architektur grundlegend anders denken: nicht als Fremdkörper, sondern als Teil des Ökosystems. Animal-Aided Design (AAD) darf keine exotische Sonderleistung bleiben, sondern muss Standard der Leistungsphase Null werden. Bevor der erste Strich gezeichnet wird, muss die Frage stehen: Wer lebt hier schon? Welche Arten sind unsere Nachbarn und wie integrieren wir sie?
Dies erfordert einen Abschied von steriler Ästhetik. Ein Gebäude sollte wie ein Felsmassiv oder ein vertikaler Wald fungieren. Niststeine für Mauersegler müssen selbstverständlicher Teil der Fassade sein, nicht nachträglich angeklebte Fremdkörper (Bild 4). Dächer und Fassaden sollten als Trittsteinbiotope mit heimischen, trockenheitsresistenten Wildstauden bepflanzt werden, statt mit Exoten, denen heimische Insekten nichts abgewinnen können.
Ein oft unterschätzter Killer ist das Glas. Für Vögel ist Transparenz eine unsichtbare Todesfalle oder, bei Spiegelung, eine Illusion von Landschaft. Der Einsatz von hochwirksamem Vogelschutzglas mit UV-Mustern oder strukturierten Fassaden ist eine ethische Pflicht. Ebenso verhält es sich mit dem Licht: Unsere Städte stören die Orientierung von Nachtfaltern und Zugvögeln massiv. Eine insektenschonende Beleuchtung – warmweiß, strikt nach unten gerichtet – muss zur Norm werden. Dunkelheit ist eine Qualität, die wir wiederentdecken müssen.
1.2 Der überdüngte Planet: Biochemische Kreisläufe
Die zweite massiv überschrittene Grenze betrifft die Kreisläufe von Stickstoff und Phosphor. Durch industrielle Prozesse haben wir diese Zyklen so beschleunigt, dass Ökosysteme kollabieren. Überschüssige Nährstoffe führen in Gewässern zu tödlichem Algenwachstum und Todeszonen (Bild 5).
Was hat das mit Architektur zu tun? Es beginnt im Badezimmer. Unser System, Nährstoffe aus Ausscheidungen mit Trinkwasser zu vermischen, um sie anschließend mühsam zu klären, ist ein Designfehler. Sanitärkonzepte müssen neu gedacht werden (Bild 6). In Neubauquartieren sollte die Trennung von Stoffströmen Standard sein: Grauwasser wird vor Ort aufbereitet, Schwarzwasser dient der Phosphorrückgewinnung. Vakuumtoiletten könnten den Wasserverbrauch drastisch senken und das Recycling effizienter machen.
Auch die Landschaftsarchitektur muss umdenken. Der permanent gewässerte und gedüngte Rasen ist ein Auslaufmodell. Permakultur-Ansätze mit stickstoffbindenden Pflanzen wie Klee schaffen resiliente Grünflächen, die ohne künstliche Dünger auskommen. Zudem ist die Materialwahl entscheidend. Stammt das verbaute Holz aus massiv gedüngten Monokulturen, die den Boden auslaugen? Zertifikate und die Frage nach der Herkunft sind essenziell, um sicherzustellen, dass unser grünes Haus nicht anderswo ökologischen Schaden anrichtet.
1.3 Der chemische Cocktail: Einbringung neuartiger Stoffe
Die dritte Hochrisiko-Grenze betrifft Novel Entities – neuartige Stoffe wie Plastik und synthetische Chemikalien. Die Menschheit produziert sie schneller, als sie deren Risiken überwachen kann. Das Bauwesen ist hier ein Haupttäter.
Moderne Gebäude gleichen oft zukünftigen Sondermülldeponien. Wir verkleben und beschichten mit einem Cocktail aus künstlichen Substanzen. Ein Wärmedämmverbundsystem (WDVS), bei dem Dämmplatten untrennbar verklebt werden, ist im Sinne der planetaren Grenzen fatal. Es entsteht ein Verbundstoff, der am Ende nur verbrannt werden kann.
Die Handlungsanweisung lautet: Design for Disassembly. Wir müssen das Fügen wieder lernen: Schrauben, Stecken, Klemmen statt Kleben. Gebäude müssen am Ende ihrer Nutzungsdauer in sortenreine Bestandteile zerlegbar sein. Dies erfordert eine Rückkehr zu monolithischen Wandaufbauten oder hinterlüfteten Fassaden.
Gleichzeitig gilt es, die Materialgesundheit zu priorisieren (Bild 7). Warum Wohnräume in Polystyrol und PVC hüllen, wenn es Seegras, Zellulose, Hanf oder Holzfaser gibt? Konstruktiver Holzschutz muss die chemische Keule von Bioziden an der Fassade ersetzen, denn diese Gifte landen zwangsläufig im Grundwasser.
2 Die Zone des hohen Risikos: Wo die Warnlampen blinken
Verlassen wir die Zone des extremen Risikos, landen wir in Bereichen, die ebenfalls deutlich überschritten sind. Hier finden sich Themen, die oft durch Rebound-Effekte konterkariert werden.
2.1 Der Kampf um den Boden: Landnutzungsänderungen
Jeder versiegelte Quadratmeter Boden ist für die planetaren Regelsysteme verloren. Er speichert kein CO₂ und kein Wasser mehr. Dennoch fressen sich Siedlungen weiter in die Landschaft. Die grüne Wiese ist für Entwickler noch immer verlockend.
Hier ist eine neue Ethik gefragt. Wir müssen den Mut haben, vom Neubau abzuraten. Die nachhaltigste Architektur ist die, die nicht neu gebaut wird. Umbau, Aufstockung und Nachverdichtung müssen Vorrang haben. Der Bestand ist keine Hürde, sondern eine Ressource.
Gleichzeitig müssen wir über Flächensuffizienz sprechen. Lässt sich Lebensqualität auch durch kluge Grundrisse auf kleinerer Fläche realisieren? Cluster-Wohnungen und Gemeinschaftsräume bieten Ansätze, den individuellen Flächenverbrauch zu senken, ohne soziale Einsamkeit zu riskieren. Ein Moratorium für Neuversiegelung mag radikal klingen, ist aus Sicht der Erdsystemforschung aber konsequent.
2.2 Das Klima-Dilemma: Graue Energie vs. Betrieb
Beim Klimawandel lag der Fokus jahrzehntelang fast nur auf der Betriebsenergie. Wir dämmten Häuser in Plastik, um Heizkosten zu sparen, und übersahen den Elefanten im Raum: die graue Energie.
Die Herstellung von Beton und Stahl setzt enorme Mengen CO₂ frei. Ein hochgedämmter Beton-Neubau hat seinen CO₂-Rucksack oft erst nach Jahrzehnten abgetragen – Zeit, die wir nicht mehr haben. Wir müssen die Erstellungsphase viel stärker gewichten. Das bedeutet eine Renaissance massiver Naturbaustoffe. Tragwerke aus Holz, Decken aus Lehm, Wände aus Holz/Strohmodulen oder Stampflehm. Lehm reguliert Feuchtigkeit, speichert Wärme und ist endlos recycelbar. Architekten müssen wieder lernen, mit der Masse und Trägheit von Materialien zu arbeiten.
2.3 Wenn das Wasser ausgeht: Veränderung der Süßwasserkreisläufe
Die letzte große überschrittene Grenze betrifft das Süßwasser, insbesondere die Bodenfeuchtigkeit (grünes Wasser). Durch Versiegelung trocknen Böden aus, Vegetation stirbt, der kühlende Effekt der Verdunstung fehlt.
Architektur muss die Schwammstadt (Sponge City) zum Ziel haben: Kein Tropfen Regenwasser darf das Grundstück über die Kanalisation verlassen. Jedes Dach sollte als Retentionsdach Wasser speichern. Höfe dürfen nicht asphaltiert werden, sondern müssen atmen – durch Schotterrasen oder Mulden-Rigolen-Systeme. Wir müssen Wasser als sichtbares Element zurückholen. Zisternen sollten als Teiche inszeniert werden. Dies kühlt das Mikroklima und macht natürliche Zyklen wieder erlebbar (Bilder 8, 9).
3 Fazit: Vom Verbraucher zum Bewahrer
Der Blick auf die planetaren Grenzen mag entmutigend wirken, birgt aber eine enorme Chance. Wir werden nicht mehr nur als Dienstleister für Ästhetik gebraucht, sondern als Systemdenker.
Der Earth Overshoot Day mahnt, dass unser Wirtschaftsmodell physikalische Realitäten ignoriert. Bauen im Anthropozän bedeutet, diese anzuerkennen und Prioritäten radikal zu verschieben: Biosphäre vor Ästhetik, Kreislauffähigkeit vor Kostenoptimierung, Bestandserhalt vor Neubau.
Wenn wir Gebäude als Organismen begreifen, die atmen und Lebensraum bieten, verwandeln wir uns von Verbrauchern zu Bewahrern. Die hier skizzierten Ansätze sind technisch machbar und dringend notwendig. Es ist Zeit, nicht mehr gegen die Natur zu bauen, sondern mit ihr. Nur so verschieben wir den Overshoot Day – Stein für Stein (Bilder 10, 11). Wie das im Einzelnen gehen kann, wird in den folgenden fünf nbau-Ausgaben 2026 in der Serie Naturbauschuleerläutert.
Die Arbeit von Dag Schaffarczyk als Zirkulararchitekt bei der Spreeplan UG wurde Ende 2025 mit dem Deutschen Nachhaltigkeitspreis für Unternehmen ausgezeichnet.
Autor:innen
Dag Schaffarczyk, ds@spreeplan.de
Spreeplan Projekt UG
www.spreeplan.dewww.spreeplan.de

















